La Smorfia Napoletana

Der Italiener und die Lottozahlen

Habt ihr letzte Nacht etwas Aufregendes geträumt? Es heißt ja, das Gehirn hilft sich selbst, das seelische Gleichgewicht wiederherzustellen, indem es Erinnerungen und Fantasien aus den Tiefen unserer Seele kramt, sie ordentlich durcheinanderwürfelt, als bizarren Traum ausspuckt und uns damit in den neuen Tag entlässt.

Das klingt sinnvoll, aber wenn wir einen besonders wirren Traum hatten, möchten wir ihn verdammt nochmal interpretieren. Deutsche vertiefen sich dann gern in psychologische Deutungen. Sie berufen sich dabei auf deutschsprachige Wissenschaftler wie den Österreicher Sigmund Freud und den Schweizer Carl Gustav Jung, die Begründer der modernen Traumdeutung.

Und die Italiener? Sie denken positiv und versuchen, dem irritierenden Traum einen Sinn zu verleihen und ihn in einen Lottogewinn umzumünzen. Italiener träumen Nummern bzw. Lottozahlen. Das nenne ich einen intelligenten Bewältigungsansatz! Schluss mit Grübeln, Zweifeln, Selbstbeschau und Seelenpein.

Ein wirrer Traum? Fantastisch! Ich gehe Lotto spielen.

Ihr könnt keinen Zusammenhang zwischen Traumbildern und Lottozahlen erkennen? Die Erklärung steckt in einem traditionell überlieferten System, der sogenannten „La Smorfia“ (abgeleitet von Morpheus, dem Gott der Träume). Darin ist jedem (einigermaßen typischen) Traummotiv eine Zahl zugeordnet. Aus Neapel stammt die berühmteste dieser Systeme, „La Smorfia Napoletana“, denn die Leidenschaft des neapolitanischen Volkes für das Glücksspiel war und ist besonders groß.

Hier drei Beispiele dafür, wie sogar äußerst unangenehmen Traumelementen eine Gewinnzahl zugeordnet und so eine positive Interpretation verliehen wird:

38 “Le mazzate” Schläge, Prügel 

48 “Il morto che parla” Ein sprechender Toter

79 “Il ladro” Der Dieb

Wie ich die Italiener insgeheim beneide! Statt in Selbstzweifeln zu versinken (Was will mir dieser Traum sagen, wird bald Schreckliches passieren?), sehen sie die Hoffnung auf einen Gewinn. Einen Gewinn, der im besten Fall so hoch ausfällt, dass er das Leben ändert. Die italienische Lotterie SuperEnalotto zum Beispiel ist für ihre riesigen Jackpots bekannt, die für ein Minimum von 2 Millionen Euro garantiert sind und auf über 100 Millionen Euro anwachsen können. 

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an ein Erlebnis während der Zeit als Bankerin in Leipzig, Mitte der 90er-Jahre. Ein italienischer Börsenhändler lud alle seine Handelskontakte (also auch uns „Big Player“ aus Leipzig) großzügig zu seiner Abschiedsparty ein, er hätte im Lotto gewonnen und ausgesorgt. Damals ahnte ich noch nicht, dass ich ihn wenige Jahre später hätte beim Wort nehmen und tatsächlich bei ihm in Mailand aufkreuzen können. Schade, da habe ich sicher eine schicke Party verpasst.

Nun lebe ich selbst im Land der potenziellen Lottomillionäre und staune, wie dieser Kult sich im Alltag widerspiegelt. Anregungen zum Glücksspiel finden die Italiener überall, der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Wenn man gerade nichts aufregend Verwirrendes geträumt hat, machen sich auch skurrile Alltagserlebnisse gut, an den großen Lottogewinn zu glauben.

So geschehen während eines Grillabends bei uns im Haus, als wir mit drei anderen Familien zusammensaßen (Anm. d. Red.: Das war vor vier Wochen, als sich noch mehr als sechs Personen in einer Wohnung treffen durften, mittlerweile gibt es wieder strengere Kontaktbeschränkungen.) Selbstverständlich sprach man an jenem Abend auch über nicht anwesende Hausbewohner, da unterscheiden sich die Italiener nicht von den Deutschen (und dem Rest der Welt, nehme ich an). Ein nicht anwesender Hausbewohner hatte sich gegenüber einem Anwesenden wahrlich Absurdes geleistet, wir konnten es nicht glauben und lachten und scherzten. Bis plötzlich der Neapolitaner am Tisch begeistert rief: „Smorfia!“. Wenn etwas so Verrücktes, Unglaubliches geschah, musste es einen Sinn haben. Und er machte sich an die Interpretation der Zahlen, die er am nächsten Tag spielen würde. Wir haben danach nichts mehr von ihm gehört. In Bezug auf sein Spiel, meine ich. Vermutlich ist es diesmal noch nichts geworden mit dem großen Gewinn. Leer ausgegangen sind wir trotzdem nicht, es war für uns alle ein großer Spaß an jenem Abend.

Und wer weiß, vielleicht sind und bleiben am Ende Träume, wie der vom großen Lottogewinn, als Traum am allerschönsten.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

4 Kommentare zu „La Smorfia Napoletana

  1. Mein Mann hofft ja auch immer auf einen Gewinn im „Superenalotto“… ich werde ihn mal fragen, ob er seine Zahlen geträumt hat oder nicht. 😉

    Darüber hinaus finde ich auch all diese verschiedenen Rubbellose beeindruckend und habe mir ein Experiment vorgenommen: Mein bei der Post festgelegtes Geld hat unlängst die wahnsinnigen Zinsen von 70 Euro gebracht (Haha!). Die wollte ich in Rubbellose anlegen. Leider hat der Tabakladenbesitzer meines Vertrauens in weiser Vorraussicht keine Rubbellose mehr bestellt (Wetten und Glücksspiel wird ja am Freitag auch wieder verboten sein.). Von daher muss ich mein Experiment erstmal vertagen.

    Gefällt 1 Person

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