Pippi, che magia!

Alle Jahre wieder. Die gleiche Frage. Gestern war sie sogar mit einem vermeintlichen Verbesserungsvorschlag verbunden. „Kommt Pippi eigentlich wieder abends oder kannst du sie schon früh kommen lassen, bevor ich aufstehe?“ Meine Tochter zwinkerte mir zu, und als sie meinen irritierten Gesichtsausdruck sah, ergänzte sie schnell: „Nun komm schon, ich weiß doch längst, dass du Pippi bist, Mama!“

Nun töne ich mir zwar seit ein paar Wochen die Haare rot, aber nicht in einem knalligen Orangeton wie das schwedische Frollein, mit dem ich jetzt verglichen werde. Meine Haarfarbe ist ein edles Burgundy. Warum soll man einen guten Rotwein nur trinken, wenn man ihn auch auf dem Kopf tragen kann.

Zu der frechen Behauptung meiner Tochter lächelte ich schnell, auch um die aufsteigende Panik zu überspielen. Ich hatte nicht mehr damit gerechnet, dass meine große Kleine wieder auf den Pippi-Adventskalender bestehen würde. Wie schon seit einigen Jahren ging ich davon aus, ihn endlich ersetzen zu können. Ich habe mir diesmal sogar erlaubt, einfach für jedes Familienmitglied einen bereits gefüllten Kalender einer Süßwarenmarke zu kaufen, die es bei uns in Italien nun auch gibt. Aber es gleicht einem Fluch, Pippi lässt mich nicht mehr los. Vielleicht hat das mit meiner ursprünglichen Verweigerung zu tun, damals, in den Sommerferien am Storkower See?  

Noch nicht die Welt, wie sie uns gefällt

Es war Anfang der 80er-Jahre, im Juli oder August. Zwei Wochen Familienurlaub in einer Bungalowsiedlung südöstlich von Berlin. Den ganzen Tag an der frischen Luft, im Wald, am See. Federball spielen, Himbeeren sammeln, Ruderboot fahren, schwimmen. Bei schlechtem Wetter gingen wir Kinder manchmal in den sogenannten Gemeinschaftsraum, eine Runde Tischtennis oder Karten spielen. Ein Fernseher stand auch darin, und wenn uns gar nichts anderes mehr einfiel, schalteten wir ihn ein. Nachmittags gab es Kinderfernsehen, meist lief ein Märchen oder irgendein altersgerechter DEFA-Film. Einmal kam einer von uns auf eine andere Idee. „Lasst mich mal ran, ich weiß was Besseres.“ Der Junge kletterte auf einen Stuhl und drehte am verbotenen Knopf. „Beim ZDF kommt Pippi Langstrumpf, das fetzt.“ Was der sich traute. Mir war unwohl bei der Sache, schließlich war Westfernsehen verboten, in einem Ferienobjekt der Nationalen Volksarmee. Ich wagte nicht, laut zu protestieren. Schon gar nicht gegenüber den frechen Jungs, die auch noch älter waren als ich. Stattdessen schlich ich mich heimlich und leise, eine Ausrede brummelnd, von dannen. Dabei hätte ich lieber mit ihnen gespielt. Um diese komische Fernsehsendung tat es mir nicht leid. Mit Westpropaganda wollte ich nichts am Hut haben, ob die nun für Kinder in Gestalt einer bezopften Rothaarigen daherkam oder wie auch immer. Auf keinen Fall konnte ich damals ahnen, dass ich im Leben noch mehr als genug von Pippi Langstrumpf bekäme, nur auf Italienisch.

Pippi, Pippi, Pippi, che nome, fa un po‘ ridere*

Pippi Calzelunghe war jahrelang DER Dauerbrenner bei meinen Töchtern. Erst konnte sich die Große nicht sattsehen, und als sie aus dem Pippi-Fieber raus war, fing die Kleine damit an. Wir hatten die Serie auf DVD, wenn sie nicht gerade sowieso im Fernsehen lief. Dazu kamen bald Bücher, Puzzle, Memory. Pippi round the clock, bis es uns Eltern zu den Ohren herauskam. Ich nahm es mit Humor und irgendwann lud ich sogar den italienischen Titelsong als Klingelton auf mein Handy. So hatten meine Kollegen im Büro auch etwas davon.

Im Advent wird Pippi magisch

Vor acht Jahren war es wohl, da schenkte uns meine Schwester einen Adventskalender von Pippi Langstrumpf, mit dem sie als Tante natürlich einen Volltreffer landete. Seitdem hing jedes Jahr die blaue Kordel am Bettgestell im Kinderzimmer. An jedem Tag im Dezember, vom 1. bis zum 24., kam schwuppdiwupp ein neues Tütchen dran, in dem eine Süßigkeit, Nüsse oder andere Kleinigkeiten steckten. Das Tütchen erschien auf magische Art, kurz bevor die Kinder aus dem Kindergarten oder dem Hort nach Hause kamen. Am Wochenende war es zuweilen schwierig für Pippi, einen unbeobachteten Moment zu finden, um ihre Magie walten zu lassen.

Und in diesem Jahr? Heute Morgen hing noch kein Tütchen an der Kordel, die unsere Kleine diesmal eigenhändig angebracht hat, um auf Nummer Sicher zu gehen. „Warte mal ab, vielleicht heute Abend“, tröstete ich sie. Dabei unterdrückte ich ein Kichern und summte leise vor mich hin: „Forse non lo sai, ma io qualche volta divento magica.”**

*Pippi, Pippi, Pippi, was für ein Name, er ist ein bisschen komisch. **Vielleicht weißt du es nicht, aber manchmal entwickle ich magische Fähigkeiten … So heißt es im italienischen Lied von Pippi Calzelunghe. Hört mal rein, allein die Stimme der kleinen Sängerin ist ein Spettacolo!

Titelbild: Motiv unseres Adventskalenders.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

25 Kommentare zu „Pippi, che magia!

  1. Meine Schwester und ich sind mit Pippi groß geworden. Wir waren ganz verrückt danach, waren fasziniert von ihrem Mut und Einfallsreichtum, identifizierten uns aber eher mit Tommy und Annika in ihrer Bewunderung für Pippi. Gerade heute sprachen meine Tochter und ich über Heilig Abend und dass es keiner wäre, liefe nicht vor dem Kirchgang und der anschließenden Bescherung Michel aus Lönneberga. Damit sind unsere Kinder aufgewachsen. Astrid Lindgren geht eben immer 😊
    Liebe Grüße Bettina

    Gefällt 3 Personen

    1. Siehst du, ich hatte eben später meine zweite Chance, Astrid Lindgren kennenzulernen. 😉 Schön, wenn deine Tochter auch wieder euren traditionellen Film ins Spiel bringt. Es gibt herrliche Weihnachtsgeschichten der Autorin. Und neben dem Übermut und Hang zum Leichtsinn, zeigen Pippi und andere Helden ja immer Herz für Benachteiligte und einen gesunden kindlichen Gerechtigkeitssinn. Das hat damals die Zensur offensichtlich nicht erkannt. Buona serata, liebe Bettina, und einen gesunden und entspannten Advent!

      Gefällt 1 Person

    1. Das stimmt. Und man kann diese Traditionen ja auch abwandeln bzw. weiterentwickeln. So habe ich, ähm Pippi, diesmal lustige Rätsel für die Tütchen vorbereitet, in Deutsch, also drei Fliegen mit einer Klappe: Freude, Spannung und Lerneffekt. Den Süβkram gibt’s diesmal schon in den gekauften Kalendern. Danke, das wünsche ich dir auch, liebe Barbara. Und viel Spaß beim gemütlichen Lesen zum Abarbeiten deines Bücherstapels!😊

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  2. Liebe Anke, die Geschichten mit Pippi habe ich vor allem mit meiner Tochter verschlungen, als ich sie ihr vorlas. Ich hatte selbst riesigen Spaß daran, die Tochter erst recht. Wie schön, dass es solche Geschichten gibt.
    Liebe Grüße, Marie

    Gefällt 2 Personen

  3. Das war wieder ein interessanter Einblick in gleich zwei Welten: Die italienische Pippi Langstrumpf kannte ich noch gar nicht. Zugegeben, es war sehr aufregend. Als würde man eine alte Bekannte nochmals ganz neu kennenlernen. Sprache verändert eben. 😉
    Aber auch deinen DDR Einblick fand ich faszinierend. Man macht sich, als ganz frühes Kind der 90er, gar nicht bewusst, wie anders das war. Pippi durfte man eben nicht sehen.
    Umso schöner, dass deine “kleine Große” auf ihren Pippi Adventskalender besteht und er noch immer fleissig gefüllt wird.

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    1. Ich hatte gar nicht bedacht, dass gleich zwei unbekannte Welten für dich in meinem Beitrag stecken. Der Römer hat dir also Pippi Calzelunghe bisher vorenthalten? Unverzeihlich. 😉 È davvero magica! 😊

      Gefällt 1 Person

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