Das Leben ist kein Wunschkonzert

Manchmal passt allerdings ein Stück Musik wie der Deckel auf den Topf, in dem es brodelt. Und das, was gerade gekocht wird, bekommt erst die richtige Würze.

Auch wenn die meisten Menschen heutzutage vermutlich am liebsten die Musik hören, die sie sich bei Spotify als Playlist zusammengestellt haben, bin ich ein Freund des Radios. Musik übers Radio zu hören hat den wunderbaren Effekt, immer wieder überrascht zu werden. Hat man einmal seinen Sender gefunden, kann nicht mehr viel schiefgehen. Obendrein ist es spannend, den Titeln, die an einem bestimmten Tag und in einem besonderen Moment gespielt werden, gleich noch eine situationsbezogene Bedeutung zuzuschreiben. Ein Song wird dann zum Wink des Schicksals. Er sendet ein Zeichen. Das mag ein wenig übertrieben klingen, vermutlich bin ich da in der spätpubertären Phase hängengeblieben. Es war Donna Summer mit „This time I know it’s for real”, die mir sagte, dass ER der Richtige sei. War er dann auch, für eine ziemlich lange Zeit. Noch heute, wenn ich dieses Lied höre, muss ich lächeln und erinnere mich gern an damals, als die „richtigen“ Titel im DDR-Rundfunk viel seltener gespielt wurden, als es heute bei einschlägigen Hitstationen der Fall ist.

Vor ein paar Tagen hatte ich nun in Bezug auf meine Tochter ein solches „Deckel-auf-Topf“-Erlebnis der musikalischen Art. Ich brachte unsere Kleine zum Eignungstest für die Klasse mit erweitertem Musikunterricht, die sie in der Mittelschule besuchen möchte. Natürlich war sie aufgeregt, hatte sich Lieder, die sie singen würde und Noten, die sie auf der Flöte spielen könnte, im Kopf zurechtgelegt. Nichts von alldem wollte man hören. Eine musikalische Vorbildung war gar nicht gefragt. Ich glaube, es ging bei diesem Test eher darum, den Kandidat*innen persönlich auf den Zahn zu fühlen, ob sie denn selbst an den zusätzlichen zwei Stunden pro Woche interessiert sind. Gibt es da wirklich eine kindliche Leidenschaft für Musik oder sind es nicht doch die Eltern, die ihren Sprössling gerne kostenlos fördern lassen möchten. Ich brauche hier nicht klarzustellen, wie es sich in unserem Fall verhält. Glaubt mir, ich könnte auf zusätzliche Wege und Termine am Nachmittag für ganze drei Jahre wunderbar verzichten.  

Der radiotelepathische Zufall, von dem ich berichten wollte: Es waren kaum fünf Minuten mit dem Auto bis zur Schule, und während dieser kurzen Fahrt lief im Radio ausgerechnet „Scatola“, der aktuelle Titel von Laura Pausini. Ein Song, der beim ersten Hören von den Erinnerungen an die verlorene Freundin der Kindheit erzählt. Er projiziert das Symbolbild der Scatola dei recordi, der Schachtel mit Erinnerungen, die die eine irgendwo aufbewahrt, während sie ihr Leben fern von der anderen weiterlebt. Dass Laura Pausinis neuer Song für die Künstlerin noch eine zweite Bedeutungsebene hat, erfuhren wir während ihres Gastauftritts beim diesjährigen Sanremo Festival. „Scatola“ ist auch die Titelmusik ihres Films „Piacere di conoscerti“ (sinngemäß: Schön, dich kennenzulernen), der im Frühjahr bei Amazon Prime ausgestrahlt wird. Der Film erzählt die Geschichte der Begegnung der Künstlerin Laura Pausini mit ihrem eigenen Ich, dem von damals, bevor der Sieg bei Sanremo 1993 mit La solitudine“ ihre grandiose internationale Karriere ins Rollen brachte.

Perché io questa canzone la vedo come un dialogo tra me stessa e la Laura adolescente.” *(Denn ich sehe dieses Lied als einen Dialog zwischen mir und der Teenagerin Laura.)

So weit zu Laura und ihrer persönlichen Interpretation, an welche ich jetzt immer denken muss, wenn ich diesen Song höre. Entsprechend gerührt war ich, als ich meine Kleine zu den letzten Noten von „Scatola“ vor der Mittelschule absetzte. Ich konnte mich nicht gegen meine sentimentalen Anwandlungen wehren, die musikalische Begleitung dieses Moments war einfach perfekt. So heißt es darin auch: „Io ti dicevo che volevo cantare. Tu cosa volevi fare?“ (Ich habe dir gesagt, dass ich singen will. Welche Pläne hattest du?) Ist dieser kleine Schritt, der Eignungstest für die Musikklasse, womöglich auch ein Puzzlestück für das Leben meiner Tochter? Ja, nein, vielleicht. Alles ist möglich, denn für die gerade Zehnjährige ist naturalmente noch alles offen, und das ist gut so. Sie möchte, müsste sie sich heute festlegen, Cantante (Sängerin) werden. Wenn das nicht geht, Pasticciera (Konditorin). Und wenn das auch nichts wird, wäre Scienziata (Wissenschaftlerin) eine weitere Option.

Egal, was kommt und wer weiß, wie oft sie die Spur womöglich wechseln möchte oder muss. Ich wünsche ihr, dass sie irgendwann zurückblickt und sagen kann: Sì, questa era la vita che volevo. Ja, ich habe das Leben gelebt, das ich wollte.

Hört einfach mal rein in „Scatola“! Ein klassischer Laura Pausini Song. Immer das Gleiche, sagen einige. Immer wieder stark, sage ich. Wie gefällt er euch?

PS: Fünf Minuten vorm heutigen Redaktionsschluss erhielt ich digitale Post vom Bildungsministerium. Unsere Tochter wurde in die Klasse mit erweitertem Musikunterricht aufgenommen.

*Laura Pausini zitiert bei allmusicaitaliana.it

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

39 Kommentare zu „Das Leben ist kein Wunschkonzert

  1. Das ist ja fein. Musik auszuüben ist für die Entwicklung vieler Eigenschaften positiv, an die man vordergründig dabei gar nicht denkt. Zuhause höre ich nie Radio, aber auf Besuch in anderen Ländern freue mich immer daran, dass es überall anders ist.

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    1. Das stimmt, auch wenn einer keine Musikerlaufbahn einschlägt, ist es ein wunderbares Hobby. Wir hören manchmal am Wochenende deutsche Radiosender, die regionalen, die wir bei meiner Familie kennengelernt haben. So bleibt man gedanklich verbunden und auf dem Laufenden, was dort gerade musikalisch aber auch in den Nachrichten angesagt ist.

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    1. Na dann herzlichen Glückwunsch und viel Freude der neuen Musikschülerin!
      „Tausend mal du“ von der Münchner Freiheit verbinde ich mit einem längst Verflossenen 😉 und der längst verflossenen Jugendzeit. Mit Musik und Gerüchen kann man sich so wunderbar erinnern.

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      1. Danke schön! Mal sehen, ob nun auch noch das Instrument ihren Wünschen entspricht, aber vielleicht entdeckt sie auch ein anderes. Ob eigentlich die „Jungs“ damals auch diese „magischen“ Verbindungen sahen? Ich fürchte, eher nicht. Haha. 😉

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    2. Danke! Wir freuen uns wirklich, da die Schule im Nachbarort ist und vielleicht den Residenti der Vorzug gegeben wurde. Und ja, Radio jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit ist ein super Medium, informiert und unterhält. Zum Mitmachen bin ich noch nicht gekommen, weil ich mir so nebenbei nie die Nummer für WhatsApp merken kann, falls ich mal was zum Thema zu sagen hätte, und dafür sogar anhalten würde.

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  2. Bin auch eher der Radio- und nicht der PlaylistFan – aus genau den Gründen, die du genannt hast.
    Allerdings gibt es da bei mir Ausnahmen:
    Wenn ich Songs höre, die mir absolut GUT gefallen, laufen die dann auch schonmal via Stick in Dauerschleife! 🙂
    Und zum P.S.: Congrats!!! 🙂

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  3. Schön! Ich bin nicht die einzige, die immer noch gerne Radio hört und die in die jeweiligen Lieder hineininterpretiert. Schade, dass auf den Smartphones der Radioempfang deaktiviert wurde. Es war schön auf Reisen auch ohne Internet.
    Tanti saluti 🙂

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  4. Kennst du rein zufällig das „Ensemble für Musik und Bewegung“ in Berlin an der Klosterstraße? Das war das Beste, was unserer Tochter auf dem Gebiet Musik passieren konnte. Die Kinder konnten Instrumente spielen lernen, fremdsprachige Lieder singen, mit dem Ensemble in mehrere Länder zum Auftritt fahren und unheimlich viel Spaß haben. Mit dem geplanten Ballett hatte es (zum Glück) nicht geklappt – aber diese Einrichtung war 100x besser. Die Leiterin, Frau Sauer, war zwar schon uralt, aber es war so ziemlich das Beste, was ihr in der Berliner Kindheit passieren konnte.
    Lieben Gruß

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    1. Nein, das sagte mir nichts. Aber es steckte das gleiche Prinzip darin wie bei unserem Tanzensemble in Strausberg: über Jahre als Truppe trainieren, zusammen Freude haben, gemeinsame Erlebnisse bei Auftritten und Reisen. Eine solches Konzept habe ich leider in Italien nicht gefunden. Auch meine Mädchen waren zunächst tanzen, aber hier gibt es nur Tanzschulen, wo nach einem Jahr eine einzige Aufführung vor den zahlenden Eltern stattfindet, wie um zu beweisen, dass das investierte Geld etwas gebracht hat. Und im Jahr darauf geht es vollkommen unabhängig vom vorher Einstudierten wieder neu los. Liebe Grüße zu dir!

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  5. Danke. Ich bin auch Radio-Fan und zwar nicht von dem „Endlos-Die-größten-Hits-aller-Zeiten-Getöse“ sondern von gutem Programm-Radio
    Da merkt man, jemand hat sich Gedanken gemacht, wie er/sie Wortbeiträge und Musik aufeinander abstimmt. So etwas gibt es tatsächlich und dafür zahle ich ober-liebend-gern GEZ. Dafür spare ich mir den Spotify-Account 😉

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  6. Was für wunderbare Nachrichten, dass sie ihrer Leidenschaft nachgehen kann und darf. 🤩 Wie schön, wenn noch alle Türen eines so jungen Lebens offen stehen und die Eltern einen unterstützen, wenn es darum geht, das zu finden, was einem Freude bereitet und wer weiß, vielleicht auch zu einem Beruf wird? Auch, wenn es für dich Fahrdienste bedeutet, die vermutlich nicht immer die Kirsche auf der Sahne sind. Es bleibt spannend wie sich der Weg deiner Tochter entwickelt. Und wer weiß, vielleicht singt sie in Zukunft auch auf den ganz großen Bühnen wie Sanremo und wir haben das Glück, dass du uns davon berichten kannst? 😉

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    1. Danke fürs Mitfiebern, liebe Eva! Vielleicht wird sie mal singende Bäckerin, die wissenschaftliche Studien dazu betreibt, mit welcher Musik der Teig besser geht. Beim Wein gibt es solche Versuche ja bereits.😉

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  7. Musik ist etwas Wunderbares, egal ob man sie hört oder selbst ein Instrument spielt. Das Klavierspiel hat bis heute mein Leben bestimmt, dank meiner Mutter, die auf der Flucht ein gutes Akkordeon retten konnte, das sie später gegen ein altes Klavier eintauschte und uns selbst den ersten Klavierunterricht gab. Ich wollte früher Pianistin werden, habe dann aber einen anderen Beruf gewählt. Ich mache noch heute ehrenamtlich Musik bei verschiedenen Einrichtungen. Am 11.1.21 habe ich über die Wirkung von Musik einen Blogartikel geschrieben, das war mir ein Bedürfnis.
    Ich wünsche Deiner Tochter und Dir viel Freude an der Musik, egal ob sie es später beruflich macht oder sonst Musik macht oder hört.
    LG Marie

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    1. Danke, liebe Marie, für deinen Kommentar. Stimmt, Musik hat eine Magie, die in guten wie in schweren Zeiten Menschen aufmuntert, ihnen hilft, sogar manchmal Grenzen und Vorurteile überwindet. In deinem Beitrag las ich, dass auch Tiere positiv reagieren. Also hat meine Kleine Recht, wenn sie ihren Wellensittichen manchmal leise Entspannungsmusik auflegt. 😊
      Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!

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