Unverhofftes Lesevergnügen

Ich lese leidenschaftlich gerne und bekomme viele interessante Empfehlungen für deutschsprachige Literatur. Ein Dilemma, wenn man in Italien lebt. Zuletzt habe ich reihenweise Bücher bestellt, die nun dekorativ in der Schrankwand herumstehen. Dazu sind Bücher nicht gemacht, oder? Ich würde es schöner finden, wenn nicht ich sie regelmäßig abstauben müsste, sondern diese Sache automatisch vonstatten gehen würde, indem andere Menschen sie lesen. Einige Romane habe ich schon einer deutschen Freundin hier im Ort ausgeliehen, aber oft gehen unsere Vorlieben und Interessen auseinander. In ihrem Bücherschrank finde ich auch Nettes, zum Beispiel die auf dem Blog bereits vorgestellten Abenteuer einer Italienerin in München, die aktuellen Empfehlungen aus dem Schreibseminar oder dem Feuilleton eher nicht.

Zum Glück für alle Leseratten gibt es die segensreiche Erfindung Leihe. Seit auch meine Töchter lesen, sind wir in der örtlichen Bibliothek eingeschrieben. Ein Paradies. Man kann fast alles bestellen, lesen und wieder zurückbringen, damit es andere lesen können. Vollkommen kostenlos. Leider ist die Auswahl deutschsprachiger Bücher in unserer italienischen Provinzbibliothek begrenzt. Drei verschiedene Ausgaben von Goethes Faust und eine Handvoll ausrangierte Herz-Schmerz-Schmonzetten stehen dort zwischen einer etwas größeren Anzahl englischsprachiger Bücher herum. Ich lese auch in Italienisch, deutsche Literatur möchte ich aber gern im Original genießen.

Da kam es gerade recht, als mir unsere Große neulich ein Buch auf den Tisch legte. Mit den besten Grüßen von ihrer Deutschlehrerin am Gymnasium. Die hat es ihr extra für mich mitgegeben, sie weiß von meiner Herkunft. „Gucke mal Mami, kennst du diese Schriftstellerin?“, präsentierte meine Tochter die persönliche Leihgabe erwartungsvoll. „Sie ist nur ein Jahr älter als du.“ Nein, ich kannte sie nicht. Aber tatsächlich: Claudia Rusch ist Jahrgang 1971. Da ich im Februar 1972 geboren bin, besuchten wir dieselbe Klassenstufe. Auch sie machte im Sommer 1990 das letzte DDR-Abitur. Das weiß ich nach der Lektüre ihres Buches „Meine Freie Deutsche Jugend“, einer Reihe von Erzählungen, in denen Claudia Rusch von ihrem Schulabschluss und anderen einprägsamen Erinnerungen schreibt. In einer der Geschichten geht es um die Bekanntschaft ihrer Mutter mit einem italienischen Kommunisten, der regelmäßig Karten und Briefe schickte, die fast ebenso regelmäßig von der Stasi abgefangen und gelesen wurden. Wenn sie ankamen, bat die Briefträgerin ihre Mutter immer um die schöne Briefmarke. Diese Geschichte las ich direkt nach meinem Erlebnis im italienischen Postamt und musste grinsen, als ich mir vorstellte, dass heutzutage einer der Empfänger meiner Weihnachtsgrüβe die Briefmarke bewundern und ablösen würde. Briefmarkensammler, gibt es die eigentlich noch? Man könnte meinen: Keine Briefe, keine Briefmarken und keine Reisebeschränkungen, kein Fernweh. Früher, in der DDR, war Briefmarkensammeln ein weitverbreitetes Hobby. Ich behaupte, dass jedes Kind mindestens ein Album hatte. Ich erinnere mich gut an das transparente Papier und das Geräusch beim Umblättern genau wie an den süßlichen Geruch der abgelösten und getrockneten Marken. Aus Italien hatte ich damals keine.

Claudia Rusch mochte den Brieffreund ihrer Mutter sehr:

„Von da an schrieb Claudio meiner Mutter Briefe. Die schönsten der Welt. Er schrieb von den sieben Hügeln Roms, von der Sonne auf den Dächern der Stadt, den Plätzen, den Menschen, dem Tiber. Sie waren überschwänglich, romantisch und voller Leben.“ S. 32*

Manchmal kam der Italiener, der den gleichen Vornamen trug wie das ostdeutsche Mädchen, auch zu Besuch:

„Wenn wir zusammen spazieren gingen, trug er mich auf den Schultern, sang mir italienische Lieder vor und erzählte vom Land, in dem die Zitronen blühen. Meinetwegen hätte er gern mein neuer Papa werden können.“ S. 33*

Claudia Rusch, die im Umfeld der DDR-Bürgerrechtsbewegung aufwuchs, erzählt auf unterhaltsame Art von einer Kindheit zwischen Anpassung und Heimatliebe und dem Traum von einem anderen Leben irgendwo in der Ferne, am liebsten in Paris, wo es keine Einschränkungen der persönlichen Freiheit gäbe.

Ist es nicht nett, wenn jemand dir aus eigenen Stücken etwas leiht, das dich interessieren könnte? Danke, liebe Professoressa! Tatsächlich hatte ich von „Meine Freie Deutsche Jugend“ gehört, aber noch nie weiter nachgeforscht. Ob es auch an dem Titel liegt, der nicht zwangsläufig an klug geschriebene, berührende Literatur denken lässt? Möglich. Ich freue mich, dass ich dieses Missverständnis jetzt aus dem Weg geräumt und diese schöne Lektüre nachgeholt habe. Ich empfehle das Buch gern weiter. Fragt mal in eurer Bibliothek!

*Zitiert aus: Claudia Rusch: Meine Freie Deutsche Jugend, S. Fischer Verlag, 3. Auflage August 2003.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

17 Kommentare zu „Unverhofftes Lesevergnügen

    1. Und, waren die schön? Lass mich raten: Es war Kosmonaut Sigmund Jähn drauf.😀
      Ich weiß nicht mehr, schätze aber, dass meine ausländischen Marken aus der UdSSR oder Bulgarien stammten, da hatte ich Brieffreundinnen. Post aus dem NSW* bekamen wir nicht. 🤷‍♀️
      *Nichtsozialistisches Wirtschaftsgebiet.

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      1. Ich weiß nicht mehr genau, aber ich hatte Kurzwellenradio gehört und Empfangsberichte an Polski Radio, Radio Mokba und Radio Praha geschrieben. Da bekam ich schöne Wimpel und QSL Karten.

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  1. Briefmarken? Aber klar doch – deshalb ja auch immer noch keine Abziehbilder klebend. 🙂 Und welche aus der DDR gab es auch aufgrund unserer Verwandtschaft. Weltzeituhr und Marxkopf meistens oder Ulbricht in schillernden Farben. 🙂

    Feiner Lektüre- Tipp für irgendwann mal, danke. Ich habe gestern gerade geräumt und noch ein paar Kinderbücher gefunden, die meine Oma mitgebracht hatte. „Wie Putzi einen Pokal gewann“ und sowas… kennst Du höchstwahrscheinlich auch noch, oder?

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    1. Elisabeth Shaw, aber klar doch! 👍 Mir haben meine Eltern diese Geschichten neu gekauft, da sie meine Bücher nicht aufbewahrt hatten, und ich habe sie meinen Kindern vorgelesen. Das hat Tradition, ich hebe sie auf!!!

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