Fundstücke

Ertappt ihr euch auch manchmal dabei, im heimischen Bücherschrank abzutauchen? Vielleicht, um nach den Perlen vergangener Schmökerstunden zu suchen. Da war doch diese wunderbare Geschichte, die noch einmal gelesen werden möchte. Manchmal stecken die Überraschungen, die kleinen Schätze auch zwischen den Seiten. Deshalb geht es diesmal nicht um Zitate, ich möchte euch von meinen schönsten Fundstücken in Büchern erzählen.

Wenn ich ein Buch nach Jahren noch einmal aus dem Regal fische, frage ich mich mitunter, wann und wo es war, dass ich es zum allerersten Mal in den Händen hielt. Wer es mir geschenkt hat. Oder wo und zu welchem Anlass ich es selbst gekauft habe. Ich spreche von Zeiten, als das anonyme Bestellen im Internet noch nicht erfunden oder zumindest noch nicht so verbreitet war.

Das erste Mal Italienisch

Gerade habe ich einen Roman gelesen, den ich schon viele Jahre besitze, bei dem ich aber beim ersten Anlauf über die ersten Seiten nicht hinausgekommen war. Es handelt sich dabei um den allerersten Titel, den ich mir im Original in italienischer Sprache kaufte. Im Jahr 2003, ich war irgendwo als Touristin unterwegs. Mich hatten das handliche Format, ein unschuldig daherkommendes Cover und der Verweis darauf, dass es sich um einen prämierten Bestseller handelte, gelockt. Ein Schnäppchenpreis tat das Übrige, ich schnappte zu. Doch das kleine, niedliche Büchlein erwies sich als ein wirklich harter Brocken. In mehrfacher Hinsicht. Sprachlich herausfordernd, mit vielen Begriffen, die ich selbst heute noch nicht kenne und zu denen mein Mann mir bestätigt, dass sie eher ungebräuchlich sind. In dieser alles andere als leichten Sprache erzählt der Roman die Geschichte einer zum Scheitern verurteilten Liebesbeziehung, legt den Finger in die Wunden menschlicher Abgründe und zwischenmenschlicher Beziehungen. Brutales, Deprimierendes, Schmerzliches wird ausgeleuchtet statt sprachlich umschifft. „Non ti muovere“* von Margaret Mazzantini (deutsch: „Geh nicht fort“) war abgesehen von meinen mangelnden Italienischkenntnissen zu jener Zeit nicht das richtige Buch für einen unbeschwerten Sommerurlaub. Als ich nun begann, es mit sprachlich qualifiziertem Interesse zu lesen, fiel mir nach wenigen Seiten ein winziges, verblasstes Blättchen Papier in die Hände. Ihr glaubt nicht, wie sehr ich mich freute. Bis dahin war mir unwiderbringlich entfallen, wann und wo ich das Buch gekauft hatte. Nur eine vage Idee vom Ambiente war mir in Erinnerung geblieben: eine kleine Buchhandlung in der Nähe eines Bahnhofs. Dank des zwischen den Seiten hängen gebliebenen Scontrino, Kassenzettels, kann ich den Moment heute nicht nur örtlich, sondern auf die Minute genau zeitlich rekonstruieren. In der Buchhandlung Libreria Garibaldi in Sanremo, wohin ich mit dem Zug von meinem Urlaubsort Alassio aus gefahren war, habe ich am 2. September 2003 um 17.35 Uhr bezahlt. Die Uhrzeit erinnert mich daran, dass es vor dem Antritt der Rückreise war, das Stöbern im Buchladen ein Zeitvertreib bis zur Abfahrt. (Als ich diesen Sommer wieder in Alassio war, habe ich natürlich einen Ausflug nach Sanremo unternommen und dort die Buchhandlung wiedergefunden.)

Das erste Mal in Italien

Ähnliches hatte ich schon bei der Wiederentdeckung des Romans „Under the Tuscan Sun“* von Frances Mayes erlebt, von dem ich bereits einmal schrieb. Auch darin steckte der kleine Bon, der mir verriet, dass wir auf dem Weg zur Insel Elba im Juni 1998 bei einem Coop haltgemacht hatten, vermutlich, um Getränke und Proviant zu kaufen. Ich sehe noch vor meinem geistigen Auge die Buchdrehständer vor dem Geschäft, wo mir dieser amerikanische Roman, gerade frisch erschienen und in Originalsprache, in die Hände fiel.

Mittlerweile denke ich, man sollte immer den Kassenzettel im Buch lassen. Beim Kauf oder ein paar Monate später mag es banal und bedeutungslos scheinen, nach Jahren zaubert das Wiederfinden einen Ach-ja-Effekt und ein Lächeln ins Gesicht.

Einmal auf dem Weg nach Italien

Im Roman „Geh, wohin dein Herz dich trägt“* von Susanna Tamaro (deutsche Übersetzung des Originaltitels „Va‘ dove ti porta il cuore“) fand ich bei der zweiten Lektüre ein Flugticket. Es verriet mir, dass ich das Buch auf dem Weg von Leipzig nach Italien gelesen hatte. In der Geschichte steckt so viel Lebensweisheit, dass Frauen sie idealerweise mehrmals lesen, um sich im jeweiligen Lebensabschnitt in der Rolle der Tochter, der Mutter und der Großmutter zu reflektieren. Bei diesem Buch ‒ weiß ich heute ‒ wurde der Titel mein persönliches Programm. Aber das Flugticket war nur der Anfang. Der Roman entpuppte sich als wahre Fundgrube. Zwischen der letzten und der vorletzten Seite steckte ein Friseurgutschein. 10 DM, das wären heute 5 Euro. Extra nach Leipzig zu fliegen, lohnt und schickt sich nicht, aber wenn ich irgendwann einmal zufällig in der Gegend sein sollte, könnte ich dort mal reinschauen. Einen Versuch ist es wert, meint ihr nicht? Wenn man mir den Gutschein von 1999 einlöste, wäre es eine prima Social Media Geschichte und Werbung für den Salon.

Jetzt interessiert mich aber: Was war euer bestes Fundstück in einem Buch?

*Alles Werbung, alles unbeauftragt und unbezahlt.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

16 Kommentare zu „Fundstücke

  1. Kassenbon in Büchern – ein Klassiker. Und Telefonnummern, Restaurantrechnungen…Einmal hatte ich einen wirklich fetten Lire-Betrag in einem Buch gebunkert, das ich dann erst im Euro-Zeitalter wieder aufgeschlagen habe. Hat mir dann das Erlebnis beschert, im wunderschönen Kassenraum der Banca d’Italia das Buchgeld feierlich umzutauschen. Büchermenschen packen halt ihr Leben in Bücher.

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    1. Wow, kann man das eigentlich immer noch, die Lire umtauschen? Wenn dieser Kassenraum eine Sehenswürdigkeit ist, gehe ich mal auf die Schatzsuche und hätte einen guten Grund mehr, mal wieder nach Rom zu reisen.😉

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  2. Beim Sortieren von Atlanten im heimischen Bücherregal, stieß ich auf unseren Schulatlas 6.-11. Klasse vom VEB Hermann Haack, Gotha/Leipzig 😉. Darin befand sich ein Stichpunktzettel meiner Schwester ca. aus dem Jahr 1986, wohl zu einem Vortrag, mit dem Thema: „Der Rückgang des Einflusses des Imperialismus auf das Weltgeschehen“ 😊
    In Erinnerung an die Schulzeit grüßt Dich herzlich Bettina

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    1. So hatte man sich das damals zurechtargumentiert.
      Oh ja, in den ganz alten Beständen finden sich sicher noch richtig aufregende Sachen. Leider habe ich damals alle Buchschätze in meinem Kinderzimmer zurückgelassen. Bis auf das Jugendweihebuch, darin fand ich unter anderem eine lustige selbstgestaltete Glückwunschkarte meiner damals neunjährigen Nichte.
      Danke, und liebe Grüße zu dir!

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  3. Bellissimo il libro di Margaret Mazzantini”Non ti muovere”, 👍. Uno dei tanti libri che, in passato, ho preso in prestito in biblioteca e che ho divorato in pochi giorni, tanto che la bibliotecaria non si stupiva mai se dopo un paio di settimane tornavo a fare scorta di libri, 😄. Adesso ho imparato a centellinare le mie letture altrimenti sarei ancora capace di leggere un libro in poco tempo.

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  4. Das mit dem Friseur solltest du dir gut überlegen. Schließlich hast du doch die Friseurin deines Vertrauens ganz nah bei dir. Ich rate zur Vorsicht, wer weiß, wie du sonst zurück nach Italien kommst. Ich spreche aus leidvoller Erfahrung. Liebe Grüße aus dem spätsommerlichen bis frühherbstlichen Berlin.

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    1. Na klar, das war ja auch nur so ein Gedanke hier. Oder ich lasse nur Waschen und Legen, da kann nicht viel schief gehen. 😉
      Bei uns bäumt sich tagsüber der Sommer noch mal auf, aber er schafft es nicht bis in die Abendstunden, in denen es leider schon wieder viel zu zeitig dunkel wird. Und frisch. Genieße die schönen Tage in Berlin, bevor der Herbst seine raue Schulter zeigt, liebe Roswitha!

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