In meinem Umfeld scheint es eine neue Mode zu geben. Es reicht nicht mehr, nach Ausflügen instagramreife Fotos zu präsentieren. Man teilt jetzt auch mit, wie viele Tausend Schritte man bei der Besichtigung der Stadt X oder der Umrundung des Sees Y zurückgelegt hat. Ich meinte auf entsprechende Nachfrage immer, ich hätte keinen Schrittzähler dabei. Und das war die Wahrheit, es interessierte mich nicht. Bis ich im Sommerurlaub dermaßen viel lief, dass mir am Abend die Füße schmerzten. Und zwar in Sandalen einer sportiven Outdoor-Marke, die ich als bequem empfunden hatte. Als ich zurückkam und davon berichtete, interessierte es mich plötzlich auch, wie viele Schritte das wohl an den heftigsten Tagen gewesen sein mochten. Also installierte mir unsere Große schnurstracks die entsprechende App auf meinem Smartphone. Oder sie aktivierte sie nur, weil sie schon da war, was weiß ich.
Leider fing nach dem Urlaub der Alltagstrott wieder an, und ich lege die meisten Strecken notgedrungen mit dem Auto zurück. Um die vorgegebenen 6.000 Schritte zu absolvieren, bei deren Erreichen es zur Belohnung einen virtuellen Konfettiregen regnet, braucht es schon einen strammen Spaziergang. Auf diese Schrittzahl kam ich nur an den Wochenenden. Bis unsere Kleine mir vorschlug, auch wochentags vor dem Frühstück eine Runde durch die Gegend zu laufen. Ich hatte mit diesem Gedanken schon selbst gespielt, aber eine entsprechende Erfahrung liegt ganze dreizehn (!) Jahre zurück. Damals rannte ich jeden Morgen eine halbe Stunde durchs Viertel. Als es im Oktober morgens um sechs von Tag zu Tag dunkler und kälter wurde und ich obendrein feststellte, schwanger zu sein, hatte ich aufgehört. Im Dunklen alleine zu laufen war unheimlich geworden. Jetzt ist meine Tochter zwölf Jahre alt und ich raffe mich mit ihrer Hilfe endlich wieder auf. Obwohl, da war auch noch die Zeit während des ersten Lockdowns. Ehe wir in den eigenen vier Wänden ausharren mussten, liefen wir Mitte März 2020 jeden Morgen durch die Senke hinterm Haus. Das war aber nicht früh um sechs, sondern gegen halb acht gewesen. Homeoffice und Distanzunterricht begannen erst später. Die coronabedingten anderen Umstände ausgenommen, hatte ich es bis heute nicht mehr geschafft. Meine Ausrede war in all den Jahren der streng getaktete Ablauf im Bad gewesen. Wenn vier Menschen zeitig aus dem Haus müssen, ist Rücksicht gefragt. Wir haben eine Lösung gefunden und sind gespannt, wie lange wir durchhalten. Ich bin jedenfalls wild entschlossen, mich auch im Winter bei Kälte nicht zu drücken. (Indem ich das hier niederschreibe, seid ihr alle im Zeugenstand.) Sogar ein Extremwetterplan liegt vor: Sollte es regnen oder schneien, laufen wir die Treppen im Hausflur hoch und runter.
Allerdings kommen wir bei unseren morgendlichen sportlichen Spaziergängen (noch gehen wir, aber wer weiß, vielleicht rennen wir irgendwann sogar) gerade mal auf 3.500 Schritte. Um mehr zu schaffen, müssten wir noch eher aus den Federn, aber das wäre unchristlich. Also bin ich den Rest des Tages bemüht, irgendwie auf die Mindestschrittzahl zu kommen. So egal es mir früher war ‒ jetzt hat mich der berühmte App-getriebene Ehrgeiz gepackt, für den ich bis vor kurzem nur ein müdes Lächeln übrighatte. Dabei laufe ich wirklich gerne, nehme im Haus nur mit schweren Taschen oder zerbrechlichen Flaschen in der Hand den Fahrstuhl. Nicht, dass ihr denkt, ich hätte bei meinen Gängen in den Keller, zum Briefkasten und zum Blumengieβen auf den Balkon nun immer das Smartphone in der Tasche. Aber wenn ich die Kleine am Nachmittag von der Schule abhole, drehe ich neuerdings Runden auf dem Platz, statt mir wie die anderen Wartenden die Beine in den Bauch zu stehen. Was die sich dazu denken? Mir egal! Ich muss noch 386 Schritte absolvieren, ehe ich mich daheim wieder an den Schreibtisch oder aufs Sofa setze.
Auch zwanzig Jahre nach meinen ersten Schritten in Italien falle ich also immer noch ins Auge, weil ich mich merkwürdig benehme. Ich spaziere umher, wo man auch gut herumstehen kann. Damals, als Fußgängerin in Olgiate Comasco, lief ich zur Arbeit, während alle anderen mit dem Auto fuhren. Eins steht fest: Würde ich heute noch dort wohnen und dort arbeiten, liefe ich zur Arbeit. Dann hätte ich wochentags das Doppelte der Mindestschrittzahl schon in der Tasche.
Titelfoto: Symbolbild von Pexels.
Ja ja, so ist das mit den In-Features, irgendwann holen sie jeden ein. 🙂
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Ob man will oder nicht. 😉
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Ja, genau. 🙂
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Oh je, das Zählen von Schritten gibt es hier nur an den Wochenenden und im Urlaub – da übernimmt der Ingenieur. Und ausgerechnet der amüsiert sich, dass ich in der Schwimmhalle die Bahnen mitzähle.
Ansonsten laufe ich auch oft und viel, ist meist einfacher als sich um Parkplätze und Busfahrpläne oder so zu kümmern. Allerdings muss man dann auch öfter neue Schuhe kaufen 😉.Diese Woche sieht es wegen Tagesseminar und Mistwetter doof aus. Morgen starten wir später, da kann ich ja früh einmal um den Block flitzen.
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Kommst du beim Bahnen mitzählen nicht durcheinander? So ging es mir immer. Da gibt es doch sicher mittlerweile auch eine wasserdichte, digitale Lösung. 😂
Stimmt, wenn es geht, gehe ich auch zu Terminen, zu denen ich fahren könnte. Das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, sozusagen.
Liebe Grüße!
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Ich zähle immer bis 10 und dann von vorne – ganz ohne HighTech-Schnuddelduddel. Und wenn ich nicht mehr kann oder keine Lust mehr habe, höre ich auf mit Schwimmen 😉
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Das klingt nach einer guten Methode! 👍
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Eine Zeitlang war ich auch wie verrückt nach dem Konfetti-Regen,und wenn anstatt grüner eine Reihe von roten Tagen erschien, schimpfte ich mit mir. Inzwischen weiß ich auch ohne Schrittzähler, was Sache ist. Nach der letzten Reise in Andalusien freilich war ich doch stolz, einen Tagesdurchschnitt von ca 11000 Schritten angezeigt zu bekommen. Das Schrittezählen hat schon was. 😉
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Auf alle Fälle! Heute bin ich auch unzufrieden, aber der ganztägige starke Regen ist eine akzeptable Ausrede. Heute Morgen waren die Treppen im Hausflur dran. Das ist anstrengender, sind aber weniger Schritte. 🤷♀️
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Ich gebe zu, ohne Schrittzähler würde auch ich vermutlich viel weniger zu Fuß gehen. Sogar meine sonst so bewegungsträge Mutter motivierte sich mit Ende 80 noch mit Hilfe eines alten Schrittzählers, den sie an ihren Hosen befestigte, zu mehr Bewegung. Seit ich nun eine Apple-Watch besitze, die ich ständig mit mir rum trage, mache ich täglich mehr Schritte als vorher, ohne dass ich mehr gehe – ist das nicht super 😉 ?
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Stimmt, da bist du mit einer Watch klar im Vorteil. Ich mache die vielen Schritte ohne Handy im Schlepptau immer ganz umsonst. 😉
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Bei mir sogen die immer öfter ausfallenden Busse dafür, dass ich auf viele, viele SChritte komme, mehr. als ich freiwillig laufen würde. Allerdings habe ich die App nicht aktiviert – als ich das noch hatte, war das Ziel 10.000 Schritte pro Tag.
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Die Busse fallen aus? Streiken die Fahrer oder die Technik?
10.000 Schritte sind natürlich ehrenhaft. Mein System ist auf 6.000 eingestellt, das lasse ich erstmal so. Wird schon richtig sein. 😉
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Ich denke, das liegt einfach an der Personalknappheit wie überall. Sie streiten nicht, aber da an vielen Stellen Schienenersatzverkehr ist, müssen sie dort zusätzlich Busse und Fahrer einsetzen.
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Das Symbolbild ist ganz süüüß!😊🖐️
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Nicht wahr?! 😍
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😊🩷🙏
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Als ich mein Smartphone kaufte wusste ich garnicht, dass es einen Schrittzähler darauf gibt und wunderte mich darüber, wenn bei einer Wanderung plötzlich ein Herz oben am Display aufblinkte weil ich die vorgegebenen 1000 Schritte erreicht hatte. Inzwischen bekam ich von unserem Sohn eine Fitnessuhr geschenkt und zumindest spornt es mich oftmals an etwas mehr zu laufen, mich zu bewegen als vorher.
Liebe Grüße, Hanne
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Mit einer Fitnessuhr bist du schon einen Schritt 😉 weiter. Und ja, der Ansporn ist auf jeden Fall eine gute Sache. Nutzen wir ihn!
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Ich würde mich
nie zur Sklavin eines Schrittzählers machen😜! Wer legt eigentlich fest, dass es 6000 Schritte sein sollten? Letztlich geht es doch darum, sich jeden Tag 26 min sportlich zu betätigen- egal wie. Oder waren es 34🤔? Die meisten Kalorien verbraucht man übrigens beim Stricken. Wenn die Uhr dabei bei Training auf SONSTIGES steht😃
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30 Minuten spazieren gehen am Tag ersetzen die sportliche Betätigung, so hatte ich mal gehört. Ich fürchte, das sind noch nicht 6.000 Schritte. Aber wenn man auch mit Stricken punkten kann, sind wir auf der sicheren Seite! 😂
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Mittlerweile zähle ich auch, besser gesagt die App zählt für mich. In den Bergen gibt es besonders viele Informationen, die mich interessieren. Das macht mir Spaß. Ein schönes Wochenende, liebe Anke.
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Liebe Bettina, das glaube ich gern. In den Bergen zu wandern ist aber auch mehr als banales Schritte setzen.😀
Danke, dir auch ein schönes Wochenende!
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Apropos Schritte, ich mache jetzt mal ein paar davon zum Backofen und schaue mal was die Brötchen machen. Grüße vom Lipno-Stausee
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Schönen Urlaub wünsche ich und danke, so habe ich auch mal wieder einen Aufruf aus der Tschechei in der Statistik. 😀
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Dacht ick mir doch 😉
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