Nicht persönlich nehmen!

Der Italiener und das Schimpfen

Morgens halb zehn in Deutschland … erinnert ihr euch noch an den Werbespruch aus den 90ern? Heute musste ich im Büro wieder an ihn denken und wandelte ihn ab: Morgens halb zehn in Italien … Der Anlass hatte sehr wohl mit der Uhrzeit zu tun und damit, mal Pause zu machen. Dabei ging es weniger um eine süße, knusprige Leckerei als um eine derbe, gefluchte Schweinerei. Mein Kollege, im Großraumbüro in meiner Hör- aber nicht Sichtweite arbeitend, fragte unverhofft aus dem Hinterhalt: „Anke, come stai?“ (Anke, wie geht es dir?) Für mich, die ich mich in deutscher Manier zu ehrlichen Antworten verpflichtet fühle, kam diese Frage einer Provokation gleich. Er wusste doch, was ich derzeit alles um die Ohren habe und dass ich mich obendrein mit einer lästigen Erkältung herumschlage. Was sollte ich sagen? Ich entschied mich für die saloppe italienische Art und antwortete mit einem freundlichen „Vaffanculo!“. (Das Online-Wörterbuch übersetzt das Unaussprechliche wahlweise mit „Leck mich am Arsch!“ oder „Verpiss dich!“.) Mein Kollege, der als solcher ein guter Freund ist und mich und meine Sorgen versteht, antwortete lachend, dass er meine Antwort nett fände, morgens um halb zehn. „Ci voleva.“ (Das habe ich gebraucht.) Eigentlich, so rückte er dann kleinlaut heraus, wollte er nur fragen, ob wir in die Kaffeepause gehen.

Ihr habt verbale Fehltritte dieser Art nicht von mir erwartet? Ich auch nicht. Aber es ist wohl so, dass Integration eben auch immer ein Stück weit kulturelle Anpassung verlangt. Entweder man schimpft mit und legt Beschimpfungen nicht auf die Goldwaage, oder man gilt als Spielverderber. Es ist gar nicht lange her, da brachte mich ein anderer Kollege in Verlegenheit. Mal wieder flogen ‒ halb im Scherz und halb im Ernst ‒ Kraftausdrücke von einem Schreibtisch zum anderen, als er plötzlich innehielt und sich an mich wandte: „Sag mal Anke, wie schimpft und flucht ihr Deutschen eigentlich?“ Ich überlegte und gab zurück: „Wir Deutschen fluchen nicht.“ Ein Raunen ging durchs Büro. Das nahm mir keiner ab. Natürlich kannten sie das unvermeidliche „Sch…“ aus meinem Mund. Aber darüber hinaus? So sehr ich mich anstrengte, mir fiel nichts ein. Ich hätte zumindest beweisen wollen, dass wir Deutschen wohl fluchen, aber gesitteter, vornehmer als die Italiener. Andererseits wollte ich nicht im Ernst so antike Sprüche wie „Verflixt und zugenäht!“, „Himmel Herrgott nochmal!“ oder „Das ist ja zum Mäusemelken!“ bringen.

Hilfe, ich habe das deutsche Schimpfen verlernt!   

Nach mehr als zwanzig Jahren in Italien weiß ich, dass Italienisch nicht nur die verführerischste Sprache der Welt ist. Es ist auch die Sprache, in der vulgäre Ausdrucksweisen und ein inflationärer Schimpfwortgebrauch an der Tagesordnung sind. Kraftausdrücke, die unter die Gürtellinie gehen, sind kein Phänomen in ökonomisch benachteiligten Bevölkerungskreisen. Sie sind gesellschaftsfähig, in allen Klassen und Bildungsschichten. Selbst Lehrer, Journalisten, Kommentatoren oder Politiker verwenden in der Öffentlichkeit hin und wieder Ausdrücke, die nur mit schamvollem Erröten ins Deutsche zu übersetzen sind. Und zwar ohne mit der Wimper zu zucken und ohne von den Gesprächspartnern gerügt zu werden, die sind ja selbst nicht besser. Warum etwas vornehm umschreiben, wenn man seine miese Stimmung viel direkter zum Ausdruck bringen kann?

In manchen Situationen nehmen Schimpfwortduelle auch komische Züge an. Als wäre es gestern gewesen, erinnert mein Mann sich an die beiden befreundeten Jungen aus dem Nachbarhaus. Brüder, ein Jahr auseinander, die kriegten beim Fußballspielen auf dem Hof Zoff und beleidigten sich gegenseitig: „Figlio di Puttana“ (Hurensohn), schrie der Ältere. „Bastardo“ (Bastard), konterte der Jüngere.

Nun kann ich guten Gewissens behaupten, dass ich mir zuhause in der Familie sehr wohl Mühe gebe, einen kultivierten Ton zu pflegen. Zum Schimpfen gehe ich in die Waschküche. Wenn ich zwei von drei Mal eine Ladung frisch gewaschener Wäsche voller Zellstofffetzen vorfinde, weil ein Mitbewohner (ich nenne keine Namen) ein Taschentuch in der Pyjamahose vergessen hat, raste ich aus und fluche und schimpfe endlose Minuten lang, in denen ich jedes Teil einzeln ausschüttele und von den anhaftenden Zellulosepartikeln befreie. Dreimal dürft ihr raten, in welcher Sprache ich das tue.

Titelfoto: Das kleine Taschenwörterbuch habe ich praktisch nie verwendet. Es übersetzt vom Deutschen ins Italienische. Andersherum wäre es hilfreicher gewesen. Wir Deutschen fluchen doch nicht.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

44 Kommentare zu „Nicht persönlich nehmen!

  1. Danke für diesen sehr aufschlussreichen Beitrag, liebe Anke. Er hilft mir durch folgenden Absatz:
    „…Nach mehr als zwanzig Jahren in Italien weiß ich, dass Italienisch nicht nur die verführerischste Sprache der Welt ist. Es ist auch die Sprache, in der vulgäre Ausdrucksweisen und ein inflationärer Schimpfwortgebrauch an der Tagesordnung sind. Kraftausdrücke, die unter die Gürtellinie gehen, sind kein Phänomen in ökonomisch benachteiligten Bevölkerungskreisen…“
    zu verstehen, warum das Fluchen & Schimpfen in good old germany immer schlimmer und schräger wird. Was an dir wohl vorbeigezogen ist, da du inzwischen schon lange in Italien weilst. 🙂
    Aber was für Flüche bei uns teilweise über den Schulhof wehen, kannst du dir sicher nicht vorstellen. Da ist Hurensohn noch eine der freundlichsten Beschimpfungen. Und ich rede von einer Grundschule! 🙂
    Ganz viele Grüße nach bella Italia
    Bea

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    1. Danke für dein Update vom Schauplatz des aktuellen Geschehens, liebe Bea. Aber sag mal, irre ich in meiner Vorstellung, dass es sich bei den Beschimpfungen auf dem Schulhof eher um englische Begriffe oder zumindest Slang handelt? Wenn ich weiterdenke, kommt auch noch Dialekt in Frage. Womit ich mich schwertue, das sind hochdeutsche Schimpfworte und Flüche. Aber womöglich gibt es da mittlerweile auch mehr als zu meinen Zeiten …

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      1. Ich wollte nur sagen, dass das Fluchen und Beschimpfen hier alles ist, nur nicht zurückhaltend und vorsichtig. Und die Sprachen sind bunt und vielfältig. Und vieles „versteht“ man nur anhand der wutschnaubenden Reaktionen. :-/

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      2. Also am besten auf Stummfilm schalten … Na dann, bleib tapfer und „sauber“ in der Sprache. Mehr als den Kindern ein gutes Beispiel geben kann man wohl nicht. Liebe Grüβe ins bunte Deutschland!

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  2. Wie schön beschrieben 🤗 Vor ein paar Wochen war ich in Italien und hab meinen Freund besucht, der jetzt über ein Vierteljahrhundert in Italien lebt. Das erste Mal seit langem haben wir uns so richtig in die Haare bekommen. Wenn wir untereinander sind, sprechen wir nach wie vor Deutsch. Er spricht es nach wie vor fließend aber an diesem Abend hat er unbewusst seine italienischen Flüche wortwörtlich ins Deutsche übersetzt. Beim dritten musste ich so sehr lachen, dass unsere Auseinandersetzung komplett vergessen war. Die etwas deftigeren Sachen wortwörtlich zu übersetzen, klingt im Deutschen sehr sehr… Naja. 😂

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    1. Nein, nein. Ins Deutsche kann man das Wenigste übersetzen. Dein Freund hat es also auch verlernt, oder – wie ich 😉 – nie auf Deutsch geflucht. Aber schön, dass es euch zum Lachen gebracht hat!

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  3. Seit 20 Jahren schimpfe ich auf Österreichisch. Egal wo ich mich befinde. Da hat das Land eine enorme Vielfalt an „Fachbegriffen“ und sie sind auch regional verschieden. Zu Beginn musste ich aufpassen, dass ich nicht mit einem deftigen Schimpfwort ins Fettnäpfchen treten konnte. Ich habe kaum Erinnerungen daran, wie ich es im Deutschen gemacht hatte.

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    1. Oh ja, das kann ich mir gut vorstellen und muss auch gleich ans Bayerische denken, die stehen den Österreichern im deftigen Fluchen wohl nicht nach. Da geht es dir also wie mir, dass du dich schlicht nicht erinnerst, wie man auf Deutsch anständig herumschimpft. Oder waren wir alle Engel damals? 😇

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      1. Ja, auf Bairisch (Bairisch, nicht “Bayrisch“ oder “Bayerisch“!) schimpft sichs zwar weniger elegant als auf Italienisch, aber dafür mindestens so klangvoll: ▶️
        (Mein persönlicher Favorit, italienischer Schimpfspruch: »Non fare il peto più grande del culo!«)

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      2. Danke für den Hinweis, dass Bairisch die Sprache bezeichnet. Dein italienischer Lieblingsschimpfspruch ist mir persönlich noch nicht begegnet … werde ihn mal testen 😉

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  4. Geflucht wird in Deutschland gern auch mal auf Englisch, befürchte ich. Mir kam es so vor, als ob zum Beispiel bei der EM dem einen oder anderen Spieler ein bestimmtes Wort herausgerutscht ist. Mein Vater, mit dem wir viele Partien gemeinsam geschaut haben, sagte dazu: Da hat schon wieder jemand „Frack“ gesagt. 😉
    Ich wünsche dir schon mal ein verdammt schönes Wochenende! 😉

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    1. Ja, das kann ich mir vorstellen. Ich glaub, auch im Handelsraum in der Bank, meinem letzten Arbeitsambiente bevor ich nach Italien zog, wurde Englisch geflucht. Die Deutschen sind nur scheinbar vornehm. Wie ist das im Rumänischen, hat man da eine breite Schimpfwortpalette?
      Danke, es kann nur besser werden, wir hatten gerade und bekommen noch weitere starke Unwetter. So richtiges Drecksmistschweinewetter.🤭 Ich hoffe, in Berlin ist es schöner, auch im Hinblick auf das Finale am Sonntag!

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  5. Fast 50 Jahre Urlaub im Tessin und viele Tessiner Freunde fluche ich seit Jahren immer nur auf Italienisch. Zum Glück versteht es nur meine Familie, und wenn ich so richtig laut Porca miseria etc. gebrüllt habe geht es mir merklich besser.
    Liebe Grüße vom Niederrhein

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  6. Hm fluchen wie tut man das.
    Ich habe das nie gelernt.
    Aber mir würde das auch so nie einfallen, es laut zu tun.
    Dafur bin ich zu gesittet aufgewachsen.
    Trotz allem war eines meiner ersten Wörter wohl Scheiße meine große Schwester sagte es wohl immer wenn irgendwas war.
    Und das als heutige Deutschlehrein.😂
    Bei mir haben große Schwestern nicht abgefärbt und wenn in anderen Dingen.
    Mein Mann kann super fluchen auch auf Deutsch.
    Manchmal frag ich mich dann echt was bei dem schief lief.
    Ich bin halt anders…😀

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  7. Das Schimpfen – egal in welcher Sprache – tut wohl jedem manchmal gut. Auch ich gebrauche ab und zu einen wenig schönen Ausdruck. Es färbt ab, wenn man solche Kraftausdrücke oft hört. Auch wenn ich hinterher ein etwas schlechtes Gewissen habe, manchmal tut es gut.

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  8. Das war sehr aufschlussreich, liebe Anke. Ich habe viel aus dem Artikel mitgenommen. Was haben wir hier oft Diskussionen, dass die italienischen Schimpfwörter “troppo” sind.

    Und spannend, dass du gar nicht mehr so richtig auf Deutsch fluchen kannst. Wobei Schimpfwörter auch ständig im Wandel sind. In Frankfurt habe ich nochmal ganz neue Schimpfwörter kennengelernt, die mir die Schamesröte ins Gesicht treiben.
    So oder so: Auf Italienisch flucht es sich doch viel melodischer. 😉
    Hab einen guten Start ins Wochenende und liebe Grüße, Eva

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    1. Das überrascht mich aber, ich hätte gedacht, du als Bayerin hättest den Hessen noch was beibringen können in Sachen Kraftausdrücke. 😉
      Danke und dir auch ein schönes Wochenende, liebe Eva!

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  9. Das Thema deines Beitrags gefällt mir sehr. Wir schimpfen doch alle, manche eher gesittet und kontrolliert, andere aus dem Bauch heraus. Mit dem Schimpfen ist es ein wenig wie mit dem Lästern – es entlastet. Aber es ist sicher so, wie du geschrieben hast: Schimpfen auf Italienisch ist einfach anders. Dafür setzen die Deutschen sich ordentlich mit dem Thema auseinander. Vom Dudenverlag gibt es sogar ein Buch dazu: Sie Vollpfosten! Das ist vielleicht auch etwas für dich, liebe Anke, weil du ja das Schimpfen auf Deutsch verlernt hast. Herzliche Grüße aus Berlin. Da wird auf jeden Fall noch geschimpft, manchmal auch zu viel.

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    1. Das ist ein guter Tipp. Mir fällt dazu gleich ein, dass ich „Vollpfosten“ den Italienern nicht übersetzen und schwer erklären könnte. Das stammt wohl vom Fußball? Danke und liebe Grüße zu dir!

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  10. Oach, wenn ich im Homeoffice sauer werde, geht es fluchend und schimpfend die Treppe hoch und runter. Schimpfwörter aus dem Handwerkerrepertoire: Vollpfosten, Flachzange, Querschieber, Klappspaten, Flitzpiepe, Knallcharge und ganz, ganz schlimm ist Piesepampel.

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