Mama, du bist alt!

Mamma sei veramente vecchia.

So klipp und klar sagt ihr mir das. Ihr, meine Töchter, und ihr sagt es mir natürlich auf Italienisch. Ist es vielleicht erträglicher, bestimmte Dinge nicht in meiner Muttersprache gesagt zu bekommen?

Sei vecchia. Das sagt man so. Und es ist mit einem Augenzwinkern gemeint, oder sogar ein bisschen liebevoll mitfühlend. Nicht so hart wie Mama du bist wirklich alt.

Zum Glück habe ich Italiener als Kinder. Mit dieser Schlussfolgerung hatte mich damals eine Freundin überrascht, nachdem ich ihr eröffnet hatte, nach Italien zu ziehen, zu meinem Freund. 

Ja aber, überleg doch mal, dann wirst du Italiener als Kinder haben!

Meinst du?

Das war ein irritierender Gedanke gewesen, aber vor allem hatte es abenteuerlustig geklungen. Was für ein folgenreicher Schritt war mir da in den Sinn gekommen. Nun lebe ich schon so lange in Bella Italia und habe tatsächlich zwei Italiener-Kinder bekommen. Wenn auch von einem anderen Italiener als dem, zu dem ich damals ziehen wollte.

Non capisci niente.

Nein, wenn du weiter Italienisch mit mir sprichst, verstehe ich dich nicht mehr, basta.

Ich bin einfach zu inkonsequent. Ihr sollt doch bitte Deutsch mit mir sprechen. Wie es Sabine mit Marta und Elisa handhabt. Die beiden sprechen so schön Deutsch. Was ich mir noch dabei denke, sage ich nicht: Hausfrauenvorteil, ganz klar. Euch hatte ich mit einem Jahr gleich zu den anderen Bambini in die italienische Kinderkrippe gesteckt, ins Asilo Nido. Asyl-Nest ist keine gelungene Übersetzung, dafür war der Spaß zu teuer. Aber wenn man arbeiten möchte und keine Familie für die Betreuung der Kleinsten hat, muss man in Italien tief in die Tasche greifen. Für euch war damals mit Deutsch erst einmal Schluss, zumindest tagsüber, und die ersten Worte habt ihr in der Sprache eurer Spielgefährten gelernt.

Dabei seid ihr stolz darauf, zur Hälfte Deutsche zu sein, stimmt’s? Na ja, sagen wir mal, ein wenig anders zu sein als die anderen. Meint ihr, ich merke nicht, wie ihr manchmal betont laut Deutsch mit mir redet, wenn andere Kinder euch hören? Und in den Ferien in Deutschland sprecht ihr dann Italienisch auf dem Spielplatz. Raffiniert!

Mama du bist wirklich alt.

Ihr habt natürlich Recht. Ich gehöre zu den späten Müttern, wie es hier und jetzt allerdings so viele gibt, von daher kann der Wind nicht wehen. Was mich besonders alt macht in euren Augen, das müssen die Berichte aus meiner Kindheit sein. Wovon ich erzähle, das ist nicht nur unvorstellbare dreißig oder fast vierzig Jahre her und stammt nicht nur aus einem anderen Land. Aus Deutschland, wo so ziemlich alles anders ist als in eurem Italien. Nein, viel schlimmer: Was Mama erzählt, das spielt in einem Land, das es schon längst nicht mehr gibt. Das war wohl die Vorvergangenheit aller Vergangenheiten, das kam wahrscheinlich sogar noch vor Oma und Opa erzählen vom Krieg. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich mit meinen skurrilen Erinnerungen immer dann herausplatze, wenn euer Interesse gerade etwas ganz anderem gilt.

Vielleicht sollte ich abwarten, bis ihr größer werdet und mir irgendwann Fragen stellt. Doch würdet ihr je Fragen stellen nach Dingen, von denen ihr überhaupt nicht ahnt, dass es sie gegeben hatte? Dabei war eigentlich gar nichts skurril gewesen, für uns, die wir mitten hinein geboren wurden in den real existierenden Sozialismus. Es war so, wie es war. Es hätte gar nicht anders sein können. Es war unsere, es war meine Kindheit. In einem Land, das es seit fast dreißig Jahren nicht mehr gibt. Mein Gott, bin ich alt.

PS: Diesen Text habe ich Anfang 2018 geschrieben, als meine Töchter beide noch in die Grundschule (und auf den Spielplatz) gingen. Mittlerweile sprechen sie viel mehr Deutsch, und ich hatte schon öfter Gelegenheit, ihnen von damals zu erzählen. In der Zwischenzeit entstand auch mein Roman „Mensch Manu!“, der in der DDR kurz vor und nach dem Mauerfall spielt. Den werden sie womöglich lesen, wenn sie im Alter der Protagonistin sind, mit Siebzehn. Ich freue mich schon jetzt auf viele Fragen.

Foto: Kindheit in der DDR. Fanfarenzug in Strausberg Mitte der 70er-Jahre.

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