Oder: Die Mathematik des Strickens
Häkeln oder Stricken ist wie Radfahren. Man verlernt es nicht. Dabei habe ich es mehrmals drauf ankommen lassen. Ich habe damit aufgehört und nach vielen Jahren wieder angefangen. Vor dem Neubeginn kamen jedes Mal die Zweifel: Wie ging doch gleich das Maschenanschlagen? Wie das verschränkt Zusammenstricken? Es geht meist automatisch, ist abrufbar wie aufs Rad steigen und in die Pedale treten. Und falls nicht, gibt es Tutorials.
Das erste Mal griff ich im zarten Alter von zehn Jahren zu den Nadeln. Unter der liebevollen Anleitung meiner Mutter, von Beruf Mathelehrerin, strickte ich nicht etwa einen Schal, sondern sofort einen Pullover. Ein Babypullover war es, für meine kleine Nichte. Ich erinnere mich genau, wie ich fluchte und schimpfte und Blut und Wasser schwitzte: im Zug auf einer Urlaubsreise, ich glaube, sie ging nach Ungarn. Ich weiß nicht, wie heutzutage Zehnjährige so eine lange Fahrt über die Runden bringen. Ich strickte. Eine Runde nach der anderen. Und mit jeder ging die Arbeit leichter von der Hand. Das Material war synthetisch (WOLPRYLA-Hochbausch?) und von leuchtendem Hellblau. Nicht, weil die Tochter meiner Schwester ein Junge war und auch nicht, weil wir gegen die damals klare farbliche Geschlechterprägung rebellieren wollten. Es war Hellblau, weil es kein rosa Strickgarn gegeben hatte. Und vermutlich auch kein hellgelbes oder hellgrünes, die beiden Farben, die man in der Babyausstattung als neutral betrachtete. Das Muster war so hübsch wie für meine kleinen Hände schwierig. Kein glatt rechts oder abwechselnd links und rechts, wie es für eine Anfängerin leicht gewesen wäre. Ein Lochmuster. Die Strickanleitung wollte es so.
Heute stricke und häkle ich gar nicht mehr nach Anleitungen. Dazu trägt nicht nur der Umstand bei, dass ich die italienischen Maschenbezeichnungen nicht verstehe und für deutsche Beschreibungen bei uns nicht die passende Wolle kaufen kann. Nein, es ist auch und vor allem mein Hang zum Unkonventionellen. Beim Stricken begebe ich mich auf eine kreative Reise. Ich plane so gut wie gar nicht, das Werk entsteht bei der Arbeit. Es braucht eine Maschenprobe am Anfang, vielleicht auch ein Muster aus dem guten alten Grundmuster-Heft vom Verlag für die Frau. Aber dann geht es los, frei Schnauze. Ich entscheide oft erst während des Entstehens die genaue Farb- und Musterfolge, den Schnitt der Ärmel, die Form des Ausschnitts. Dabei ist es wichtig, mitzuschreiben. Vorderteil und Rücken sollten im Ergebnis schon deckungsgleich sein. Wenn doch mal was schiefläuft, wird einfach wieder aufgetrennt. Während des ersten Lockdowns im Jahr 2020 half mir das Stricken über Langeweile und Hilflosigkeit hinweg, da spielte das Auftrennen und Neuanfangen fast schon eine psychotherapeutische Rolle. Selbst damals kam etwas Gutes dabei heraus, und zwar etwas ganz anderes als geplant. (Lest hier meinen Bericht über eine zuversichtliche Strickarbeit in einer dunklen Zeit.)
Vor drei, vier Jahren war es plötzlich wieder das Häkeln, neudeutsch Crochet, das mich vor dem Fernseher oder im Sommer auf dem Balkon bei Laune hielt. Was es als neuesten Schrei in den Geschäften gab, das konnte ich mir auch selbst anfertigen. In den letzten Monaten kam ich nicht mehr ran an die Nadeln. Sei es, weil der Schrank voll ist mit guten Stücken, sei es, weil ich mit Sorgen beschäftigt war. Dabei sind gerade dann, wenn das Gedankenkarussell verrücktspielt, Handarbeiten eine ideale Ablenkung. Als neulich in meinem Lieblingsradio eine Journalistin der Frauenzeitschrift Donna Moderna über den (in Italien im Vergleich zu Deutschland später ausgebrochenen) DIY-Hype sprach und dazu Michelle Obama zitierte, nahm ich die Anregung an und die Maschen wieder auf. Das Bild, das die ehemalige First Lady der USA in ihrem Buch „Das Licht in uns: Halt finden in unsicheren Zeiten“ entwirft, gefiel mir gut und blieb hängen, vielleicht auch, weil ich gerade im Auto saß, als ich es hörte. Ich gebe es hier sinngemäß wieder, denn auch im Netz fand ich es nur in italienischer Fassung:
„Das Stricken hat bei mir ein Wunder vollbracht. Es hat mein überanstrengtes Gehirn auf den Rücksitz platziert und meinen Händen erlaubt, das Auto für eine Weile zu steuern. Es ist ihm gelungen, mich von meinen Ängsten abzulenken, um mir einen Moment der Erleichterung zu verschaffen.“ *
Schön, oder? Handarbeit für den Seelenfrieden. Die Hände arbeiten lassen, damit der Kopf mal weniger heiß läuft. Manch eine mag es entspannen, einer Anleitung zu folgen, einmal nicht dauernd selbst entscheiden zu müssen. Mich beflügelt und entspannt die künstlerische Freiheit, etwas zu gestalten. Bei aller Kreativität ist beim Handarbeiten aber auch mathematische Genauigkeit gefragt. Ich denke dabei an meine Mutter und spreche immer von der Mathematik des Strickens. Ein Argument, das ich schon augenzwinkernd ins Feld führte, als meine Tochter am Sinn dieses Unterrichtsfachs zweifelte. Jede wievielte Reihe muss ich wie viele Maschen ab- oder zunehmen, um am Ende auf die gewünschte Ärmelbreite zu kommen? Verhältnisgleichungen sind etwas zutiefst Praktisches! Tatsächlich liegt mir beides, das Improvisieren genau wie die Mathematik.
Ihr wisst ja, dass ich gern philosophiere und in kleinen Alltagsdingen Formeln fürs große Ganze suche. So brachte mich auch das Stricken und Häkeln auf eine vielleicht allgemeingültige Erkenntnis. Zum Glücklichsein braucht es beides: Muster und Freiheit.
*Zitat aus dem Buch in italienischer Fassung im Artikel bei Donna Moderna.
Sehr gut formuliert, liebe Anke und insbesondere deine gewonnene Erkenntnis. Auch wenn ich noch nie gerne gestrickt oder gehäkelt habe und das auch nur als Pflichtlektüre in der Schule.
Und man kann das sehr wohl verlernen:
Neulich wollte eine Häsin etwas häkeln und bat mich um Hilfe. Tja, dabei blieb es dann, denn mehr, als Luftmaschen aufnehmen war nicht mehr drin! 🙂
LG Bea
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Danke, liebe Bea. Das liegt vermutlich daran, dass es für dich früher nur eine Pflichtübung war. Aber Luftmaschen sind ja schon mal ein guter und notwendiger Anfang. 🙂
Hab ein schönes Wochenende!
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Danke & dito! 🙂
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Wenn die Finger nicht mehr richtig wollen, dann tut es weh!!!
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Stimmt leider, ich habe schon eine leise Ahnung davon, weil ich mit den Daumengelenken auch hin und wieder Probleme habe.
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Lavoro volentieri anch’io a uncinetto e faccio piccoli lavoretti di decorazioni per la casa. La creatività è la manualità sono un bellissimo hobby.
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Che bello. Infatti! Ringrazio mia mamma, che mi ha messo su questa strada. Con lei ai tempi ho anche ricamato e annodato, che oggi non pratico più perché faccio vestiti.
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Esatto…anch’io devo questa abitudine a mia mamma. 😃
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Liebe Anke, den therapeutischen Nutzen des Handarbeitens kenne ich auch. Ich stricke (bevorzugt Socken) seit Monaten wieder jeden Abend, leider lässt die therapeutische Wirkung auf den Schlaf noch auf sich warten.
Und unsere jüngste Tochter nutzt Häkeln zur Selbstregulierung in Überforderungszeiten.
Außerdem kann man so ein kleines Projekt wie Socken oder Häkeltiere immer bei sich haben, egal wohin man geht oder fährt.
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Vielleicht sollte ich mich auch mal an Socken wagen, davon kann man schließlich nie genug haben. Strickpullover und Häkelpullis stapeln sich im Schrank und ich trage jeden zweimal pro Saison. 🤷♀️
Dann drücke ich die Daumen, dass es auch mit der Nachtruhe bald besser wird, liebe Anja! Liebe Grüße zu dir.
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WOLPRYLA-Hochbausch in krassen Gruselfarben habe ich noch sehr gut in Erinnerung. 🙂
Dieses „die Hände einfach mal machen lassen“ genieße ich sehr, manche Anleitung verstehe ich erst im Nachhinein. Überhaupt lernt man beim Handarbeiten Anleitungen zu folgen, was auch sehr nützlich sein kann.
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Die Anleitung im Nachhinein zu verstehen ist eine nette Beobachtung. Das gefällt mir. 😄
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Ich denke mir das auch immer wieder: dass Handarbeit (oder mit den Händen arbeiten) gut ist für die Seele. Ich sehe es bei meiner Mutter, die sehr gern und extrem gut strickt. Niemand sonst ist so ausgeglichen wie sie!
Ich kann leider nicht stricken, aber es gehört zu den Dingen, die ich gern können würde!
Ach, ich finde es so herzig, dass du schon als kleines Kind mit dem Stricken (für deine Nichte) angefangen hast. Ich sehe die Szene vor mir: du im Zug mit dem Strickzeug in der Hand.
Vielleicht wäre das auch etwas für meine Töchter. Jetzt könnten sie es noch von meiner Mutter lernen. Und ich ja eigentlich auch. Meinst du, man kann mit 46 noch anfangen? Auch ohne mathematisches Talent?
Schön, liebe Anke, dass du beim Stricken so gut abschalten kannst. 🙂
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Liebe Sophie, na dann nichts wie ran an den Handarbeitskurs mit deiner Mutter! Auf keinen Fall ist es zu spät, damit anzufangen. Und wenn du nicht zu viel Mathematik dabeihaben willst, hältst du dich erstmal an Anleitungen (mit dem in der Lauflänge exakt passenden Material, sonst musst du doch wieder umrechnen).
Herzliche Sonntagsgrüβe aus dem verregneten Norditalien (Handarbeitswetter!) 🙂
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Sicherheit und Freiheit. Das hast du wunderbar formuliert. Bei uns immer wieder Thema. Spontan (frei) gegen kontrolliert (Sicherheit). So ziehen wir uns beide zur Mitte und das ist auch gut so. Danke für deine Gedanken und den Impuls zum Selberdenken.
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Danke für dein Feedback, das mir bestätigt, dass meine Gedanken Anklang finden. Liebe Grüße!
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Bei Handarbeiten bin ich raus. Schon in der Schule konnte ich keinen rechten Spaß daran finden. Trotzdem denke ich gern an das Fach Nadelarbeit zurück und dass es doch nützlich gewesen ist. Liebe Grüße!
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Nadelarbeit, hieß das so? Haha, ich kann mich gar nicht genau erinnern, ob und wie lange wir in der Schule auch etwas in der Art hatten. Aber ich meine schon. Das zeigt auch, dass dieser Unterricht kein großer Erfolg war, Nutzen hin oder her. 😄
Liebe Grüße!
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Handarbeiten in der Schule fand ich nie schön, weil es Zwang war. Früher habe ich zu Hause immer gestrickt, um mich zu entspannen. Nur das Ergebnis war nicht immer befriedigend. Danach kam das Häkeln dran, bis ich eine Nähmaschine hatte und meine Sachen selbst nähen konnte. Es macht dann Freude, wenn man etwas Positives entdecken kann. Ich wünsche Dir viel Freude an Handarbeiten, gleich welcher Art. Liebe Grüße, Marie
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Stimmt, liebe Marie, man muss es selbst wollen und mit den Ergebnissen zufrieden sein. Genäht habe ich als junges Mädchen auch, meine Mutter war ursprünglich gelernte Schneiderin. Das war damals in der DDR auch so befriedigend, weil wir uns modische Kleidung nähten, die es nicht gab oder nicht jeder Zweite auch hatte.
Danke und herzliche Grüße an dich!
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