Schlagertaxi Berlin

Ein bisschen Hallo, heute Nacht irgendwo. Wie bitte? Nein, ich wollte so schnell wie möglich ins Hotel und ab in die Kiste. Allein. Ob er verstand, was für Lieder da liefen? Roger Whittakers Oberschnulze war noch gar nicht das Schlimmste, das aus dem Autoradio klimperte. Ein anderer deutscher Schlager, von dem ich weder Titel noch Interpreten kannte, hatte einen recht anzüglichen Text. Ihn zu hören, war mir peinlich. Ich kann nicht mehr sagen, ob der Sender, der mit der Anzeige „Schlager“ auf dem Display erschien, bereits lief, als das Taxi vom Flughafen losgefahren war. Mochte er diese Musik? Oder dachte er gar, ich würde sie mögen? Wie alt schätzte er mich? Eine deutsche Frau mittleren Alters, die musste doch auf Schlager stehen. Werde ich ihr mal eine Freude machen, könnte er sich gedacht haben. Vielleicht meinte er es gut mit mir und wollte mir in der Heimat einen zünftigen Empfang mit heimatlichen Klängen bieten. Oder war das Ganze etwa ein deutsch-italienisches Komplott? Die Strafe dafür, dass ich mir das erste Mal seit Jahren erlaubt hatte, ein Event wie das Songfestival Sanremo eiskalt zu ignorieren? Ihr wisst, wie sehr ich italienische Popmusik mag und dass ich dem gesamtgesellschaftlichen Groβereignis in meiner Wahlheimat in den vergangenen Jahren gerne einen Blogbeitrag gewidmet habe. Diesmal muss ich euch enttäuschen: An den letzten drei von fünf Abenden des Festivals war ich in Berlin und hatte gleich komplett verzichtet. Und deshalb schreibe ich jetzt von deutschen Schlagern? Nein, keine Angst! Ich möchte von der Taxifahrt vom Flughafen BER zum Hotel in Schöneberg berichten. Spätabends, genaugenommen nachts, war mein Flieger mit zwei Stunden Verspätung gelandet und ich hatte die anfängliche Idee, vielleicht doch mit den Öffentlichen zu fahren, endgültig verworfen.

Als ich später irgendwo erzählte, ein Taxi genommen zu haben, kam die abschätzige Bemerkung, die ich in Deutschland schon seit einigen Jahren höre: „Sind ja alles Ausländer heute!“ Und, wo ist das Problem, möchte ich fragen. Sitzen die deutschen Taxifahrer arbeitslos zuhause? Solche Kommentare nerven gewaltig. Dabei hatte ich bei meiner Ankunft in Berlin auch Vorurteile, ich möchte mich hier gar nicht im Licht eines selbstgemalten Heiligenscheins sonnen. Es ging schon los, als zwei Männer die Ankommenden direkt in der Halle begrüßten und ihre Fahrdienste anboten. Taxi? Ja, bitte. War das seriös? Während einer der beiden – erkennbar ausländischer Herkunft, der andere hatte auch Deutscher sein können – schon meinen Rollkoffer schob und fragte, ob ich einen guten Flug gehabt hätte, kamen mir Zweifel. Das spürte er offensichtlich und beantwortete meine Frage nach dem Preis (den ich zuvor im Internet gecheckt hatte) gleich mehrmals mit der Versicherung, mit Taxameter zu fahren. Trotzdem war ich froh, als ich sein Taxi sah. Es war ein richtiges. Dann befiel mich ein weiterer Zweifel, dem Wetter und den Straßenverhältnissen geschuldet. Mit dichtem Schneefall hatte ich nach fast frühlingshaften Temperaturen in Mailand nicht mehr gerechnet. Er, der gut Deutsch sprach, aber mit hörbarem Akzent und grammatikalischen Fehlern, versicherte mir, dass er ein guter Fahrer sei und vorsichtig fahren würde. Ich fragte mich, wie lange er schon fuhr und ob nur hier in Berlin. Er konnte doch schneebedeckte Straßen kaum gewohnt sein. Da wo er herkam, schneite es womöglich nie. „Ich fahre gut, siehst du“, meinte er nach ein paar Metern stolz. Danach ging er zum Sie über. Hatte ich etwa pikiert geschaut? Ich hoffe nicht, denn geduzt zu werden finde ich gar nicht mehr so ungewöhnlich. Das ist in Italien in großen Bekleidungsgeschäften seit ein paar Jahren gang und gäbe, unabhängig vom Alter der Kundschaft. Während der Fahrt zum Hotel suchte der tatsächlich gute Fahrer das Gespräch, man könnte fast sagen, wir plauderten. Über das Leben in der Großstadt, das von Hektik geprägt ist und wenig Zeit für die Familie lässt, wenig Zeit, das Leben zu genießen. So, wie man es in seiner Heimat täte. Oder in Italien, als er hörte, wo ich jetzt lebe. Ich erfuhr, dass er aus dem Libanon stammt und schon mehr als zwanzig Jahre in Berlin lebt, also ähnlich lange wie ich in Italien, und hier Frau und Kinder hat. Es gefalle ihm in der Stadt, es gäbe guten Döner (Verbindung zum Titelfoto hergestellt!), und wenn er ausnahmsweise mal verreist, käme er immer wieder gern nach Hause. Er sei zufrieden. Denn das Wichtigste, erklärte er mir mehrmals mit verschiedenen Worten, seien doch Gesundheit und Frieden. Und dann beschrieb er mir sein Glück: Zum Frühstück eine Scheibe Schwarzbrot, ein bisschen Feta, eine Tasse Tee. Fertig. Braucht man mehr? Nein! Ich nickte und fragte mich innerlich, warum ich mich selbst so selten glücklich fühle oder nur, wenn etwas Außergewöhnliches, besonders Schönes passiert. Am Hotel angekommen, half er mir gentlemanlike den Koffer über den Schnee zu tragen und stellte ihn erst direkt am Eingang auf dem Trockenen ab. Ich hätte ihm mehr Trinkgeld lassen sollen, ich war knauserig. Was kann er dafür, dass ich schon in Italien ein Taxi hatte nehmen müssen und beide zusammen teurer waren als der Flug.

Meine nächtliche Taxifahrt durch das verschneite Berlin war eine unverhofft sympathische Begrüßung nach der langen Anreise. Auch wenn ich am nächsten Morgen mit diesem ollen Ohrwurm aufwachte, auf den ich gern verzichtet hätte. Vielleicht lernt der nette Taxifahrer ja gerne Deutsch mit den Schlagern, oder er mag sie einfach. Ein bisschen Aroma, ein bisschen Chichi. Gegen die Hektik.

PS: Bei Sanremo habe ich in diesem Jahr so gut wie nichts verpasst. Das Festival war langweilig wie seit Langem nicht mehr, erzählte eine italienische Freundin. Mit dem neuen alten Moderator Carlo Conti hat der Geist von TeleMeloni Einzug gehalten. Bei der TAZ gibt es einen Artikel zu Sanremo 2025, der erklärt es perfekt. Ich kann die Lektüre guten Gewissens empfehlen. Meine Freundin, die an allen Abenden fast bis zum Ende geschaut hat, hat ihn abgenickt.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

23 Kommentare zu „Schlagertaxi Berlin

  1. Aus Pandemiezeiten ist mir irgendein Instagram-Account in Erinnerung, den mir meine Tochter damals „zuschickte“, weil dort ein junger Mann vorschlug, in etwa so: „Stell dir vor, du kannst mit dem Verzicht auf nur einen Musikstil die Pandemie beenden und warum genau ist das „deutscher Schlager“!“ Meine Ohren vertragen den wirklich absolut gar nicht.

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  2. Was für eine anfänglich spannende, weil ich nicht wusste, auf was du hinaus willst – und im Nachgang so berührende Begegnung zweier Fremder, die abgesehen vom Musikgeschmack doch so viel gemeinsam haben. Danke für diese wirklich toll Geschriebene Momentaufnahme die deutlich zeigt, wie schön es ist, wenn die Welt bunt ist! 🙂 LG Bea

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  3. Manchmal denke ich, dass der Flughafen Schönefeld viel zu weit von Berlin entfernt liegt. Ich bin noch oft von Tegel und sogar von Tempelhof geflogen, beide Flughäfen waren viel besser zu erreichen! Aber für eine unterhaltsame Fahrt mit dem Taxi scheint die Strecke, die man von Schönefeld bis Berlin zurücklegen muss, genau richtig sein. 😉
    Schön, dass du da warst!!!

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    1. Ich bin auch manchmal von Tegel geflogen oder dort angekommen. Musste dann aber nach Strausberg und da war Schönefeld bequemer, zumal mit dem Auto. In Tempelhof habe ich nur einmal einen ganzen Tag verbracht und sowohl eine Abfliegende als auch eine Ankommende gespielt: als Statistin für einen Fernsehfilm. Sicher wären zwei kleinere Flughäfen für eine so große und weitläufige Metropole wie Berlin nicht schlecht. In Mailand haben wir auch zwei, und Bergamo dazugerechnet sind es sogar drei.
      Ja, es war sehr schön in Berlin, auch und vor allem dank der netten Menschen, wegen denen ich gekommen war.😀

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  4. Na danke, jetzt habe ich dieses dusselige Lied als Ohrwurm … 😉 Irgendwie sind ganz viele alte Schlager schlecht gealtert, was da so zusammengesungen wurde. Obwohl ich es textlich auch nicht viel ausgefeilter finde, wenn sie heutzutage nachts keine Luft kriegen. Wenn ich das nächste mal zum BER muss (Sonntag und zu Unzeit), werde ich wohl auch Taxi oder Uber nehmen und habe dann hoffentlich auch einen netten Fahrer.

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    1. Oh, das tut mir leid mit dem Ohrwurm.😉
      Ich bin ja am Sonntag zurückgeflogen, sehr entspannt mit dem „Familienprivattaxi“ angereist, und am Flughafen war nachmittags auch nicht viel los. Alles überdimensioniert, so wirkte es auf mich.

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      1. Nee, ach, da kommt haltmal ein Ohrwurm mit nach Hause oder aber ein Stichwort ergibt einen „mentalen“ Ohrwurm. 🙂 So ist das halt, wenn man bzw. sie in einem Laden arbeitet, wo Schlager gespielt werden. 🙂

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