Worte, sinnlich wie Musik

Der Italiener und die Sprache der Verführung

Neulich stieß ich im Internet auf eine Studie. Normalerweise genieße ich derartige Berichte mit Vorsicht, denn es gibt sinnfreie Studien wie Sand am Meer. Da es hier aber um ein Thema ging, das mich sowohl linguistisch als auch kulturell interessierte, musste ich den Artikel lesen und möchte euch die darin vermittelten Erkenntnisse nicht vorenthalten, zumal er im Titel klipp und klar behauptet:

L’italiano è la lingua più seducente al mondo: ora è ufficiale. (Italienisch ist die verführerischste Sprache der Welt: Jetzt ist es offiziell.)

Auf Initalia und bei Casinistanews (man will ja gründlich recherchieren), erfuhr ich zusammengefasst Folgendes: Bei einem Test der Online-Lernplattform Preply hörten sich die Teilnehmer Audioclips von verführerischen Sätzen in fünfzig verschiedenen Sprachen an. Währenddessen wurde die Veränderung ihres Herzschlags analysiert. Die Herzfrequenz, die in Ruhe etwa 65 Schläge pro Minute beträgt, erreichte bei sprachlicher Verführung in Italienisch 80 Schläge pro Minute, in Portugiesisch bis zu 78 und in Französisch bis zu 77 Schläge. Unter den weniger attraktiven Sprachen rangierten Japanisch, Deutsch und Niederländisch. (Wie niedrig bei denen die Herzfrequenz ausfällt, wird allerdings verschwiegen.) Die Erklärung für den Siegeszug des Italienischen liefert die Linguistin und Übersetzerin Aleksandra Stevanovic, die die italienische Sprache aufgrund der abwechselnden Kombination von Konsonanten und Vokalen als musikalisch bezeichnet, was sie sinnlicher und attraktiver macht.

Eigentlich haben wir es bereits gewusst. Warum zieht es deutschen Touristinnen jeden Sommer an den Küsten des Stiefels angesichts plumper Verführungsattacken ‒ vollkommen ohne die Eleganz eines Cesare Cremonini, der schwor, kein Latin Lover zu sein ‒ nicht die Stiefel aus? Weil sie keine anhaben. Im Sommer. Nein, jetzt mal ernsthaft: Liegt es an Carbonara e una Coca Cola? Oder doch am sinnlich ins Ohr geflüsterten Ti amo, weil dieses Flüstern wie eine süße Melodie zum Träumen einlädt? Keine gestapelten Konsonantenpakete, die es in der zweiten, deutschsprachigen Strophe bei Spliff zu entpacken gilt. Einfach harmonische, verführerische Klänge. Da stört es die umschwärmten Touristinnen auch nicht, wenn es im weltberühmten Song von Umberto Tozzi so fragwürdige Sätze gibt wie „Öffne dem Klopapierkrieger die Tür …“ oder „Erster Mai, nur Mut …“.

Einer der weltweit erfolgreichsten Italo-Popsänger der letzten Jahrzehnte ist zweifelsohne Eros Ramazotti. Seine Songs, da kann man schwer Gegenteiliges behaupten, klingen fantastisch in den Ohren und treffen ins romantisch veranlagte Herz. Melodie, Texte … perfetto. Und die Stimme? Hm. Passt, Ramazotti eben. Aber verführt allein seine Stimme? Ich meine, wenn jetzt einer daherkäme und nicht Ramazotti wäre, nicht singen könnte und auch sonst eher von durchschnittlicher Erscheinung. Wenn der dann sprechen würde wie Ramazotti, so durch die Nase, ein italienisches Liebesgedicht vielleicht … Ich weiß nicht. Ihr?

Wenn man, wie ich, im deutschsprachigen Leben Roland Kaiser oder vielmehr seine mit hinreißend erotischer Stimme vorgetragenen Songs vergötterte, dann hat es anschlieβend in Italien sogar ein Riccardo Fogli schwer. Wenn man Sag ihm, dass ich dich liebe voll Inbrunst mitsang, muss man sich – entschuldigt liebe Italiener – ins Original von Riccardo Fogli erst einmal reinhören. Dabei ist auch Storie di tutti i giorni ein grandioser Song, ohne Zweifel. Ich möchte sogar behaupten, dass beide auf der Playlist meiner „All-time favourites“ mittlerweile gleich hoch rangieren. Die Liedtexte sind nicht vergleichbar, oder doch, denn am Ende geht es immer irgendwie um Liebe. Beim einen um die nicht enden wollenden Gefühle für die Verflossene, welche in den Armen eines ‒ es vermeintlich weniger gut mit ihr meinenden ‒ Anderen gelandet ist (Kaiser). Beim anderen um diese alltäglichen, viel zu kleinen Liebesgeschichten von uns Normalsterblichen, die sich Tag für Tag wie kleine Rauchkringel im Nirgendwo ihrer Bedeutungslosigkeit auflösen (Fogli).

So sehr ich das Melodisch-Verführerische der italienischen Sprache schätze, so wenig Verständnis habe ich dafür, dass in Italien ausgerechnet Sprecher mit den am wenigsten sinnlichen Stimmen hektisch im Radio quatschen dürfen und Journalisten in TV-Talkshows unausstehlich herumschreien. Wie oft habe ich meinen Mann während unserer Reisen in Deutschland damit genervt, ihn auf die warmen, wohlklingenden, verführerischen Stimmen männlicher Radiosprecher hinzuweisen. Im deutschen Radio und auch in der deutschen Werbung sprechen Männer ruhig und überzeugend, wirken dabei sinnlich und stark zugleich. Eine Wohltat für die Ohren. Dies bitte ich gern als trostspendendes Argument zu verbuchen, falls sich der ein oder andere deutsche Leser angesichts eingangs zitierter Studie im internationalen Vergleich flirttechnisch in einer schlechteren Position wähnt.

Gewisse Journalisten in hiesigen Talkshows sind akustisch nicht zu ertragen. Ich frage meinen Mann, warum solche Leute eingestellt werden und zwei Stunden oder länger die Zuschauer nerven dürfen. Seine Interpretation: Es sind die Moderatoren mit den schrillsten Stimmen, die überhaupt eine Chance haben, sich gegenseitig anschreiende, hyperventilierende Studiogäste zu überstimmen. In all den Jahren habe ich es vermieden, italienische Talkshows zu Politik und Tagesgeschehen zu verfolgen, zumal mich die Themen meist nicht interessierten. Seit Corona, um auf dem laufenden Stand der Diskussion zu bleiben, tun wir es uns manchmal an.

Aber zurück zum Thema sprachliche Verführung. Vielleicht wäre eine ideale Kombination italienische Sprache, von deutschen Stimmen vorgetragen. Oder zählt am Ende etwa doch, WAS einer sagt, und nicht in welcher Sprache und mit welchem Timbre? Mein Mann, würde ich im Rückblick behaupten, hat mich mit Inhalten überzeugt. Mit seinem Charme und seinem Humor. Denn diese bleiben, auch wenn man längst die schönen Worte mit idealen Vokal-Konsonant-Kompositionen durchschaut hat oder einer wohligen Stimme überdrüssig geworden ist.

Titelbild: Via D’Azeglio in Bologna, Dezember 2019. Die Lichterketten zitieren Textzeilen des Songs „Nessuno vuole essere Robin“ von Cesare Cremonini.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

33 Kommentare zu „Worte, sinnlich wie Musik

  1. Oh, jetzt wird mir einiges klar, auch warum ich gerade Italienisch und Portugiesisch gelernt habe :-D. Abgesehen vom Klang gibt es auch schöne romantische oder „verführerische“ Aussagen und Redeweisen, die auf Deutsch fehlen, finde ich.
    Sehr interessant :))!

    PS: Deine Meinung zu TV und Radio teile ich. Ich werde ganz hektisch bei dem Geschreie haha.

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    1. Romantische Aussagen, oh ja. Aber auch diese vieldeutigen. Ich erinnere mich, als ich noch im Büro arbeitete, dass ständig harmlose Formulierungen ganz anders aufgefasst wurden. Da konnte ich spielen, mich dumm stellen, je nachdem wie es mir gelegen kam … 😉 Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.

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    1. Als großer Udo Jürgens Fan fällt mir mit einem Augenzwinkern folgender Text ein:
      „Stau-Stau-Stau – Panne – Campingplatz. Zoll-Zoll-Zoll – Schlauchboot – Hannelore!
      Tschau-tschau-tschau – Stohhut – Sonnenbrand.
      Papiere, Geld, Francesco weg –
      Finito l’amore!
      URLAUB IM SÜDEN…“
      Ansonsten: Vor 30 oder 35 Jahren hätte ich mich vielleicht dem Charme einer italienischen Stimme erlegen gesehen. Heute sage ich, nicht ganz ohne Wehmut, habe ich die romantische Verklärtheit abgestreift, aber genieße inhaltsvolle Ansprache von einem mir sympathischen Menschen, mit dem ich mich auf gleicher Wellenlänge befinde. Humor und eine angenehme Stimme wären natürlich nicht abträglich 😉

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      1. Bei Udo bin stehengeblieben: 17 Jahr.. und mit einem guten Rotwein und dem entsprechenden „Gegenüber“ ist doch die Romantik wieder ganz nah.. – (reimt sich sogar🙂) Ansonsten hast du recht, ob mit Melodie oder Akzent – das „Gegenüber“ zählt..🙂🙂

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  2. Für mich reicht es, wenn eine Dame mit Akzent meinen Namen „Thomas“ haucht. Auch Tom würde gehen. Zur Not auch ohne Akzent. Wenn aber, dann wäre Italienisch bestimmt ganz vorne mit dabei. Auf Alberto oder Giuseppe hingegen reagiere ich so gut wie gar nicht, egal ob mit oder ohne Akzent. Komisch.

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    1. Vielleicht hast du nur noch nicht den richtigen Giuseppe getroffen? 😉 Aber du hast Recht, mein Text ist natürlich ganz fies nur aus meiner Sicht in Bezug auf verführerische Männerstimmen geschrieben. Was die italienische Damenwelt betrifft, ich glaube das wäre noch mal ein Thema für sich. Meine Schwester behauptet immer, Italienerinnen haben typischerweise so eine rauchige oder gar versoffene Stimme. Und sie wollte diese Tendenz bei meinen Töchtern, als sie noch klein waren, bereits herausgehört haben. 🤔😂

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      1. Ich meinte, ich reagiere nicht, wenn sie Guiseppe oder Alberto sagt. Ich bin da irgendwie festgefahren. Hat Guiseppe denn auch eine verrauchte Stimme? Aber vielleicht kling ja versoffen dann gar nicht mehr so charmant…

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      2. Ah, jetzt ja! 🤦‍♀️😅 Klar, der Inhalt des Gesprochenen sollte schon auf den Empfänger abgestimmt sein, es sei denn, der ist hinreichend besoffen, um es nicht zu merken.😉

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  3. Da sagst (oder schreibst 🧐) du was mit den Moderatoren aus Funk und Fernsehen. Kopfweh bekomme ich davon! 🥴
    Um aus dem Nähkästchen zu plaudern, der Römer singt oft eine wunderbare Version von „Certe notti“ seines Lieblingssängers Ligabue. Ich muss sagen, dass das Lied zum Repertoire eines jeden Italieners gehören sollte. Damit wickelt man alle Damen um den Finger. 😄

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    1. Apropos Kopfweh. Absolut an meine Grenzen geht es im Auto: Radiosprecher (noch besser: Werbung) ein oder zwei Navi-Ansagen (das eingebaute plus Smartphone), eine Tochter, die singt, und ein Mann, der sich mit mir unterhalten will. Ich glaube, die Italiener (Stellvertreter: mein Mann) haben anders konstruierte Synapsen, ich schalte in solchen Momenten provokativ das Radio aus und ernte dafür vollkommenes Unverständnis. Er ist dann beleidigt.
      Ligabue ist jetzt nicht so meiner. Aber ich habe ja noch nicht die Version des Römers gehört! 😉🤭

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      1. 😂 Oh ja! Ich glaube, kein Italiener würde die Musik beim rückwärts Einparken leise drehen und alle Fahrzeuginsassen bitten, einen Moment leise zu sein. 😅 Italiener sind die geborenen Multitasking-Talente, vermute ich. Oder aber, sie haben ein besseres Filtersystem. Der Römer registriert/hört zB nur das, was er hören möchte. So manch wichtiger Satz geht da unter,… 😄
        Das wäre übrigens ein schöner Artikel für den fiktiven Blog deines Mannes. Er würde von der Kuriosität dieser Situation handeln. 😄

        Ganz toll, die römische Ligabue Version! Damit hatte er mich. 😉

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    1. Gute Idee. Aber es bräuchte auch eine technische Lösung, die den Teilnehmern das Übereinanderhinwegreden schlicht unmöglich macht. Ich hatte vor kurzem so ein Aha-Erlebnis, nach langer Zeit mal wieder abends ins deutsche Fernsehen reingeschaut, in eine Talkshow. Jeder sprach ruhig und klar, wenn er dran war. Ich dachte gar nicht mehr, dass so etwas möglich ist.
      Da fällt mit gleich noch der Fußball ein, bei dir: 😉 Wenn wir mal ausnahmsweise ein Spiel mit deutschem Kommentator verfolgen, schläft mein Mann ein. Der italienische Kommentator redet sich irgendwie die ganze Zeit um Sinn und Verstand. Der deutsche spricht nur, wenn es was zu kommentieren gibt.😅

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      1. Im Grunde müßte das sogar gehen. Früher haben das die Radio-DJs gerne genutzt – eine Technik, die automatisch die Musik runterdrosselte, wenn sie drüber sabbelten. Das muß ja auch mit anderen Tonquellen ( Rednern) gehen. – Mich ärgert das auch immer, daß die Teilnehmer nicht kapieren, daß man auch denjenigen, der drüber schreit, nicht versteht.

        Haha, schönes Beispiel mit dem Fußball. Und selbst deutsche Kommentatoren sprechen mitunter noch zu viel. Ich sage immer: schließe beim Fernsehen die Augen. Wenn Du dem Kommentator bzw dem Spiel noch folgen kannst, dann macht er Radio. Bin also auch ein Freund des weniger kommentierens, ganz ähnlich wie Du. 🙂

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      1. Ich stelle mir das so vor: „in 500 Metern bitte… knacks… Seitenbacher“ Kaufen Sie Bersteiger-Müsli von Seitenbacher. Das leckere Bergsteiger-Müsli. Von Seitenbacher! Seitenbacher Bergsteiger-Müsli!… Das goldene Blatt! Diese Woche: Was Prinz Harry seinem Bruder nicht verzeihen kann. Heino und Hannelore: das Geheimnis ihrer Ehe. Und vier Seiten Rezepte für den Mai… knacks… bei der nächsten Möglichkeit bitte wenden!“

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  4. Italienische ist wirklich eine sehr schöne Sprache, nicht nur allein, weil ich mich mit 16 Jahren zum ersten Mal in Italien verliebt habe und es einfach schön ist, die Worte auf Italienisch zu hören. Aber auch Französisch gehört für mich zu den besonders schönen Sprachen (und natürlich Spanisch). LG Marie

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    1. Romantische Erinnerungen. 😍 Bei mir war es knapp, das Schicksal hat entschieden: Ich hatte gerade ein halbes Jahr VHS Französisch hinter mir, dann lernte ich kurz darauf einen Italiener kennen. Ich dachte: So ein Mist, jetzt hast du die falsche Sprache gelernt. 😉

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  5. Liebe Anke, ich mag Deine ehrlichen und so passend, beschreibenden Worte wirklich sehr, und ich freue mich, dass Du mir mit Deinen Beiträgen eine Reise nach Italien ermöglichst. Du weckst so manche schöne Erinnerung. Dankeschön. ❤️
    Herzlichst, Sovely

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