Im Schilderwald

Der Italiener und Verbote

Es war bei einer Betriebsweihnachtsfeier, da hatte ich die Aufgabe zugeteilt bekommen, meine überwiegend italienischen Kollegen mit einer heiteren Sicht der Deutschen auf die Italiener zu unterhalten. Ich gab unter anderem eine Anekdote zum Besten, in der die Frage gestellt wurde, wie man wohl auf einem gekenterten Schiff mit internationalen Passagieren die Italiener am schnellsten dazu bringt, in die bereitgestellten Rettungsbote zu springen. Die richtige Antwort war, man müsse ihnen sagen, das sei verboten. Ich weiß nicht mehr, wie dieser Part ankam, es waren zu viele in Witze gekleidete Vorurteile, die ich aufführte. Zweifelsfrei sind Beispiele dieser Art immer überzogen, aber wie man weiß, steckt meist ein Quäntchen Wahrheit darin. Gar nicht selten höre ich, dass sich die Italiener selbst auf die Schippe nehmen, weil Verbotsschilder für sie lediglich Empfehlungen seien. Nehmen wir nur mal den Straßenverkehr. Leider werden da viel zu oft tatsächlich Regeln missachtet, und auf der Straße hört der Spaß schnell auf. Manchmal handelt es sich aber einfach nur um Rebellion gegen eine unsinnige Beschilderung.

Photo by Pixabay on Pexels.com

Es gab ein Stoppschild bei uns um die Ecke, da hielt keiner an. Ich auch nicht. (So, jetzt ist es raus. Ich darf doch auf eure Diskretion vertrauen?!) Und zwar nicht, weil wir alle Verkehrsrowdys sind. Sondern weil dieses Schild an einer Stelle stand, wo ein Vorfahrt Beachten die richtige Regel wäre. Solche Konstellationen gibt es sogar recht oft. Man hat schon von Weitem gute Einsicht und trotzdem ein „Halt!“ vor der Nase. Als Ortskundiger nähert man sich langsam, sieht längst, dass keiner kommt, und fährt weiter. In unserem Fall ist die unangemessene Regelung den Verkehrsschildentscheidern wohl zu Ohren gekommen. Vor ein paar Wochen wurde dort das Stoppschild mit dem Vorfahrtsschild ersetzt.

Einen Beweis für die These, ein (einziges) Verbotsschild macht in Italien noch keine Regel, liefert das Titelfoto zu diesem Beitrag. Im Sommer waren wir in den Bergen am Campo dei Fiori bei Varese wandern. Dort oben gibt es ein verlassenes Hotel aus guter alter Zeit, ein beeindruckendes Beispiel für den italienischen Jugendstil: das Grand Hotel Campo dei Fiori. An der ehemaligen Lieferzufahrt sieht es mittlerweile aus wie auf dem Bild zu sehen.

Eins ist bei dieser eindrucksvollen Schildergalerie sicher: Die Ausrede „Hab ich übersehen“ wird hier niemandem durchgehen. Eines der zehn oder mehr Schilder (es passten gar nicht alle aufs Foto) wird jeder forsche Wanderer erkennen und verstehen. Wenn „Vietato l’ingresso“ (Betreten verboten) nicht klar sein sollte, ist es vielleicht „Vietato l’accesso. Proprietà privata.“ (Kein Zugang. Privatbesitz.).

Noch ein interessanter Fakt zum Grand Hotel Campo dei Fiori, dessen Geschichte ihr hier nachlesen könnt: Im Jahr 2016 war Hollywood zu Gast in Varese. Im „The sleeping Giant“ genannten mystischen Gebäude wurden Szenen des Horrorfilms Suspiria mit Tilda Swinton und Dakota Johnson unter der Regie von Luca Guadagnino gedreht. Meine deutsche Freundin durfte in einer Szene Komparsin spielen. Obwohl ich vor vielen Jahren in Berlin das Vergnügen hatte und jederzeit gern wieder bei einer Filmproduktion im Hintergrund herumstehen, sitzen oder laufen würde, beneidete ich sie in diesem Fall nicht. Die Dreharbeiten fanden im Winter, abends bis spät in die Nacht statt, wie es sich für einen ordentlichen Horrorfilm gehört. Mit dem Auto rauf auf den Berg und wieder runter, nachts bei Glätte, nein danke. Und mein Genre ist Horror nun absolut nicht, ich hätte mir die Szenen nur mit größtem Unbehagen anschauen können, wenn überhaupt. Mir reicht der Trailer voll und ganz, in dem man das Hotelgebäude, das im Film eine Tanzschule in Westberlin ist, gut erkennt.

Außenansicht des Hotels

Nun weiß ich nicht, wie es den Italienern geht. Mir persönlich hätte an der Lieferzufahrt zum verlassenen Hotel auch ein einziges „Zutritt verboten“ gereicht, ach was sag ich, es hätte gar keines Verbotes bedurft. Auf das Gelände dieser schaurigen Filmszenen kriegen mich keine zehn Pferde.

Im folgenden kurzen Video dürft ihr aber doch ein paar neugierige Blicke ins Innere des Hotels werfen, ganz legal und ohne Missachtung von Verbotsschildern. Kommt mit, hier entlang: Grand Hotel Campo dei Fiori in Bildern.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

23 Kommentare zu „Im Schilderwald

  1. Je älter man wird, desto eher wagt man Übertretungen. Erst recht, wenn sie folgenlos bleiben und man sich selbst die Sinnhaftigkeit so mancher Regel plausibel widerlegen kann 🤫
    Als Kind war ich ganz anders!
    Meine Schwester kann ein Lied davon singen 🤭

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  2. Vielleicht wird durch die Anzahl der Schilder ausgedrückt, dass es diesmal wirklich, aber wirklich wirklich, verboten ist. Ähnlich wie man seinem Partner diverse Male wiederholt, dass er bitte, bitte nicht den Termin am Donnerstagabend vergisst. Und das macht man so jeden Abend bis zum Donnerstag, wo er genervt abwinkt und sagt: “Ja, ich weiß. Donnerstagabend ist Elternabend.” 😄
    P.S.: Stoppschilder sind im eigenen Viertel doch nur eine Empfehlung, oder? 🧐 Es dient nur zum Schutz der nicht Ortskundigen oder habe ich in der Fahrschule nicht richtig aufgepasst?

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    1. Na hoffentlich hat der Papa auch verstanden, dass er (mit-)gehen muss. 😉
      Wo hast du denn Fahrschule gemacht? Also in meinem Fall drehten wir ja nur Runden im eigenen Viertel, also hätte ich nie anhalten müssen, nach dieser Theorie. 😂

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  3. Wir finden, dass es schon in Deutschland Unmengen von Schildern gibt. Wir leben England, zuvor wohnten wir jahrelang in Kanada und Skandinavien, aber so viele Schilder wie in Deutschland sahen wir noch nie. Hätten wir nicht ein Auto, dass die Schilder einliest und befolgt, wir würden völlig verrückt in Deutschland Auto zu fahren.
    Mit herzlichen Grüßen vom sonnigen Meer
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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    1. Hallo Klausbernd, in Deutschland, so glaube ich zu erinnern, haben all die Schilder einen Sinn und stehen an der richtigen Stelle?! Ich bin dort allerdings noch nie selbst Auto gefahren. Hier in Italien gibt es leider so viele fehlplatzierte oder vergessene Schilder, zum Beispiel Geschwindigkeitsbegrenzung 10 km/h, weil dort mal eine Baustelle war. Das Ergebnis: Keiner beachtet sie. Sonnige Grüße zurück an euch!

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    1. Huch, da haben wir uns wohl gerade mit unseren Kommentaren überkreuzt. 😀 Also ich hätte bei verlassenen Häusern auch Angst, dass irgendwas über mir einstürzt oder die Treppe unter den Füßen wegbröckelt. 🙈
      Danke fürs Lesen und dir auch ein schönes WE!

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