Frühlingsgedanken

Nachdem ich hier im Oktober von Herbstgedanken schrieb, ist es Zeit für das Pendant: Frühlingsgedanken. Halt! Hieß es nicht Frühlingsgefühle? Nein, ich rede nicht von den leise prickelnden oder lautstark überschäumenden Gefühlsanwandlungen der Jugend. Auch in späteren Jahren hat der Frühling eine einzigartige Kraft, die Seele versöhnlich, wenn nicht gar optimistisch zu stimmen. Vor allem dann, wenn es schon länger nicht tutto paletti läuft. Wo das Vertrösten auf ein Irgendwann und Durchhalteparolen kaum noch helfen, freue ich mich über hoffnungsvolle Botschaften der Natur. Wie die einer rosafarbenen Hyazinthe auf unserem Balkon. Sie kam dieses Jahr scheinbar aus dem Nichts. Dabei glaube ich nicht an Wunder. Ich weiß, dass ich vor Jahren die Zwiebel in den Kübel gesteckt haben muss. Dann habe ich sie vergessen. Im vergangenen Jahr wuchsen nur Blätter ‒ dünn, viel zu lang, keine Blüte. Und tatsächlich war das Jahr 2025 kein gutes. Dass das kleine Pflänzchen nun Anfang März einen strahlenden Farbklecks in die noch wintergraue Kulisse setzt, das interpretiere ich gern als Botschaft. Nämlich die, nie die Hoffnung zu verlieren. Wunder geschehen vielleicht doch, wie Nena wusste.

Frühjahrsputz und Gärtnern hatte ich im April geplant, aber neben der schönen Hyazinthe konnte ich die verrotteten Pflanzen vom Vorjahr nicht mehr sehen. Am Sonntag krempelte ich die Ärmel hoch, putzte nach den Blumenkästen gleich noch Balkon und Fenster, wir holten Tisch und Stühle raus und feierten den Frauentag ohne Mimosen mit Gegrilltem auf dem Balkon. Alles ist relativ, stellte ich fest: Froren wir letzte Woche noch ohne Heizung bei 17 Grad in der Wohnung, waren es jetzt wieder kuschelige 21 Grad. Und wir? Wir setzten uns bei 16 Grad an die frische Luft! Nach dem Essen holte ich eine Decke und das Strickzeug raus. Wie im Frühjahr 2020, musste ich denken und war irritiert, dass es eine angenehme Erinnerung war. Auch damals hatten wir aus Nichts das Beste gemacht und bei den ersten Sonnenstrahlen auf dem Balkon gesessen. Die Ausnahmesituation sollte noch viele Monate dauern, aber das Schlimmste war überstanden. Ein Jahr später blühte es an allen Werbetafeln: „L’Italia rinasce con un fiore“ (Italien wird wiedergeboren, mit einer Blume) war die emotionale Einladung zum Impfen und tatsächlich der Ausweg aus der Pandemie.

Ich weiß, ich schreibe hier um den heißen Brei, aber das, was uns gerade passiert, ist nichts, was ich auf dem Blog erzählen kann. Ich danke allen Freunden und Verwandten, die eingeweiht sind. Ich danke ihnen, die mir schon durch Zuhören helfen, auch wenn sie nicht viel tun können. Und dann gibt es sogar Menschen, die versuchen es. Machen einen Vorschlag, der dir die Sprache verschlägt, weil du es gar nicht glauben kannst. Wie die Bekannte, die uns im Sommer spontan ein praktisches Hilfsangebot unterbreitete. Dass wir es nicht angenommen haben, lag nicht an uns, sondern an der, die sich nicht helfen lassen will, es damals nicht konnte. Ich bin immer noch verlegen, wenn ich daran denke. Und glücklich. Solche Gesten machen Hoffnung, wie es sonst nur der Frühling kann. Gut, dass er jetzt da ist. Arbeit und Sport sind immer noch die beste Medizin ‒ Frühjahrsputz ist beides in einem. Und die beste Therapie sind die Menschen, denen ich manchmal mein Herz ausschütten darf.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

5 Kommentare zu „Frühlingsgedanken

  1. Liebe Anke, ich beneide dich um das schöne Wetter und die Tatsache, dass du deinen Balkon so schön auf Vordermann gebracht hast und nun – wenn auch bei kühlen 16° – dort verweilen kannst, um den Frühling mit seinen Knospen und Farben aufzusaugen. Ich wollte selbiges am Sonntag tun, also den Balkon aufhübschen. Kam aber dann doch nicht dazu und welch Glück: Seit heute regnet es wieder wie aus Eimern und es soll erstmal auch die nächsten Tage kühler und nass bleiben.
    Zu dem, über das du nicht im Blog schreiben möchtest:
    Das kann ich sehr gut nachempfinden, denn längst nicht alles gehört mit der Welt geteilt!
    Was immer es ist, wünsche ich dir aber von Herzen, dass es sich bestmöglich und bald regulieren wird!
    Wenn nicht heute, dann morgen! Der Frühling braucht ja auch länger, bis er sich so richtig eingelebt hat und in voller Blüte steht. 🙂
    Viele Grüße Bea

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  2. „Das Schönste am Frühling ist das Wunder“
    – so weit war ich gerade mit Anschauen und Lesen gekommen,
    – das war so wunderbar gesagt und gezeigt,
    daß ich es spontan bei mir anzeigte.

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  3. Liebe Anke, ich wünsche Dir für die belastende Situation auf jeden Fall ganz viel Kraft, die richtigen Menschen um Dich herum und einen Lichtblick – machmal kommen die auch völlig unerwartet und dann wenn man gar nicht damit rechnet. Die besten Wünsche für Dich und liebe Grüße! Barbara

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