Andere Sprache, anderes Leben

Nach Italien gegangen zu sein, bedeutet für mich mehr als einen gewagten Orts- und Kulturwechsel. Ebensowenig behaupte ich, da zu wohnen, wo andere Urlaub machen. Das ist schließlich relativ und nichts, worauf man stolz sein könnte. Wirklich glücklich bin ich über einen anderen Aspekt. Ich bin froh, neben Deutsch als meiner Muttersprache, nach Schul-Russisch und Berufs-Englisch, einem Semester Hobby-Französisch und sechs Jahren Leipscher Sächssch, eine weitere Sprache dann doch noch richtig gelernt zu haben. Aber was heißt hier gelernt? Nach einem Semester VHS in Deutschland und ein paar Monaten „Italiano per stranieri“ (Italienisch für Ausländer) in meinem ersten Wohnort war Schluss mit Studieren, der Alltag hatte die Schule ohnehin ersetzt. Ich bin dankbar, nach Deutsch noch eine weitere Sprache leben zu dürfen.

Ich habe bei zwei Autoren zu diesem Thema Sätze gefunden, die es nicht besser auf den Punkt bringen können:

„Moritz mochte den Effekt des Italienischen, diese Art zu sprechen und damit auch die Art, die Welt zu sehen und in der Welt zu sein. Eine neue Sprache, fand er, schenkt dir Flügel, auf denen du dich in jemand anderen verwandelst. Jemand, der schon immer in dir war, aber bisher keinen Weg gefunden hatte, sich zu zeigen. Manchmal führen uns andere Sprachen nicht in die Ferne, sondern näher zu uns selbst.“

Daniel Speck

Piccola Sicilia*, Roman. Fischer Taschenbuch, April 2020. Seite 296.

„Italienerin zu sein, beschränkt sich für mich auf die Tatsache, dass ich Italienisch spreche und schreibe. So dahingesagt, scheint das nicht gerade viel zu sein, dabei ist es sehr viel. Eine Sprache ist ein Kompendium der Geschichte und Geografie, des materiellen und geistigen Lebens, der Laster und Tugenden nicht nur dessen, der sie spricht, sondern auch derer, die sie im Laufe der Jahrhunderte gesprochen haben. Wörter, Grammatik und Satzbau sind wie ein Meißel, der das Denken formt.

Das Übersetzen ist unsere Rettung, es zieht uns aus der Grube, in die wir durch Geburt zufällig geraten sind. … Wir können viel mehr sein als das, was wir zufällig sind.“

Elena Ferrante

Kolumne „Sprachliche Nationalität“ in: Zufällige Erfindungen*, Suhrkamp Verlag Berlin, Erste Auflage 2021. S.33-35

In Anlehnung an eine bereits vieldeklinierte Redewendung würde ich so formulieren:

Das Leben ist zu kurz, um es nur in einer Sprache zu leben.

Wenn man die Möglichkeit hat, ist eine weitere Sprache eine unendlich wertvolle Bereicherung.

Titelbild: Symbolbild von Openverse.

*Werbung, wie immer unbezahlt.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

31 Kommentare zu „Andere Sprache, anderes Leben

  1. Bettina hat mir die wunderbaren Zitate vorgelesen. Ohne Sprache kein Gespräch. Und wer die Sprache in ihrem Wert erkannt hat, wird den Gesprächspartner respektieren. Besonders dann, wenn durch eine Gegenmeinung das Gespräch interessant wird. Herzliche Grüße auch von Bettina, Reinhart Zarneckow

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    1. Lieber Reinhart, schön, von dir auf meinem Blog zu lesen! Und schön, dass Bettina die Zitate mit dir geteilt hat.
      Ja, Sprachen haben eine unheimliche Faszination und Übersetzen ist und bleibt hoffentlich, wenn es um Verständigung geht, in menschlicher Obhut. Allen Interpretationsfeinheiten in jedem Kontext ist Artificial Intelligence bis heute nicht gewachsen. Herzliche Grüße zurück an euch beide!

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  2. Italienisch repräsentiert für uns Deutsche irgendwie ja auch Sehnsucht und ein ganz bestimmtes Lebensgefühl. Es klingt für mich auch im Jahr 2022 immer noch nach dem Urlaubsgefühl der Wirtschaftswunderzeit (kann aber auch daran liegen, dass dieses Feld aktuell literarisch sehr beackert wird).
    Jedenfalls verbinde ich viel Lebensfreude mit dieser schönen, melodiösen Sprache, vor allem, wenn unser Lieblingspizzabäcker anfängt, „O sole mio“ zu schmettern😂
    Danke dir sehr für diesen Beitrag, der den Abend etwas aufhellt.

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    1. Gern, das freut mich, liebe Anja. Das Urlaubsgefühl der Wirtschaftswunderzeit … und wie war das mit den italienischen Gastarbeitern? Wurde damals deren Sprache auch so romantisch verklärt empfunden? Denen stand man doch eher kritisch gegenüber, wird berichtet. Auch zum Thema Auswanderung habe ich jetzt schon in einigen Romanen gelesen, aber da gibt es sicher noch viel zu erfahren. Dein singender Pizzabäcker scheint mir sehr sympathisch! 😎 Tanti saluti!

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  3. Schöne Zitate!
    Es ist immer wieder schön, wenn man in fremden Sprachen etwas versteht oder selbst ein bisschen sprechen kann. Anfangs. Wenn man eine Fremdsprache dann richtig kann, dann merkt man wie vielseitig sie ist. Ich freu mich immer noch über neue Worte, die ich noch nie gehört habe und wie sehr sie einen Satz verändern können.

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    1. Ja, deshalb teile ich sie hier gern.
      Was mich immer fasziniert und gleichzeitig vor Probleme stellt, ist, dass es in Italienisch Ausdrücke und Redensarten gibt, für die ich keine deutsche Entsprechung finde. Genauso andersrum. Und dann stehst du da und denkst, es muss doch auch in der jeweils anderen Sprache diese Situation geben, diesen Bedarf an Ausdrucksmöglichkeit, ein Gefühl oder eine Situation treffend zu beschreiben. Und dann findet man zwangsläufig einen Kompromiss, aber es ist nicht dasselbe. Das macht auch Literaturübersetzungen so schwierig. Und in diesen feinen Nuancen liegt das, was ich mit „anderem Leben“ meine. Man fängt an, anders zu denken und die Situationen zu erleben. Pazzesco!

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    1. Danke! Wenn du ans Fluchen denkst, dann in Bayerisch? 😉 Da geht es bestimmt herzhaft zu. Ich fürchte, dass ich mehr und übler in Italienisch fluche. Nur das deutsche Sch… kommt mir immer über die Lippen, auch zur Freude meiner Kollegen.🙈

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      1. Nur wenn es ganz schlimm ist, verfalle ich ins Bayerische. Kurz vor der Kernschmelze sozusagen. 😄
        Lass mich raten, für deine Kolleg:innen ist das Sch..-Wort das beliebteste Wort, wenn es um deutsche Schimpfwörter geht? 😉

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  4. Liebe Anke, das Zitat von Daniel Speck spricht mir aus der Seele. Ich denke oft darüber nach, wer ich bin und wieviel ich von mir nicht zeigen kann. Durch eine andere Sprache und das Eintauchen in eine andere Kultur eröffnen sich manchmal Möglichkeiten, nochmal neu zu beginnen und sich anders zu zeigen. Eins meiner Kinder hat das auch erfahren als sie sehr weit weggezogen ist.
    Ich habe zu dem Thema auch einen Text „auf Halde“ liegen, der sich mit dem Satz beschäftigt „Sehnsüchtig grüßt die, die ich bin die, die ich sein könnte. Du motivierst mich mit deinem Text, mich mit dem Thema neu zu befassen. Danke! Liebe Grüße Roswitha

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      1. Ti posso salutare Malaga :), ich verbringe den Juli in Andalucía (arbeitend) . Ich habe erst vor ein paar Tagen versucht zu beschreiben, wie man in der anderen Sprache ist. Keine leichte Sache! Schön, dass du auch genau jetzt darüber schreibst
        und es so empfindest. Liebe Grüße, olé! 🙂

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  5. Danke, was für ein interessanter Text. Ich habe auch sehr viele Jahre in verschiedenen Ländern mit verschiedenen Sprachen gelebt und es immer geliebt, dank meiner Sprachkentnisse zwischen den verschiedenen Welten und Kulturen hin- und hergleiten zu können. Aber in ganz letzter Essenz habe ich immer das Gefühl, dass meine Flügel in einer anderen Sprache (wie gut ich sie auch beherrschen mag…) immer etwas gestutzt sind. Und das meine ganz wahre Persönlichkeit, der Kern tief im Innern, nur in meiner Muttersprache hundertprozentig zum Ausdruck kommt. Und das ist auch tatsächlich einer der wenigen Punkte, warum ich mich manchmal nach Deutschland zurücksehne…

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    1. Interessant, wie du das empfindest. Ich genieße es, mehr ausdrücken zu können, wenn nicht in der einen, dann in der anderen Sprache. Hast du denn im Ausland auch immer noch deutsch sprechen können, mit Familie oder Kollegen?
      Übrigens: Gerade liest meine Große einen Roman in deutscher Übersetzung, bei dem dachte ich an dich, denn er spielt in Schweden auf einer Insel. „Warten auf Wind“, ein wunderbarer Jugendroman, prämiert mit dem Augustpreis 2019. Meine Tochter fragt mich nach Begriffen, die sie nicht versteht. Es sind oft sehr spezielle, und manchmal finden wir in Italienisch kein entsprechendes Wort, und ich muss etwas vorspielen bzw. nachäffen, um es ihr zu erklären. Liebe Grüße!

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      1. Ein wunderbar warmherziges Buch! Meine Tochter hat es tatsächlich hier in Schweden in der Schule gelesen und sich dabei die Geschichte auch hier auf Gotland vorgestellt. Es wäre spannend, sich auch einmal die deutsche Übersetzung des Buches anzusehen, die Sprache im Original ist sehr poetisch.

        Ach, und ansonsten leide ich hier keine Not. Sowohl in der Familie als auch teilweise bei der Arbeit kann ich mich mit meiner „Muttersprachen“-Persönlichkeit austoben. Ich glaube das größte Problem ist, dass ich mich auf Schwedisch einfach nicht besonders witzig finde 🙈. Fluchen mag ich übrigens am liebsten auf Englisch. Und ich träume im Geheimen davon, irgendwann Mal eine spanische Schimpftirade einlegen zu können. Obwohl das auf Italienisch bestimmt auch ganz hervorregend geht!

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      2. Oh ja, Literaturübersetzung ist ein spannendes Feld. Die Kunst, in der anderen Sprache sowohl exakt dasselbe auszudrücken und gleichzeitig Sprache und Ton zu finden, die dem Original gleichwertig sind, eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Wer dem sehr nahe kommt, hat meinen allergrößten Respekt.
        Italienisch schimpfen? Trotz Hemmungen und Grenzen, die ich mir setze, habe ich ein umfangreiches Repertoire aktiv übernommen. Ich würde mich schämen, den Deutschen alles detailliert übersetzen zu müssen. Leider habe ich mit Schwedisch und den nordischen Sprachen allgemein noch gar keinen Kontakt gehabt und deshalb keine Vorstellung, wie vielschichtig, amüsant, schön diese Sprachen sind. Hach, das Leben ist zu kurz. 😉

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  6. Liebe Anke, ich kann sehr gut nachvollziehen, was du schreibst, und die Zitate gefallen mir auch!
    Ich bin gerade im Urlaub in Cornwall, und obwohl mein Englisch noch etwas holprig ist, weil ich es in Deutschland viel zu selten spreche, fühle ich mich dem Land auf unerklärliche Weise verbunden. Vielleicht bleibe ich einfach hier. 😉

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    1. Liebe Sophie, England kenne ich von London abgesehen gar nicht, dort war ich immer mit deutschen Freunden. Mit der englischen Sprache hatte ich in den USA mal eine intensivere Zeit, bei einem Sprachkurs mit privater Unterbringung. Ihre offene Art half über das anfängliche Stolpern hinweg. Nach drei Wochen hatte ich aber genug vom „I am so excited, I feel great, wonderful, spectacular.“ Ich wollte mal wieder richtig meckern und jammern können.😉
      Dir noch eine schöne Urlaubszeit, genieße diese magische Verbundenheit!🤩

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