Mein erstes Mal

Es regnet immer noch. Das hatte ich geahnt oder vielmehr befürchtet. Ich hetze vom Büro nach Hause. Im Laufschritt. Der Regen wird noch stärker. Autos tauchen im Affenzahn durch die Pfützen, als gäbe es keine Fußgänger. Da haben sie auch recht, von meiner Wenigkeit einmal abgesehen. Außer Atem nehme ich die vier Stufen zu der eleganten, freistehenden Villa und öffne die Tür. Elena, das junge Mädchen am Empfang, grinst mich an.

Beh, hai scelto il giorno giusto! Na, da hast du dir ja den richtigen Tag ausgesucht!

Ich grinse verunsichert. Sie wird mir doch jetzt nicht die Hoffnung rauben, dass wir die Sache verschieben können. Bei solchem Wetter ist es eine Zumutung. Und gefährlich. Für beide Beteiligte, mich und Giovanni.

Aber nein, Giovanni kommt mir bereits entgegen und klatscht aufmunternd in die Hände. Da bist du ja. Andiamo! Los gehts, der Wagen steht schon im Hof bereit.

Hai esperienza di guida, giusto? Du hast doch schon Fahrpraxis, oder?

Wie jetzt? Das ist meine erste Fahrstunde, und ich soll schon alles können? Meine skeptischen Gedanken äußere ich nicht, sondern antworte wahrheitsgemäß:

Nun ja, also, mein Freund, der hat mich schon mal rangelassen. Sonntags auf dem leeren Parkplatz.

Perfetto, allora partiamo! Perfekt, dann kann es ja losgehen.

Der Wagen, ausgerechnet ein Peugeot. Mein Freund hatte mich gewarnt: Wenn es ein Franzose ist, liegt der Rückwärtsgang andersrum. Na prima. Irgendwie geht es dann doch und ich ‒ oder vielmehr mein Beifahrer, der wohl in den entscheidenden Momenten eingreift ‒ also wir, stürzen uns in den prallen Feierabendverkehr im Zentrum von Olgiate Comasco. Es gießt in Strömen. Stop and go. Nichts einfacher als das. Ich weiß nicht, ob mein T-Shirt noch nass vom Regen ist oder mir der Angstschweiß aus allen Poren kriecht. Der wird mich gleich rausschmeißen, denke ich noch, aber Giovanni scheint gar nicht so entsetzt angesichts meiner rudimentären Fahrkünste, oder er weiß es gut zu verbergen. 

Ich ahnte damals, an jenem verregneten Abend im Frühjahr 2004, noch nicht, dass die erste Fahrstunde die gefährlichste von allen gewesen sein sollte. Zum einen hatte ich bei den folgenden Stunden mehr Glück mit dem Wetter, aber vor allem fuhr ich kaum noch durchs Ortszentrum. Vornehmlich hielten wir uns für die zu erlernende Praxis in einer ruhigen Wohngegend auf, die vor allem zwei klassische Übungssituationen bot: das Anfahren am Berg (aushilfsweise an einer leicht ansteigenden Straße) und das Einparken im Rückwärtsgang auf einem kleinen Parkplatz, der aber keine baulichen Hindernisse wie Absperrungen, Trennsäulen oder dergleichen bot. (Später, mit meinem eigenen Auto, sollte ich derartige Gemeinheiten noch aus der Nähe kennenlernen.) Genau diese beiden Fahrsituationen waren dann auch die Schwerpunktthemen bei der Prüfung am 28. Juli, die ich, wie nicht anders zu erwarten, im ersten Anlauf meisterhaft bestand.

Patente di guida, Führerschein: Rückseite mit Datum der bestandenen Prüfung.

Ich erinnere mich auch vage an die zuvor absolvierte Prüfung in Sachen Theorie. Man zeigte mir unter anderem das dreieckige Warnschild mit der Kuh. Sie hatten wohl ein Nachsehen mit mir Straniera, der Ausländerin. Im Fall des Schildes mit dem Wildtier hätte ich vermutlich länger nach dem passenden Begriff suchen müssen.

Den Führerschein in der Tasche, hielt mich nichts und niemand auf. Ich kaufte la mia prima macchina, mein erstes eigenes Auto. Der kleine, feine, silberfarbene Lancia Y mit roséfarbenen Sitzbezügen war wie für mich gemacht. Natürlich war es ein Gebrauchtwagen, und ich hängte ‒ meinen besonderen Umständen entsprechend ‒ ein großes P wie Principiante, Anfänger, ins Rückfenster. Nur soviel: Als ich das erste Mal zum Einkaufen in einen bis dahin für mich als Fuβgängerin unerreichbaren Supermarkt fuhr, musste ich am Ortsrand in einen zweispurigen (!) Kreisverkehr. Aiuto! Hilfe! So weit raus hatten wir es in den Fahrstunden nie geschafft. Da hatte es höchstens mal eine kleine einspurige Rotonda gegeben. Jetzt versteht ihr, warum ich mich später nie im Auto nach Mailand getraut habe und nur selten nach Como oder Varese.

Dabei hatte ich Glück, dass die ersten Wochen eigener Fahrpraxis in den August fielen. Auf fast verkehrsfreien Straßen konnte ich so viele Anfängerfehler machen, wie ich wollte, ohne andere in Gefahr zu bringen. Ich enthalte mich schweren Herzens der Versuchung, die größten Knaller hier zum Besten zugeben, das würde mich nachträglich noch den Führerschein kosten. Dazu kam, dass es ein sehr heiβer Sommer war und mein kleiner Wagen schick, doch ohne Klimaanlage. Ich kämpfte mit dem Verlangen, das Fenster runterzukurbeln und die Hand rauszuhalten. Wie die Italiener es immer alle taten, bevor Klimaanlagen zur Grundausstattung gehörten. Aber nein, so südländisch entspannt war ich in den ersten Tagen leider nicht. Auch wenn mich der perfekte Song im Autoradio begleitete. Meine persönliche Hymne als frischgebackene Ritterin der italienischen Landstraβe im Sommer 2004 war diese hier:

(Ci vuole) Calma e sangue freddo von Luca Dirisio.

Der passende Groove für entspanntes Autofahren für Anfänger. Denn dazu braucht es – genau wie im Video beim Verfolgen der Angebeteten ‒ calma e sangue freddo, Gelassenheit und ruhig Blut.

Zum Weiterlesen:

  • Von meiner glorreichen Zeit als Fußgängerin in der italienischen Provinz erzähle ich hier.
  • Worauf sich Deutsche gefasst machen müssen, wenn sie in Italien mit dem Auto eine Runde im Kreisverkehr drehen wollen, lest ihr hier.

Titelbild: Symbolbild, zu dem ihr euch noch den Regen vorstellen müsst. Dafür war es kostenfrei bei Pexels, Photo 191842.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

26 Kommentare zu „Mein erstes Mal

  1. Eine mitreißende Geschichte, die mir mal wieder zeigt wie furchtlos du bist. Complimenti! Dazu gehört wirklich sangue freddo. 😎
    Einen kleinen „Verleser“ hatte ich noch. Statt „principiante“ las mein Kopf „principessa“. Die Idee fand ich so witzig, dass ich mehrere Minuten kicherte. Schlussendlich las ich die Stelle nochmal und kam auf den richtigen Trichter. 😉 Fortan werde ich wohl bei „P“ immer an principessa/principe denken. 😄

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    1. Danke. Man wächst über sich hinaus, wenn es drauf ankommt. 😎 Stimmt, „principessa“ hätte auch gepasst. Für meinen Mann war ich die „Principessa di Sassonia“, als er sah, wie meine Eltern mir bei unserem ersten gemeinsamen Besuch in Dresden auf ihrem Balkon einen Drink servierten und den Sonnenschirm richteten. 😉

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      1. Vielleicht wäre sogar noch eine Rennfahrerin aus mir geworden, im Land der Ferraris. Aber da hätte ich früher herkommen und den Führerschein ein paar Jahre eher machen müssen. 😂

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    1. Welche Assoziationen „Auto“ und „Italiener“ so wecken … ja, das war lustig. Nur verstand ich damals, wie alle Deutschen, gar nicht so recht, was Angelo da sagte. Egal, sein Charme überzeugte. Auch wenn die Pampe aus Pulver und heißem Wasser mit Cappuccino so viel zu tun hatte wie Ketchup-Nudeln mit Pasta al Pomodoro.😂

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  2. Ich glaube der Führerschein ist in Italien alternativlos. Wie sonst soll man hupen, wird gestikulieren und schließlich aus dem geöffneten Fenster herausfluchen? Danke für diese tolle Geschichte, die mir heute meinen Feierabend versüßt hat!

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    1. Prego! Gerne. Ja, mitspielen ist schon besser als nur zuschauen. Ich lasse aber das Fenster meist geschlossen, wenn ich schimpfe. Obwohl das Zufußgehen auch nett war, wenn es nicht gerade regnete.

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  3. Von der Fahrschulzeit erzählt man doch immer wieder gern. Ein Freund zitierte erst gestern seinen Fahrlehrer, der etwa vor 40 Jahren zu ihm sagte: „Wenn sie nicht beherzigen wollen, was ich ihnen hier beizubringen versuche, dann werden sie eines Tages vor den Trümmern ihres Autos 🚗 und ihrer Familie stehen.“ 😂 Gott sei Dank war das bis heute nicht der Fall 😏😉

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    1. Da hattest du auch ein heißes Setting für das erste Mal, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bedauere sowieso immer die Motorradfahrer im Hochsommer beim Anblick ihrer Montur. Aber sie behaupten ja, es sei ein Gefühl von Freiheit, trotz allem.😉 Liebe Grüße an dich!

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  4. Diese Geschichte leistet einmal mehr einen tollen Beitrag zur innereuropäischen Völkerverständigung. Köstlich!
    Am Berg anfahren wurde bei uns damals an einer Bückeburger Kreuzung geübt, die Ampel dort musste wohl einen Vertrag mit sämtlichen Fahrschulen der Umgebung haben, die war gefühlt IMMER rot! Seit einigen Jahren ist dort aber ein Kreisverkehr, ich weiß nicht, wo die Fahrschüler heutzutage hinmüssen.
    So hat wohl jede/r von uns ein klitzekleines Fahrschultrauma…
    Amüsierte Grüße, Anja

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    1. Ja, es war für viele von uns ein kleines Trauma, aber eins, über das wir im Rückblick lachen können. Wie ist das eigentlich mit den Männern? Sie geben es nicht zu! Und behaupten, bereits als Helden mit dem Fuß auf dem Gaspedal geboren worden zu sein. 😉
      Es freut mich, liebe Anja, dass ich dich mit meiner Erzählung zum Schmunzeln bringen und an eigenes Erleben erinnern konnte. Hab einen schönen Nachmittag!

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  5. Sehr nett. Bin ja gerade reichlich italienischen Kreisverkehr gefahren. Da ist man für 30 Jahre Fahrpraxis dankbar und die Übung ist gut investiert….aber selbstverständlich hatte ich mein Herz immer an italienische Autos verloren. 3 Pandas und zuletzt mein Liebling, der Fiat 500. Was soll ich sagen. Italiener haben einfach Stil.

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    1. Na eben, italienisches Fahrvergnügen konntest du gerade selbst genießen. Ich hoffe du hattest auch sonst einen aufregend schönen Urlaub! Bravissima, ich wollte nach meinen Lancia auch wieder einen Italiener, musste dann aber in meiner Größenklasse auf 5 Türen und genug Kofferraum achten, da ich ja Mama-Taxi mache, und leider „fremdgehen“.

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