Die Nacht der Nächte

Ich kann darauf warten: Alle Jahre wieder, am Abend des 5. Januar, gegen 23 Uhr, wünscht mir mein Mann statt einer „Buona notte!“ ein „Buon lavoro, amore mio!“, nicht ohne dabei süffisant zu grinsen.

Ein Scherz, über den ich nur noch müde lächeln kann, höre ich ihn doch schon zum x-ten Mal. Obwohl, im ersten Jahr unserer Ehe begleitete mein Gatte mich womöglich noch persönlich ins Schlafgemach, statt mich nur mit einem nachgerufenen „Viel Spaß bei der Arbeit!“ vom Sofa aus zu verabschieden. Aber das liegt lange zurück und gehört nicht hierher.

Ihr werdet euch zu Recht fragen, welcher Arbeit ich denn kurz vor Mitternacht nachgehen soll, zu der mein Mann mir viel Erfolg wünscht. Die Lösung des Rätsels liegt in einer italienischen Tradition, welche die Reihe der Jahresendfeiertage zum schaurig-süßen Abschluss bringt. Kinder erhalten noch einmal Geschenke, oder zumindest ein paar Süßigkeiten und Nüsse, und zwar am 6. Januar, dem christlichen Feiertag „L’Epifania“, der in Deutschland als Dreikönigstag bekannt ist. Allerdings bringen nicht die Heiligen Drei Könige weitere kleine Gaben, sondern eine mythische Figur des italienischen Volksglaubens, die Befana. Diese hässliche, aber gutherzige Hexe fliegt der Sage nach in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar auf einem Besen von Haus zu Haus und steckt den Kindern, wenn sie brav waren, Naschereien in die Strümpfe.

Nun bin ich leider, nach dem bedauerlichen Ableben der Seniorin aus dem Parterre, tatsächlich die älteste weibliche Bewohnerin unseres Condominio. Dabei habe ich anderen Müttern nur wenige Jahre voraus, und ob man die im Einzelfall tatsächlich sieht, ist noch fraglich, aber ich entziehe mich nicht der Verantwortung. Ich stelle mich der ehrenvollen Aufgabe! Erhobenen Hauptes und mit Löchern in den Socken, wie es sich für eine anständige Befana gehört.

La befana vien di notte

Heute Nacht werde ich meine Arbeit tun. (Ehrlich gesagt, ist mir meine Nachtruhe heilig, ich werde es vor dem Schlafengehen erledigen, also noch vor Mitternacht, in der Hoffnung, dass mich keiner erwischt.) Die sieben Nachbarskinder werden morgen früh gefüllte Strümpfe an der Wohnungstür finden. Ich freue mich insgeheim, dass keiner darauf kommt, von wem sie stammen. Oder vielleicht doch, denn ich habe extra Antirutsch-Socken für jedes Kind gekauft, damit die ganze Aktion obendrein einen praktischen Sinn hat und sich auch die Muttis freuen. Dieser praktische Aspekt könnte dann schnell mir, der eigensinnigen Deutschen im Haus, zugeordnet werden. Egal! Traditionen sind dazu da, neu interpretiert zu werden. Das wird mir keiner übelnehmen.

Und ich freue mich derweil, im Internet über die Befana zu lesen, dass sie heutzutage in erster Linie als gute Fee (!) gehandelt wird. Mein Mann hatte es also immer als Kompliment gemeint. Wie denn sonst?

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

23 Kommentare zu „Die Nacht der Nächte

    1. Gern! Kinder in Deutschland haben den 6. Dezember, in Italien gibts den 6. Januar. Am Ende kommen alle auf ihre Kosten. (Und meine gleich doppelt 😉 Wir pflegen natürlich beide Traditionen, Nikolaus und Befana. 😎)

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  1. Na, da schließe ich den Wünschen für eine gute Verrichtung dieser Aufgabe doch gleich an. – Es ist interessant, wie selbst im Süden Europas die Bräuche sich von Land zu Land doch unterscheiden. In Spanien sind es die Heiligen Drei Könige, die die Geschenke bringen – und in manchen Familien dann tatsächlich erst die Weihnachtsgeschenke. Geduld ist gefragt. Aber auch der Heilige Abend wird als Fest der Geschenke zelebriert. In „unserem Dorf“ damals habe ich den Drei-Königs-Umzug als ein von den ortsansässigen Kaufleuten organisiertes Kamellen-Werfen erlebt. Die Kinder hatten jedenfalls auch daran ihren Spaß.

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    1. Ich gebe mein Bestes. Vor allem in Hinblick darauf, mich nicht erwischen zu lassen. 😉
      Ja, manche Bräuche werden auch von Region zu Region ein bisschen anders gepflegt. Immer ein interessantes Thema.

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  2. Das heißt also, als Befana bist du nicht nur für deine eigenen, sondern für alle Kinder im Haus zuständig? Cool. Ich stelle mir das mal für einen deutschen Wohnblock vor. Schon allein, wie die Mütter sich streiten, wer denn nun die Älteste ist😂. Viel Spaß dabei, ob mit oder ohne Rutschsocken.

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    1. Also genaugenommen habe ich mir diese Zuständigkeit einfach mal selbst verschrieben. Ich hoffe, ich treffe nicht gleich noch andere Fabelwesen im Treppenhaus, es gibt hier auch einen Papa, der sich gerne verkleidet. 😂

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  3. Du bist also die Befana! Dann ist die Übersetzung definitiv “gute Fee” und nicht “alte Hexe”. 😄
    Ich erinnere mich an mein Au Pair Jahr als die Kinder von der alten Hexe sprachen, die am 6.1. kommen sollte. Ich verstand nur Bahnhof! 😄 Aber sie brachte mir auch ein Geschenk, deswegen schätze ich sie seitdem sehr. 😉

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      1. Zum Glück fliegt die Befana, sonst wäre sie dieses Jahr auch der Ausgangssperre (coprifuoco) von 22 Uhr bis 5 Uhr zum Opfer gefallen.

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