Zimmerreisen: B wie Besteck

Gern folge ich der Einladung von Puzzleblume und veröffentliche einen Text zu ihrem Schreibprojekt.

Zimmerreisen“ sind gerade in diesen besch…ränkten Zeiten eine willkommene Idee, mit den Gedanken auf Reisen zu gehen und andere daran teilhaben zu lassen. Wir haben mehr Dinge in unserer nächsten Umgebung, zu denen es Geschichten zu erzählen gibt, als wir glauben. Diese Dinge, wenn wir sie wiederentdecken oder genauer betrachten, als wir es normalerweise tun, können uns erfreuen, trösten, ablenken, unterhalten.

Ich habe einen beziehungsweise ein Set von Gegenständen bei mir daheim gewählt, die eine lange Reise hinter sich und viel erlebt haben: drei Staaten, zwei Sprachen, zwei Gesellschaftssysteme, verschiedene Tischkulturen. Zugegeben, bei deren Gebrauch denke ich nicht jedes Mal an all diese Etappen, aber sehr oft an den Ort und die Person, bei der die Reise begann. Es geht in meiner Zimmerreise mit dem Buchstaben B um:

Besteck. Das meiner Oma.

Meine Oma mütterlicherseits war, so erinnere ich mich, in den 80er Jahren besonders stolz darauf, aus dem damals vorigen Jahrhundert zu stammen. Ich sehe noch ihren kräftigen Busen unter der geblümten Kittelschürze wogen, wenn sie lachend davon erzählte. Meine Kinder staunen heute auch nicht schlecht, dass ihre Urgroβmutter aus dem unvorstellbar vorvorigen (!) Jahrhundert stammt. Genau, die Rede ist von AchtzehnhundertLeipzig. Oder richtiger in diesem Fall wäre: AchtzehnhundertBerlin. Ganz knapp zwar, aber es gilt noch: Meine Oma erblickte 1899 das Licht unserer schönen Welt. In Berlin. Und da, genauer im Osten Berlins, blieb sie auch das ganze Leben, bis Anfang der dreißiger Jahre in verschiedenen Mietshäusern, ab 1933 in der Gellertstraβe in Berlin-Adlershof. Erdgeschoss mit Balkon, Ofenheizung, anderthalb Zimmer, Küche und Bad. Im Sommer angenehm schattig, den Rest des Jahres dunkel, da durch die hohen Bäume und den Wohnblock gegenüber kaum Licht in die Wohnung fiel. Gern erinnere ich mich an die Sonntage, an denen wir Oma besuchten. Es gab, wenn wir bei ihr waren (und wie es sich für ein sonntägliches Mittagessen gehörte) immer ordentlichen Schweinebraten mit viel Soße, Salzkartoffeln und Erbsen. Ich habe noch den Duft in der Nase, glaubt ihr es? Und ich spüre, wie ich die festen Kartoffeln mit der Gabel auf dem Porzellanteller zerdrücke, um die gute Tunke aufzusaugen. Die war nicht dick und dunkel, mit irgendwelchen Zusätzen bereitet. Sie war klar, schmeckte nach dem Fleisch und nix weiter, und das war einfach köstlich.

Omas Besteck, bestehend aus sechs Gabeln, sechs Messern, sechs Suppenlöffeln, sechs Kuchengabeln und sechs Kaffeelöffeln, habe ich geerbt. Bei der Wohnungsauflösung nach Omas Tod 1988 kam es in einen Karton, wurde mit der S-Bahn zu uns nach Strausberg befördert und in den Keller verfrachtet. Aus diesem tristen Kellerdasein befreite ich es einige Jahre später, es war 1995, um es im Auto eines Bekannten mit nach Leipzig zu nehmen, wo ich meine erste eigene Wohnung bezog. In meinem Singlehaushalt kamen Omas Messer und Gabeln leider nur selten zu Ehren oder gar alle gemeinsam auf den Tisch. Wahrscheinlich war eine Gabel von ihnen auserwählt, die ich selbst täglich benutzte, abwusch und im Besteckkörbchen bis zum nächsten Gebrauch einsam trocknen ließ. Doch schon 2001 ging es auf richtig große Reise für die Berliner Besteck-Truppe. Von Leipzig aus tuckerten sie, wieder gut verpackt, in einem kleinen Lastwagen über die Alpen. Es ging nach Norditalien. Da staunten sie nicht schlecht, als sie plötzlich kaum noch für Kartoffeln mit Soße zum Einsatz kamen, sondern vielmehr für Pasta, und zwar in allen möglichen, ihnen bis dahin unbekannten Varianten. Und das regelmäßig und in guter Gesellschaft. Ich bekam oft Besuch aus Deutschland oder von Kollegen. Wie hinlänglich bekannt, sitzt man in Italien gern und lange bei Tisch, dank mehrerer Gänge durfte jedes Besteckteil seinen glänzenden Auftritt absolvieren. Nur die Kuchengabeln fristeten weiter ein eher unbeachtetes Dasein. Eigentlich kamen sie bis vor Kurzem nur alle Jubeljahre mal an einem Sonntag auf den Tisch, wenn ich für meine deutsche Freundin und ihre Familie Kuchen buk. Doch die Zeiten haben sich geändert. Im Frühjahr 2020 ‒ ihr wisst selbst, wie es sich ergab ‒ entdeckten meine Töchter das Backen für sich und es gibt bei uns jetzt regelmäßig auch nachmittags feine Sachen, wir sind schließlich alle den ganzen Tag daheim. Sogar mein Mann, der Italiener, hat mittlerweile den Umgang mit der Kuchengabel gelernt. Er war es gewohnt, ein Stück Torte, so selten wie es das gab, mit Messer und Gabel zu zerschneiden. Er aß die Torte nicht anders als ein Steak! Von mir lernte er nicht nur die Tradition der wichtigen deutschen Mahlzeit „Kaffee und Kuchen“ lieben, sondern auch die feinen Sitten beim Tortenverzehr.

Übrigens: Nach dem Schweinebraten mit Kartoffeln, Erbsen und Soße gab es bei Oma immer Vanillepudding mit Kompott. Ich habe auch noch die Glasschälchen, aus denen wir ihren leckeren Nachtisch aßen. Natürlich hoffe ich, sie werden nicht zerschlagen, aber beim Besteck bin ich mir im Gegensatz zu den Schälchen absolut sicher, dass es auch meine Enkel noch benutzen können und vielleicht einmal erben werden. Wer weiß, wohin auf der Welt es die treuen Gefährten der Familie dann verschlägt. Meine Töchter jedenfalls zieht es nach eigenen Aussagen (Stand Januar 2021) ins Ausland. Womöglich stehen dem Berliner Besteck meiner Oma noch weitere große Reisen und turbulente Erlebnisse bevor, es wird andere Tischsitten und Esskulturen erfahren. Aber das ist noch eine Weile hin. Bis dahin erfreue ich mich selbst an den guten Stücken und an meinen Erinnerungen an Oma in Berlin-Adlershof.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

26 Kommentare zu „Zimmerreisen: B wie Besteck

  1. Ganz wunderbar finde ich deine Zimmereise, die leckeren Oma-kocht-Dufterinnerungen inklusive. Meine Grosseltern sind zum Teil auch noch knapp vor 1900 geboren und zumindest jetzt, als nun auch selbst Späterwachsene empfinde ich die vielen kleinen Erinnerungen als einen interessanter Fundus gegen Langeweile. Besonders schön finde ich es, wenn jemand anderes mit seinen kleinen und grossen Erinnerungen daran stösst, und wieder etwas anschubst. Vielen Dank fürs Mitmachen!

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      1. In unserer kleinen Tageszeitung fand ich die Anregung. dazu,, unterhielt mich mit Almuth darüber, ob man das mal anschubsen sollte, und so kommt’s. Ich bin froh, dass es tatsächlich seine Liebhaber findet 🙂

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  2. Ich erinnere mich an die Rindfleisch-Nudelsuppe meiner Großmutter. Ich war als Kind – wie man hier sagt – ein Krischperl und jede Portion Suppe war ein ernährungstechnischer Erfolg. Dieser wurde auch den stolzen Eltern nach einem Wochenende bei Oma in der Zahl der Näpfe übermittelt. Ich bekam die leckere Suppe nämlich in einem großen blauen Napf, den ich mit einem großen Löffel leerte. Viele Jahre später lud mich meine Großmutter ein. Als ich ankam stand auf dem Esstisch mein großer blauer Napf, daneben der große Löffel. Es gab Rindfleisch-Nudelsuppe. Und ich wusste auch sofort, was sie mir damit sagen wollte. Nach ihrem Tod fragte mich meine Tante, ob die den Napf und den Löffel nicht haben möchte. Ich aber fragte „wozu?“. Die Suppe gibt es nur noch in meiner Erinnerung…

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    1. Eine rührende Geschichte. Omas Gerichte, einfach, traditionell und mit LIEBE zubereitet, sind unnachahmlich. Krischperl … wo sagt man so? Ich kenne nur Suppenkasper, aber das passt ja nicht, du hast Omas Suppe gern gegessen!😊

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  3. Schön geschrieben, wie das Besteck mit dir durch dein Leben reist. Mir geht es ähnlich wie Puzzle, es ist schön, dabei selbst wieder an manches erinnert zu werden. In 10 Jahren oder so möchte ich hier gerne lesen, wo das Besteck dann wohnt 🙂

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  4. Was für eine schöne Idee, die Reisen des Bestecks deiner Oma zu erzählen! Du hast toll verdeutlicht, dass Objekte so wenig wie Menschen Dieselben bleiben im Lauf der Zeit. Alles verändert sich, und aus dem Schweinebraten wird Pasta, großartig! 🙂
    Ich selbst esse seit Jahrzehnten nur mit einer bestimmten Gabel, die ebenfalls aus dem Hausstand meiner Oma stammt. Das inspiriert mich gerade, vielleicht wird sie auch bei mir das Ziel einer Zimmerreise. 🙂

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  5. Mit Manus Sonntagsbesuchen bei der Oma aus Deinem Roman im Hinterkopf, gefällt mir dieser Text besonders gut. Ich wünsche dir noch viele schöne Zimmerreisen (aber natürlich nicht nur solche, sondern auch Reisen ohne Zimmer im Gepäck). 😄

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    1. Dankeschön. Oh ja, die richtigen Reisen, oder nur mal wieder kurz einen Ausflug an den See, das wäre was! Unsere Kommune, in der wir uns nur bewegen dürfen, ist klein. Heute waren so viele Leute spazieren, da wirkte unser Fahrradweg im Wald plötzlich auch wie eine Seepromenade 😎

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