Überraschung!

Wenn es an einem Samstagmorgen um 9.00 Uhr an der Tür klingelt, kann das nur der Onlineversandhandel sein. Nun würde ich diese Uhrzeit nicht als „vor dem Aufstehen“ bezeichnen, zu den Wochenendlangschläfern gehöre ich schon lange nicht mehr. Aber man trifft mich mitunter noch im Schlafanzug an, da ich an freien Tagen gern in aller Ruhe frühstücke, E-Mails und Nachrichten lese, vielleicht eure Blogkommentare beantworte. Duschen und Ankleiden haben Zeit, schließlich erwarte ich keinen Besuch und was wäre das für ein Wochenende, wenn der morgendliche Ablauf derselbe wie wochentags wäre. Als es am vergangenen Samstag um diese – sagen wir mal unchristliche ‒ Zeit klingelte, grummelte ich leise vor mich hin, ehe ich den Knopf der Wechselsprechanlage betätigte. Auf dem Bildschirm erschien eine Frau mittleren Alters. Sofort war mir klar, dass es kein Kurierdienst sein konnte. Automatisch lag mir die Reaktion „Vielen Dank, kein Interesse!“ auf der Zunge. So fertige ich gewöhnlich die Zeugen Jehovas ab. Ich weiß, das ist nicht nett, aber auch sie würden mit mir nur ihre Zeit verschwenden. Oder war es doch eine, die ein Haustürgeschäft mit mir abschließen wollte? Wie auch immer, es handelte sich um eine Störung, und so klang mein „Pronto!“ entsprechend unfreundlich. Was bilden sich diese Vertreter oder Heilsbringer ein, die von Haustür zu Haustür ziehen? Wissen sie denn nicht, dass die Leute schon genug um die Ohren und im Kopf haben, um das sie sich kümmern müssen?

Ich verdanke meine Unfähigkeit, samstags und sonntags entspannt auszuschlafen, dem Gedankenkarussell in meinem Kopf. Oder dem Mental Load, wie es neudeutsch heißt. Vor allem Mütter leiden bekanntlich darunter, dass sie stets an alles denken müssen, was Kinder und Familie betrifft. Unsere Kinder sind aus dem Gröbsten raus, das heißt aber noch lange nicht, dass sie ihre Angelegenheiten locker selbst im Griff haben. Mama bleibt ihr wandelnder Terminkalender, der erinnert, vorbereitet, mitdenkt. Da sind außerschulische Extrastunden für Projekte und Prüfungsvorbereitung, Zahn- und andere Arzttermine, Fahrschule bei der Großen, Abschlussaufführungen der Tanz- und Musikschule mit Generalproben bei der Kleinen. Am meisten belasten mich Dinge, die noch zu organisieren sind. So muss ich mich darum kümmern, dass die Kleine auch nach ihrem 14. Geburtstag weiter bei der Kinderärztin bleiben darf und nicht zum Hausarzt wechseln muss. Und da steht die Frage im Raum, wann unsere Große ‒ im Februar volljährig geworden ‒ ihre Tessera elettorale, den Wahlausweis erhalten würde. Sie selbst hatte mich auf das Problem gebracht, weil sie in der Schule über das im Juni anstehende Referendum gesprochen hatten. „Was soll ich da bloß ankreuzen, vom Arbeitsrecht verstehe ich nichts“, hatte sie mich um Hilfe gebeten. Eine kurze Übersicht und den Tipp, was man ankreuzen sollte, hatte ich schnell gefunden. Aber nicht die Antwort darauf, wie sie zu ihrem Wahlausweis käme. Sicher müsste sie ihn beantragen oder zumindest abholen. Im Meldeamt? Ich hatte versucht, wenigstens diesen Teil Mental Load auf den Papa abzuwälzen und ihn darum gebeten, vormittags aus dem Homeoffice anzurufen. Sagt jetzt nicht, die volljährige Tochter solle sich selbst kümmern. Ihr habt Recht! Aber wenn ein Amt nur während der Unterrichtszeit telefonische Sprechstunde hat, sehe ich da wenig Spielraum. Leider bekam mein Mann nichts heraus beziehungsweise niemanden an die Strippe (sicher hat er es nur einmal versucht), und so blieb die heiße Kartoffel am Ende in meinen Händen. Er schlug vor, unsere Tochter solle sich an einem Donnerstag zur nachmittäglichen Sprechstunde beim Meldeamt anstellen. Na prima! Wenn diese Aktion umsonst wäre, müsste ich (!) mir das Lamento anhören. Also war meine Idee, eine E-Mail an die Behörde zu schicken. Ich schreibe ja lieber, als dass ich telefoniere oder mich irgendwo auf gut Glück anstelle.

An diesem Samstagmorgen aber hatte ich diese und alle weiteren Bedenken wie so oft erfolgreich auf die lange Bank geschoben. „Pronto!“, rief ich noch einmal ungeduldig in die Wechselsprechanlage. Wahrscheinlich war das wieder so eine, die überall klingelt und dann nicht reagiert. Aber nein. Die Dame blickte freundlich in Richtung Kamera und stellte sich vor. „Guten Tag, ich komme vom Rathaus und bringe den Wahlausweis für …“ Für unsere Tochter! Nein! Doch! Und jetzt? Ich entschuldigte mich und bat um einen Moment Geduld. Flugs zog ich eine Jeans über die kurze Pyjamahose und eine Jacke übers Oberteil, kontrollierte im Spiegel, ob nicht noch Milchschaum den Mund oder Marmelade das Kinn zierte, und flitzte die Treppen hinunter zum Gartentor. Eine Unterschrift, und die Sache war erledigt. Aber nicht ohne ein paar nette Worte meinerseits. Ihr seht: Wenn man es am wenigsten erwartet, lösen sich Probleme von ganz allein. Da darf man auch mal dankbar sein. Leider gibt es solche Überraschungen viel zu selten.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

24 Kommentare zu „Überraschung!

  1. Angefangen beim Gedankenkarussell bis hin zur etwas harschen Ansprache bei unerwarteten Störungen des „Castles“ (my home is my castle) unterschreibe ich glatt wieder alles, liebe Anke! Ich warte nur noch auf die überraschende Lösung eines Problems 😄 mit lieben Grüßen, Bettina

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    1. Ich glaube ja, es stört bzw. irritiert heute noch mehr als damals, als es zur Kontaktaufname üblich war, an der Haustür zu klingeln. Auch von der Post erwartet man selten Gutes: Rechnungen, Werbung … Aber Ausnahmen bestätigen zum Glück die Regel! Liebe Grüße an dich!

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    1. Stimmt! Und zum Tag der Republik, am 2. Juni, gibt es für alle, die in diesem Jahr 18 werden, ein gedrucktes Exemplar der Verfassung. Dazu muss sie sich aber in den Ort zu einer Manifestation begeben. Die Einladung kam per Post.

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  2. Ich musste sehr schmunzeln bei deinem
    Blogbeitrag, liebe Anke! 😃
    Vielleicht ist es ein männliches Phänomen oder doch ein südländisches? Im
    hiesigen Haushalt ist das südländische Stammesoberhaupt der festen Überzeugung, dass Probleme, die seiner Lösung bedürfen, sich schon melden werden. Erst beim zweiten (oder dritten) Mal wird er aktiv. Und du und deine Große seid das lebende Beispiel dafür. 😄 Viele Grüße aus Frankfurt, Eva

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    1. Und garantiert macht er sich in der Zeit des mehrmaligen Anklopfens des Problems keine unnötigen Gedanken. (Männlicher) Südländer müsste man sein. 😉
      Cari Saluti nach Francoforte!

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  3. Das ist ja wirklich nett, dass die Dame persönlich vorbeigekommen ist! Ich hätte fast „das Fräulein vom Amt“ geschrieben. 😉
    Eine Weile habe ich mich beim Lesen gefragt, wie du diese beiden Geschichten wohl zusammenbringen würdest: das Klingeln am Morgen und den Ausweis deiner Tochter. Da ahnte ich noch nicht, dass es in Italien solcherlei Hausbesuche gibt. 🙂

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    1. Ein super Service, nicht wahr? Auch in Bezug auf den Kinderarzt warte ich noch auf eine magische Lösung, die ins Haus geflattert kommt. Ich meine, bei der Großen war es ein Brief.

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