Mein Elbflorenz

Schön, nicht wahr? Dieses stimmungsvolle Panorama ziert den Bildschirm meines Bürocomputers. Es zeigt die deutsche Stadt, der ich mich, obwohl ich selbst nie dort gelebt habe, am stärksten verbunden fühle: Dresden. Im Jahr 2019, in dem ich viel reiste, war mir die Idee gekommen, meinen Bildschirmhintergrund jeweils mit einem Foto des nächsten Reiseziels zu aktualisieren. Motivation im Arbeitsalltag nennt man das wohl. Anfang März 2020 hatte ich Dresden auf dem Schirm, wir wollten über Ostern meine Mutter und meine Schwester besuchen.

Warum Dresden? Nun, da spielt die Geschichte meiner Familie die Hauptrolle. Mein Vater war im Sommer 1945 mit seinen Eltern und seiner Schwester von Schlesien in die zerbombte Stadt umgesiedelt worden. Er verbrachte dort seine Jugend, bevor er aus beruflichen Gründen in die Berliner Gegend zog. Das war auch gut so, sollte er doch in Berlin die Liebe seines Lebens, meine Mutter, treffen. Seine Eltern blieben in Dresden, und so kam es, dass ich schon in meiner Kindheit regelmäßig in die schöne Stadt an der Elbe fuhr, um meine Großeltern zu besuchen. Später zog auch meine Schwester der Liebe wegen nach Dresden, und als ich schon auf dem Sprung nach Italien war, taten es ihr meine Eltern gleich.

In meiner neuen Wahlheimat südlich der Alpen wurde ich ständig gefragt, besonders vor Weihnachten: „Vai a casa?“ Bald wurde es zur Routine, dass ich klarstellte: Ich fahre zu meinen Eltern, zu meiner Familie. Aber nicht nach Hause. In Dresden habe ich nie gewohnt. Diese Konstellation klingt für die traditionell geprägten Italiener seltsam. Eltern bleiben doch in der Regel dort, wo man selbst geboren wurde. Und wenn man schon von ihnen wegziehen musste, dann besucht man sie regelmäßig, in den Sommerferien und zu den Feiertagen am Jahresende. Man fährt nach Hause. Ich erinnere mich auch gut, wie meine Kollegen mitfühlten, als am 13. August 2002 die italienischen Abendnachrichten mit den Bildern des Dresdner Hauptbahnhofs eröffneten, aus dessen Eingang heraus das Wasser der Weiβeritz wie eine Sintflut in die Stadt strömte. Wie geht es deinen Eltern? Fährst du jetzt nach Hause? Als ob es in jenem Moment möglich gewesen wäre oder etwas gebracht hätte, nach Dresden zu fahren. Meinen Eltern ging es gut, außer langem Stromausfall hatten sie keine Schäden zu beklagen. Sie wohnten nur ein paar Meter von der Weißeritz entfernt in Löbtau, aber auf der ansteigenden Seite, das Wasser floss in den anderen Stadtteil.

Aber zurück ins Jahr 2020. Für Ostern hatten wir rechtzeitig den Flug gebucht, ein Hotel reserviert, Karten für die Semperoper besorgt. Als ich am Freitag, dem 6. März 2020 im Büro meine Sachen packte, um vorübergehend ins Homeoffice zu ziehen, schaltete ich den PC aus, und mit dem Bild von Dresden vor Augen lachte ich nur, als meine Kollegin mir zum Abschied „Schöne Ostern!“ wünschte. Ha, das wäre doch erst in fünf Wochen, bis dahin … Mit meiner Schwester telefonierte ich und berichtete, was wir von dem Geschehen in Italien und speziell in unserer Region, der Lombardei, persönlich mitbekamen. Auch sie scherzte und meinte: „Ach, kein Problem. Wenn ihr Ostern hier seid, müssen wir ja keinem sagen, wo ihr herkommt. Dir merkt man es ohnehin nicht an, und dein Mann muss einfach mal in der Öffentlichkeit den Mund halten und Bier trinken.“

Dass alles anders kam, und niemand zu Ostern irgendwohin fuhr, wisst ihr selbst. So blieb das Dresden-Panorama auf meinem coronabedingt stillgelegten Bürocomputer, und als ich ihn knapp anderthalb Jahre später wieder einschaltete, passte es immer noch perfekt. Als wäre die Zeit zwischendurch stehengeblieben. Im Sommer 2021 fuhren wir tatsächlich nach Dresden. Nach Elbflorenz, oder Florenz des Nordens, wie die sächsische Stadt auch genannt wird. Diesmal hatten wir sogar den direkten Vergleich, denn im Anschluss an Dresden verbrachten wir ein paar Tage im „echten“ Florenz. Und was soll ich euch sagen?

Ich weiß jetzt, warum die Städte an der Elbe und am Arno miteinander verglichen werden. Weil es in beiden gar nicht so leicht ist, in Ruhe ein gepflegtes Eis zu essen, wie man das im Sommerurlaub gerne täte. Bei rund zwanzig Grad Temperaturunterschied (Anfang August waren es um die zwanzig in Dresden, Mitte August vierzig in Florenz) hatten wir mit dem Eis essen in beiden Touristenhochburgen ein Problem: In Dresden saßen wir am Neumarkt gegenüber der Frauenkirche. Die Eisbecher waren gerade serviert, da fing es zu regnen an. Wir rückten unter dem einzigen Schirm, den wir dabeihatten, zusammen und löffelten so schnell es ging, weil mit dem Regen auch ein kalter Wind aufgekommen war. Und, als ob das schlechte Wetter nicht schon Ärger genug gewesen wäre, musste ich Beschwerde einlegen, dass man in meinem Becher offensichtlich den Kirschlikör „vergessen“ hatte. Ich bin kein Tourist, der hier einmal und nie wieder auftaucht, hätte ich dem Italiener gerne in seiner Muttersprache ins Ohr gezischt. Seine Gelateria machte dem Land mit der besten Eiscreme der Welt so jedenfalls keine Ehre. Ein paar Tage später in Florenz war es unverschämt teuer, hätte man die heiß ersehnte Erfrischung an einem der Tische mit Blick auf die Piazza della Signoria im Sitzen konsumieren wollen. Schon eine Eistüte am Stand kam annähernd so viel wie der Becher in Dresden. Und wieder mussten wir uns beeilen. Diesmal angesichts der infernalen Hitze in der Geburtsstadt Dantes, in der einem das farbenprächtige Gelato schneller wegschmolz, als man es für den Schaut-her-wo-wir-gerade-sind-und-wie-gut-es-uns-geht-Status fotografieren konnte.

Natürlich gibt es für den naheliegenden Vergleich der sächsischen Landeshauptstadt mit der Hauptstadt der Toskana weitere und ernsthaftere Gründe, die man im Stadtbild und anhand meiner Fotos sehen kann. Dresdens barocke Bauten sind unverkennbar von Italien inspiriert und von der florentinischen Architektur beeinflusst. Das Paradebeispiel ist die nach der Wende wieder aufgebaute Dresdner Frauenkirche, die wie die Kathedrale Santa Maria del Fiore von Florenz eine steinerne Kuppel hat. Es verwundert nicht, dass der unter dem Namen Canaletto berühmte italienische Maler Bernardo Bellotto einige seiner schönsten Stadtansichten (Vedute) in Dresden und Florenz schuf. Hier habe ich mal unverfroren seine Gemälde und meine Fotos gegenübergestellt:

Der Canaletto-Blick in Dresden: Die Vedute von Bellotto (1748), ein Foto an gleicher Stelle von 2005.
Florenz, Piazza della Signoria: Die Vedute von Bellotto (1735–1745), Teilansicht der Piazza im Foto vom August 2021.

Übrigens, ich war gerade noch einmal in Dresden. Mitte November und wenige Tage, bevor die Hotels schließen mussten. Der Striezelmarkt, der zum zweiten Mal nicht stattfindet, war diesmal schon fast vollständig aufgebaut. Ich hatte meiner Mutter, die mittlerweile im Altersheim lebt, im Sommer versprochen, sie zu ihrem Geburtstag zu besuchen. Im August waren wir zuversichtlich, was den bevorstehenden Herbst betraf. Wieder kam es anders. Ich konnte nicht wie geplant bei meiner Schwester übernachten, da sie gerade einen Erstkontakt festgestellt und sich als Geimpfte freiwillig in Isolation begeben hatte. Ein offizieller PCR-Test war nicht vorgesehen in ihrem Fall. Ich musste an das verpatzte Ostern 2020 denken. Nach meiner Rückkehr sagte ich in Mailand lieber nicht, wo ich gerade herkam.

Zum Weiterlesen:

Elbflorenz: https://dresden.sehenswuerdigkeiten-online.de/infos/elbflorenz.html

Bernardo Bellottos Meisterwerk „Dresden vom rechten Elbufer unterhalb der Augustusbrücke“: https://gemaeldegalerie.skd.museum/ausstellungen/canaletto/

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

28 Kommentare zu „Mein Elbflorenz

  1. Ich kenne leider nur Florenz. Dresden war unzugängliches Ausland, als ich noch in Westdeutschland lebte. Wir durften zwar die Oma und Tante besuchen – aber die lebten in Mecklenburg. Rumreisen war nicht gestattet. So ist Dresden für mich ein Wunschziel geblieben. Danke für die schönen Einblicke.

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  2. Dresden ist schon eine wunderschöne Stadt, liebe Anke. Wir sind dort auch sehr gern. Unser letzter Besuch war im September zu einer Lesung in der Buchhandlung in Loschwitz. Ein ganz idyllischer Stadtteil. Wegen des schlechten Wetters machten wir eine Flussfahrt nach Pillnitz. Das kann ich nur empfehlen. Ja, Corona hat uns wieder voll im Griff. Wir waren in Görlitz die letzten Gäste, die dort noch übernachten durften. Nach uns wurde ein Beherbergungsverbot verhängt. Es ist schon schlimm. Alles Gute und bleib gesund. LG Bettina

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    1. Da hast du wohl auch dein „Blaues Wunder“ erlebt.😉 Pillnitz kennen wir natürlich, zuletzt haben wir 2019 im Sommer so einen Schiffsausflug unternommen.
      Beherbergungsverbot ist ein schreckliches Wort. Hoffen wir, die Maßnahmen führen bald zu einer Entspannung der Lage in den Krankenhäusern, und in der Zwischenzeit wird an der Impffront aufgeholt. Bei euch in der Gegend sieht es besser aus als in Sachsen und Thüringen, nicht wahr? Bleib du auch gesund, liebe Bettina! Saluti!

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      1. Mein „Blaues Wunder“, genau das kann in Dresden jeder erleben 😉. Es gibt wirklich viele eigenartige Worte, die coronabedingt Einzug gehalten haben. AHA -Regel, Balkonklatscher, Superspreader, Zoomkonferenz, Online- und Präsenzvorlesung, wenn ich an das Studium meiner Kinder denke. Die Inzidenz in Frankfurt steigt rasant an, aber, wie du sagst, eben noch nicht so hoch, wie weiter südlich. Meine Mutter hat bereits ihre 3. Impfung, mein Mann bekommt sie morgen. Man kann nur an alle appellieren. Danke, Saluti!

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  3. Beide Städte sind wunderschön und beide möchte ich gerne einmal wieder besuchen. Wer hätte vor zwei Jahren gedacht, dass etwas so normales wie der Besuch von Dresden oder Florenz eine kleine Unmöglichkeit werden konnte. Geschmunzelt habe ich über deinen Satz, dass du aktuell in Mailand lieber nicht sagst wo du gerade gewesen bist. Das alles ist überhaupt nicht lustig, aber im Moment hat es sich umgedreht und manche Dialoge die ich mit Freunden in Italien führe, hatten wir am Anfang der Pandemie auch. Nur dass die Länder gerade die umgekehrten Zahlen wie damals vorweisen. Liebe Grüße und ich hoffe dass uns das alles nächstes Jahr nicht noch weiter begleitet.

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    1. Na klar, die Hoffnung bleibt, jetzt eben für 2022. 🤞
      Ja, es ist wirklich absurd, wie sich das Geschehen mit umgekehrtem Vorzeichen wiederholt. Was läuft da schief bei euch? Das versuchte ich im Frühjahr 2020 meinen deutschen Freunden zu erklären, und heute fragen mich meine italienischen Kollegen das Gleiche im Hinblick auf Deutschland. Obwohl es jetzt eher Erklärungen gibt für den Problemfall Germania, als damals, als es Italien zufällig zuerst in Europa erwischte. Liebe Grüße!

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  4. Liebe Anke! Was für ein wunderbarer Beitrag über zwei wunderschöne Städte. Da kann man kurz ins Träumen kommen, Du zauberst ein Lächeln auf mein Gesicht und schickst mich mit schönen Gedanken in diesen Feierabend. Dankeschön! Mille grazie! Barbara

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    1. 😊 Allora devi assolutamente andare. Dresda è un must, dal punto di vista architettonico, culturale, bellezza dei paesaggi. E informarsi prima per i posti meno turistici per mangiare e prendere un gelato. 😉

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  5. Dresden aufgehuebschte Stadt, Florenz „Dorf“ und mit dem Atem der Geschichte. Kein Wunder bei den Zerstörungen Dresdens. Aber das „Dorf“ gewinnt noch durch die Melodie der Sprache. Auch wenn es in Dresden gefallen hat – es geht nichts über’s Original..🍷☺️

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    1. Im historischen Zentrum rund um die Frauenkirche ist es gut gelungen, das alte Flair wieder aufleben zu lassen. Natürlich haben solche Nach- bzw. Neubauten nie den gleichen Charme wie erhaltene historische Häuser, aber trotzdem sind sie schöner als die vielen Platten und ostdeutschen Hilfsbauten, mit denen die Lücken nur teilweise geschlossen worden waren.
      Und, he, auch Sächsisch ist ein durchaus melodischer Dialekt. „Sing, mei Sachse, sing!“ vom Leipziger Kabarettisten Jürgen Hart war nicht umsonst die Hymne der Sachsen zu DDR-Zeiten.😉

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  6. Du hast es erkannt, die Sache mit dem Charme.Ich war zeitweise für ein Automobilmuseum tätig. Da bekamen wir Nachbauten angeboten, das Original im Detail noch übertreffendend (die frühere Fertigungstechnik war nämlich nicht so absolut genau) – aber das Feeling kann man nicht nachbauen. Ueberrestauriert ist genau so schlimm. Also Dresden schön, aber Florenz ein Traum☺️Und natürlich weiss ich auch, dass „in Sachsen die schönsten Mädchen wachsen“ – war ja auch ‚mal jung. Den Dialekt hat meine Schwägerin aus „Karl-Marx-Stadt“ leider zu schnell abgelegt..☺️☺️

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    1. Dresdner und Leipziger Dialekt unterscheiden sich für das geübte Ohr enorm (ich habe ja sechs Jahre in Leipzig gelebt), ich denke, auch die Chemnitzer, also früher Karl-Marx-Städter, sprechen nochmal etwas anders, da fehlt mir aber die Expertise. 😉

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      1. Solange ich keinen Dolmetscher brauche ist eigentlich jeder Dialekt ‚interessant“ – aber gegen Valente, Milva & Co klingen doch die GSNTM Trällerchen wie Blechbüchsen. 😃

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  7. Wunderbar war das wie du uns ein bisschen Exotik (Reisen gehört mittlerweile zu den exotischen Dingen, fürchte ich 😄) in den grauen November gebracht hast. Traumhaft sind beide Städte – nördlich oder südlich der Alpen. Charmant sind sowohl die Florentiner als auch die Dresdner, wobei ich hier fast für die Dresdner plädieren würde, da ich sie als überaus herzliche und hilfsbereite Leute kennenlernen durfte.
    Jetzt bleibt mir nur zu hoffen, dass die Situation sich verbessert und man bald wieder unbeschwert reisen und seine Lieben besuchen kann. 😊

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    1. Das ist nett von dir, dass du mal für die Sachsen eine Lanze brichst, liebe Eva! Schon immer wurden sie gern durch den Kakao gezogen, und in letzter Zeit mit gewissen leider lautstarken Elementen vollkommen zu Unrecht pauschal über einen Kamm geschert. Ich kenne dort auch viele sehr herzliche, offene, gemütliche, humorvolle und gastfreundliche Menschen. Und ja, das unbeschwerte Reisen und Besuchen unserer Lieben wird hoffentlich bald endgültig wieder normal sein können. Saluti nach Francoforte!

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  8. Was für traurige Nachrichten. Dresden ist eine wunderschöne Stadt, den Striezelmarkt hätte ich auch zu gerne gesehen. Hoffen wir, dass wir bald hoffnungsvoller in die Zukunft schauen können. Ich wünsche Dir trotzdem eine schöne Adventszeit. LG Marie

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