Von Redensarten und Lebenskunst

Der Italiener und die Kunst, sich zu arrangieren

An einige italienische Redewendungen, die ich als frisch nach Italien eingewanderte Deutsche bei jeder Gelegenheit hörte und die mir seltsam vorkamen, erinnere ich mich genau. Ich konnte mir ihre wahre Bedeutung nicht erklären, war irritiert und wusste nicht, was ich davon zu halten hatte.

Ich hörte ständig „fare finta“ (so tun, als ob, oder auch etwas vorgeben, was nicht der Wahrheit entspricht). Überall taten die Italiener so, als ob. Oder sie taten so, als sei überhaupt nichts. Dann sagten sie „fare finta di niente“. Und von „fare finta di niente“ ist es gar nicht mehr weit, dann sind wir auch schon beim legendären „arrangiarsi“ gelandet. Man arrangiert sich eben.

Mein preußischer Sturkopf rebellierte. Wie konnte man es für richtig halten, sich zu arrangieren, mit vermeintlichen Ungerechtigkeiten, schwachsinnigen Umständen, unbequemen Prozeduren. Obgleich ich mich von Anfang an von Herzen wohlfühlte in Italien, fand ich diese Redewendungen befremdlich. Wie konnten sie nur so ticken, die Leute, und es auch noch zugeben?

Erst im Laufe der Zeit und auch mit den Zeiten, die sich änderten, bekam ich nach und nach mit, in welchen Situationen so tun, als ob, und sich arrangieren gar keine schlechte Idee ist.

Wenn ich beispielsweise einen neongrünen Schal geschenkt bekomme, modisch der letzte Schrei aber meinem vorteilhaften Aussehen eher abträglich, was der Schenkende wissen müsste, faccio finta di niente und bedanke mich brav. Vielleicht kenne ich jemanden, dem er gut zu Gesicht stehen wird. Wenn ein lieber Gast vor Wiedersehensfreude gleich vom Treppenhaus ins Wohnzimmer stürzt und vergisst, die Schuhe im Flur auszuziehen, faccio finta di niente. Was würde es bringen, die Nase zu rümpfen, die Augenbrauen hochzuziehen oder gar empört aufzuschreien. Bringt uns beiden nur Unbehagen. Also unterdrücke ich meine spontane Reaktion und tue so, als sei alles gut. Diplomatie nennt man das wohl. Wenn der Besucher gegangen ist, kann ich meinen heiligen Boden ratzfatz wischen. War ja vielleicht sowieso mal wieder fällig.

Die berühmte „L’arte di arrangiarsi“, die Kunst, sich zu arrangieren, half den Italienern auch durch den ersten und knallharten Lockdown im Frühjahr 2020. Wie konnten sie sonst eine derart befremdliche und beängstigende Situation so pragmatisch und ohne großes Murren durchstehen. Wenn ich da an die deutsche Berichterstattung ein paar Wochen später denke und die selbstmitleidige Frage „Was macht das mit uns?“, die sich in den Medien schneller als das Virus im echten Leben verbreitete. Das waren Artikel, die den zweiten Tag im Homeoffice zum Thema hatten. Ich hätte meinen Landsleuten oder vielmehr den schreibenden Kollegen zurufen mögen: Arrangiert euch, macht das Beste draus, tut so, als wäre das jetzt gar nicht so schlimm. Die Italiener gingen zu jenem Zeitpunkt schon länger überhaupt nicht aus dem Haus, oder nur noch im Umkreis von 200 Metern (!) mit dem Hund, wenn sie einen hatten. Sie arrangierten sich und rissen im Netz Witze zu den irrwitzigen Umständen.

Ob jede der Maßnahmen damals bis ins letzte Detail sinnvoll war, bleibt dahingestellt. Dass sie in diesem Moment, in dem uns keine anderen Mittel zur Eindämmung des Virus zur Verfügung standen, der einzige Weg waren, dem Sterben Einhalt zu gebieten, das war den Menschen klar. Und es reichte, sich Krieg, Erdbeben oder ähnliche Katastrophen vor Augen zu führen, mit denen es uns schlechter gegangen wäre. Wir saßen im Warmen, schützten uns und die anderen vor Ansteckung. Man arrangierte sich. Und hoffte, es wären nur wenige Tage oder Wochen, dass sich die Disziplin auszahlen und der Spuk vorbei sein würde.

Eine Grundvoraussetzung für das Vermögen, sich mit Umständen, auf die man selbst keinen Einfluss hat, abzufinden und das Beste daraus zu machen, ist es wohl, nicht immer recht haben zu wollen. Ich gebe zu, dass ich mich selbst schwer damit tue. Ich urteile schnell, bin voreingenommen, meine zu wissen, wie es besser gehen würde. Ist aber nicht so.   

Vielleicht haben wir Deutschen mit unserem „Recht haben wollen“ nicht immer recht. Sondern verpassen dabei die Freude am Leben.

Daniel Speck bringt es in seinem Roman „Piccola Sicilia“ so schön auf den Punkt, wenn er das Leben im italienischen Einwandererviertel von Tunis in den Jahren vor Ausbruch des zweiten Weltkrieges beschreibt. Eine kleine Welt, in der Juden, Christen, Moslems, Italiener, Franzosen und Araber kulturellen Unterschieden und religiösen Überzeugungen zum Trotz in gegenseitigem Respekt und aus Freude am Dasein einträchtig zusammenlebten.

„Alle liebten das Leben zu sehr, um immer recht zu haben. Recht haben ist anstrengend. Du kannst entweder recht oder Spaß haben, aber nicht beides zugleich.“

Daniel Speck, Piccola Sicilia, Roman. Fischer Taschenbuch, April 2020. Seite 70.

Übrigens ein vielschichtiges und spannendes Buch, das ich empfehlen kann. Vielleicht noch einmal mehr dazu an anderer Stelle.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

33 Kommentare zu „Von Redensarten und Lebenskunst

  1. Bei Sprichwörtern oder Redewendungen fällt mir eine Sendung „Wer wird Millionär“ ein. Eine Ausländerin kannte das Sprichwort „Jemandem die Butter vom Brot nehmen“ nicht, da es ja auch vollkommen unlogisch ist. Sie wollte etwas Falsches einloggen, aber da hat G.J. geholfen und das verhindert. – Und sie ist dann wohl noch ziemlich weit gekommen.

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  2. Man arrangiert sich eben, um so zu tun als wäre nichts. Eine Kunst, dies zu beherrschen, denn innerlich brodelt es vielleicht schon, wenn der Gast eine figura di m..rda macht.😉 Das Zitat von Daniel Speck ist super – genau wie das Buch. Auch Bella Germania trifft ganz tief. Jeder Satz sitzt akkurat – wie es nur ein Daniel Speck vermag. Im August kommt sein neues Buch heraus und ich bin schon sehr gespannt. 🤩

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    1. Genau, so ist das mit dem Brodeln, da hast du absolut recht. 😀 Ich tue mich auch oft schwer, zumal ich kein Pokerface besitze, man liest aus meinem Gesicht wie in einem offenen Buch.
      Hast du denn schon die Fortsetzung von „Piccola Sicilia“ gelesen, „Jaffa Road“? Ach, man kommt gar nicht hinterher mit dem Lesen, ich habe noch Bücher vom letzten Weihnachten. Na, bis August könnte ich es schaffen.

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      1. Ich bräuchte auch eine (venezianische) Maske, damit man meine Emotionen nicht erkennt. 🙈 Leider noch nicht. Ich hoffe, die Weihnachtstage lassen etwas Platz, damit ich zumindest meine Elena Ferrante Serie (endlich!) anfangen kann. Ich hoffe, dass du ein bisschen Ruhe während den Feiertagen findest, um deine Leseliste abzuarbeiten. 😃

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  3. Liebe Anke! Auch ich mochte die Bücher von Daniel Speck „Piccola Sicilia“ und „Bella Germania“ sehr gerne – aber wie sollte es auch anders sein. 😉 Insofern haben wir diesbezüglich wohl beide recht und ausnahmsweise zudem sogar Spaß bei der Lektüre Deines Beitrags und der Bücher. Mille grazie und ganz herzliche Grüße! Barbara

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    1. Na, das hätte ich mir aber auch denken können, bei einem Italien-Fan wie dir, liebe Barbara! Ich lese übrigens gerade „Gott wohnt im Wedding“, auch da hattest du sehr recht mit deiner Empfehlung. Ciao und einen schönen Nachmittag wünscht Anke

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  4. Ist es nicht eben das, was uns Italien so schmackhaft als Urlaubsland macht! Die Lebensart und dazu gehört eben nicht nur die Liebe zu gutem Essen, sondern auch die beständig leidenschaftlich gute Laune!
    Beides krasse Gegensätze zum üblichen Deutschen…
    Wie immer schön und liebst geschrieben!
    Ciao Bella.

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  5. Ich haderte gerade mit unserem Umgang mit der Pandemie. Aber jetzt bin ich tiefenentspannt und denke, es ist richtig, wenn ich einfach nicht mitmache und das genieße, was geht, auch in schweren Zeiten. Gefühle dürfen bleiben, auch die traurigen, aber ich kann ja trotzdem so tun, als ob alles in Ordnung wäre. Und das schärft den Blick für Dinge, die tatsächlich hier bei mir in Ordnung sind. Recht haben habe ich schon aufgegeben. Hauptsache ich weiß selbst, was Sache ist…..
    Danke für die Zeit, die Du Dir für Deinen mutmachenden Text genommen hast! 💝🙋‍♀️ Regine

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    1. Danke für deine Zeilen, liebe Regine. So tun, als ob, war schon immer eine gute Idee, um durch schwere Zeiten zu kommen. Wenn wir schätzen, was wir haben und was wirklich wichtig ist, müssen wir nicht irgendwann bedauern, dass wir zu viel Zeit mit Streiten und Lamentieren verbracht haben. Alles Gute und einen sorgenfreien vierten Advent wünscht dir Anke.

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      1. Herzlichen Dank, liebe Anke, das wünsche ich Dir auch🎄.
        Mir fiel allerdings noch ein, dass ich in einer Sache, in der ich schon jahrzehntelang so tat, als ob alles in Ordnung wäre und oft darunter litt, jetzt endlich aufgeräumt und meine wahren Gefühle und Gedanken geäußert habe. Wahrscheinlich führt das zum Kontaktabbruch, aber ich wollte meine Zeit nicht weiter verschwenden. Jetzt fühle ich mich besser und kann Kraft sammeln für „das andere so tun als ob“.🙋‍♀️

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      2. Richtig so, das ist gut, dass du aufgeräumt hast. So tun, als ob, ist nur da gut, wo es uns und den anderen guttut. Ich wünsche dir viel Kraft jetzt und Freude auf das, was kommt.

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    1. Nicht wahr, wir sollten es zumindest versuchen. Das Leben etwas unbeschwerter anzugehen und die guten Seiten in den Vordergrund zu stellen, kann nicht verkehrt sein. Buona domenica!

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      1. Wie recht du hast! Wie erfrischend die italienische Lebensweise, ja Lebensweisheit daherkommt, sogar in deutschen Worten. Toll geschrieben!
        Und schon klar: manchmal muss man dennoch genau hinschauen und den Finger in die Wunde legen. Aber sehr oft fahrt man besser mit: Schwamm drüber. Lass mal.

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  6. sehr schön beobachtet, ich fühle richtig mit dir! ich glaube, diese einstellung ist mit ein grund, warum ich die italienische lebenseinstellung so mag und so gerne italien besuche, denn erst wenn ich da bin kann ich das auch mit(er)leben. sobald ich einen fuß über einen grenzübergang setze, setzt auch diese pragmatische gelassenheit ein, die mich am rückweg auf österreichischem boden leider sofort wieder verlässt.

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