November

Nein, ich habe keine Lust auf heimeliges Sofagehocke mit heißem Tee und lauwarmen Erinnerungen, nur weil der Sommer vorbei und der Winter noch nicht da ist. Es soll Leute geben, die nach der letzten Gartenparty beinah nahtlos dazu übergehen, schon wieder Plätzchen zu backen, für die nächste gesellige Runde. Ich mag sie nicht, diese programmierte Gemütlichkeit. Im November überkommt mich stattdessen eine Art von Trotz und ein „Jetzt erst recht“-Gefühl. Ich habe Lust auf Neues, ich muss raus. Meine Hymne dazu stammt aus dem Jahr 2008, als uns Giusy Ferreri mit ihrem gleichnamigen Song den Novemberblues aus den Köpfen pustete. „Novembre“, die zweite Single ihres Debütalbums „Gaetana“, stürmte damals die italienischen Charts und besiegelte endgültig den Erfolg der gebürtigen Sizilianerin, die zuvor bei der ersten hiesigen Ausgabe von X Factor bekannt geworden war.

Was hat nun der Monat November, gern einhellig als grau und trübe abgestempelt, mit einem Neuanfang zu tun? Nun, er lädt uns ein, wie die Bäume unser altes Blätterkleid abzuwerfen. In Giusys Song ist anstelle von „Foglie“ (Blättern) poetisch abgewandelt von „Voglie“ die Rede. Ihr Körper kleidet sich nicht mehr in die Wollust, die ihr zum Verhängnis geworden war. Ob nun welke Blätter oder fad gewordene Lüste, es geht um das berühmte Loslassen. Von Dingen, Erwartungen, Menschen, die nicht mehr zu uns gehören, die nicht mehr in unser Leben passen. Der November ist der ideale Monat, aufzuräumen. Zu sich selbst zu finden. Wenn es ringsum still wird, hören wir unser Herz wieder schlagen. Es mag ungewöhnlich klingen, aber durch den Novembernebel sehen wir womöglich klarer, weil uns das Licht nicht blendet. Weil der grelle Schein nicht trügt, die sengende Hitze nicht die Sinne verklebt. Und sollte es stürmisch werden: Kragen hoch, wenn Wind aufkommt! Schirm raus, wenn Regen aufzieht! Nach vorn zu schauen geht am besten, wenn man ganz bei sich ist, sich freimacht von belastenden Einflüssen. War es der egozentrische Liebhaber, der einem nicht guttat (wie bei Giusy), oder der Stress der Sommer-Partys, auf denen man gar nicht tanzen wollte. Schluss machen, um neu anzufangen und das Leben in die eigene Hand zu nehmen.

Auch wenn seit dem Erscheinen im Herbst 2008 einige Jahre vergangen sind, ist „Novembre“ von Giusy Ferreri mit ihrer starken, außergewöhnlichen Stimme ein Titel, der niemals aus der Mode kommt und bei mir in jedem Herbst wieder ganz oben auf der Playlist steht. Hoch lebe La voglia di rinascere, wie es darin heißt, die Lust auf Neubeginn. Hört mal rein, vielleicht reißt dieser musikalische Energy-Kick auch euch vom Sofa:

Titelbild: An einem Novembertag am Vareser See.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

22 Kommentare zu „November

  1. Dein Text ist sehr schön und motiviert 😊. Während ich früher den grauen November meist als Last empfunden habe, habe ich dieses Jahr (heuer 🙃) das gleiche Gefühl – ein kraftvoller Neubeginn und das Loslassen von alten Gedanken, Überzeugungen und mehr. Das Lied hat in mir die Erinnerung an mein erstes Jahr in Palermo, 2009, hervorgerufen, danke 😊. GLG aus Wien

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    1. Danke, liebe Barbara, für deine enthusiastische Rückmeldung. Schön, dass auch du den Song kennst und magst, das wird den wenigsten meiner Leser so gehen. Viel Erfolg beim Aufräumen und Neuordnen! Liebe Grüße zu dir nach Wien!

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  2. Danke, da beschreibst du sehr schön die Situation in der ich gerade stecke. Und stärkst mir den Rücken auf meinem Weg zu bleiben. Wenn der Wind kommt, Hirn und Herz freiblasen lassen. Und wenn der Regen kommt, durch ihn wachsen. Danke

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  3. Das ist ein sehr schöner Text, liebe Anke. Der November – kaum ein Monat weckt bei so vielen Menschen negative Gefühle – Das ist mein Eindruck. Wir verschließen uns und merken, wie die Leichtigkeit verschwindet und etwas Lähmendes in unsere Körper kriecht. Oft erwischt es uns fast unerwartet, wenn die Sommerzeit endet und es plötzlich dunkel mitten am Tag wird. Da kommt dein Text gerade zum richtigen Zeitpunkt. Uns mit uns selbst beschäftigen, innehalten – du sprichst mir aus der Seele. Das kommt oft viel zu kurz und ist so wichtig, damit wir wieder durchstarten können. Danke für den Text und den Song. Liebe Grüße aus Berlin Roswitha

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    1. Danke Roswitha, für deine lieben Zeilen. Es ist schön, Feedback zu bekommen, und besonders schön, zu erfahren, wenn es mit dem Text gelungen ist, Anregungen zu geben. Liebe Grüße an dich!

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  4. Ich habe den November von allen Monaten immer am wenigsten gemocht. Aber vielleicht tue ich ihm schrecklich Unrecht und sollte mein Verhältnis zu diesem Monat nochmal überdenken. Denn was du schreibst, hat mich auf jeden Fall inspiriert. Vielleicht kann man auch schon im November bei sich aufräumen und Ballast abwerfen, nicht erst im neuen Jahr.

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    1. Nicht wahr? Wieso einen Monat mit Trübsal vergeuden, wenn man schon aufräumen und neu denken kann, um im Januar gleich voll durchzustarten. Probier es aus, und vielleicht berichtest du uns dann darüber, wozu es geführt hat? Danke und ganz liebe Grüße nach Berlin!

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  5. Wenn auch der November von vielen als grau und nass bezeichnet wird, war es für mich schon immer der Monat der Gemütlichkeit und des Zusammenseins. Die Hälfte unserer Familie hat im November Geburtstag. Und am Ewigkeitssonntag denken wir an die, die nicht mehr unmittelbar dabei sind. So geht es mir, liebe Anke.
    Ein schönes Wochenende aus dem sonnigen und mild gestimmten Oderbruch.
    Bettina

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    1. Ein Familienmonat, das ist doch schön!
      Meine Einleitung ist ein bisschen provokativ, aber das darf auch mal sein und holt diejenigen ab, die gerade in dieser Stimmung sind. Ich wünsche euch schöne gemeinsame Stunden, dir und den anderen Geburtstagskindern alles Gute! Genießt das milde Wetter. Liebe Grüße Anke

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      1. Vielleicht ist deine Einleitung ein wenig provokativ, aber nicht verletzend und spornt doch offenbar an, den November aus eigener Sicht darzustellen 😉. Dankeschön, ich hatte einen sehr schönen Geburtstag!
        Liebe Grüße zurück, Bettina

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