Wahlkampf

Ich stehe wie bestellt und nicht abgeholt unter einer Amerikanischen Linde (Tiglio Americano ‒ American Lime), da, wo ich sowohl die Ankommenden als auch das hohe, schmiedeeiserne Tor gut im Blick habe. Nebenbei studiere ich die Plakette am Baumstamm und wundere mich, dass die Linde in ihrem Heimatland „Lime“ heißt. Nach dem dritten Durchlesen der wenigen Worte und bevor ich noch auf die Idee komme, zu prüfen, ob nicht doch Limetten an den Ästen hängen, drehe ich ein paar Schritte im Kreis. Wenn ich mich so umschaue, wer in Grüppchen, Gruppen oder allein wie ich wartend vor dem altehrwürdigen Gebäude steht, dann frage ich mich, ob ich bei der richtigen Veranstaltung bin. Es ist Ende Oktober, der Frauentag am 8. März lange vorbei und bis zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen am 25. November ist es noch einen Monat hin. Warte ich auf den Einlass zu einem Gründerinnenseminar? Auf die Lesung einer Bestsellerautorin historischer Liebesromane? Nein, ich bin schon richtig hier. Es ist die Assemblea (Eltern- oder vielmehr Mütterversammlung) zum Auftakt des neuen Schuljahres. Da wir im Nachbarort wohnen und unsere Tochter dort auf die Grundschule ging, kenne ich hier an der Mittelschule noch keine Mütter. Es ist unangenehm, abseits zu stehen, aber wo soll ich mich dazugesellen? Und worüber sprechen? Ich könnte auf mein Smartphone starren, wie andere Alleinherumstehende. Ich schaue mich lieber weiter um und tue interessiert.

Endlich dürfen wir ins Schulgebäude. Das ist mir nicht fremd, schließlich hat unsere Große auch drei Jahre an diesem Ort absolviert. Zielsicher steuere ich den Klassenraum an. Zwei Lehrer und zwei Lehrerinnen stehen erwartungsvoll mit dem Rücken zur Tafel, während sich auf nur sieben der zweiundzwanzig Plätze unserer Kinder Mütter setzen. Erst viel später trudeln zwei Nachzüglerinnen ein. Am Ende sind wir neun. Von diesen neun sollen mindestens zwei, besser vier oder fünf, so wird uns erklärt, für das Amt der Elternvertretung kandidieren. Zwei müssen gewählt werden. Zum Glück hatte sich bereits eine Mutter im Vorfeld freiwillig gemeldet. Die kenne ich sogar, war sie doch schon in der Klasse unserer Großen Elternvertreterin gewesen. Damals hatten wir uns nur ein einziges Mal persönlich gesehen, wie heute in der ersten Assemblea. Dann kam die Pandemie, es gab DAD (didattica a distanza = Distanzunterricht) für die Kinder, und auch die mütterlichen Kontakte verlagerten sich ins Digitale. Dort, im Profilbild, zeigt sie ihr blondes Haar, sonst nichts. Ich bin stolz, sie jetzt wiederzuerkennen und nicke ihr zu. Mit gutem Gewissen würde ich für diese erfahrene Kandidatin stimmen und nicht nur, weil keine weiteren zur Wahl stehen. Ich ahne, dass es wieder ein Ziehen und Zerren, ein Eiern und Leiern werden würde, um eine zweite Bewerberin für den ehrenvollen Posten zu finden. Was ich nicht ahne, ist, dass man es diesmal auf mich abgesehen hat. Es ist ausgerechnet eine Nachzüglerin ‒ sie kennt mich nicht, genauso wenig wie ich sie ‒ die mich auf dem Kieker hat. Ihr genügte offenbar die Beobachtung, dass ich gegenüber dem Lehrergremium insistiert und um die Gelegenheit gebeten hatte, Fragen zu stellen, weil ich meine loswerden wollte, um sich jetzt grinsend vor mich hinzustellen und zu sagen: „Du scheinst mir ein aufgeschlossener Typ zu sein, komm, mach das mal!“ Scusa, wie bitte? Ausgerechnet ich?

Also, damit wir uns nicht falsch verstehen: Nichts liegt mir ferner, als mich zu drücken, vor einer Handvoll Terminen im Jahr, an denen ich teilnehmen müsste. Ich bin einfach die am allerwenigsten geeignete Person für diese Rolle. Das werden die anderen am Ende der drei Jahre erkennen, wenn sie festgestellt haben, dass ich mich kaum in der Mütter-Chat-Gruppe zu Wort gemeldet haben werde, sondern nur bei relevanten Themen. Diskutieren um ungelegte Eier oder mutmaßliche Überstrenge der Lehrer oder nicht enden wollende Antwort-Tiraden der Art „Nein, Aurora hat das Buch von Edoardo nicht aus Versehen eingesteckt, aber ich frage sie nachher nochmal, wenn sie vom Reiten kommt, vielleicht weiß sie doch etwas“, gefolgt von Danksagungen, sind nicht mein liebstes Steckenpferd. Da würde ich das wenige Wichtige glatt übersehen, das ich als Vertreterin wo und mit wem auch immer klären müsste.

Das alles erzähle ich den anderen Müttern natürlich nicht. Zu meiner Verteidigung, dass ich der Ehre nicht gewachsen bin, führe ich wie üblich meine sprachlichen Defizite an. Denn tatsächlich gibt es immer wieder Termini, aus dem pädagogischen und vor allem dem administrativen Bereich, die ich nur vage verstehe. In hitzig geführten Debatten steige ich dann gern mal aus, wenn sie mich nicht wirklich interessieren. Fast bereue ich, vorher so selbstbewusst Fragen gestellt zu haben. Die bis dahin einzige freiwillige Kandidatin, meine gute Bekannte, reitet mich noch tiefer in die Misere, denn sie beteuert: „Mach dir keine Sorgen, die Versammlungsprotokolle schreibe ich, du musst nur mitkommen.“ Woraufhin mich meine selbsternannte Wahlhelferin triumphierend anschaut. Ha! Ich zappele im Netz, das immer enger wird. Alle stehen plötzlich um mich herum und meinen, ich sei die richtige Kandidatin. Ich brabbele etwas in Deutsch, damit man mir meine Ausrede glaubt, während ich hoffe und bange, dass sich in diesem engen Kreis noch eine Lösung finden würde, die nicht meinen Namen trägt. Nach zähen Minuten, in denen die ein oder andere noch Gründe aufführt, warum sie selbst nicht geeignet sei (keine Zeit), meldet sich die Frau, die bis dahin noch nichts gesagt hatte. Sie würde es machen, sie hätte Zeit, und wenn es keine andere gäbe, die unbedingt Wert darauf legte … Rumms! So ein großer Stein ist mir schon lange nicht vom Herzen gefallen. Wir sieben Drückebergerinnen bedanken uns überschwänglich bei den beiden Freiwilligen und schreiten guter Dinge zur Urne. So leicht kann man also eine Wahl gewinnen. Es reicht, dass man kandidiert. Das hätte ich auch haben können, denke ich und verschiebe es auf später, traurig zu sein ob der verpassten Chance.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

15 Kommentare zu „Wahlkampf

  1. Noch immer verspüre ich die Erleichterung, dass eine andere Mutter oder ein anderer Vater die Aufgabe des Elternvertreters übernommen hat und die Dankbarkeit gegenüber der in Folge natürlich einstimmig gewählten Person. Auch unsere Kinder waren nach derartigen Wahlversammlungen immer froh, dass andere Eltern den Posten übernommen hatten und ihnen die „Peinlichkeit“ erspart blieb, ihre Eltern in dieser Position zu erleben. Nur einmal habe ich mich freiwillig gemeldet, als unser Sohn eine einjährige Stippvisite auf einer berüchtigten Oberschule machen musste, weil ihn seine Faulheit vom Gymnasium katapultiert hatte. Das reichte mir aus 😉. Diese Zeiten liegen hinter uns. Das sage ich nicht ohne wiederum eine gewisse Erleichterung.
    Liebe Grüße nach Italien, Bettina.

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  2. Man macht sich gar nicht oft genug bewusst wie sinnvoll der “Sprachjoker” ist. Ich finde ihn fast noch effektiver als der “Keine-Zeit-Joker”, auch wenn deine Wahlhelferin da anscheinend anderer Meinung war. 😄 Zum Glück hat sich noch jemand freiwillig gemeldet. Es ist doch immer wieder ein faszinierendes Naturschauspiel, wer als erster “schwach” wird und “Ja gut, dann mach ich’s halt.” sagt. 😄

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    1. Genau, ich ziehe den Hut vor denen, die sich das aufbürden. Aber man muss auch dazu geboren sein, überall mitmischen zu wollen und ein Gespür haben, wie das „Volk“ tickt, um es gebührend vertreten zu können.
      Ihr steht erst am Anfang aller Möglichkeiten in Bezug auf Elternvertretererfahrung. Notfalls schickst du deinen Mann, der kann den Sprachjoker zücken. 😉

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  3. Liebe Anke, dein Beitrag weckt auch bei mir Erinnerungen. Bei uns schauten meistens alle nach unten, wenn sich die Frage stellte, wer sich für die Elternvertretung zur Verfügung stellt. Mir ging es einmal ähnlich wie dir. Ich bin auch vorgeschlagen worden und dann wird es richtig brenzlig. Ich habe dann meinen Widerstand aufgegeben und mich wählen lassen. Wobei von wählen lassen eher formal die Rede sein kann, weil sich ja in der Regel niemand um den Posten reißt. Abgesehen davon, dass ich den Job nicht gern gemacht habe, finde ich, dass es für Eltern und Kinder wichtig ist, dass es eine Elternvertretung gibt. Liebe Grüße aus Berlin, Roswitha

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    1. Da hast du Recht, liebe Roswitha, obwohl es sich an der Mittelschule meist nur noch darum handelt, das Protokoll der drei Versammlungen mit der Schulleitung/Lehrern zu übermitteln, ggf. eine Frage weiterzuleiten. Ich persönlich habe nie Gebrauch gemacht, irgendwelche Anliegen durch die Vertreter vorzutragen. Aber das heißt ja nicht, dass es nicht auch mal Situationen geben kann, wo man diesen Weg gerne nutzen würde und es wichtig wäre. Es ist eine Formalität, die grundsätzlich nötig, aber nur in seltenen Fällen gebraucht wird. Zum Glück findet sich immer jemand, der diese Funktion übernimmt.
      Danke und liebe Grüße an dich!

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