Ein Blick zurück nach vorn

Kein größerer Schmerz als sich erinnern glücklich heiterer Zeit im Unglück.

(Nessun maggior dolore che ricordarsi del tempo felice ne la miseria.)

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Inferno I, 1-3

Für den letzten Beitrag im italienischen Dante-Jahr 2021 möchte ich mich doch noch eines Zitats des großen Dichters bedienen. Es passt leider so schön, könnte man meinen. Auch ich ertappe mich dabei, vom Jahr 2019 zu schwärmen. Da hatte mich eine neue Unternehmungslust gepackt, ich verreiste, traf alte Freunde wieder, suchte Orte der Erinnerung auf und schuf mir neue. Freunde und Erinnerungen. Und doch: Es hilft uns nicht, wehleidig zurückzublicken. Wir sollten Kraft schöpfen aus dem Erlebten, an den Ideen und Projekten festhalten, sie fortschreiben in die Zukunft. Was bleibt uns auch anderes übrig, das sinnvoll wäre im Privaten und für die Gesellschaft? Nun liegt es mir fern, über das Schicksal der Menschheit im Allgemeinen zu philosophieren, da gibt es kompetente Leute, die in diesen letzten Tagen des Jahres Prognosen abgeben. Erlaubt mir an dieser Stelle einen privaten Ausblick. Keine Sorge, es wird kein Rundumschlag. Der Italiener würde sagen: Chi se ne frega, wen interessiert das schon. Nur eine Sache, die womöglich eine Anregung, im konkreten oder übertragenen Sinne, bereithält. Wer sagt denn, dass es so, wie wir es immer gemacht haben, am besten für alle war. Umdenken, neu denken, besser denken. Im Jahr 2022 werde ich einen runden Geburtstag haben. Ich vermeide bewusst das Wort „feiern“, denn die Vorstellung, schon so alt zu sein … Da passt ein weiteres Zitat aus der Göttlichen Komödie, welches die meisten Italiener noch zitieren können, weil sie es in der Schule auswendig lernen mussten. Was dem Deutschen der Osterspaziergang oder der Erlkönig, ist dem Italiener der erste Vers von Dantes Jahrtausendwerk:

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand ich mich in einen finstern Wald verschlagen, weil ich vom graden Weg mich abgewandt.

(Nel mezzo del cammin di nostra vita mi ritrovai per una selva oscura, ché la diritta via era smarrita.)

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Inferno V, 121-123

Die Orientierung verloren? Oder finden wir sie gerade erst? Vielleicht waren wir kopflos unterwegs in dem irren Glauben ‒ Augen zu und durch ‒ es geht immer weiter. Wenn es plötzlich finster und unübersichtlich wird, muss man einen Moment stehen bleiben. Selbst wenn das nicht freiwillig geschieht, wie durch diese Pandemie, steckt immer auch eine Chance in dunklen Zeiten: innehalten, durchatmen, sich sammeln, und dann neu durchstarten. Und schon wieder gleite ich ab ins Philosophieren. Aber wie ließe sich das vermeiden, bei solchen Versen.

Zurück zum konkreten, persönlichen Thema. Meinen Geburtstag ‒ mit Optimismus betrachtet die Mitte des Lebens ‒ möchte ich feiern. Und zwar viele Male. Und das ist auch neu gedacht. Ich werde kein großes Treffen für alle organisieren, weil das ein logistischer Riesenaufwand ist, für mich und die Gäste. Ich lebe hunderte Kilometer entfernt von der Familie in Deutschland und auch von Freunden, die es teilweise sogar in andere Länder verschlagen hat. Da kommt mir die Ausrede gerade recht, solange wir Corona nicht endgültig hinter uns gelassen haben, kein solches „Groß-Event“ zu planen, keine Absage im letzten Moment riskieren zu müssen. Die Idee, statt einer großen lieber viele kleine Feiern zu machen, gefällt mir. So kann ich mich jedem einzelnen persönlich widmen. Wir unternehmen etwas zusammen, es muss ja nicht immer das klassische Kaffeetrinken und Abendessen sein. Vielleicht ein Theaterbesuch mit einem Glas Wein danach, ein Spaziergang an der Spree, eine Bootstour auf der Elbe, ein Picknick am Kalterer See, eine Radtour um den Lago di Varese oder was auch immer es sein wird, auf das wir und meine Gäste an diesem Tag oder Abend Lust haben. Zusammensein, reden, lachen, in Erinnerungen schwelgen und über die Zukunft plaudern. Ja, die Zukunft. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird es 2022 noch nicht das Paradies, das müssen wir uns erst wirklich verdienen. Ich hoffe und wünsche, dass Corona endlich seinen Schrecken verliert und wir damit ungehen können, mit den leidigen Streitereien darum reicht es dann mal. Die Menschheit hat andere Probleme zu lösen, oder nicht? Dem Vorhof zur Hölle, in den wir uns weitgehend selbst hineinmanövrieren, dem lasst uns bitte entkommen. Wenn wir alle am gleichen Strang ziehen, sollte das möglich sein. Ein bisschen weniger „Was macht das mit uns?“, ein bisschen mehr „Wo steht das Klavier? Packen wir es an!“ Damit wir gemeinsam darauf spielen, dazu summen, singen und tanzen können, jeder, was er mag und am besten kann. Ich bleibe zuversichtlich. Ihr doch hoffentlich auch? Haltet die Ohren steif und freut euch auf die Abenteuer, die vor uns liegen.

Auguri e BUON ANNO 2022!

Und zu guter Letzt, weil es so schön passt, noch ein Bild vom Dezember in Rom, wo die Piazza di Spagna mit Lichtern und einem hoffnungsvollen Zitat ‒ von Dante, wem denn sonst ‒ geschmückt ist. Es ist der letzte Vers vom Inferno, der Schritt aus der Hölle.

Quelle: corriere.it 16. Dezember 2021

Von dort traten wir hinaus und sahen wieder die Sterne.

(E quindi uscimmo a riveder le stelle.)

Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Inferno XXXIV, 139

Titelbild: Motiv an einer Hauswand, fotografiert im Sommer 2021 in Florenz.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

33 Kommentare zu „Ein Blick zurück nach vorn

  1. Ganz genau, Anke – und lacht mal alle wieder mehr….!…füge ich noch an.
    Als ich deinen letzten Abschnitt las, musste ich unweigerlich an den Sketch von Loriot denken:
    „Ein Klavier, ein Klavier! Mutter, wir danken dir!“….und musste grinsen! 🙂
    Irgendwie fehlt die Leichtigkeit, oder?
    Sollten wir uns nicht mehr lesen, wünsche ich dir einen traumhaft guten Start ins neue, hoffentlich ein wenig leichtere Jahr!
    Ganz liebe Grüße Bea

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    1. Oh, danke Liebe Bea, den Sketch kannte ich nicht. Herrlich, dieses „Geschenk von Frau Berta Panislowski aus Massachusetts“.😂 Ja, holen wir uns die Leichtigkeit zurück!!!
      Danke, ich wünsche dir auch einen unbeschwerten, fröhlichen Start in ein gutes, gesundes neues Jahr!

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    1. Das freut mich sehr, danke für deine netten Worte. Bleiben wir optimistisch, sehr viel liegt an uns selbst. Danke dir, liebe Regine! Dir auch Gesundheit, Kraft und Enthusiasmus fürs neue Jahr, in dem es für uns zu feiern gibt. 🥂😊

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  2. Ein schön mutmachender Text 🌹 du sprichst mir aus dem Herzen.
    Die Idee mit den Geburtstagsfeiern find ich gut.
    Zu meinem 50ten gabs bei mir eine große Feier 😅
    Es war schon schön, so richtig Party 🎉
    Aber eigentlich bin ich nicht so der Großfeiertyp – also blieben die nachfolgenden wieder im kleineren Rahmen.
    Rutsch gut ins Neue Jahr 💫🌈🎉
    Liebe Grüße
    Sabine

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    1. Danke, liebe Sabine, das höre ich natürlich gern. Mut können wir alle gebrauchen, und eigentlich haben wir ihn ja schon in uns, man muss nur mal Staub wischen auf der (pandemiegeplagten) Seele.
      Ich gehe gern zu Partys und großen Familienfeiern, kein Problem. Aber für mich selbst fühlt es sich nicht so passend an, also werde ich es anders machen. Bin schon gespannt, wie es klappt, vor allem müssen wir dazu wieder reisen können. Aber im Frühjahr, spätestens im Sommer, sollte das wieder einfacher sein.
      Komm du auch gut ins neue Jahr, für das ich dir Gesundheit, Glück und Freude an deinen Vorhaben wünsche!

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    1. Danke, liebe Barbara, wie schön zu hören, dass viele Leser meine Gedanken teilen. Hab einen entspannten Jahreswechsel, fürs neue Jahr wünsche ich Gesundheit, Glück und alles, was du dir wünscht. Prosit Vienna! 🥂

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  3. Wunderbar hört sich deine Geburtstagsplanung an, liebe Anke. Dabei wird man jedem Gast gerecht und verbringt Zeit miteinander, was vermutlich das wertvollste Gut “unserer” Zeit ist.

    Und zum Rest: Immerhin lernt man sehr eindrücklich, dass nicht alle Dinge selbstverständlich sind. Man schätzt die Zeit mit seinen Liebe , das Reisen, die Kollegen im Büro zu treffen, doch gleich mehr. Und am Ende leuchten die Sterne, denn sie waren zwischenzeitlich nie weg. 😉

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    1. Das hast du wunderbar gesagt, die Sterne haben immer geleuchtet, manchmal vergessen wir das.
      Und sogar die Sonne ist immer da, auch wenn sie sich mal hinter Wolken versteckt. Umso größer die Freude, wenn sie wieder hervorkommt.
      Liebe Eva, genießt den ersten Jahreswechsel in der neuen Wohnung und mit guten Aussichten auf wenig Unwägbarkeiten und viel Sonne am Strand im August! Auguroni!🥂

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  4. „Wer sagt denn, dass es so, wie wir es immer gemacht haben, am besten für alle war“. Danke, Anke.

    „So wie es war, wird es nie wieder sein“ singen AnnenMayKantereit etwas melancholisch, aber vielleicht ist das auch gut so.
    Guten Rutsch nach Italien!

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    1. Oh ja, sehr melancholisch, habe mal reingehört … Wir tendieren zur Melancholie, auf halber Strecke des Lebens. Egal, ich erinnere mich gerne. Wichtig ist, immer noch Pläne und Lust auf Neues zu haben.
      In diesem Sinne: Alles Gute zum Neuen Jahr in Berlin!🍾

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  5. Ein schöner und nachdenkenswerter Text. „Wer sagt denn, dass es so, wie wir es immer gemacht haben, am besten für alle war.“ Damit hattest du mich. Ganz davon abgesehen, dass man es ja sowieso nicht mehr ändern kann, was in den letzten zwei Jahren (und in anderer Hinsicht in den 50 bis 100 Jahren zuvor) passiert ist.
    Aber es liegt an uns allen, etwas gutes daraus zu machen, in die Zukunft, denn die Herausforderungen werden ja nicht weniger.
    Ein gesundes neues Jahr wünsche ich dir!

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    1. Liebe Anja, danke für deine Zeilen, die mich sehr freuen. Was ist, das ist, was wird, werden wir machen. Ha, Aphorismen muss ich noch üben. 😉 Ich wünsche dir auch Gesundheit und viel Schaffenskraft für alle deine Vorhaben, Freude und Zuversicht für das, was vor uns liegt!

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  6. Die Mitte des Lebens, liebe Anke? Ist das 40, oder 50? Irgendwie klingst Du ein bisschen sehr melancholisch…keine Ahnung warum, denn an der 50 ist gar nichts auszusetzen!
    Und wir wissen ja: mit 66 Jahren, da fängt das Leben an…
    In diesem Sinne sind wir alle Küken.
    Hab einen schönen Jahreswechsel!
    LG Nicole

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    1. Liebe Nicole, danke für deine aufbauenden Worte! Die 50 war für mich immer ein rotes Tuch, aber das geht/ging sicher den meisten so. Erst danach sagt man: „Tut gar nicht weh.“
      Noch so ein Spruch ist ja: 50 sind die neuen 40. Wenn ich bedenke, dass ich zum 40. Geburtstag noch einen Säugling im Arm hatte, und mich schon deshalb gar nicht alt fühlen konnte, dann passt das ja auch irgendwie. Vor fünfzig Jahren noch war meine Oma mit 50 eine Oma. Die Zeiten ändern sich, zum Glück.
      Komm du auch gut ins neue Jahr, gesund und mit Schwung, wie es sich für uns Küken gehört! 😉🥂🎉

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