Olympische Randnotizen

Von Olympia auf der Autobahn zu Olympia auf dem Sofa: Während ich die Sommerspiele Tokio 2020 auf der Reise von Italien nach Deutschland verfolgte, mit Geoblocking und Zeitproblemen kämpfend, hatte ich diesmal Heimvorteil. Milano-Cortina war nah dran, es begann schon mit der Olympischen Fackel, die drei Wochen vorher auch bei uns in Varese Station machte. Ein wenig leid tat es mir, mich nicht rechtzeitig um Karten für Mailänder Veranstaltungen gekümmert zu haben. Ein Olympischer Wettkampf im Eiskunstlaufen muss live in der Halle ein Gänsehauterlebnis wie mein geliebtes Geräteturnen sein. Mit weiser Voraussicht und ein wenig Sportsgeist hätte ich mich sogar als Freiwillige Helferin für die Spiele melden können. Mario Gargiulo war da unternehmungslustiger als ich. Mit seinen 89 Jahren hat er es bis auf die Bühne der Arena von Verona geschafft, wo er mit den Freiwilligen bei der festlichen Abschlussgala auflief. Nicht nur als ältester Helfer der Spiele, sondern auch, weil er als knapp Zwanzigjähriger schon in Cortina 1956 als Zuschauer dabei war und es nun siebzig Jahre später noch einmal wissen wollte.

Freunde in Deutschland fragten mich im Vorfeld, ob wir uns denn für Wintersport interessieren. Ehrlich antwortete ich mit nein, aber dann schaltete ich doch alle Tage zu. Olympia hat eine ganz eigene Magie. Wenn sich diese noch dazu vor der heimischen Kulisse entfaltet, kann ich mich diesem Reiz schwer entziehen. Eiskunstlaufen, abends zur besten Sendezeit, war für mich ein Muss. An den Wochenenden lief bei uns auch tagsüber immer der offizielle Olympiakanal. Und wir fieberten mit. Mit den Italienern, mit den Deutschen, mit allen. Besser als Veteran Mario Gargiulo kann man es nicht sagen:

Lo sport e un legame comune per tutti. Dopo un po’, anche se non conosci bene lo sport che stai guardando, finisci per appassionarti.  (Sport ist etwas, das alle verbindet. Auch wenn man sich mit der Sportart, die man gerade sieht, nicht gut auskennt, entwickelt man nach einer Weile doch eine Leidenschaft dafür.) (Quelle: Tgcom24)

Nun fällt es mir schwer, vollkommen untätig auf dem Sofa zu sitzen, aber zum Glück teile ich ein Hobby mit den Sportlern: Stricken. Immer mehr Athleten lassen in den Pausen zwischen den Wettkämpfen die Nadeln spielen. Der britische Wasserspringer Tom Daley machte es bei Tokyo 2020 vor, und mittlerweile hat die „Knitting Therapy“ viele Anhänger gefunden. Indem sich die Sportler mit gleichförmigen Handbewegungen auf wiederkehrende Muster konzentrieren, befreien sie den Geist von der Anspannung zwischen den Wettkämpfen. (Quelle: L’Espresso)

Noch eine sympathische Geschichte wurde in Italien gefeiert. Der französische Biathlon-Star Emilien Jacquelin hatte von Kindheit an ein sportliches Vorbild: Radrennfahrer-Legende Marco Pantani. Nun durfte er bei den Wettkämpfen ein Original-Schmuckstück seines Idols im Ohr tragen. Über eine Fanpage stellte er vor den Spielen den Kontakt her und erhielt das ersehnte Andenken von Pantanis Eltern. So konnte er seinen Traum verwirklichen, in Italien mit Marco an der Seite anzutreten. Während des 12,5 km Verfolgungsrennens, bei dem er Bronze holte, gab ihm der Ohrring und der Gedanke an sein Idol Kraft auf den letzten 100 Metern. (Quellen: Biathlonworld.com, Il Resto del Carlino)

Es sind für mich auch diese Randnotizen, die Olympische Spiele im eigenen Land so reizvoll machen, obwohl heutzutage eher Skandale für Schlagzeilen sorgen. Vom heimischen Sofa aus freue ich mich, die kleinen Geschichten über den Blog mit meinen Leser*innen in Deutschland zu teilen.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

4 Kommentare zu „Olympische Randnotizen

    1. Danke, das freut und ehrt mich sehr!
      Mir ging ja das Curling bissl auf die Nerven, als die Italiener auch dann noch bei dieser Schaltung blieben, als längst Eiskunstlauf der Herren begonnen hatte, entdeckte ich für diesen und die weiteren Abende das ZDF für mich. Schön, wenn man wechseln kann.

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