Eine gute Partie

Spielen, so drückte es einmal der amerikanische Autor und Forscher Joseph Chilton Pearce aus, sei der Königsweg zu kindlichem Glück und zu einem brillanten Erwachsenendasein.*

Das gibt mir zu denken, muss ich doch zugeben, kein großer Freund des Spielens zu sein. Ich bin heilfroh, dass die Kinder aus dem Gröbsten raus sind und mich nicht mehr dauernd fragen, ob ich mit ihnen Vater-Mutter-Kind, Verstecken, Fange oder anderes Kaspertheater spiele. Auch bin ich nicht traurig, dass, zumindest in meinem Umfeld, dieses notorische Gesellschaftsspiele Spielen der 90er-Jahre nicht mehr angesagt ist. Ich sage nur: Ohne Moos nix los. Mir laufen Gruselschauer über den Rücken. Obwohl ich mich erinnere, dass mir als junge Erwachsene gewisse Spiele im Freundeskreis gefielen. Ich mochte all die Wettbewerbe, bei denen man etwas interpretieren, zeichnen oder singen musste. Talente, die ich nicht besitze. Welch ein Vergnügen, sich zum Affen zu machen. Wenn alle mitspielen. In jedem Fall waren solche Aktivitäten ein gutes Training für die Bauchmuskeln, die beim Kaputtlachen ordentlich im Einsatz waren.

All diese jugendlichen Verfehlungen und Belustigungen sind Erinnerung. Eigentlich bleibt nur das Kartenspiel, das als Klassiker die Jahre überdauert und zu dem ich mich gern breitschlagen lasse. Dazu kommt es im Familienkreis regelmäßig. Nach einigen Jahren Mau-Mau (neudeutsch und italienisch: Uno) sind nun auch die Kinder in einem verständigen Alter, dass wir sie in unser ultimatives, seit Generationen gepflegtes Kartenspiel der Kartenspiele einführen konnten: Rommé.

Gefällt euch das wunderbare Blatt mit Kunstleder-Etui im Titelbild? Wie oft nörgelte mein Mann, wir sollten doch endlich neue Karten kaufen, diese wären so abgegriffen. Das taten wir dann auch, als wir sie im Urlaub einmal vergessen hatten. Und doch spiele ich am liebsten mit den traditionellen Altenburger Spielkarten meiner Eltern. Sie sind mir ans Herz gewachsen. Sie erinnern mich an meinen Vater, der die Sonderausgabe mit guten Beziehungen besorgt hatte, an meine Schwester in ihrer Jugend, wenn ich das kokette junge Frollein auf der Rückseite betrachte, und an die vielen gemeinsam verbrachten Stunden im Familienkreis. Da sind die teils schon leicht vergilbten Schwarz-Weiß-Fotos, auf denen meine Großeltern über den Brillenrand hinweg in die Karten gucken, dann die immer noch schwarz-weißen, aber bewegten 8mm-Aufnahmen von unseren legendären Rommé-Tournieren im Sommer vorm Bungalow am See. Ob mich meine Eltern absichtlich gewinnen ließen? Ich konnte mich jedenfalls oft über den Gesamtsieg und die damit verbundene Geldprämie freuen. Was hätte es auch für einen Sinn gehabt, wenn Mutti dem Vati ein Trinkgeld bezahlt hätte oder andersrum. Für mich, die einzige Nichtverdienerin in der Familie, kam es nur recht.

Ist euch auch aufgefallen, dass es beim Rommé unendlich viele Spielvarianten gibt? Das macht es nicht einfach, wenn Verwandte aus mehreren Haushalten zusammenkommen. In jedem gibt es einen Bestimmer, der die Regeln für die Kernfamilie festgelegt hat. Kommt man in gemischter Runde zusammen, muss jedes Mal neu verhandelt werden. Darf man Klopfen, oder nicht. Werden doppelte Karten getauscht, oder nicht. Darf man als erster Spieler in der ersten Runde rauslegen, oder nicht. Darf man die abgelegte Karte aufnehmen, wenn man noch nicht draußen ist, oder nicht … Die Reihe ließe sich fortsetzen. Aber wisst ihr was? Es genügt, sich vorher zu einigen. Es könnte auch im Leben so einfach sein. Als ich, die dritte Tochter unserer Ursprungsfamilie, mich im Ausland verbandelte, war meine deutsche Sippe skeptisch, ob der italienische Mitspieler denn mitspielen könne. Kennt der das denn? Nun, er kennt es in der Version „Scala Quaranta“. Bei der darf man im Gegensatz zum Rommé erst mit einer Reihe von vierzig Punkten statt mit dreißig rauslegen. Nessun problema! Kein Problem, und auch die anderen traditionellen Regeln unserer Familie waren schnell erklärt. Die Integration funktionierte prima. Nach Jahren bilateraler Rommé-Praxis schlägt mittlerweile sogar der jüngste italienische Zuwachs vor, sich statt des allabendlichen Fernsehprogramms, auf das man sich in deutsch-italienischer Runde nur mit Mühe einigen kann, gemeinsam an den Tisch zu setzen. „Spielen wir Rommi?“, fragt sie, und ihre große Schwester korrigiert, wobei sie manchmal ein klein wenig mit den Augen rollt: „Das heißt Rommeee, wann lernst du das endlich?“ Aber egal, ob Rommi oder Rommeee, Hauptsache, das Spiel macht allen Freude. Manchmal stolpern wir noch über sprachliches Begriffswirrwarr. Wie heißt der junge Typ, der vor der Dame und dem König liegt? Junge? Bube? Fante! Oder auch Jack! Der Joker ist ein Jolly. Im Zusammenhang mit der beliebtesten aller Karten wurde mir von Familiengenerationen berichtet, die ich gar nicht mehr selbst kennengelernt habe. Mein Großvater mütterlicherseits soll immer gesagt haben: „Da habta den Kaschpa!“ Er nannte den Joker Kasper. In Gedanken sehe ich meinen unbekannten Großvater, den ich mir mangels fotografischer Erinnerungen wie den Bruder meiner Mutter, also seinen Sohn, vorstelle, mit am Tisch sitzen. Schön, dass unser Familienspiel Rommé nicht nur Generationen, sondern auch Preußen und Sachsen und nun schon in der zweiten Generation Italiener zusammenbringt. Das Spiel bietet genau die richtige Mischung aus Glück und Strategie, Konzentration und Zerstreuung. Zu lachen gibt es, wenn einer einen Fehler macht oder nicht aufpasst und verpennt, wenn er dran ist. Das passiert Alten wie Jungen, und wer die beste Ausrede parat hat, ist ein weiterer beliebter Wettbewerb.

Ein bisschen geht es beim Rommé auch zu wie im richtigen Leben: Jede Runde ist wie ein neuer Tag, eine neue Woche, ein neues Jahr und man kann hoffen, (doch noch) ganz groß rauszukommen. Dazu empfiehlt es sich, ein glückliches Händchen zu haben, aber auch Intelligenz, Geduld und Menschenkenntnis sind hilfreich. Rommé ist immer eine gute Partie. Vielleicht kann ich mich damit sogar aus der Affäre ziehen, was den eingangs zitierten Königsweg zum Glück betrifft.

*Freie Übersetzung des italienischen Zitats „Il gioco è la stradamaestra per la felicità dell’infanzia e la brillantezza degli adulti.“, gefunden auf frasicelebri.it.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

32 Kommentare zu „Eine gute Partie

  1. Ein Glück hat dein Gatte den ultimativen Karten-Test bestanden und konnte sich damit gut in die Familie integrieren. 😃
    Wir spielten in meiner Kindheit nur Watten und Schafskopf’n, wobei ich mich erst wieder in die Regeln einlesen müsste. Aber ich erinnere mich, dass wir die Karten in jedem Urlaub dabei hatten. Daheim war der Klassiker Tischkegeln, wobei der Römer seinen ultimativen Integrationstest hatte. 😄

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    1. Das musste ich erst mal online nachschlagen. Ich fand „Tischkegelbahn oder wie in Bayern als Stoβbuddeln bekannt“, und dazu hieß es auch: „ … das Spiel ist sowohl im Kindergarten-Bereich als auch in der Jugendarbeit und im Seniorenbereich einsetzbar.“ Fehlt: „Interkulturell verständlich, selbst für Römer.“ 😉
      Sehr interessant, meinem Mann könnte das auch gefallen, er spielt nämlich Billard. Beste Grüße und einen schönen Abend, liebe Eva!

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      1. 😄 Genau so ist es. Ein interkulturelles Spiel für Groß und Klein. Es erfordert Geschicklichkeit, Glück und eine tolle Feinmotorik und mach sehr viel Spaß! Hab einen schönen Restsonntag und liebe Grüße, Eva

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    1. Clever, dein Opa. Also bei uns hat sich Rommé irgendwie gehalten, da war immer jemand, der die anderen dazu überredet hat. Andere Spiele haben sich verloren … sehr beliebt war früher auch „Pochen“, erinnere ich mich, mit Pfennigen. Vielleicht hat man die dann alle in Westpfennige eingetauscht, und die waren zu kostbar zum Spielen. 😉

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  2. Rommé, mit unserem Vater Skat und Mensch ärgere dich nicht, alles Spiele meiner Kindheit, die ich wirklich selten noch spiele. Was ich als Kind sehr gerne tat, ist nun nicht mehr so, da geht es mir ähnlich, wie dir.
    Aber wenn wir Karten spielen, dann natürlich Mau Mau mit einem Altenburger Kartenspiel, das mein Vater beim Kartenspielen im Urlaub im Ferienheim des VEB Kraftverkehr in Lychen gewonnen hat. Das muss Anfang der 80er gewesen sein. Erneut versetzt du mich in vergangene Zeiten. Schön! LG Bettina

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    1. Gern geschehen. Bei Lychen musste ich gerade mal nachschauen, wo das ist. Sieht gut aus. Da hattet ihr es gar nicht so weit ins Ferienheim. Heute würde man sagen: Nachhaltiger Tourismus vor Ort.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende, vielleicht mit einer Runde Mau-Mau?

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  3. Ahh, bei „Ohne Moos nix los“ wurden Erinnerungen wach!
    Als Kind habe ich gerne gespielt, am liebsten irgendwelche Wissensspiele wie „Trivial Pursuit“ oder „Stadt, Land, Fluss“.

    Als mich meine Großeltern und meine Mama mit in den Rommé-Kreis aufnahmen, fühlte ich mich richtig erwachsen.

    Aber dann kamen irgendwann die Computerspiele, und ich fand nie mehr zurück zu den Brett- und Kartenspielen. Entweder sie sind mir jetzt zu kompliziert, oder es ist immer einer dabei, der es super ernst und kompetitiv nimmt. (Und eigentlich finde ich es auch irgendwie komisch, wenn Erwachsene um einen Tisch mit kleinen Ritterfiguren sitzen.)

    Jetzt spiele ich nur mehr Schach am Computer. 😦

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    1. Hallo Andreas, danke für deine Erinnerungen. Stadt-Land-Fluss spiele ich mit meinen Mädchen manchmal, aber in Italienisch, da haben sie bessere Chancen gegen mich. Kompliziert finde ich die neuen Gesellschaftsspiele auch, ich versuche mich davor zu drücken. Spielanleitungen lese ich genauso ungern wie Betriebsanweisungen für Elektrogeräte. Ich schlage dann Rommé vor: einmal gelernt, immer parat. Für Schach konnte ich mich nie erwärmen, ich glaube, mit sieben Jahren war ich zu jung, als mein Vater es mir beibringen wollte.

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  4. Rommee habe ich als Kind von meiner „Westoma“ gelernt, die uns mehrmals im Jahr aus dem Westteil von Berlin besuchen kam. Ich kenne das Spiel als Räuber-Rommee mit vereinfachten Regeln. Tolles Spiel, das ich später auch gerne meinen Kindern beigebracht habe.

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  5. Ich gestehe: Auch ich mag überhaupt nicht gerne spielen, obwohl ich drei Kinder habe. Während mir abenteuerliche Ausflüge, chaotische Backaktionen, wilde Fußballspielnachmittage und spannende Vorleseorgien mit den Kindern leicht von der Hand gehen, kann mir die Aussicht auf stundelange Hogwarts- oder Superheldenrollenspiele oder endlose Brettspielnachmittage so richtig die Laune vermiesen. Aber das hat meine Famile mittlerweile kapiert und ich werde schon gar nicht mehr gefragt, ob ich überhaupt mitspielen möchte (ausser bei UNO – da haben sie eine kleine Lücke in meinem Widerstand gefunden). Das verbuche ich als einen Riesenerfolg – ich werde nach jahrelangem darauf hinarbeiten voll und ganz in meiner Anti-Spiel-Haltung akzeptiert! Und zum Glück füllt mein Mann den Spielbereich in unsere Familie mit größter Freude und Engagement aus – da gebe ich die Verantwortung mit besten Gewissen ab und freue mich, Zeit für andere Sachen zu haben 😉!

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    1. Hach, da sind wir schon zwei. Das ist das Gute am Bloggen, man merkt, dass man nicht allein ist mit seinen vermeintlichen „Fehlern“. Ich meine: Hauptsache, man verbringt gute Zeit zusammen, ob nun mit Spielen oder anderen, „echten“ Interessen. 😀

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  6. Wir spielen es hier überwiegend in der „Plättchen-Version“, genannt Rummy.
    Wir haben ja in der Familie sehr viel und sehr oft gespielt – und als die Kinder größer wurden und mit der Verwandtschaft – aber immer nur zu viert möglich – haben wir Nächte durch Doppelkopf gespielt. Ich kann ja auch Skat, aber Doppelkopf ist noch viel schöner – und für mich auch schöner als Canasta oder Rommee.
    Schönen Tag für dich

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    1. Hallo Clara, na richtig, du bist ja eine passionierte Kartenspielerin. Nächtelang Karten spielen mit Freunden ist klasse, und in jedem Fall besser als Nächte allein vor der Spielkonsole oder der Glotze. Soll es ja auch geben. Danke und Grüße nach Berlin!

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