Doot uff Laatschn

Il tuo aspetto oggi è un po’ … cadaveresco!

Dass es sich bei der hämisch grinsenden Bemerkung meiner Kollegin nicht um ein Kompliment handelte, war mir angesichts meiner physischen Verfassung klar.

Come, prego?“ „Was meinst du?“, fragte ich irritiert.

Intendevo, che sei un po’ pallidina oggi.” „Ich meinte, du bist ein wenig blass heute.“

Nach einem Wochenende im Liegen und mit Eimer neben dem Bett, begann mein nicht gerade auf Hochtouren laufendes Gehirn zu rattern. Was hatte sie bloß gesagt, was bedeutete dieses Wort „cada… wasweißdennich“. Das Suffix „esco“ klang ja immerhin recht zauberhaft, erinnerte an pittoresk, burlesk, kafkaesk, alles sehr gebildet und vornehm. Aber nein, sie sprach von ca-da-ver-esco.

„Du meinst, ich sähe heute aus wie ein Kadaver!“, platzte es aus mir heraus, als der Groschen endlich gefallen war.

Meine ehrliche Kollegin grinste und zog die Schultern hoch. Und sie hatte recht. Ich grinste zurück, so gut es eben ging, und nahm es mit Humor und Stolz, einen neuen Begriff gelernt zu haben. Auf der Heimfahrt im Auto kam ich drauf, wie man in Deutsch sagen würde: Du siehst aus wie der Tod auf Latschen. So jämmerlich mir immer noch zumute war, huschte mir doch gleich ein Schmunzeln über das Gesicht, als ich an unsere heimatliche Redewendung dachte. Und wahrscheinlich war es sogar der Berliner Dialekt, der mir im Ohr klang: Doot uff Laatschn.

Später wollte ich meine Familie an der Freude über mein neues bildungssprachliches Wort teilhaben lassen, stieß aber nur auf ungläubige Blicke. Den wohlklingenden Begriff cadaveresco gibt es gar nicht! Alle Achtung, solch wortgewandte Kreativität hätte ich meiner Kollegin gar nicht zugetraut. Vielleicht wollte sie es auch nur ein wenig netter sagen. Cadaverico, wie „leichenblass aussehen“ wirklich genannt wird, klingt doch viel brutaler, findet ihr nicht?

Nun bleibt noch zu erwähnen, dass das von Kindern und Kommerz geliebte Fest am heutigen Tage absolut nicht meins ist. Wie um eine unfreiwillige Teilnahme zu verhindern, ereilt mich fast jedes Jahr am besagten Tag und drumherum eine gruselige Magenverstimmung. Die ist nur insofern praktisch, dass ich aufs Verkleiden verzichten kann. Ich sehe nämlich schon aus wie besagter Tod auf Latschen. Es scheint fast, als hätten meine Töchter in diesem Jahr Glück, und die Spielverderber-Mama hat ihre Halloween-Übelkeit bereits hinter sich. Das Timing stimmte nicht ganz, aber die Jahreszeiten spielen ja auch immer verrückter. Und so kam es dazu, dass ich diesen Beitrag zu einem Anlass verfasste, den ich doch ignorieren wollte. Wegen eines kleinen, hämisch nett gemeinten, nicht einmal existierenden Wortes. Ich habe es in meinen Kreativwortschatz übernommen.

Habt einen schaurig schönen, nur dank Make-ups „kadaveresken“ letzten Abend im Oktober!

Titelbild: Symbolbild von Pexels. So jung wäre ich gerne noch einmal. So müde bin ich (fast) immer.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

27 Kommentare zu „Doot uff Laatschn

  1. Das passt ja heute an Halloween. Und das ganz ohne Make Up 🙂
    Tod auf Latschen kannte ich gar nicht. Ich höre eben, dass es in Franken heißt: „Du siehst aus, wie der Tod von Forchheim“….der Franke kann mir aber nicht erklären warum….
    Naja….ich halte es eh lieber mit den Lebenden und Halloween ging noch nie an mich 🙂
    Gute Besserung!

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    1. Danke, es geht schon wieder, bin unter die Lebenden zurückgekehrt. 😊💪 Vielleicht ist „Tod auf Latschen“ tatsächlich ein Berliner Ausdruck? Wer weiß, vielleicht kommt hier noch Aufklärung von jemandem … Hab einen schönen lebhaften Sonntag, liebe Nicole!

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  2. Diese jahreszeitlich bedingten Magenverstimmungen kenne ich leider nur zu gut 🙄. Zur Beruhigung – je älter man wird, desto weniger fallen sie ins Gewicht. Oder, sie lassen nach in ihrer Zuverlässigkeit. Ansonsten weißt du ja, was unsere Familie heute feiert 🎂. Lass es dir gut gehen und vielleicht doch nicht allzu viel durcheinander essen heute, vor allem Süßes 😉. Deinen Kindern wünsche ich viel Freude, freundliche Menschen und euch als Eltern gute Nerven 👻
    LG Bettina

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    1. Vielen Dank, liebe Bettina. Oh nein, mit den typischen Süßigkeiten zu diesem Anlass kannst du mich jagen, und Lust auf eine neuerliche Magenverstimmung habe ich nicht. Unsere Mädels feiern so eine Art Fasching im Horror-Stil, nix weiter. An fremden Türen wird nicht geklingelt! Nochmal alles Gute und einen schönen Fest- und Feiertag euch!

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  3. Haha, apropos Kopf hoch. Gerade vorgestern einen italienschen Film gesehen: Alza la testa. Kennst du den? Sehr schräg und zwischendurch so dermassen tragisch, dass ich mir nicht sicher war, dass ich es bis zum Ende aushalten würde. Hat sich aber doch gelohnt….

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  4. Als Alternative zu dem längeren Ausdruck, den meine Mutter früher stattdessen gern verwendete: „… wie Käse, Milch und Spucke“ finde ich kadavereskes Aussehen beinahe Mortitia Addams-gemäss elegant. Trotzdem wünsche ich lieber Gute Besserung!

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    1. Eben, mir gefällt der Begriff auch. 😉 Jetzt, wo du so etwas ähnliches sagst, erinnere ich mich auch an eine Redewendung meiner Oma und meiner Mutter: Braunmehl mit Spucke.
      Danke für die guten Wünsche, ich habe schon wieder etwas Farbe! Liebe Grüße und noch ein schönes WE!

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  5. 😄 Die Höflichkeit und Indirektheit der Italiener*innen verzaubert mich jedes Mal aufs Neue: Anstatt zu sagen, dass du kreidebleich wie eine Wand aussiehst (was der Deutsche vermutlich bei Betreten des Büros herausposaunt hätte), sagt deine Kollegin „un po‘ pallidina“. Man verkleinert und schwächt ab, um bloß nicht unfreundlich zu sein. 😄 „Ein bisschen blässlich“ ist gleich viel freundlicher. 😄
    Habt ein schönes Halloween, ob mit oder ohne Make-Up bzw. Festivitäten und ich bin mir sicher, dass du nächste Woche wieder ausschaust wie das blühende Leben 🎉💛

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    1. Danke dir! Zur Direktheit der Deutschen fällt mir noch ein, was mir ein netter Kollege in Leipzig mal an den Kopf warf, als ich mit topaktuellem Schnitt und Farbe (blasslila Strähnen in platinblond, damals der heißeste Scheiß) ins Büro einlief: Den Prozess gegen deinen Friseur gewinnst du! Die waren dermaßen konservativ da in der Bank, puh.😂
      Auf dass der neue Monat auch euch Dreien frische Farbe ins Gesicht zaubert! Liebe Grüße!

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