Signora Langsams Gespür für Eis

Chi va piano, va lontano“, heißt es in Italien. In Deutschland würde man vermutlich sagen „In der Ruhe liegt die Kraft“. Die wörtliche Übersetzung der italienischen Redewendung wäre hingegen „Wer langsam geht, kommt weit“, und „va lontano“ könnte für sich genommen auch mit „der geht weit fort“ übersetzt werden. Und genau das tut Signora Lenta (Langsam), wie wir sie augenzwinkernd nennen. Sie wird weggehen, ziemlich weit weg sogar, in die Marken. Viel zu weit, als dass wir noch mal kurz auf einen Sprung zu ihr gelangen könnten, um ein Gelato zu essen. Signora Lenta ‒ ihren wirklichen Namen kenne ich natürlich ‒ ist, oder nun muss ich bald sagen, war, die Gelataia della nostra fiducia. Die Eisverkäuferin unseres Vertrauens. Ach, was sag ich, die Eisverkäuferin unserer Herzen (und vieler Bewohner unseres kleinen Nachbarortes, da bin ich mir sicher). Von einer Mitschülerin erfuhr unsere Tochter, dass Signora Lenta uns verlassen wird. Sie wird die kleine Bar, Cafeteria und Gelateria schließen, sobald ihre neue Eisdiele am Meer bezugsfertig ist. Eisverkäuferin ist dabei keine passende Bezeichnung für sie. Könnte man Eismacherin sagen? Klingt nicht schön. Eisbäckerin? Passt auch nicht. Eiszauberin! Ja, eine Zauberin. Bei Signora Lenta gibt es nichts Angerührtes aus Zutatenmischungen, keine Standardrezepte. Signora Lenta zaubert fantastische Rezepturen mit natürlichen Zutaten und reifen Früchten der Saison. Ich erinnere mich an erfrischende Gaumenfreuden wie Heu oder Basilikum im Sommer, im Herbst an die alte, vor allem in Süditalien beheimatete Apfelsorte Mela Annurca, an Feige mit Ricotta. Eissorten kreieren ist ihre Leidenschaft, zu tun hatte sie aber so viel mehr. Signora Lenta betrieb eine One-Woman-Show, sie wuppte den Laden allein. Früh öffnete sie für Caffè und Brioche, in der Mittagspause mischte sie das Eis an, das am Nachmittag am häufigsten über die Theke ging, abends konnte man bei ihr einen Aperitivo trinken. Nur einmal in der Woche, am Mittwoch, gönnte sie sich einen Ruhetag. Wie sie das alles schaffte? Nun, in der Ruhe liegt die Kraft. Nicht im Stress, den ich verbreiten würde, hätte ich so viel zu tun. Sie erledigte eins nach dem anderen. Sie bediente einen Kunden nach dem anderen und nahm sich Zeit für ein Schwätzchen, wenn man das wünschte. Vor allem erklärte sie gern und mit Stolz ihre Eissorten. „Sie müssen unbedingt das Pfirsicheis mit Pesche di Monate (Pfirsiche vom Lago di Monate) probieren, die hat mir mein Obsthändler heute früh gebracht.“ Ihre seelenruhige Art war nichts für Laufkundschaft auf der Suche nach dem schnellen Genuss nebenbei. Im Sommer bildete sich oft eine Schlange vor der kleinen Bar. In Touristenorten am See oder am Meer ist das normal, aber nicht in einem Vareser Provinzkaff. Obwohl die Bar nah an der Straße liegt, mit einem asphaltierten Parkplatz davor, gab es in der warmen Jahreszeit eine kleine, feine Sitzecke mit Gartenmöbeln und Pflanzen. Sogar eine Hollywoodschaukel hatte Platz. Auf der saßen die Kinder besonders gern. Ich machte es mir ihnen gegenüber auf der Bank bequem, sah sie schaukeln und schlemmen, und das Warten hatte sich gelohnt. Wenn wir zu Signora Lenta gingen, planten wir die Zeit einfach ein. Es kam auch vor, dass wir nachmittags um halb vier vor einem verschlossenen Tor standen. Wer einen Laden allein am Laufen hält, der kann sich auch mal verspäten. Als Notlösung gab es dann die zweite Eisdiele im Ort. Dort bedienten immer zwei oder drei junge Frauen gleichzeitig, es ging ratzfatz. Kennen gelernt haben wir keine von ihnen. Wer das Eis dort anrührt? Wer weiß, man bekommt sie oder ihn vermutlich selten zu Gesicht. Signora Lenta kannte ihre Kunden, stellte immer die passenden Fragen. Uns nach der Musikschule der Kleinen und dem Turnwettkampf der Großen. Im November 2019 schenkte sie mir lächelnd die Beilage vom Corriere della Sera zum 30. Jahrestag des Mauerfalls, sie hatte die Seiten extra für mich zurückgelegt. Gegen Ende des harten Lockdowns im Frühjahr 2020, als Haustürlieferungen für Gastronomen gestattet waren, brachte Signora Lenta ihren Kunden das Eis nach Hause. Höchstpersönlich. Sie hat auch diese Zeit durchgestanden, wir waren damals besorgt. 

Was oder wer wohl in die kleine Bar im Nachbarort einziehen wird? Es dürfte schwer sein, eine ebenbürtige Nachfolge zu finden. Signora Lenta und ihr fantastisches Eis sind nun bald Erinnerung und für unsere Töchter für immer mit ihrer Kindheit verbunden. Sollten sie irgendwann im Ausland leben, wird man sie garantiert auf einen Vergleich der dortigen Eisspezialitäten mit italienischem Gelato ansprechen. Dann werden sie nicht nur von den überquellenden, farbenprächtigen Eistheken in Mailand und Florenz, sondern auch von der kleinen Gelateria in unserem Nachbarort erzählen.

Wir wünschen unserer Gelataia, der Eiszauberin, in ihrem neuen Reich alles Gute und beneiden ihre Kundschaft schon jetzt. Im Urlaub am Meer sollte es auch niemand eilig haben.

Titelbild: Credits Dina Uretski bei Shutterstock

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

20 Kommentare zu „Signora Langsams Gespür für Eis

  1. Unsere Kinder essen gern das Eis aus unserer polnischen Nachbarstadt. Auch an Berchtesgaden und seine italienische Eisdiele erinnere ich mich gern. Aber vergleichbar mit dem was du beschreibst, ist das natürlich alles nicht. Bei meinem Mann ist Eis übrigens eines seiner Grundnahrungsmittel 🤭 Ich hingegen bin kein großer Eisfan.
    Vielleicht habt ihr Glück und es kommt wieder etwas Schönes in den bald leerstehenden Laden. Ich drück die Daumen 🍦
    LG Bettina

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    1. Wenn du Polen sagst … das Eis dort muss zu DDR-Zeiten recht attraktiv für uns gewesen sein. Ich erinnere mich als Teenager mal fünf (!) Portionen an einem Tag verdrückt zu haben. Eis am Stiel, Wassereis, Kugeleis, Softeis und weiß nicht was noch, jedes Mal eine andere Versuchung. Das war bei einer Reise mit dem Tanzensemble, scheinbar hatten wir an jenem Tag keinen Auftritt, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass mir nicht doch am Ende schlecht geworden war. Als Grundnahrungsmittel eignet es sich doch eher nicht, oder?
      Danke fürs Daumendrücken, mal sehen, was kommt.😀

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      1. Was das Süße betrifft, sind die Polen heute noch attraktiv. Eis, Kuchen und gleich hinter der Brücke ein sehr schönes Schokoladencafè.
        Also mir wäre garantiert schlecht geworden bei dem, was du damals konsumiert hattest. Nicht als Grundnahrungsmittel geeignet, meinst du? – Also bei meinem Mann habe ich schon manchmal den Eindruck 😄

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      2. Es ist immer nett, nahe der Grenze zu wohnen. Wenn man hinüber darf. Und wenn es nicht so schweineteuer ist, wie bei uns im Falle der Schweiz. Liebe Grüße an dich und den EisMann 😉

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  2. zu der Redewendung „In der Ruhe liegt die Kraft“ fallen mir sofort diese Sätze ein, ich weiß leider nicht mehr woher sie stammen:
    „Geht das auch schneller?“ „Natürlich, aber dann dauert es länger.“
    🙂

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  3. Oh wow….das klingt nach einer echten Zauberin! Verstehe ich gut, dass ihr ihr vorab nachtrauert.
    Es gibt einfach so ein paar Läden, mit den passenden Menschen, die man nie verlieren will und immer vermissen wird.
    Aber: ein guter Grund für mehr Ausflüge ans Meer? Certo Cara, hihi

    Tschüssi

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  4. Wer würde diese Dame nicht vermissen? Selbst ich, die ich sie nicht einmal kenne, vermisse sie jetzt schon, dank deiner Beschreibung. 🤩

    Ohne sie wäre es eben nur irgendeine Eisdiele. Sie hat dem Laden seine Seele eingehaucht. Ich hoffe, sie wird dort glücklich, wo sie hinzieht.
    P.S. Eigentlich müsstest du ihr den Text übersetzen, so eine wunderbare Hommage hast du geschrieben. 😃🎉

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    1. Danke, liebe Eva. Das wünschen wir ihr auch, sie wird dann nur noch Eis und nur im Frühjahr/Sommer servieren. Da sie nicht mehr ganz so jung ist, geht es ihr mit so einer Lösung bestimmt besser. Und dazu am Meer. 😍

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  5. Man merkt in deinen Worten, wie sehr du Italien und deren Kultur liebst. Du hast den italienischen Zauber in der deutschen Sprache übernommen. Denn es stimmt…der Barrista aber auch Eisverkäufer und Brotverkäufer in unserem Viertel in Salerno…machte nicht nur sein Geschäft gut…nein er war alles für uns, Psychologe, Vertrauter, Vermittler und Freund. Deine Eiszauberin muss nach deinen Erzählungen nach, das Gleiche sein. Danke dir für diesen schönen Beitrag.

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  6. Schade eigentlich und gut, das ihr die gemeinsame Zeit ihr hattet. Dann hoffe ich , dass da was vernünftiges einzieht. Hier bei uns Kiez eröffnen nur noch „Choaching Laden“ ODER „Kreativ-Zentren“ ODER „Spätis“

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