Carpe diem

Ich halte mich für unternehmungslustig und gebe den Italienern recht, wenn sie von „cogliere l’attimo“ sprechen und damit meinen, den Augenblick bestmöglich zu nutzen. So versuche ich beispielsweise immer, lästige Termine zur Belohnung mit einer angenehmen Aktivität zu verbinden. Vielleicht rührt das von einer frühen Kindheitserinnerung her. Meine Eltern motivierten mich zum Besuch beim Zahnarzt mit der Aussicht auf anschließendes Entenfüttern am See. Das bot sich an, lag doch die „Kinderstomatologie“ genannte Praxis nur ein paar Schritte vom Ufer unseres wunderschönen Straussees entfernt.     

Weniger idyllisch, dafür großstädtisch chaotisch geht es in Mailand zu. Neulich hatten wir einen Termin im Deutschen Generalkonsulat, der um 14 Uhr so gelegen war, dass wir Eltern uns einen Tag von der Arbeit freinehmen mussten. Für die Mädchen, um deren deutsche Reisepässe es ging, war es kein Problem. Sie sind seit dem 9. Juni in den dreimonatigen Sommerferien.

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich vor Konsulatsbesuchen regelmäßig Muffensausen habe. Wochen, ach was sag ich, Monate vorher drehen sich meine Gedanken um diesen Behördengang und die Dokumente, die man in Original und Kopie vorlegen muss. Auch wenn sie die schon dahaben und im Zweifel gar nicht mehr sehen wollen, folge ich der Anleitung auf der Behördenwebseite mit deutscher Gründlichkeit. Schließlich steht nirgends geschrieben, dass man bestimmte Unterlagen bei Folgebesuchen nicht wieder vorlegen muss. Zum Glück war ich diesmal beim Betreten des Gebäudes nicht halb so aufgeregt wie im März 2021, als aus Pandemiegründen schon die Fahrt nach Mailand einer Ausnahmegenehmigung bedurfte. Zu einer entspannteren Stimmung trug ebenfalls bei, dass ich nicht allein war und mein Mann Lösungen für eventuell auftretende Probleme finden würde. Auch wenn das Zutrittsprozedere mit einem Sicherheitsbeamten und dem Wegschließen aller elektronischen Geräte, eventuell mitgeführter Glasflaschen und potenziell als Waffen zum Einsatz kommender Gegenstände nach wie vor einen hochoffiziellen Charakter hat, lief unser Besuch dank der netten Angestellten heiter und unkompliziert ab. Schneller als gedacht waren wir wieder draußen.

Und nun? Ein ganzer Nachmittag lag vor uns, wir waren nach vollbrachtem Pflichttermin vier Touristen in Mailand. Das schwülwarme Klima ließ die Kinder nach etwas Frischem lechzen. Mir war alles recht, wenn wir nur bitte nicht gleich wieder nach Hause fahren würden! Zum Bummeln brauche ich kein Ziel, und auf die leicht genervt klingende Frage „Wo gehen wir denn hin?“ zucke ich entspannt mit den Schultern und rufe freudig: „Einfach der Nase nach!“ Die Nase führte uns diesmal in einen Stadtteil, den wir nicht gut kennen, der aber als ein sehr vornehmer bekannt ist: Brera. Da gibt es die weltberühmte Pinacoteca di Brera, die Kunstakademie Mailands, aber auch Modeboutiquen und angesagte Bars und Restaurants jeder Art. Lokale, Vitrinen und Leute gucken ist mir schon Vergnügen genug. Unsere Große jedoch hatte konkretere Vorstellungen. Sie wusste genau, was sie wollte. Das kann im Leben oft von Vorteil sein, ist es aber eher nicht, wenn man bummelnd dem Zufall folgen und Überraschendes entdecken möchte. Soweit die Theorie. Als Eltern haben wir keine Chance gegen hartnäckige Wünsche unserer Töchter. Ein Smoothie sollte es sein. Der Papa blieb vor einer Schicki-Micki-Eisdiele stehen und lockte uns hinein. Smoothies standen nicht auf der Karte, aber ehe ich den „Sorbetto-Drink“ als ein dem Smoothie ähnliches Konzept anbieten konnte, war meine Familie auch schon wieder auf der Straße. „Hast du die Preise gesehen? Ein kleines Eis mit zwei Sorten 4,90 Euro, die haben sie doch nicht alle!“, kommentierte die Große, der zuliebe wir das Instagram-tauglich dekorierte Lokal betreten hatten. Oookay. Ich wies meine Truppe altklug darauf hin, dass wir in Mailand waren, und wir vielleicht ein Eis für vier Euro finden würden, aber darunter eher nichts und dass es also heute mal so sei. Nichts zu machen, sie wollten weiter. Auch in einer anderen Gelateria gab es keine Drinks, die den streng definierten Vorstellungen nahekamen. Stattdessen fing unsere Tochter an, auf die Uhr zu schauen und zu fragen, wann wir zurückfahren. Am Bahnhof gäbe es doch auch Stände, vielleicht hätten sie da … Nein, nein, ich wollte nichts von Bahnhof hören, ich wollte eine nette Erfrischung in einem netten Lokal mitten in der Stadt. Am besten an einem Tisch im Schatten sitzend. Auch wenn es am Tisch nochmal mehr kosten würde als an der Theke. So what? Wir hatten Urlaub! Einen halben Tag lang. Mein Mann sah das nicht so entschlossen wie ich und war bereit, den töchterlichen Forderungen zu folgen. Er lotste uns in Richtung Bahnhof. In einer Nebenstraße blieb ich, mittlerweile selbst genervt, stehen und studierte den Aushang an einer Bar. Smoothie stand auch dort nicht angeschrieben, aber ein Frullato würde der Sache doch nahekommen. Wir setzen uns an einen Tisch in dieser nichtssagenden Gegend. Er lag im Schatten. Einen Punkt meiner Wunschliste konnte ich mit halbem Häkchen versehen. Frullatos verkauften sie nicht so oft, aber sie hatten ein bisschen Obst da, das sie extra für uns pürierten und mit reichlich lauwarmem Wasser verdünnten. Leider schmeckte man die grüne Melone mehr als die Erdbeeren. Und wie ihr vielleicht wisst, sind die grünen Melonen die, die nach gar nichts schmecken. Entsprechend hielt sich die Begeisterung der Töchter in Grenzen. Mein Mann gab sich mit einem kühlen Bier zufrieden, da konnte nicht viel schief gehen. Ich war raus aus dem Spiel, denn ich ahnte, dass es anschließend direkt zum Zug und nach Hause gehen würde. Aber wisst ihr, was mich am meisten ärgerte? Der lauwarme, wässrige Frullato in dieser mittelprächtigen Bar kam mit stolzen 6,90 Euro pro kleines Glas einen Euro mehr, als wir für den Sorbetto-Drink in der Schicki-Micki-Eisdiele verausgabt hätten. Und da sage ich doch: Beißt in den süßen Apfel, wo er am Baum hängt! Die Chancen, dass ihr am Ende enttäuscht seid und für weniger Gutes genauso viel zahlt (oder mehr) stehen nämlich in Städten wie Mailand nicht schlecht.

In diesem Sinne: Habt einen fruchtig-süßen Sommer und genießt ihn, ob nun im Urlaub oder daheim! Sparen können wir wieder im Herbst.

Titelbild: Auf dem Dach des Mailänder Doms. Credits RossHelen bei Shutterstock.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

20 Kommentare zu „Carpe diem

  1. AchAchAch – und es fing alles so gut an. :-/
    Was soll ich sagen: Schade, dass man für solche Termine die Kinder mitnehmen muss. :-D)))
    Ich wünsche dir einen schönen, erholsamen und mit vielen bunten ‚Bildern‘ bespickten Sommer und sage mal bis bald – wir lesen uns! 🙂
    Liebe Grüße Bea

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    1. Ja, so ein Pech! 😉
      Danke, liebe Bea. Leider haben wir noch keinen Urlaub, deshalb möchte ich umso mehr jede Gelegenheit wie diese für eine kurze Auszeit nutzen. Wer drei Monate frei hat, ist schneller genervt.
      Wir lesen uns! Liebe Grüße an dich und schönes Wochenende!

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  2. Das kommt mir alles sehr bekannt vor, aber aus früheren Zeiten. Früher habe ich mich meistens gefügt. Es war einfacher und ruhiger und ich hatte nicht die Verantwortung für misslungene Restaurantbesuche oder nicht so gute Eisdielen. Heute schaue ich genau hin und setze mich meistens durch. Im Verbund mit unserer Tochter und mein Mann hat das Nachsehen. Unser Sohn hat sich bereits ausgeklinkt aus gemeinsamen Unternehmungen.

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    1. Ja, dieses Dilemma haben wohl alle Familien auf Ausflügen. Aber sag mal, dein Mann wird doch auch profitieren von eurer Wahl? Du meinst, er muss womöglich weiter laufen oder ihr lasst ihn nur in jede zweite Eisdiele einkehren? 😉

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      1. Das ist schon richtig, er profitiert auch. Sein Problem, und unseres damit auch, ihm fehlt einfach die Geduld. Am liebsten würde er gleich unbesehen die erst beste Gelegenheit nutzen, was ja nun in deinem Fall ein Segen gewesen wäre 😄😉

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    1. Schön, das freut mich sehr. Sicher erlebt ihr auch ähnliche Situationen, mit noch einer Ausflugsteilnehmerin mehr im Gespann.😄 Danke und liebe Grüße nach Berlin!

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    1. Davon hast du uns berichtet. Na, ist eben überall das Gleiche mit den Behörden. So dumm kann man gar nicht denken, wie et manchmal kommt. 😉

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      1. Ha ha, du sagst es. Neulich war ich in meinem Mailand und hab nach drei Monaten Wartezeit und vier Wochen Bearbeitungszeit, endlich mal neuen Personalausweis in der Hand

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      2. Warste in Dailand? Na dann Glückwunsch! Ich hoffe, er gilt ein paar Jahre und das Foto ist gut geworden 😉

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  3. Das Foto ist wirklich wunderbar. Auf dem Dach des Doms zu stehen und umherzugehen ist solch ein ganz besonderes Erlebnis. Und – seit ich neulich eine Woche lang in Mailand war, kann ich mir deine Schilderungen auch bildlich vorstellen. Wie verschieben sich doch die Herausforderungen mit dem Alter der Kinder! Ich vermag nicht zu sagen, wie das einzuordnen ist. Auf jeden Fall ist Mailand einen Besuch wert. Über meinen Aufenthalt in Mailand mit zwei kleinen Kindern werde ich in ein paar Wochen berichten.

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