Plaudereien aus dem Nähkästchen

Gestern habe ich ein Kleid in Auftrag gegeben. Ja, ihr habt richtig verstanden. Ich lasse mir ein Kleid maßschneidern. Luxus? Ach was! Der Italiener würde sagen „fare una follia“, etwas Verrücktes tun. Aber er meint damit ein Risiko oder eine exorbitant hohe Ausgabe, in einem Anflug von Größenwahn. Dabei klingt das, was ich getan habe, noch viel verrückter. Weder habe ich ein Schnittmuster oder Foto des Kleides gesehen, das ich mir nähen lasse, noch kenne ich den Preis, den ich dafür zahlen werde. Lasst euch erklären, wie es zu dieser Entscheidung kam: aus dem Bauch heraus und von Herzen.  

Es begann vor etwa fünf Jahren. Damals war ich für eine größere Näharbeit auf der Suche nach einer Sarta di fiducia, einer Schneiderin als Handwerkerin des Vertrauens. Ich fragte ein wenig herum, unter Bekannten, im Büro. Irgendwann beschloss ich, den Faden von hinten aufzurollen, besorgte zunächst das Material und erkundigte mich dann nach den geeigneten Händen, in die ich es legen würde. So empfahl man mir im Stoffgeschäft, meine Sitzkissenbezüge von Maria nähen zu lassen. Maria hatte gerade in einem verlassenen Einkaufszentrum bei uns gegenüber ihren kleinen Laden eingerichtet. „Riparazioni e lavori di cucito“ (Reparationen und Näharbeiten), stand per Hand auf ein Stück Pappe geschrieben. Anstelle der Öffnungszeiten hing an der Tür ein Zettel mit ihrer Telefonnummer. Bis heute schicke ich ihr eine Nachricht und frage, ob ich vorbeikommen kann. Dabei hat sie mittlerweile offizielle Öffnungszeiten und, wie sie verschmitzt grinsend sagt: „Ma io sono sempre qua.“ Ich bin doch immer hier. Maria ist eine Frau mit weiblichen Rundungen und grauem, locker zum Knoten gebundenem Haar, die ich auf Mitte sechzig schätze. Sie trennt sich gerade von ihrem Mann, der sie belogen und betrogen hat, und macht jetzt ihr eigenes Ding. Sie hat drei erwachsene Kinder, zwei Töchter und einen Sohn. Das weiß ich alles, weil sie es mir erzählt hat. Maria ist eine, die ihre italienischen Lieblingslieder im Radio mitsingt, während die Nähmaschine rattert, und der ich auf die Frage „Come stai?“ nicht mit einer Floskel antworte, wie es eigentlich üblich ist. Ich erzähle ihr vom Stress im Büro, den kleinen Sorgen mit den gröβer werdenden Kindern, von den Eltern in Deutschland, die es nun nicht mehr gibt. So tröstete sie mich, als ich ihr einmal anvertraute, dass unsere Töchter ständig streiten und mich das sehr traurig macht, weil ich doch gehofft hatte, Schwestern würden sich gernhaben. „Dopo si cercano, vedrai!“ Später, wenn sie erwachsen sind, wird ihr Verhältnis enger werden. Und sie erzählte vom Pranzo di Natale, das nun die älteste Tochter für alle in Rom ausrichtet, seit es die Nonna in Sizilien nicht mehr gibt. Als ich kurz vor Ostern sagte, dass wir hier keine Familie haben und nicht bis nach Deutschland fahren können, weil es zu weit sei für drei Tage, schlug sie vor, dass wir am Ostermontag doch zu ihr kommen könnten. Ich lächelte, wohl wissend, wie die Italiener es mit Einladungen und Verabredungen so halten. Aber bei Maria glaube ich, dass sie es fast ein bisschen ernst meinte.

Und so kam es auch zu der Sache mit dem Kleid. Nach dem Nähen von Sitzkissen und Polsterbezügen ließ ich bei Maria so manche Hose kürzen, Reißverschlüsse austauschen und von den Mädchen selbstbeschnittene Shirts fachgerecht versäubern. Dabei bietet sie nicht nur Reparaturen, sondern auch Maßschneiderei an. Ich habe keine Anlässe, etwas nähen zu lassen, dachte ich oft mit leichter Wehmut, die ausgestellten Stücke betrachtend. Bis ich neulich, beim Cambio Armadio, dem saisonalen Umräumen des Kleiderschranks, zum x-ten Mal dieses Tuch in den Händen hielt. Türkisgrün hatte es mich einst im Schlussverkauf angestrahlt und zu einem Spontankauf bewegt, den ich nicht bereut habe, der aber noch kein einziges Tragen des Tuches zur Folge hatte. Wozu sollte ich es umlegen? Als Stola zu einem schulterfreien Kleid? Als Schal zu einer Übergangsjacke? Ich habe keine Bekleidung zu dem Accessoire, und so weit käme es noch, dass ich mir zum Tuch aus dem Schlussverkauf ein teures Kleid oder eine passende Jacke kaufe. Da fiel mir Maria ein. Ein luftiges Sommerkleid für den Strand könnte der Stoff hergeben. Also trug ich das Tuch in ihr Geschäft, beschrieb mit vielen Worten und noch mehr Gesten, was ich mir vorstelle. Sie nickte nur und versicherte mir: „So già, cosa vuoi.“ Ich weiß schon, was du möchtest. Was sollte ich darauf anderes antworten als: „Benissimo, fai tu allora!“ Sehr gut, dann mach mal!

Zum Weiterlesen zurückblättern:

Einer meiner ersten Texte auf diesem Blog, „Bene, ma non benissimo“, beschreibt das Dilemma, wenn es um die Frage geht, wie es einem so geht.

Manchmal kann es in Italien schwierig sein, Verabredungen zu treffen. In „Der Italiener und die (Un-)Verbindlichkeit“ erzähle ich, warum.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

26 Kommentare zu „Plaudereien aus dem Nähkästchen

  1. Zu DDR-Zeiten hatten wir aus dem Westen Stoff geschickt bekommen. Er lag ewig im Schrank, bis ein junger Schneider im Kleisttheater begann. Er nahm meine Maße, meine Mutter übergab ihm Stoff und Leder. Er sollte frei entscheiden, was er mir daraus nähen würde. Es wurde eine rote Lederhose, eine Stoffjacke mit Ledereinsätzen und eine ziemlich verrückte bunte Bluse. Ich bin gespannt, was du bekommen wirst. Liebe Grüße nach Italien!

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  2. Ich kaufe Gewand, wenn es nur sein muss – und auch nur mit mässiger Begeisterung. Meine Stoffe trage ich so lange, bis sie wirklich kaputt sind und die Shirts zum Beispiel opfere ich dann zum Fensterputzen.

    Der Grund, warum ich nicht so gern Neues kaufe, liegt neben dem Nachhaltigkeitsgedanken auch in der Masskonfektion. Selten erwische ich ein perfektes Kleidungsstück. Daher finde ich die Idee, mir etwas massschneidern zu lassen und dafür natürlich etwas mehr zu bezahlen, sympathisch. Ich würde das Kleidungsstück dann sehr oft und so lange wie möglich tragen. Pure Wertschätzung.

    Zwar habe ich nicht so lange in der DDR gelebt, aber ich weiss, dass dank ihrer Mangelwirtschaft viele Kleidungsstücke ein langes Leben hatten und ich erinnere mich, dass meine Mama mir hübsche Pullover gestrickt hat.

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    1. Oh ja, ich habe zu DDR-Zeiten schon mit zehn Jahren zu stricken und zu häkeln angefangen und zwei, drei Jahre später mit dem Nähen. Meine Mutter war gelernte Schneiderin. Später, als es alles gab, habe ich das Hobby-Schneidern aufgegeben. Stricken und Häkeln ist mir aber als kreativer, entspannender und sinnvoller Zeitvertreib geblieben. Danke für deine Gedanken zum Thema, herzliche Grüße!

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    1. Und ich erst! Wie ein Flitzebogen! 😉 Das freut mich sehr, liebe Sophie. Dann hat mein kleiner Text die gewünschte Wirkung entfaltet! Herzliche Grüße zum Mittwochabend!

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    1. Ja, und jetzt warte ich. 😉 Denn Maria hat sicher nicht auf meinen Stoff gewartet, sie hat immer alle Hände voll zu tun. Aber es ist auch bei uns nochmal kalt geworden, für ein luftiges Sommerkleid ist Zeit.

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  3. Liebe Anke, eine wunderbare Entscheidung. Viel Freude an dem Kleid. Ich wage mal eine Vorhersage: du wirst dich darin fühlen wie eine Königin. Und es wird nicht das letzte Kleid sein, dass du dir nähen lässt.

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  4. Du lässt schneidern und ich gehe in Second Hand Läden und stöbere nach selbstgenähten Kleidern die im Stil der 50er sind und mir passen. Oder nach Originalenkleidern aus den 50ern und 60ern. 👗
    Ich hoffe du bekommst dein Traumkleid.❤️

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    1. Vielen Dank fürs Daumendrücken! Deine Leidenschaft für Vintage-Mode bereitet sicher große Freude, wenn du etwas genau deinen Stil und Geschmack Treffendes findest.

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  5. Liebe Anke, auch ich bin gespannt auf das Resultat! Ich habe hier in der Schweiz ebenfalls eine italienische Schneiderin, die sehr begabt ist, die aber vor allem Abänderungen für mich macht. Manchmal kaufe ich auch etwas in der Boutique, die sie und ihre Freundin führen. Dort findet man vor allem italienische Mode. DER MANN und ich haben jedes Mal Freude am italienischen Temperament und Tempo. Liebe Grüsse, Elisa

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  6. Das ist doch mal eine Geschichte, die zeigt, wie sich Vertrauen langsam, aber stetig entwickelt. Maria wird sicher ein gutes Gefühl für dich entwickelt haben und für das, was du magst und was zu dir passt. Auch ich würde mich freuen, das fertige Produkt zu sehen. Du bist bestimmt ein wenig aufgeregt?!

    Liebe Grüße aus Berlin

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