Zwischen Abschied und Neuanfang

Morgen ist in Italien letzter Schultag. An einem Montag. Ihr könnt euch vorstellen, was das bedeutet: Filme gucken, Spiele spielen, Snacks futtern. Alles, nur kein Unterricht. Eigentlich war die Schule schon Ende Mai aus. Am 2. Juni ist Festa della Repubblica und da der Feiertag diesmal auf einen Dienstag fiel, gab es den Montag als Brückentag frei. Blieben drei letzte Tage, und wer nicht noch zu einer Leistungskontrolle dran war, weil ihm noch eine Note fehlte, konnte es ganz entspannt angehen. Das Gymnasium, das unsere Töchter besuchen, veranstaltet am allerletzten Tag wie jedes Jahr ein großes Fußballturnier im Stadion. Eher ein Ferienauftakt als ein letzter Schultag.

Die unendlich langen italienischen Sommerferien waren schon mehrmals heißes Thema auf diesem Blog. Ich sprach von drei Monaten, aber genaugenommen sind es dreieinhalb. Die wenigen Tage Anfang Juni, vom Feiertag unterbrochen, kann man nicht mitzählen. Ich erinnere mich an die Grundschule, wo die Lehrerinnen in der letzten Elternversammlung Anfang Mai regelmäßig die Litanei beteten, dass die Kinder ja schon viel zu erschöpft seien und reif für die Ferien, so dass man bereits im Mai gar nicht mehr richtig unterrichten könne. Gern werden hier die klimatischen Verhältnisse in Südeuropa zur Begründung der langen Sommerpause herangezogen. Es sei einfach zu heiß zum Lernen. Da sehe ich schwarz für die kommenden Generationen, ach, was sag ich, für die nahe Zukunft. Angesichts der ersten Hitzewelle Mitte Mai. Bei 35 Grad Celsius mit zwanzig oder dreißig schwitzenden Pubertieren im nicht klimatisierten Klassenzimmer zu sitzen, ist eine Zumutung. Auch und insbesondere für das Lehrpersonal.

All diese Phänomene, die ich durchaus ernst aber auch mit einem Augenzwinkern beschreibe, berühren uns diesmal nur am Rande. Für uns ist das Schuljahresende 2026 emotional. Ein Ende für neue Anfänge. Die Große wird das Gymnasium mit der Abiturprüfung abschließen. Als ihr am Donnerstag bewusstwurde, dass sie am Freitag den allerletzten Tag, die allerletzten Stunden mit ihrer Klasse in diesem Schulgebäude verbringen würde, das fünf Jahre lang ihr zweites Zuhause war, liefen plötzlich Tränen. Mein großes Mädchen war wieder klein und hatte sich gerade jetzt ‒ Zufall oder nicht ‒ nach langer Zeit die Frühstückscerealien der Kindheit gewünscht. Die knabberte sie am Donnerstagabend direkt aus der Packung, ohne Milch. „So wie früher, als wir am Wochenende schon vor dem Frühstück aufstanden und uns heimlich von den Knusperflocken nahmen, während ihr noch schlieft.“ Eine Umarmung trocknete die Tränen schnell, trotzdem war ich am Freitag in Gedanken bei ihr und wünschte, dass sie einen unbeschwerten Tag erleben würde. Und so war es auch. Der jugendliche Frohsinn siegte über die Melancholie. Stolz zeigte sie uns am Abend Fotos, für die ihre Klasse in eleganten Kleidern mit ihren Lieblingslehrern posiert hatte. Nun kann sie ein paar Tage lang Luft holen, ehe es Mitte Juni in die Prüfungen geht. Etwas später wird sich entscheiden, ob es mit der gewählten Uni klappt. Aufregende Zeiten.

Auch für unsere Kleine wird etwas Neues beginnen. Sie hofft, nach dem ersten Jahr am Gymnasium auf eine andere Schule wechseln zu können. Für manche Kinder bedeutet die große Vielfalt der schulischen Angebote nach der Mittelschule eine Qual der Wahl, und das, wofür sie sich mit Dreizehn entschieden hatten, ist mit Fünfzehn nicht das Richtige. Mich verunsichert das System, aber ich tröste mich mit dem Gedanken, dass unsere Tochter nicht die Einzige ist, die umdisponiert. Ein Wechsel nach dem ersten Jahr ist durchaus üblich.

Manchmal frage ich mich: Wäre nicht eine Schule für alle, zumindest bis zur zehnten Klasse, der bessere Ansatz? So ganz verkehrt war das Schulsystem im Land meiner eigenen Kindheit, in der DDR, nicht. Mit Sechzehn weiß einer, ob er Abi machen und studieren oder lieber einen Beruf lernen will. Mit Dreizehn ist das zu früh. Als Eltern hört man da zwangsläufig auf die Lehrer und lässt sich beeinflussen. Auch in Finnland, wo die Lebenszufriedenheit gemäß dem „World Happiness Report“ am größten ist, gibt es zumindest neun Jahre Gesamtschule für alle.

In Italien ist das Bildungssystem hochkomplex, um nicht zu sagen, schwer durchschaubar. Wir können für unsere Jüngste nur hoffen, dass es beim zweiten Anlauf klappt, ein Platz frei ist an der anderen Schule. Kein klassisches Gymnasium, aber auch dort fünf Jahre und eine Abschlussprüfung, die den Weg zum Studium offenhält, wenn sie das dann doch will. Um direkt in die zweite Klasse einzusteigen, muss sie in den Ferien das Versäumte nachholen. So kommt ein wenig Struktur in die lange Zeit und ein Ziel, auf das sie hinarbeitet. Dolce far niente ist schön, aber dreieinhalb Monate süßes Nichtstun sind auch für Kinder und Jugendliche zu viel des Guten.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

23 Kommentare zu „Zwischen Abschied und Neuanfang

  1. Ich kann deine Gedanken gut nachempfinden, bezogen auf die Länge der Ferien. Hier in D waren ja jetzt einige lange Wochenenden wegen der Feiertagsschwemme und selbst durch verlängerten Wochenenden sind einige Kinder schon komplett aus dem normalen Rhythmus gerissen. Da mag ich mir gar nicht ausmalen, wie das nach einem Vierteljahr Lernentwöhnung aussieht. :-/

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    1. Liebe Bea, ein Vierteljahr, das trifft es in aller Härte, noch besser, als von drei Monaten zu sprechen. Und die Eltern müssen sehen, dass die Kleinen nicht auf dumme Gedanken, sondern einigermaßen gut über die Zeit kommen.

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  2. Bei uns gab es ja damals 8 Wochen Ferien in der DDR. Selbst das fand ich ja schon teilweise zu lang. 😅Man ist ja maximal 2 Wochen irgendwo hingefahren mit den Eltern, vielleicht noch ins Ferienlager danach, was ich persönlich sehr schrecklich fand und dann hieß es Glück haben, das deine Freunde auch zur gleichen Zeit zu Hause waren. Da kam ansonsten schon oft Langeweile auf.

    Daumen sind gedrückt, das der Schulwechsel klappt und für die Prüfungen deiner Großen!

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    1. Genau, unsere Ferien begannen Anfang Juli und am 1. September ging die Schule wieder los. Eine Ewigkeit!
      Vielen Dank, liebe Silke! Ich werde dann berichten, wenn wir uns sehen.

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  3. In Österreich schimpft man seit eh und je über neun Wochen Sommerferien, die seien zu viel, zu lang. Für berufstätige Erziehungsberechtigte ist dies verständlich. Für Schulen mit Pflichtpraktikum, welches in den Sommerferien zu erbringen ist, passt es, da verbleiben dann fünf Wochen Ferien. Und manche brauchen ja doch auch Lernzeit, um Versäumtes nachzuholen und in den Wiederholungsprüfungen zu Schuljahrbeginn unter Beweis zu stellen. Alles Gute für deine Ältere fürs Abitur! Alles Gute für die Jüngere für den Umstieg (der hierorts selbstverständlich geworden ist, du beschreibst es ja, schwierige Entscheidung in diesem Kindes-/Jugendalter)!

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    1. Pflichtpraktikum klingt gut. Wenn schon so lange schulfrei, dann sollte es auch sinnvolle Beschäftigungsalternativen geben. Da fällt mir ein, dass es bei uns damals sogenannte „Lager für Erholung und Arbeit“ gab. Lager ist ein so negativ besetztes Wort, dabei hatten wir Spaß und eine gute Zeit. Und die (gesellschaftlich nützliche) Arbeit hat uns auch nicht geschadet.
      Danke fürs Daumendrücken, lieber Peter, und herzliche Grüße nach Österreich!

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  4. Das stelle ich mir tatsächlich hochemotional vor, wenn die „Kleine“ plötzlich Abitur macht. 😢 Ein Kapitel schließt sich und ein neues beginnt. Es bleibt spannend bei euch – Langweile kommt also definitiv auch in diesem neuen Schuljahr/Unijahr nicht auf. Liebe Grüße, Eva

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    1. Nein, langweilig ist anders. Hoffentlich wissen beide bald Bescheid, dann können sie die lange Ferienzeit nutzen und sich auf das nächste Kapitel vorbereiten. Danke und liebe Grüße nach Frankfurt, wo der emotionale Schritt der Einschulung ins Haus steht!🥰

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  5. Wie oft hab ich mir das verlässliche Bildungssystem der DDR gewünscht, als unsere Kinder sich mit einem Punktesystem, Wahlpflichtfächern, Abwahl- Leistungsfächern herumschlugen, liebe Anke. Bis zu achten oder zehnten Klasse zusammen lernen, das ist auch für mich viel sinnvoller! Liebe Grüße aus Binz (wie immer um diese Zeit 😉), Bettina

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    1. Viel weniger Stress und Druck war das, und Allgemeinbildung ist auch eine gute Sache. Zum Spezialisieren bleibt immer noch Zeit. Oh, ihr seid an der Ostsee. Da wünsche ich erholsame Tage bei angenehmem Wetter! Liebe Grüße zurück!

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  6. Liebe Anke, bei uns in der Schweiz gelten im allgemeinen 5 Wochen Sommerferien. Damals, als mein Sohn 13 war und ich als Alleinerziehende arbeiten musste, war ich froh, dass es nicht mehr Wochen waren. Es gab natürlich Ferienlager, aber mit den Jahren mochte der Junior seine Ferien nicht immer dort verbringen. Es ist alles gut gegangen, mit Verständnis und Glück. Das wünsche ich Dir und Deinen Töchtern ganz besonders. Diese Jahre sind entscheidend für junge Menschen und ihre Zukunft. Liebe Grüsse, Elisa

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    1. Tatsächlich, fünf Wochen nur. Das ist wenig, aber dafür gibt es dann sicher zu anderen Jahreszeiten auch noch mal Pausen. So können sich die Kinder zwischendurch erholen, ohne vollkommen aus dem Schritt zu kommen. Danke für die guten Wünsche, liebe Elisa, und herzliche Grüße ins Nachbarland!

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      1. Ja, natürlich, liebe Anke, neben den Sommerferien gibt es immer wieder kurze Ferien, z.B. Sportferien, Frühlingsferien, Herbstferien, Weihnachtsferien. Sind unsere Schüler und Lehrer verwöhnt? 🤔 Herzliche Grüsse zurück in den schönen Süden, Elisa 😎😍🥰💖

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  7. Ich wünsche deinen beiden Mädchen alles Gute auf ihrem Bildungsweg! Davide schließt morgen die Grundschule ab. Und ich finde, du hast recht, dass das System danach ziemlich unübersichtlich wird. Wir kommen noch dahin.

    10 Jahre in einer Schule hat nicht nur den Orientierungsvorteil. Man schafft den Kindern auch eine stabilere Umgebung mit den gleichen Lehrern und Mitschülern. Sie müssen sich nicht dreimal an neue Leute, eine neue Umgebung etc. gewöhnen. Und Freundschaften, die in diesem Alter über 10 Jahre wachsen, hat man fürs Leben.

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    1. Danke, liebe Corinna. Die Mittelschule ist ja auch noch für alle gleich, aber nur so kurz mit drei Jahren. Stimmt, immer wieder neu anzufangen bereitet Stress, verunsichert und verbraucht Energie, die fürs Lernen dann fehlt. Ich wünsche Davide dann eine gute Eingewöhnung an der Mittelschule, aber erstmal schöne Ferien!

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  8. Ich bin oft entsetzt, was vom eigentlichen Schuljahr so übrig bleibst, wenn man mal Klassenfahrt, Projekt-Woche, Wandertag, Weiterbildung, Hitze, Kälte, Streik etc abzieht. Blöd nur, dass die genannten alles keine Prüfungsfächer im Abi sind.

    Und Schulsystem? Da bin ich voll bei dir. Eine „Art“ Schule von 1-10 und dann von mir aus noch etwas für Freaks (Mathe, Sport, etc) … aber bitte keine Russisch-Schule mehr … 😉

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    1. Richtig, eine solide Allgemeinbildung für alle. Muss ja nicht die „sozialistische“ sein. ;-(
      Zum Glück hielt sich das an unserer Schule im letzten Jahr mit Streiks wenigstens in Grenzen.

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