We follow

Wusstet ihr, dass man die Internationale Raumstation ISS alle anderthalb Stunden ein Stück bei ihrer Erdumrundung begleiten kann? Mit den Augen zumindest. Seit etwa einem Monat zieht es uns am Abend, wenn es sich nicht wirklich abgekühlt hat aber einigermaßen aushalten lässt, raus auf den Balkon. Dann gucken wir in die Sterne. Nicht einfach so auf gut Glück, sondern genau dann, wenn unsere Heldin vorbeigeflogen kommt. Nein, dieses hell leuchtende Etwas ist kein Flugzeug und kein außerirdisches, mysteriöses Flugobjekt. Es ist tatsächlich die ISS, ein etwa fußballfeldgroßes Konstrukt, das in der Höhe von knapp 400 Kilometern die Erde umkreist. Sie taucht, wenn es so weit ist, auf der einen Seite überm Balkon auf, um etwa zehn Minuten später am anderen Ende unseres Himmelshorizonts zu verschwinden. Es gibt fürs Satelliten-Tracking mehrere Applikationen. Schaut mal selbst, ich will hier keine Werbung machen. Mit einer App seid ihr sicher, wann der richtige Moment und wie die exakte Richtung zum Gucken ist. Natürlich spielt bei unserem Weltraum-Enthusiasmus eine Rolle, dass die Italienerin Samantha Cristoforetti mit an Bord ist. Wenn es hier unten im Allgemeinen und in Italien im Besonderen gerade wenig zum Feiern gibt und der gesellschaftliche Karren gegen den Baum zu steuern scheint, tut es gut, sich daran zu erinnern, dass es auch anders geht. (Ging, muss man wohl in Anbetracht der gestern veröffentlichten Informationen einschränken, siehe unten letzter Absatz.) Die aktuelle Besatzung der Raumstation mit zwei Amerikanern, einer Amerikanerin, drei Russen und der Italienerin macht es jedenfalls noch vor: Wo Wissenschaft vor Politik geht und Zusammenarbeit vor Einzelinteressen oder gar Machtansprüchen, kann gemeinsam für eine lebenswerte Zukunft geforscht werden. Ein inspirierender Gedanke. Ihre Mission vermittelt die zweifache Mutter Samantha Cristoforetti auch in den Sozialen Medien. AstroSamantha, wie sie sich dort nennt, berichtet bei TikTok (über 500.000 Fans) und Twitter (über 900.000 Follower) aus ihrem Alltag im Weltall und von der wissenschaftlichen Arbeit auf der Raumstation. Weder mein Mann noch ich sind auf diesen Kanälen unterwegs, trotzdem sind auch wir treue Follower. Wir folgen Samantha mit dem Kopf im Nacken und dem Zeigefinger in den Himmel gestreckt.

Noch nie fühlten wir uns unserer Astronautin bei dem abendlichen Blick in die Sterne so nah wie am vergangenen Donnerstag. Als erste europäische Frau erledigte sie am 21. Juli 2022 in Begleitung ihres russischen Kollegen Oleg Artemjew einen Außeneinsatz an der ISS. Während wir diesen sogenannten Weltraumspaziergang (Von wegen, nach einem Spaziergang sah die Arbeit nicht gerade aus!) im Livestream der NASA verfolgten, kamen uns Szenen aus dem Weltraum-Thriller „Gravity“ in Erinnerung. Doch die Bilder auf unserem TV-Bildschirm waren echt. Dieser Gedanke verursachte spätestens am Abend Gänsehaut, als wir parallel zum andauernden Livestream im TV die Station am Himmel vorbeifliegen sahen. Da oben turnten sie also herum. Lacht nicht, aber ich stand auf dem Balkon und winkte. Ich fürchte, Samantha hatte gerade keine Hand frei, um meinen Gruß zu erwidern. Fast sieben Stunden dauerte das Herumbasteln an ihrem Weltraumschiff. Mein Mann kommentierte in aufgeweckter italienischer Manier:

„E la pausa caffè?“ (Was ist mit einer Kaffeepause?)

Ansonsten tänzelte er den ganzen Nachmittag über immer mal wieder mit seinen Homeoffice-Kopfhörern mit Mikrofon durch unser Wohnzimmer und simulierte technische Anweisungen an Samantha. Nicht ohne sympathische Verweise auf seine Ehefrau, die in einfachsten praktischen Dingen auf Erden ihre Schwierigkeiten hat.

„Ti passo mia moglie, che ne sa di più di me.” (Ich gebe dir mal meine Frau, die kennt sich da besser aus.)

Ihr seht, als Follower muss man nicht immer nur ins Smartphone schauen. Guckt doch auch mal wieder in den Himmel! Und wenn es nicht die ISS ist, die euch interessiert, dann gibt es in den kommenden Nächten auf jeden Fall wieder viele Sternschnuppen zu bewundern, mit Höhepunkt in der Nacht vom 12. auf den 13. August. Wo man sie im Berliner Raum am besten sieht, erklärt die Berliner Morgenpost.

Zum Weiterlesen und Ansehen:

Beim ZDF gibt es einen Artikel über den ISS-Außeneinsatz der Italienerin und ein kurzes 3sat-Video zur Geschichte der ISS aus dem Jahr 2020, in dem das 20-jährige Bestehen des großartigen Gemeinschaftsprojektes für Wissenschaft, politische Annäherung und Inspiration gefeiert wurde. Und jetzt? Russland kündigt den Ausstieg aus der ISS an, berichtete gestern u.a. der Spiegel.

Titelbild: Samantha Cristoforetti beim Außeneinsatz an der ISS am 21. Juli 2022. Livestream der NASA auf unserem Fernsehbildschirm.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

30 Kommentare zu „We follow

  1. Es ist doch wirklich tragisch, was in der Welt passiert! Ein über Jahre latenter Russenhass bricht sich Bahn und auf jede Aktion folgt eine Reaktion zum Nachteil aller Menschen. Mehr möchte ich zur politischen Lage nicht sagen. Da guckt man gern in die Sterne. Es ist schon erhebend, so klein als Mensch unter dem riesigen Himmelzelt zu stehen und obwohl eine Raumstation ISS im All kreist, sich bewusst zu sein, dass man niemals alles wissen wird. Geheimnisse bleiben, Dinge jenseits unserer Vorstellungskraft. Im gewissen Sinne auch die Ohnmacht des winzigen Menschen.
    LG Bettina

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    1. Ich glaube nicht, dass es einen über Jahre latenten Russenhass gibt, ich glaube noch nicht einmal, dass es jetzt einen richtigen Russenhass gibt, außer in der untersten Schublade. Im Moment gibt es Hass gegen alles Mögliche und vor allem gegen den gesunden Menschenverstand.

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    2. Liebe Bettina, dein Empfinden von Russenhass wird in gewissen Aspekten nicht unbegründet sein. Doch als Freund der Russen, bzw. der Sowjets, damals, verurteile auch ich heute nicht die Russen, sondern die Politik dieses Staatschefs und seine Anhänger, das Großmachtstreben, das nicht mal davor zurückschreckt, die Souveränität eines Nachbarlandes und das Völkerrecht mit den Füβen zu treten. Natürlich tut es weh zu sehen, wie die Erfolge jahrelanger Entspannungspolitik und friedlichen Handels den Bach runter gehen, aber mit dem Teufel kann man nicht weiter Karten spielen, fürchte ich. Russland katapultiert sich unter dieser Führung selbst ins Abseits.
      Der Blick in den Himmel macht ehrfürchtig, ja, und die Menschen stoßen an ihre Grenzen, die sie aber, wenn sie gemeinsame Sache machen und sich nicht hier unten ständig den Krieg erklären, immer weiter verschieben können. Dieser Idee sein berufliches Leben zu widmen, wie es Samantha Cristoforetti tut, dafür hat sie meine absolute Hochachtung. Deshalb sind wir ihre Follower, deshalb dieser Beitrag.
      Liebe Grüße Anke

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      1. Es ist ein Bruderkrieg, den speziell die deutsche Regierung anders begleiten sollte oder im Interesse des eigenen Volkes anders begleiten muss! Aber dazu steht genug in meinem Blog.
        Wie deine Familie Frau Cristoforetti verfolgt, so verfolge ich die Aktivitäten des deutschen Astrophysikers Heino Falcke, der ebenso Pfarrer ist. Faszinierend!
        Liebe Grüße zurück

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    1. Sigmund Jähn, er wohnte sozusagen bei uns um die Ecke in Strausberg. Meine Eltern kannten ihn persönlich, als Lehrerin arbeitete meine Mutter mit ihm im Jugendweiheausschuss zusammen, er trat auch als Festredner auf. Ein wunderbarer Mensch, erzählten sie mir. Ich glaube, wer einmal den blauen Planeten von oben gesehen hat, der kann gar nicht anders, als sich für den Frieden einsetzen.
      Viel Freude beim „in den Himmel gucken“, liebe Ilka!

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  2. Schon vor Jahren hat mir ein Bekannter in einer sternenklaren Nacht Satteliten gezeigt, die am Himmel ihre Bahnen ziehen. Mit etwas Übung erkennt man irgendwann den Unterschied zu natürlich vorkommenden Himmelskörpern. Und eine Raumstation ist ja größer und daher bestimmt noch leichter zu erkennen.
    Leider habe ich jetzt keine Möglichkeit mehr, den Sternenhimmel zu beobachten, da ich in Berlin wohne. Die einzigen hier sichtbaren Lichter am Himmel kommen von den Flugzeugen und dem Rettungshubschrauber von naheliegenden Unfallkrankenhaus, der mit viel Getöse direkt über unserem Haus kreuzt.

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    1. Vielleicht klappt es mal, wenn du bei deiner Tochter auf dem Land bist? Für den Berliner Raum wird in dem genannten Artikel Gülpe im brandenburgischen Havelland empfohlen. Ist natürlich eine kleine Reise dorthin, schon netter, wenn man dort dann auch übernachten kann. Ciao nach Berlin!

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  3. Gestern habe ich auch einen Satelliten langsam vorbeifliegen sehen. Ein eindrucksvolles Erlebnis, vor allem wenn man weiß, dass sich jeder, der von oben auf unsere Erde geschaut hat, sich nichts sehnlicher wünscht als Frieden. LG Marie

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    1. Schön, wir sind nicht allein beim in den Himmel schauen. Mein Mann ist gerade mit der Großen in der Toskana, da haben sie von der Terrasse aus auf einer Anhöhe einen fantastischen Blick zu den Sternen und sehen sicher auch die ISS und Satelliten gestochen scharf. Liebe Grüße an dich!

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  4. Ich möchte das auch sehen! 🤓Als ich Kind war schossen die Russen ihren ersten Sputnik ins All. Mich hatte das danals so beschäftigt, dass ich sogar eine Sputnik-Tapete für mein Kinderzimmer wollte. Leider haben meine Eltern meine Faszination für den Weltraum-Style nicht geteilt 😏 . Das schönste Himmelsschauspiel, das ich jemals gesehen habe, war ein Sternschnuppen-Regen, der nachts vor meinem Schlafzimmerfenster fiel… 🌠🌠🌠❤️ Heute Abend halte ich Ausschau nach der ISS 🤓

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  5. die ISS habe ich (wahrscheinlich) noch nicht beobachtet, dafür letztes, oder vorletztes Jahr STARLINK gesehen, das war auch ein Ereignis – ein Glühwürmchenband im Himmel. Ich habe mit offenem Mund geglotzt.

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  6. Vielen, lieben Dank für den Tipp, liebe Anke. Ich werde mich gleich mal informieren, wann man der ISS am besten winken sollte und mit einem kühlen Getränk zuprosten. Ich hoffe, du musstest nicht allzu viele Telefondienste mit der ISS führen, wo dein Mann doch stets im regen Kontakt mit ihnen war und du bei den kniffligen Problemen übernehmen durftest. 😉

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