Vanille, Erdbeer, Schoko

Es gibt Tage, da läuft einfach nichts so, wie wir es gerne hätten. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die ein beleidigtes „Och nö“-Gefühl provozieren. Wie in diesem Moment, in dem die Eisverkäuferin ausgerechnet diejenige Sorte zuerst in die Waffel streicht, die wir als letztes genannt haben. Die Sorte, die oben sein sollte. Und das, nachdem wir eine gefühlte halbe Stunde in der Schlange gewartet und uns den Hals verrenkt haben, um die vielen Geschmacksrichtungen zu studieren und eine Wahl zu treffen.

Das Leben könnte so einfach sein. Gäbe es nur Vanille-, Erdbeer- und Schokoeis. Die drei Klassiker waren die Lieblingssorten meines Vaters, er ist ihnen immer treu geblieben. Selbst hier in Italien riskierte er so gut wie nie, eine andere Geschmacksrichtung zu probieren. Die riesige Auswahl begeisterte ihn nicht, sie verunsicherte ihn.

Vanille, Erdbeer, Schoko sind wie ein Symbol für meine Kindheit, als das Leben noch übersichtlich war. Keine Qual der Wahl, sondern schlichte Freude. Damals, als auch die Welt noch einfacher zu interpretieren war, es noch Gut und Böse gab. Fast wie im Märchen. Heute ist alles hybrid. Sowohl als auch. Ein bisschen gut, ein bisschen böse. Und von allem zu viel.

Aber bleiben wir noch einen Moment an der Eis-Theke und betrachten wir sie als eine Art Stellvertreterort für das Leben. Eins ist klar: Umso mehr Auswahl es gibt, umso unzufriedener werden wir. Wie sagte Forrest Gump: „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man kriegt.“ Die Gefahr, enttäuscht zu werden, steckt in der Schachtel mit drin. Genauso, wie sie hinter der Glastheke der Gelateria mit zwanzig Milcheis- und zehn Fruchteissorten lauert. Zu süß, zu klebrig, zu fest, zu flüssig. Womöglich ist das Eis, das unsere Freundin nimmt, doch das Leckerste. Und welche Sorte passt überhaupt zu der ersten, für die wir uns endlich entschieden haben? Mit den drei Klassikern wäre jede Wahl die richtige. Die Sorten Vanille, Erdbeer und Schoko harmonieren eine mit der anderen perfekt. Natürlich auch alle drei zusammen. Ach was, es war sogar noch einfacher in meiner Kindheit! Da gab es fast überall nur Softeis. Das quoll in zwei Strängen aus der Eismaschine heraus, entweder Vanille/Erdbeer oder Vanille/Schoko. Wem die Kombination nicht passte, der konnte es an einem anderen Tag versuchen. Wir waren dankbar, wenn wir uns eins kaufen durften und es nicht aus war, ehe wir drankamen.

Heute muss ich voller Rührung schmunzeln, denke ich an meinen Vater und seine unbeirrte Sturheit beim Eisessen zurück. Ich verstehe ihn gut. Trotzdem überwiegt bei mir die Neugier. Ich entledige mich der Qual der Wahl, indem ich ganz bewusst auf Risiko setze und gern vollkommen Neues ausprobiere, wenn es das gibt. Manchmal frage ich gar nicht, was sich hinter einem Namen verbirgt. Viele Eisdielen führen eine spezielle Rezeptur, die den Namen der Gelateria oder des Eigentümers trägt. Damit macht man selten etwas falsch. Und was das oben beschriebene Phänomen betrifft: Natürlich hat die erfahrene Eisverkäuferin gute Gründe, die Reihenfolge der Sorten selbst zu bestimmen. Das schwere Eis nach unten, das leichte, cremigere nach oben. Die Eistüte nach Konsistenz zu befüllen, garantiert eine ausbalancierte Konstruktion und unfallfreies Schleckvergnügen. Manchmal geht es nicht nach unseren Wünschen, und es ist trotzdem zu unserem Besten.

Titelbild: Credits HandmadePictures bei Shutterstock

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

21 Kommentare zu „Vanille, Erdbeer, Schoko

  1. Wusste ich´s doch: Mit Spaghetti-Eis bin ich bestens bedient;-) Mehr Eis brauch ich nicht! Aber manchmal probiere ich doch noch was anderes und ich kann aus Erfahrung sagen: Reis-Eis schmeckt auch super nur findet man es so selten…

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      1. Doch ich glaube, da war Milch drin – Milchreis. Ja, bei Laktose-Intoleranz ist die Auswahl dann stark eingeschränkt. Reiseis habe ich nur einmal genießen dürfen. Ich habe es nie wieder gefunden. Die Herstellung von Reiseis ist anscheinend nicht ganz einfach…

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  2. Dein Vater bevorzugte also die Fürst Pückler Kombination. Die mag ich auch am liebsten. Hin und wieder probiere ich natürlich auch eine neue Sorte, wobei ich in meinem Leben, im Gegensatz zu Reinhart, auch gänzlich ohne Eis auskommen würde. Wenn ich dann mal am Eisstand bin, dann nehme ich eine Kugel, habe also nicht das Problem der Reihenfolge 😉. Übrigens gibt es in einigen Orten Ostdeutschlands wieder das typische DDR Softeis. Und es schmeckt wirklich so. Auch die Waffel hat die alte Form. Erinnerst du dich?
    Liebe Grüße Bettina

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    1. Ach ja, Fürst Pückler, diesen Namen hatte ich gar nicht mehr auf dem Schirm. Das war damals sogenanntes „Halbgefrorenes“ Sahneeis, an das ich mich erinnere. Ja, das DDR-Softeis holen wir uns immer in Dresden. Du meinst Waffeln in Muschelform? In einer dieser Softeisbuden haben wir auch mal aus dem Becher gegessen, das waren DDR-Plastikeisbecher, hi hi. Eine echte Reise in die Vergangenheit. Eisgekühlte Grüße an dich aus der nordafrikanischen Hitze!

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      1. Genau, die Muschelform 😉. Die DDR Metallbecher habe ich auch erst neulich irgendwo gesehen. Das ist wirklich eine Reise in die Vergangenheit. Danke, mitfühlende stürmisch frische Grüße aus dem Osten Deutschlands.

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  3. Mit Vanille, Erdbeer und Schoko weiß man eben was man hat. Und drei Kugeln Eis sind doch eh der Knaller, oder? 😃 Oft sieht man heutzutage die Eisdiele vor lauter Eissorten nicht mehr. 😉 Meine Schwester nimmt seit jeher 2 Kugeln Schokolade mit Sahne und fährt damit wunderbar. Neugierig, aber auch leicht schockiert guckt sie mir dann meist dabei zu wie ich die Sorten “Schokobanane” oder “PannaCotta” probiere. 😄

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    1. Das hast du prima gesagt, die Eisdiele vor lauter Eissorten nicht sehen. 😂
      Und deine Schwester will gar nicht bei dir kosten? Sie geht auf Nummer sicher, bei Schoko kann wohl am allerwenigsten „schiefgehen“. Das Leben kann so einfach sein. Aber mal sehen, vielleicht traue ich mich demnächst sogar noch an „Noci Miele Gorgonzola“.😉

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    1. Du sagst es!
      Ich schwärme noch von diesem abgepackten Eis aus der Kaufhalle, die kleinen Röllchen Milcheis mit Schokofettglasur, eingewickelt in silberfarbenes Papier. So ähnlich wie Stracciatella schmeckte das. Du müsstest es kennen, kam glaub ich aus Berliner Produktion.

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      1. Oh, da muss ich noch mal etwas in den Erinnerungen wühlen. Mir fallen spontan so „Eisblöcke“ ein, die lagen zwischen zwei Waffeln. Furchtbar zu essen, weil man reinbeißen musste, bevor die Masse zwischen den Waffelplatten wegrutschte. Herrlich 😉

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  4. ich muss sagen, ich freue mich über die vielen guten, neuen Eisdielen und Eissorten in Berlin, wie zum Beispiel Vanille & Marille – ohne Zusatzstoffe, ohne industrielle Fertigmischungen, hausgemacht. Das Eis schmeckt jeweils so wie die Sorte heißt. Das genieße ich und freue mich, dass sich die Eisproduktion sozusagen weiterentwickelt hat und wahrscheinlich gleichzeitig zu ihren Ursprüngen zurückgekehrt gekehrt ist. Ich bin mir sicher, dass das Eis vor vielen Jahren auch natürlicher war als jetzt häufig. Die Sorten Vanille, Schokolade und Erdbeere mag ich auch – aber nur, wenn sie gut sind. So ein Schokoladeneis mit mehr als 70% Kakao oder Vanilleeis mit echter Vanille ist ein Genuss. Worüber ich mich auch freue ist, wenn ich es überhaupt mitbekomme, dass das Eis schmeckt oder nicht schmeckt.

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