Indifferenza

Manchmal sind wenige Worte mehr. Nur so viel: Heute, am 27. Januar, ist Il Giorno della Memoria, der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Schon wieder, denke ich, wie schnell doch ein Jahr vergeht. Jedes Mal gibt es bei uns dazu neue Beiträge im Fernsehen. In den Schulen wird diesem Anlass oft eine ganze Woche gewidmet. Die Kinder und Jugendlichen sehen Filme und Dokumentationen, lesen literarische Texte und Zeitzeugen-Dokumente. Ihrem Alter entsprechend.

Schon wieder. Jedes verdammte Jahr dieses Thema. Und das ist gut so. Denn die Indifferenza, die Gleichgültigkeit, die ist nur allzu gegenwärtig. Erst am vergangenen Sonntag wurde in Venturina, Campiglia Marittima (Toskana) ein zwölfjähriger Junge von zwei Mädchen, wenig älter als er selbst, geschlagen, bespuckt und beschimpft, dafür, dass er Jude ist. Unter den Blicken anderer Jugendlicher, die ihm nicht halfen (Quelle: Corriere della Sera Fiorentino). Die Gleichgültigkeit wird wachsen, wenn die Menschen sich nicht mehr erinnern. Deshalb gibt es diesen Tag, an dem wir uns mit unseren Kindern unterhalten, gemeinsam etwas aus dem Medienangebot schauen und ihre Fragen beantworten. Soweit wir das können. Oft fehlen die Worte.

Das Titelbild (credits Paseotteo auf Shutterstock) zeigt eine Wand in der Holocaust-Gedenkstätte unter dem Mailänder Hauptbahnhof. Vom Binario 21 (Gleis 21) gingen zwischen Ende 1943 und Anfang 1945 zwanzig Züge mit Juden und anderen Verfolgten u.a. nach Auschwitz ab, nachdem sie hier unten in die Frachtgut- und Viehwaggons gepfercht worden waren. Von allen Deportationsstätten in Europa ist der Mailänder heute der einzige Ort, der noch erhalten ist. Mehr über die Gedenkstätte erfahrt ihr hier: The Shoah Memorial of Milan.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

15 Kommentare zu „Indifferenza

    1. Da fallen mir die Worte der Holocaust-Überlebenden Esther Bejarano ein. „Ich sage immer: Ihr seid nicht schuld an dieser schrecklichen Zeit, aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts über die Geschichte wissen wollt.“

      Gefällt 1 Person

    1. Habe ich auch. Im Original in der ZDF-Mediathek und sagte meinem Mann, wenn er dann in Italien rauskommt, soll er ihn auch sehen. Am gleichen Abend (Samstag war es) lief er schon im italienischen Fernsehen. Werde diese Fassung nochmal mit ihm gemeinsam schauen, mal sehen, wie das grauenvolle Beamtendeutsch in der Übersetzung rüberkommt. 😒

      Gefällt mir

    1. Der ehemalige Auschwitz-Häftling Primo Levi: „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen: Darin liegt der Kern dessen, was wir zu sagen haben. Es kann geschehen, überall. Weder kann ich noch will ich behaupten, dass es geschehen wird.“
      Das ist die Hoffnung, dass es nicht mehr so weit kommt.

      Gefällt mir

  1. Mir war der Tag gar nicht so bewusst. Aber mein Sohn kam aus der ersten Klasse der Grundschule nach einem Trickfilm über Kinder im KZ mit einem völlig konfusen Bild vom Genozid zurück und wollte unbedingt ein KZ besichtigen, was er hoffentlich bis zum Sommer bei Oma in Dtl. wieder vergessen haben wird. Man sollte das „Erinnern“ auch überlegt angehen und vielleicht nicht gerade mit KZs im Grundschulalter beginnen.

    Zudem finde ich, dass man in diesen Tag noch andere Genozide mit einschließen sollte, über die wir wenig bis gar nicht sprechen, damit auch wirklich jeder sieht, dass solche Verbrechen überall begangen werden können. Da wären allein im 20. Jahrhunder neben dem Genozid an Juden, der Genozid an den Armeniern in der Türkei, an den Kulaken in Russland/ SU Gebiet, an den Kambodschanern von Seiten der roten Khmer, an den Hutu in Ruanda, an den Muslimen in Bosnien,..

    Erinnern wir uns auch vielleicht auch an die Ureinwohner Amerikans, die massakriert wurden und bis heute in Reservaten leben.

    Also, ja, definitiv erinnern und mahnen, aber mit Verstand.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Corinna, ich halte die Erinnerung gerade an den Holocaust für dringend wichtig. Wenn ich sehe, dass heutzutage Impfgegner in Deutschland sich einen Judenstern anheften und als Opfer darstellen, dann kommt mir das Grauen.
      Zu deinen Gedanken: Ganz klar, Antisemitismus ist nur eine Form des Rassismus, und der Holocaust war einer der unfassbaren Fälle von vielen Verbrechen an der Menschlichkeit. Der Holocaust ist für uns Europäer konkrete Geschichte, die die Menschen berührt, da es ihre eigenen Vorfahren vor zwei Generationen betraf, als Opfer, Täter oder Gleichgültige. Die Information über das, was geschehen ist, und wie es dazu kommen konnte, trägt dazu bei, andere Völkermorde, Massengräueltaten und Menschenrechtsverletzungen besser zu verstehen und einzuordnen, auch wenn man bei denen, weil zu anderen Zeiten am anderen Ende der Welt geschehen, nicht sofort so eine persönliche Betroffenheit herstellen kann. Und am Ende geht es doch darum, sich mit dem schrecklichen Phänomen an sich auseinanderzusetzen, um jeglichen rassistischen Tendenzen in der Gegenwart entgegentreten zu können.
      Natürlich muss das Erklären mit dem Alter entsprechenden Mitteln erfolgen, da ist bei deinem Sohn vielleicht nicht so klug ausgewählt worden.
      Ich war sehr überrascht, diese Tage bei einer Umfrage im Freundeskreis in Deutschland, darunter Eltern und Lehrer, zu erfahren, dass der Gedenktag am 27. Januar dort kein Thema „gemäß Plan“ ist und viele kaum wissen, dass es diesen Tag gibt. Das finde ich sehr, sehr bedauerlich, und der Kreis zum eingangs genannten Argument schließt sich hier.
      Liebe Grüße Anke

      Gefällt 1 Person

      1. Ich wusste, wie schon geschrieben, von diesem Tag auch nichts. Aber ich denke, dass die Nazizeit mit allen Informationen in der Schule immer noch Thema ist. Zu meiner Zeit kam das in der Oberstufe und auch in der Abiturzeit. Der Ausflug in ein KZ war bei uns Pflichtprogramm. Ich denke, verantwortliche Lehrer werden es immer noch so handhaben.

        Pflichttage haben ihr Vor- und Nachteile.

        … und zu den sterntragenden Impfgegnern. Der Vergleich hinkt sicher, wenn man an die späten Jahre denkt, aber angefangen hat es schon mit dem Ausschluss der Juden aus der Gesellschaft, bevor man dazu übergegangen ist, alle töten zu wollen. Ich bin komnplett geimpft und würde mich auch ungeimpft nicht mit den Juden vergleichen, aber ich kann es vestehen, dass manche diesen Vergleich heranziehen. Klar das es provoziert, aber wehret den Anfängen.

        Gefällt mir

      2. Vorsicht vor einem vollkommen unangemessenen Vergleich. Die Corona-Maßnahmen sind keine gegen Menschen oder eine Gruppe von Menschen, deren Rasse, Religion oder sexuelle Orientierung dem Staat nicht passt. Es sind Maßnahmen, die genau diese Personen vor sich selbst bzw. dem von ihnen bewusst eingegangen Risiko einer schweren Covid-19 Erkrankung schützen sollen, damit es nicht zu Engpässen in Gesundheitssystem kommt und sie dann nicht ausreichend oder schnell genug behandelt werden können. Diese Maßnahmen wären nicht nötig, wenn Impfgegner nicht nur auf ihre persönliche Freiheit pochen, sondern auch an die Freiheit aller anderen denken würden. Die nämlich wegen ihnen immer noch Einschränkungen wie Quarantänen usw. in Kauf nehmen müssen. Was wäre die Alternative? Der Staat hält sich raus, das Virus erreicht alle gleichzeitig, und die Ungeimpften sollen sehen, wo sie bleiben, wenn kein Bett im KH mehr frei ist? Dann würden sie aber vor Gericht ziehen! Dann, wenn sie Hilfe brauchen und auf das staatliche Gesundheitssystem setzen, werden sie von persönlicher Freiheit nichts mehr wissen wollen. Denn die hieße ja in der Konsequenz, auf staatliche Hilfe im Krankenhaus zu verzichten, nachdem sie das kostenlose Impfangebot zur Prävention großzügig abgelehnt hatten.
        Wehret den Anfängen, dass rechtsradikale und andere demokratiefeindliche Kräfte diesen Impfstreit für sich nutzen, und einen „Umsturz“, die Abschaffung der Demokratie fordern, indem sie eine auf freie Wahlen gegründete Regierung „Diktatur“ nennen, eine Staatsform, die ihnen mit ihren Vorzeichen wahrscheinlich gefallen würde.

        Gefällt 1 Person

    1. Richtig, wissen und verstehen, was passiert ist und warum, damit solche Gräueltaten nie wieder vor einer Wand von Gleichgültigkeit geplant und ausgeführt werden können. Wenn heute abstruse Vergleiche angestellt werden, ist etwas im Argen. Danke fürs Lesen, und liebe Grüße zurück!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: