Superkräfte

Wer wünscht sie sich nicht manchmal, die Superkräfte, die mit purer Willenskraft oder einem magischen Zauberspruch die Wohnung aufräumen und putzen, die Schlange an der Supermarktkasse auflösen, wenn man es eilig hat und den Brief mit der großzügigen, längst fälligen Gehaltserhöhung auf den Schreibtisch legen?

Auch bescheidenere Wünsche könnten wir uns als Supermänner und -frauen erfüllen: Manchmal wollen wir einfach eine halbe Stunde lang unsichtbar sein, um in Ruhe eine Tasse Tee zu trinken und dabei aufs Handy zu starren, ohne dass uns jemand kritisiert. Schön wäre es, morgens die Uhr eine Stunde zurückdrehen zu können, um trotz Stau doch noch rechtzeitig ins Büro zu kommen. Genial stelle ich es mir vor, abends per Teleportation die Studienfreundin zu besuchen, um mit ihr wie früher drei Folgen Ally McBeal am Stück zu gucken, von Billy zu schwärmen und ihn gleichzeitig für seine Unentschlossenheit zu verfluchen.

Aber brauchen wir übernatürliche Fähigkeiten, um glücklich zu sein?

Zum Jahresbeginn haben italienische Kinder noch schulfrei und wenn unsere Arbeitgeber gnädig sind, dürfen auch wir Eltern bis zum 6. Januar zu Hause bleiben. In diesen Tagen erkunden wir gern gemeinsam kleine Orte in der Gegend. Auch wenn die bei trübem Wetter trostlos und verlassen scheinen, gibt es immer wieder sympathische Dinge zu entdecken. Wie neulich in Varano Borghi, wo auf der menschenleeren Piazza vor der Kirche drei pastellfarbene, fantasievoll dekorierte Hütten an die vorweihnachtlichen Aktionen für die Kinder des Ortes erinnerten. Sicher kamen sie am 6. Januar noch einmal zu Ehren, am Tag der Befana, der für die Jüngsten ein magischer Abschluss der Feste ist. An diesem schmuddeligen Januarnachmittag war ich es, die sich die Nase an den Fensterscheiben plattdrückte. Die Hütte mit dem Schild „Distribuzione super poteri“ hatte es mir angetan. Hier würden Superkräfte verteilt. Schade, dass die Verteilstation geschlossen hatte. Obwohl ich glaube, es reichte auch, einfach nur hineinzuschauen. Um zu verstehen, dass wir die Superkräfte eigentlich alle in uns tragen, sie nur leider im Alltag oft vergessen: Perdono (Verzeihen), Ascolto (Zuhören), Allegria (Heiterkeit), Fiducia (Vertrauen) und Carezze (Streicheleinheiten) stand auf den „Mantelli magici”, den Zauberumhängen, geschrieben.

Die magische Kraft der Gedankenübertragung funktioniert manchmal sogar in der Wirklichkeit: Zum Neuen Jahr schickte mir meine Freundin, die jetzt in Großbritannien lebt, ein GIF von der tanzenden Ally McBeal. „Da habe ich an dich gedacht!“, schrieb sie dazu.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

17 Kommentare zu „Superkräfte

  1. Dito *lächle* auch wenn ich Zauberei, Bezauberndes und wirkliche Magie gelegentlich auch in einen Topf anrühre 😉 weiß ich gefühlter Weise dass Das und Es und diesseitig Jenes nicht das Gleiche g’schweige denn dasselbe sind
    Herzlichen Dank für’s mich freudig stimmen und liebe Grüße

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  2. Danke für diese schöne Geschichte. Meine Dame von der Post hat ein T-Shirt darauf steht: Meine Superpower ist Freundlichkeit. Und das stimmt, die ist super freundlich.
    Ich schicke dir ein Lächeln und wünsche dir deine halbe Stunde nur für dich

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    1. Na, wäre auch urkomisch, wenn sie dazu immer ruppig wäre.😉 Sicher ist das auch ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass die Kunden und Kundinnen es ihr gleich tun mögen.
      Danke für dein Lächeln. Ich gebe es gern zurück. 😊😊

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