Schöne Aussichten

Ich beneide meine Kollegin. Um ihre Probleme. Kürzlich berichtete sie aufgebracht davon, dass sie von Jugendlichen der Oberschule auf der Straße gesiezt wurde. „Mi scusi Lei!“ (Entschuldigen Sie!), hatte ihr doch tatsächlich einer an den Kopf geworfen, was schon ziemlich heftig auf einen gefühlten Altersunterschied schließen lässt, den meine Kollegin mit gerade dreißig noch längst nicht empfindet. Aber die Zeit rennt schneller, als uns lieb ist, und früher oder später gehören wir nicht mehr dazu. Nicht mehr zu der Gruppe beziehungsweise der Generation, in der wir uns so schön eingerichtet hatten. Meine Kollegin ist gerade Mutter geworden, was die Jugendlichen in jenem Moment jedoch nicht wissen konnten. Ich bin auch Mutter, schon ein paar Jahre länger. Umso ansehnlicher meine Töchter heranwachsen, umso älter werde ich. Das ist der Lauf der Dinge, zwecklos, dagegen anzukämpfen. Aber könnte man mittlerweile gar annehmen, dass ich Großmutter bin? Großmutter, welch ein schreckliches Wort, wie im Märchen bei Rotkäppchen. Oma klingt allerdings auch nicht besser.

Neulich an der Supermarktkasse hatte ich ein irritierendes Erlebnis.

Ha figli o nipoti?“, fragte mich die Kassiererin gelangweilt und gewiss nicht in provokativer Absicht. Trotzdem zuckte ich zusammen. Nipoti? Sie meinte doch nicht etwa … Als ich wieder Luft bekam, fiel mir ein, dass Nipoti nicht nur Enkelkinder, sondern auch Nichten und Neffen bedeuten konnte.

Figli“, klärte ich auf. Ich habe Kinder. „Perché?“ Warum? Was geht Sie das an, wäre mir beinah noch herausgerutscht.

Die Erklärung war einfach, die Frage an dieser Stelle ungewöhnlich. Es gab für je 25 Euro Einkaufswert eine Sammelfigur. Vielleicht wollte ich die selbst sammeln? Also, her damit und keine indiskreten Fragen bitte.

Es ist ein schwieriges Alter, dieses Mittelalter, und besser kann es kaum werden. Ernst gemeinte Komplimente wird es immer weniger geben. Ein Hoffnungsschimmer am Horizont tat sich aber auf, als eine andere, ehemalige Kollegin neulich im Museum, wo sie eine Eintrittskarte mit Rentnerermäβigung verlangte, um ihren Ausweis gebeten wurde. Spätestens dann werde vielleicht auch ich wieder jünger geschätzt. Wenn das keine guten Aussichten sind.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

33 Kommentare zu „Schöne Aussichten

  1. Mir ging es neulich ähnlich beim Einkaufen. An der Kasse wurde ich gefragt, ob ich lustige Sammelbildchen für meine Enkelkinder mitnehmen wolle. Sicherlich lag es daran, dass ich ein Überraschungsei mit Plüschtierummantelung kaufte als kleinen Spaß für meine Tochter 🤔😄 Eine Frage, an der ich noch eine Weile zu knabbern hatte, die ich aber zu Hause zur allgemeinen Erheiterung zum Besten gab. Liebe Grüße Bettina

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  2. Ich erinnere mich noch gut daran, dass es mich wahnsinnig gestört hat, als man mich abends beim weggehen nicht mehr nach meinem Ausweis gefragt hat. Rückblickend gesehen, ein bisschen lächerlich. Hätte ich da geahnt, wie sich Mittelalte anfühlt…😂 Aber es schon ok.

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    1. Na klar ist es ok. Meine Töchter freuen sich noch über jeden Geburtstag. Meine erste Krise hatte ich mit siebzehn, ich dachte, nach der Penne wäre der Spaß des Lebens vorbei. Aber es kommt zum Glück doch immer noch was Neues. 😄

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  3. Liebe Anke,
    jetzt habe ich gleich eine Frage an dich: Macht dich das Fehlen der eindeutigen Zuordnung von “nipote” nicht manchmal wahnsinnig? Will die Frau an der Kasse nun sagen, dass du wie eine Oma oder wie eine Tante ausschaust. 😄 Wobei, wenn ich in der italienischen Presse lese: Auch Michelle Hunziker wird bald Oma. Das Aussehen und Alter hat wirklich nichts zu bedeuten. 😉
    Wieder ein sehr schöner Artikel! Liebe Grüße, Eva

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    1. Liebe Eva,
      genau, diese Worte, die man nur im Kontext versteht, sind schon doof. Solche wie „nipote“, die selbst im Kontext manchmal nicht eindeutig sind, irre. Wie die Italiener damit klarkommen? Apropos Tante: War ich schon mit fünf Jahren, und damals unheimlich stolz. Natürlich glaubte mir das keiner, man sah es mir ja nicht an.😉 Dann geht es Michelles kleinen Töchtern ja auch so wie mir, sie werden Tanten! Und haben ein/e „nipote“. Liebe Grüße nach Francoforte!

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      1. Liebe Anke,
        an diesem einfachen Wort sieht man, dass die Italiener einfach gerne kommunizieren. Man fragt gerne nach und unterhält sich. “Nipote? Wie war das jetzt gemeint? Nein, Nonna bin ich noch nicht, aber sehr wohl die Tante.” 😄
        Das glaube ich dir! Mit so einem kleinen Altersabstand zu deinen Neffen/Nichten warst du sicher der Hit als Tante. Endlich eine, mit der man richtig gut spielen kann. 😉
        Liebe Grüße nach Italien!

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      2. Genau, spielen und später als Jugendliche Blödsinn machen. Meine Nichten, vor allem die, die nur fünf Jahre jünger ist als ich, waren wie Schwestern und „Tante Anke“ sagten sie nur zum Spaß. Hab noch einen schönen Sonntagnachmittag, liebe Eva!

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  4. Noch nie habe ich so sehr gemerkt, dass ich zu den „Alten“ gehöre, als auf der Hochzeit meines Sohnes. Die jungen Leute plauderten munter miteinander und wenn ich mich dazu gesellte, änderte sich meist ihr Tonfall. Und als eine Gruppe junger Frauen (Freundinnen der Braut) eine Gruppe Männer (Freunde des Bräutigams) anhimmelte, störte ich die Runde doch sehr, weil ich Erinnerungen aus vergangenen Zeiten austauschen wollte, als die Männer noch Kinder waren. Puh….alle blieben nett und zum Glück bemerkte ich rechtzeitig, dass sie doch anderes vorhatten. So brach ich auf, um mich zu den anderen Eltern und Tanten zu setzen. Während ein Onkel noch so tat, als wäre er jung und beim Tanzen doch nicht mithalten konnte.
    Allerdings wollte ein Kollege meines Sohnes mich bei jeder Begegnung umarmen und tat das auch ungeniert. Das war schön…..

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    1. Liebe Regine, oh ja, Schwänke aus der Kindheit kommen bei jungen Erwachsenen vor ihren Freunden nicht so gut. Da mussten wir alle irgendwann selbst durch. Aber die Hochzeit war doch insgesamt eine sehr positive Erfahrung, wie ich bei dir lesen durfte. Wir haben gerade den „Generationenkonflikt“ mit unseren Teenager-Kindern, die sich selten mit uns „Alten“ abgeben und lieber eigener Wege gehen wollen. Waren wir auch so? Vermutlich. Kopf hoch und liebe Grüße in den Norden!

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      1. Ja, wir waren auch so und das gehört zur Abgrenzung zu den Eltern unbedingt dazu.

        Und ja, die Hochzeit war voller positiver Emotionen und Erfahrungen. Die Jungs erzählten selbst ihre Schwänke aus der Jugend und vieles war mir unbekannt, aber ich mutmaßte, dass die jungen Leute doch mehr Spaß miteinander haben, wenn keine Mutter ihnen zu lange auf die Pelle rückt.

        Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem mir ganz klar bewusst wird: ich gehöre zu den Alten. Ich bewerte „Alt“ nicht negativ, aber es ist für mich trotzdem manchmal schmerzhaft zu erleben, dass sich ein neuer Lebensabschnitt angebahnt hat und eben auch vieles beschwerlicher wird. Irgendwie gehöre ich jetzt in eine Art Parallelwelt, so scheint es mir. Die kann aber auch ganz lustig sein, wenn man der anderen nicht zu sehr nachtrauert.

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      2. Richtig, das ist die Kunst (die einen Tag besser und einen Tag weniger gut gelingt): sich mit den Gegebenheiten abzufinden und das Beste draus zu machen, die Vorteile des jeweiligen Lebensabschnitts zu sehen. Denn wenn wir am Ende zurückschauen und denken, wir fanden immer gerade etwas blöd und waren nie zufrieden, das wäre schade. Ich freue mich immer, wenn ich mit positiven, lebensfrohen Menschen zusammen bin. Jammern und wehklagen kann ich selbst gut. Viele solche optimistischen Menschen wünsche ich dir, um in der „Parallelwelt“ gut zu leben und den Draht zu allen anderen Welten nicht zu verlieren! 😊

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  5. Oh Anke, ich weiß von was du redest 🙈 Ich bin schon Großmutter – was für ein sperriges Wort! Und das Wort Oma macht keinen Unterschied zwischen einer 50 jährigen und einer 95 jährigen. Iegendwie grausam…

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    1. Und meine Mutter, knapp neunzig, lebt im Altersheim und erzählt manchmal von den „alten Omas“ da. Alter ist relativ und zum Glück fühlen wir uns immer jünger als die anderen Gleichaltrigen. Na ja, fast immer. 😉

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  6. Hihi, ich hab meine Kollegen geschockt, als ich vom neuen Baby in der Familie erzählt hatte und dabei rauskam, dass meine kleine Schwester jetzt Oma ist. Wir finden das total klasse, für die ganze Aufregung mit dem Kind ist jetzt die nächste Generation verantwortlich, wir essen Kuchen und trinken Eierlikör (als wenn…).
    In der Anrede finde ich schlimm, jedwede Frau als „Tante“ oder „Oma“ zu bezeichnen. Keine Ahnung, ob das so ein regionales Ding ist.
    Viele Grüße
    Ilka

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    1. Enkelkinder haben ja den Vorteil, dass man sie früher oder später den Eltern zurückgibt, wenn man sie betreut. Das stelle ich mir auch viel entspannter vor. Danke, liebe Grüße und schönen Sonntagnachmittag noch!

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  7. Liebe Anke, vielen Dank für den schönen Text. Es gab wieder einiges, worüber ich schmunzeln, und einiges, worüber ich nachdenken konnte.
    Ich hatte neulich den ersten Elternabend meiner mittleren Tochter (12 1/2 Jahre alt), die jetzt in die 7. Klasse des Gymnasiums geht. Die beiden Klassenlehrer sind gut 15 Jahre jünger als ich, also noch unter 30. Da musste ich auch erst mal schlucken. Das sind Momente, in denen ich mich „mittelalt“ fühle, wie du so schön schreibst. 😉
    Am liebsten erzähle ich in diesem Zusammenhang die Geschichte einer neueren Freundin meiner ältesten Tochter, die zu ihr sagte: „Deine Mutter schaut aber jung aus.“ „Sie ist 43“, gab meine Tochter zur Antwort. „Sie könnte aber auch zehn Jahre jünger sein“, sagte daraufhin die Freundin. Das stimmt zwar nicht ganz, aber ich freue mich trotzdem wahnsinnig darüber. 😉

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    1. Liebe Sophie, Mittelalter beginnt allerfrühestens mit 45, und noch lange nicht für Leute, die zehn Jahre jünger aussehen! 😊 Relax und genieß die Komplimente! Die jungen Hüpper von Lehrern sind ja noch grün hinter den Ohren.😉 Hab einen guten Start in die Woche, hoffentlich ohne zu frieren!

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  8. Mir ging es neulich an der Stadionkasse umgekehrt wie Deiner Kollegin im Museum. Fragt mich die junge Frau doch tatsächlich „Vollzahler“? Wollte schon fragen, ob ich aussähe wie ein Rentner oder wie ein Student…. aber die war in dem Alter, in dem die meisten anderen Menschen „alt“ erscheinen…

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  9. Tatsächlich war meine Oma schon Oma, als sie so alt war wie ich jetzt. Ein wirklich krasser Gedanke! Dem ungeachtet ist mein Leben (vor allem mein Innenleben) mit jedem Jahr immer besser geworden. Was machen schon ein paar Spuren des Alters und irgendwelche Personen, die wir gar nicht kennen, solange die Familie einen lieb hat?

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    1. Ja, und ob tatsächlich Oma oder nicht, kleideten sich unsere Großmütter damals wie Omas. Ich konnte immer gar nicht glauben, wie jung meine eigentlich noch war, während sie auf den Fotos schon so alt zurechtgemacht wirkt. Äußerlichkeiten. Du hast vollkommen Recht, Hauptsache, uns und unseren Lieben geht es gut.

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  10. Und ich wurde letztens beim Abholen im Kindergarten tatsächlich von einem Kind gefragt, ob ich die „mormor“ (schwed. Oma mütterlicherseits) oder die „farmor (schwed. Oma väterlicherseits) meiner Tochter bin. Das war tough! Ich bin noch nicht mal 40!!! Während meine Laune an diesem Tag ideutlich in den Keller sank, hat sich wenigstens der Rest meiner Familie köstlichst amüsiert! Zum Glück erklärte mir die Kindergärtnerin am nächsten Tag, dass das wohl eine Standartfrage dieses Kindes sei, da es ganz oft von seinen Großeltern abgeholt werde. Puuuh …!!!

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