Wie das Leben spielt

Der Italiener und die Magie des Augenblicks

Manchmal sind es die kurzen, überraschenden Momente, die das Glück ausmachen. Zufälle, nach stunden- oder tagelangem Missgeschick. Wenn man den Bus doch noch kriegt, nur, weil der wieder mal zu spät kommt. Wenn man dann einsteigt und den alten Bekannten trifft, in dessen Firma gerade die Stelle frei ist, von der man immer geträumt hat. Wenn …

Schön und gut, das mit den Zufällen. Aber wer weiß, was morgen ist, höre ich deutsche Bedenkenträger unken. Das kann nicht immer so perfekt weitergehen. Es mag gerade eine Glückssträhne sein, aber …

Aber was? Das Leben spielt heute. Jetzt. Hier. Was morgen ist, weiß keiner. Auch oder gerade der nicht, der alles so schön geplant hatte.

Welche glücklichen Zufälle und fast schon Magie das Leben bereithalten kann, erfuhr ich am letzten Tag meiner ersten Kurzreise nach Italien. Ich hatte in Bologna eine mehr als nette Bekanntschaft gemacht und einige Stunden wie im Märchen erlebt, welches ‒ ein wenig meiner deutschen Schüchternheit, ein wenig den Sprachproblemen geschuldet ‒ am Abend vor meiner Abreise ein dummes, unglückliches Ende gefunden hatte. Am Montag musste ich nach Deutschland zurück, mein Flug ging bereits am frühen Nachmittag. War tatsächlich schon alles vorbei?

Wer die ersten Kapitel der Geschichte verpasst hat, kann sie unter den folgenden Links nachlesen:

Freitag: Also, wenn Sie mich fragen

Samstag: Alles kann passieren

Sonntag: Neuer Tag, neues Glück

Heute erfahrt ihr, ob der Montag zwischen Regen und trübsinniger Abschiedsstimmung doch noch eine Überraschung bereithielt:

Montagmorgen, nur noch wenige Stunden bis zum Flug

Müde und hellwach zugleich, fühle ich mich wie unter Drogen. Ich hatte kaum geschlafen, und das war nicht nur dem Regen geschuldet, der kurz nach Mitternacht eingesetzt hatte, sondern vielmehr meinem rasenden Gedankenkarussell. Die halbe Nacht hatte ich wach gelegen, mir die verrücktesten Dinge ausgedacht: gemeinsam in ein Hotel zu gehen oder einfach nur Händchen haltend in einer Bar zu sitzen, bei einem Glas Wasser. Aber du hattest mir gesagt, du hättest heute keine Zeit. Also rufe ich dich nicht an. Gewiss sitzt du längst in der Vorlesung, und die Dame von Telekom Italia war mir gestern nicht liebenswert genug erschienen, als dass ich ihr meinen Herzschmerz anvertrauen wollte. Ich laufe ziellos durch die Gassen. Mit einem Ziel: Ich suche dich. Ich weiß, dass es aussichtslos ist. Aber da stand ja noch dein Fahrrad! Du hattest es an dem Geländer gegenüber der Haltestelle angekettet, als wir in den Bus gestiegen waren. Plötzlich die Idee: Ich schreibe dir! Eine unbefleckte Seite aus meinem Taschenkalender muss daran glauben, ohne zu zögern reiße ich sie heraus. Vergiss mich nicht! Herzklopfen. Ich bin wieder die Hauptdarstellerin in einem Liebesfilm. Wie kitschig, denke ich und fühle mich großartig. Ich klemme den Zettel unter den Sattel. So würde er nicht nass werden, und kein anderer könnte ihn wegnehmen. Aber wer weiß, ob und wann du ihn finden würdest. Ich muss unbedingt noch einmal zur Kirche Santo Stefano. Die heilige Säule berühren, die Wünsche erfüllt. So wie es am Samstagnachmittag funktioniert hatte, bevor ich dich traf.

Mach, dass es noch nicht vorbei ist!

Ich würde gern länger verweilen, in diesen wundervollen heiligen Hallen, doch die Zeit läuft mir davon. Und du womöglich gerade draußen vorbei. Du konntest schließlich nicht ahnen, welche irrationalen Anwandlungen ich entwickelte, hier in dieser magischen Stadt. Wieder stehe ich bei deinem Rad. Oder besser gesagt schräg gegenüber, unter den Arkaden, so habe ich es gut im Blick. Gleich rechts neben mir die gusseiserne Uhr über einer Apothekentür. Auch die behalte ich im Auge. Ihre Zeiger haben es eilig. Nur noch eine Stunde, dann geht mein Bus zum Flughafen. Enttäuscht laufe ich los. Da tröstet es mich nicht, dass es aufgehört hat zu regnen und sich sogar schüchterne Sonnenstrahlen unter den Arkaden hindurch auf das Mosaik unter meinen Füßen schummeln.

Was hatte ich mir eingebildet? Dich noch einmal zu treffen? Ha, lächerlich! Happy Ends gab es nur im Film. Vielleicht hattest du doch auf meinen Anruf gewartet. Egal. Jetzt war es zu spät. Ich gehe schneller, wie im Versuch, mich loszureißen von dieser kindischen Hoffnung.

Es war Zeit, zur Realität zurückzukehren.

Mein umherschweifender Blick bleibt einen Moment lang hängen, an einem Fußgänger auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es ist ein junger Mann. Er sieht aus wie du, doch er trägt eine andere Jacke. So ein Blödsinn, denke ich, meine Fantasie spielt mir einen letzten, verzweifelten Streich. Der junge Mann lächelt, überquert die Via dell’Indipendenza, kommt auf mich zu.

Eccoti, ti ho cercata! (Da bist du ja, ich habe nach dir gesucht!)

Ich falle in deine Arme. Wie war das möglich, wie konntest du mich finden? Bologna ist klein, sagst du. Du wusstest, dass du mich treffen würdest. Ich denke, warum bist du dann nicht eher losgegangen. Ich sage nichts und nehme dich bei der Hand. Uns bleibt gerade noch Zeit für einen Espresso im Gedränge der Bahnhofsbar. Warum musste ich ins Ausland fahren, damit du mir passieren konntest?

Cause I am an Italian.

Ach so, natürlich. Wieder dieses Lächeln in deinen Augen.

Will you write me letters?

Ich küsse dich, bevor ich mit der Gegenfrage antworte:

And you?

Stasera, subito. (Gleich heute Abend.)

Im Bus zum Flughafen krame ich nach einem Taschentuch und finde ein kleines transparentes Zettelchen. Es duftet noch nach Schokolade. Ich lese das Zitat und weiß nicht, ob ich heulen oder lachen soll.  Ich glaube, ich tue beides gleichzeitig.

È preferibile l’aver amato e aver perso l’amore al non aver amato affatto.

Tis better to have loved and lost than never to have loved at all.

(Lord Tennyson)

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

11 Kommentare zu „Wie das Leben spielt

    1. Weiterging, ja. Und die zauberhaften Anfänge solcher Geschichten, auch wenn sie irgendwann doch ein Ende finden, bleiben für immer im Kopf und im Herzen. (Achtung: Kitschalarm!!! 😉😂)

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