Glücksprognosen

Der Italiener und der Aberglaube

„Lasst uns umkehren“, meint unsere Große verschmitzt. „Il gatto nero porta sfortuna!

Tatsächlich hatte direkt vor unseren Augen ein schwarzer Kater die Straße überquert, keine zwanzig Meter vom Hotel entfernt, und wir waren mal wieder spät dran. „Wartet mal“, werfe ich ein, und meine damit nicht, die Fahrt zu unterbrechen oder gar den Ausflug nach Montepulciano abzublasen. Ich erinnere mich, dass es zumindest nach deutschem Aberglauben einen Unterschied macht, ob der schwarze Kater von links nach rechts (pechts) oder aber von rechts nach links (Glück bringts) einen Weg kreuzt. Triumphierend kläre ich auf, dass der Kater hier gerade von rechts aus dem Gebüsch gekrochen und über die Straße geflitzt war. Nach links. „Glück bringts!“, so heißt es in Deutschland. „Bei euch etwa nicht?“, frage ich die Italiener in meiner Familie. „Boh“, bekomme ich als schnodderige Antwort. So genau nimmt man es dann doch wieder nicht mit dem Aberglauben. Während wir unsere Fahrt gut gelaunt fortsetzen, fällt mir ein, dass es nicht der erste Gedanke dieser Art ist, der mich in diesem Urlaub ereilt. Unser burgähnliches Hotel liegt versteckt auf einer einsamen Anhöhe im Wald. Wir hatten bei der Anreise am Freitag einige Irrwege hinter uns bringen müssen, um es zu finden. Als ich dann unser Zimmer aufschloss, hatte ich mit gemischten Gefühlen auf die Messingziffer an der Tür gestarrt. Ausgerechnet die Dreizehn. Aber nein, in Italien war es statt der Dreizehn die Siebzehn, die als vermeintliche Unglückszahl besser keine Zimmernummer im Hotel oder Sitznummerierung im Flugzeug sein sollte. Seit ich in Italien lebe, kann ich an Freitagen, die auf einen 13. des Monats fallen, verunsichernde Gedanken getrost verwerfen. Betrifft mich nicht. Genauso behandele ich auch Freitage, die ein 17. sind und abergläubisch veranlagten Italienern zu schaffen machen. An diesen Tagen tröste ich mich damit, Deutsche zu sein. Ich bin fein raus.

Von einem besonders kuriosen Aberglauben der Italiener erfuhr ich kaum, dass ich mich richtig eingelebt hatte. Es geschah, als ich eines Morgens meinen nassen Schirm ins Büro brachte, um ihn neben dem Schreibtisch aufzuspannen. In einer halben Stunde wäre er getrocknet. Als pingelige, ordnungsliebende Deutsche war ich es so gewohnt. Es kam für mich nicht in Frage, einen Schirm klitschnass im Schirmbehälter oder wo auch immer zu lassen und am Abend im muffigen Zustand nach Hause zu tragen. Doch ich hatte meine Rechnung ohne Luisa gemacht. Luisa war eine Kollegin im Großraumbüro, kurz vor der Rente, und wohl auch pingelig. Dachte ich, als sie empört und in einer Lautstärke, dass es alle hörten, verlangte, ich solle augenblicklich den Schirm schließen. Sie war aber gar nicht pingelig, sondern abergläubisch, wie ich vom grinsenden jungen Schreibtischnachbarn erfuhr. „Non sai, che porta sfortuna aprire un ombrello in casa?“ Es brächte Unglück, einen Schirm in Innenräumen aufzuspannen. Nass oder trocken spielt dabei wohl keine Rolle. Luisa, mit der ich bis dahin noch nicht viel zu tun gehabt hatte, blieb mir unsympathisch. Es war nicht der irrwitzige Aberglaube, der mich auf Distanz zu ihr brachte, sondern die Entrüstung, mit der sie mich, ohne mir eine Erklärung zu geben, angegangen war.

Natürlich öffne ich weiter meinen Schirm, wo es mir passt. Allerdings erst, nachdem ich mich abgesichert habe, dass niemand etwas dagegen haben könnte. Auch wenn ich mich selbst gerne zu Gedanken der Art hinreißen lasse, dass Zufälle in Wirklichkeit Zeichen sind, lehne ich Aberglauben und seine negativen Implikationen aus tiefstem Herzen ab. Ich gehe mittlerweile sogar so weit, den ein oder anderen für mich persönlich ins Gegenteil umzukehren und als Glücksfall zu interpretieren. Spätestens, seit unsere Jüngste an einem Freitag, dem 17., zu uns auf die Welt kam, ist diese Konstellation ein offizieller Glückstag in unserer deutsch-italienischen Familie. Und wenn wir schon bei Glückszahlen sind: Wie haltet ihr es mit dem Lottospielen? Wenn es für euch nicht die 13 oder 17 sein soll, könntet ihr die Nummern aus euren Träumen ableiten. Wie das geht? Erfahrt ihr hier: Der Italiener und die Lottozahlen gemäß der Smorfia Napoletana. Viel Glück!

PS: Nun schulde ich euch aber noch eine Erklärung, was es mit dem Schirmöffnen auf sich hat und warum dieser Aberglaube entstanden ist. Wie immer gibt es verschiedene Ursprünge, von denen die folgenden zwei mich am ehesten überzeugen. Der erste stammt aus dem alten Rom, wo Regenschirme auch zum Schutz vor Sonne verwendet wurden. Wer einen Regenschirm im Haus öffnete, zollte dem Sonnengott keinen Respekt und brachte Unglück über seine Familie. In weniger ferner Vergangenheit dienten die Schirme oft dazu, Löcher im Dach der Häuser armer Leute zu stopfen, damit es nicht hineinregnete. Das unbegründete Öffnen des Schirms im Haus wurde mit einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gleichgesetzt, die großes finanzielles Unglück heraufbeschwöre. Also, um noch mal auf Luisa zurückzukommen: Dass sie den Sonnengott nicht verärgern wollte, ist gut möglich, aber ich würde es eher verstehen, dass sie sich vor finanziellen Einbußen fürchtete. Da kann man schon mal wütend werden.

Titelbild: Symbolbild von Pexels, Photo 1510543.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

26 Kommentare zu „Glücksprognosen

  1. Das mit den Regenschirmen ist super interessant. Witzig finde ich, dass genau das… Dass man einen Schirm nicht in geschlossenen Räumen aufspannt… Auch bei uns in München (vielleicht auch nur in meiner Familie😂) gesagt wird. Ich halte mich natürlich nicht daran 😉

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  2. Noch ne Luisa hier:
    Ich habe den Schirmaberglauben tatsaechlich vor Jahrzehnten in Deutschland gehoert. Unsere aeltere Nachbarin hatte sich ausgesperrt und wartete bei uns, bis ihr Sohn von der Arbeit nach Hause kam. Die aufgespannten Schirme im Flur konnte sie nicht unkommentiert lassen, die bringen schliesslich Unglueck. Und dann fiel die Dunstabzugshaube vom Herd ploetzlich krachend zu Boden, da schrie sie und sprang auf zur Haustuer, sie bringe Unglueck und muesse das Haus schleunigst verlassen. Gelassen haben wir sie nicht, es hat schliesslich geregnet. Und meine Mutter hat behauptet, dass die Dunstabzugshaube staendig auf den Boden kracht und daher bestimmt nichts mit der Nachbarin zu tun hat. Das war zwar gelogen, aber so konnte die Dame ihren Kaffee weiterhin im Trockenen geniessen. 🙂
    Viele Gruesse aus Kanada,
    Luisa die gar keinen Schirm besitzt

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    1. Hallo Luisa, erstmal herzlich willkommen auf meinen Blog! Eine nette Geschichte, also ich kannte diesen Aberglauben aus Deutschland überhaupt nicht. Der ist sicherlich nur regional verbreitet und eher bei älteren Leuten. Es war sehr fürsorglich von deiner Mutter, der Nachbarin mit einer galanten Notlüge aus der ihr peinlichen Situation zu helfen.
      Bei euch in Kanada regnet es wohl nie, oder trägst du Regenumhänge? 😉 Die darf man dann sicherlich aufhängen, auf der Leine. Bei uns scheint, nachdem es gestern geregnet hat, heute am Freitag, dem 17. (!) übrigens wieder die Sonne. Sonnige Grüße zu dir!

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      1. Hallo Anke,
        Es regnet recht häufig hier die Sommermonate über. Aber die meiste Zeit des Jahres schneit es. 🙂
        Regenschirme finde ich einfach unpraktisch. Ich hätte in meinem winzigen Haus gar nicht die Möglichkeit, sie zu trocknen, bei Sturm sind sie unbrauchbar und man kann nichts machen, wofür man zwei Hände braucht.
        Je nach Laune trage ich Regenjacke, Filzhut oder werde einfach nass. Getrocknet bin ich bislang noch immer. 😄
        Viele wolkige Grüße in den sonnigen Süden!

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      2. Ich verstehe und weiß jetzt, nach einem ersten Blick in deinen Blog, dass du kein Stadtmensch bist. 😃 Schirm ist was für Pingelige, wie ich mich selbst ja beschrieben habe. Schnee(matsch) haben wir hier gewöhnlich einmal im Jahr einen halben Tag lang. Die Kinder kommen so gut wie nie dazu, überhaupt mal einen Versuch zu starten, einen Schneemann zu bauen. Ich werde sie mal zu dir rüberschicken im Winter! 😉

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      3. Stimmt, hier klappt es besser mit den Schneemaennern! Die Schulkinder muessen erst ab Temperaturen unter -40 °C in der Pause nicht mehr auf den Hof, da ist noch ausreichend Konstruktionsspielraum. 🙂

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  3. Ja mit dem Aberglaube ist es so eine Sache. Eigentlich möchte man sich davon frei machen, nur gelingt es nicht immer. Unsere Tochter hat übrigens an einem Freitag dem 13. ihre Führerscheinprüfung bestanden. Keine Frage, was das für ein Tag für sie ist 😉🚙

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  4. Interessant 🧐 das mit dem Schirm.
    Da müsste ich schon tief im Unglück versunken sein, so oft wie der aufgespannt vor sich hin trocknen darf 😁
    Blöd wirds, wenn sowas zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.
    Meine frühere Nachbarin war mal entsetzt, als sie mitbekam, dass ich über Silvester Wäsche zum Trocknen hängen hatte.
    Aber sie war trotzdem traurig, dass wir eines Tages wegzogen 😄
    Liebe Grüße
    Sabine

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    1. Ja eben, also wie das die Italiener mit ihren Schirmen machen, keine Ahnung. Tapfere Schirmaufspanner wie du und ich beweisen, dass es geht und dass man darf. Vielleicht hat auch deine Nachbarin bezogen auf deinen „Fehltritt“ mit der Wäsche erlebt, dass er weder dir noch ihr in jenem Jahr Unglück brachte. Liebe Grüße an dich!😃

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  5. Eine super Geschichte! Die Schirme nimmt man bei uns billigend in Kauf, denn die deutsche Hausfrau (😉) trocknet diese in der Badewanne. Nicht, dass die noch Schimmel ansetzen. 😄 Aber, bei einem ist der Römer strikt: Olivenöl dürfen wir nicht verschenken. Das bringe Unglück! 🤪

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    1. In der Badewanne ist ein guter Kompromiss 👍😃
      Olivenöl verschenkt man doch gern, als Urlaubsmitbringsel oder wenn man selbst Olivenplantagen hat (wir nur ersteres). Hab ich da immer was falsch gemacht und bin womöglich in einen Olivenfettnapf getreten oder ist das ein albanischer Aberglaube? Bringt es dem Schenkenden oder dem Beschenkten Unglück? Jetzt will ich es ganz genau wissen! 😉

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      1. Ich kenne es auch so, dass ein gutes Olivenöl ein schönes Gastgeschenk ist. Aber wir dürfen auf gar keinen Fall Italienern Olivenöl schenken. Das wäre ein Fauxpas!
        Heute Nachmittag hakte ich nach, was es mit dem Aberglauben auf sich hat. Der Römer wusste nur, dass man es nicht darf. Im Internet fand ich nichts dazu. Also wurde er darauf angesetzt im Freundeskreis zu fragen. Ich bleibe an der Sache dran und hoffe, berichten zu können, warum Olivenöl-Geschenke eine Unart sind. 😄

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