Salto vorwärts mit Herzklopfen

Es ist das Frühjahr der kleinen Schritte zurück in die Normalität. Für unsere Tochter war ein solcher Schritt am vergangenen Samstag, dass sie nach fast zwei Jahren wieder an einem Wettkampf im Geräteturnen teilnehmen konnte. 2019 hatte sie das letzte Mal vor Kampfrichtern geturnt. Im Frühjahr 2020 sollte die Wettkampfsaison gerade starten, als der Lockdown von einem Tag zum anderen das Aus für alle sportlichen Aktivitäten brachte. Bis zum Herbst gab es kein Training, jeder übte für sich allein daheim. Krafttraining, Stretching, Trampolinspringen im Garten. Der Enthusiasmus ließ mit jeder Woche nach. Im September ging es endlich wieder in die Halle, im Oktober ein erneuter Stopp, dann ab Mitte Dezember mehr oder weniger regelmäßiges Training, unterbrochen von Quarantänesituationen. Als uns dieser Wettkampf vorgeschlagen wurde, war unsere Tochter alles andere als begeistert.

Farò una brutta figura! Ich werde mich blamieren!

Verunsichert und den Tränen nahe, hockte sie an jenem Abend vor mir auf dem Stuhl. Ein ganzes Jahr ohne regelmäßiges Training bedeutet für jeden Sportler einen Rückschlag. Beim Geräteturnen kommt dazu, dass es gerade in der Wachstumsphase während der Pubertät schwierig ist, in Form und in Übung zu bleiben. Ich war unsicher, ob ich recht damit tat, ihr zuzureden. Komm, mach das. Es geht doch nicht ums Gewinnen, es geht um das Erlebnis. Auf keinen Fall wollte ich sie zwingen. Nach ein paar Tagen gefühlsmäßiger Achterbahnfahrt stand sie plötzlich strahlend vor mir:

È una sfida, la voglio! Ich mache das, ich liebe Herausforderungen!

Da war sie wieder, meine begeisterungsfähige, starke Tochter! Als großer Fan dieses schönen Sports tat es mir weh, nicht als Zuschauer live dabei sein zu dürfen. Für uns als Eltern bedeutete das freudige sportliche Ereignis vor allem einen Berg an Formularen, sie hinfahren und wieder abholen. Immerhin konnten wir den Wettkampf am Bildschirm verfolgen. Natürlich ist es nicht dasselbe, ersetzt nicht die Stimmung in der Halle, den Geruch des Magnesiums, die Sprung-Geräusche auf der Matte, das Quietschen des Stufenbarrens, den erlösenden Applaus nach einem gestandenen Abgang. Aber die Videoübertragung im Live-Streaming ist eine gute Lösung. Wir wollen nicht zu viel verlangen. Es ist schon ein Privileg, dass unsere Tochter in dieser Saison wieder turnen darf, weil sie in der D-Liga des offiziellen italienischen Turnverbands FGI (Federazione Ginnastica d’Italia) antritt. Der normale Breitensport ruht nach wie vor.

Das Regionalblatt „La Settimana di Saronno” veröffentlichte einen Artikel zur ersten Wettkampfteilnahme des Turnvereins „Aurora Vedano“ in dieser Saison. Hier ein Auszug daraus, für euch übersetzt:

La Settimana di Saronno

Am vergangenen Samstag ein kleiner Schritt zurück in die Normalität ‒ Die Athleten von Aurora Vedano nach Monaten zurück im Wettkampf

… Natürlich waren die Wettkampf-Bedingungen nicht die gewohnten. Keine Unterstützung durch das Publikum, keine Umarmungen der Mitstreiterinnen, Lächeln und Enttäuschung unter den Masken verborgen, die vielen Sicherheitsprotokolle, die es einzuhalten galt. Aber die Emotionen und das Adrenalin waren genauso hoch, wenn nicht sogar dreimal so hoch wie in den vergangenen Jahren …

Eine Turnerin des Vereins schaffte es aufs Siegertreppchen, leider fiel die feierliche Zeremonie dem Hygiene-Protokoll zum Opfer. Für die Besten sind es auch die Medaillen, aber für alle ist es am Ende das Herzklopfen, das zählt. Die Erinnerung, dabei gewesen zu sein, bei diesem ersten Schritt zurück in die Normalität. Für die jungen Turnerinnen war es ein Salto in Avanti, ein Sprung nach vorne.

Veröffentlicht von Anke

La Deutsche Vita in Bella Italia auf meinem Blog tuttopaletti.com. Geboren in der DDR, lebte ich zunächst im wiedervereinigten Deutschland und habe in Norditalien meine Heimat gefunden. Ein Leben zwischen den Welten und Kulturen, schreibend, lesend, neugierig und immer auf der Suche nach neuen spannenden Geschichten.

18 Kommentare zu „Salto vorwärts mit Herzklopfen

    1. Dankeschön! Gestern habe ich gelesen, dass bald auch wieder Zuschauer bei Sportveranstaltungen zugelassen werden. Das wäre so schön, mit Abstand und Masken, vielleicht beim nächsten Termin Anfang Mai. LG aus Italien!

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  1. Alle Achtung vor den jungen Sportlern. Da staunt man, dass die nicht die Freude an ihrem Hobby verlieren. Mit Maske trainieren, bezw. das dauernde auf und absetzen. Wie man da noch ordentlich atmen kann ist mir ein Rätsel. Abgesehen vom konzentrieren. Und ganz gemein, eine Siegerehrung ohne Beifall.. Da kannst Du schon stolz auf Deine Tochter sein!🖕

    Gefällt 3 Personen

    1. Ja, ich ziehe auch den Hut, stell dir vor, sogar zum Einspringen trugen sie noch die Maske. Nur beim eigentlichen Wettkampf wird sie abgesetzt. Ich bin immer schon so unbeholfen im Supermarkt, das Ding schränkt auch das Blickfeld ein, finde ich.
      Vor wem ich aber ganz besonders den Hut ziehe, das sind die Trainer und Verantwortlichen. Sie mussten sich ständig den neuen Auflagen anpassen, einen Haufen Administration bewältigen und Hygienevorschriften und das richtige Prozedere beachten, wenn es irgendwo im Umfeld einen Verdachtsfall gab. Und das bei fehlenden Einnahmen (die zahlenmäßig stärkeren Basiskurse finden ja nicht statt).

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      1. Im Supermarkt muss ich immer die Brille abnehmen 🙂 Generell ist die Situation für Sportler und Vereine tatsächlich be.. Was sich aber wirklich zeigt ist auch das Engagement von Leuten, die nicht in der Öffentlichkeit stehen und ohne die es gar nicht ginge. Vom Transport zum Training oder Wettkampf bis zum Trikotwaschen..🙂

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    1. Mut und auch ein bisschen Coolness. Für den Neustart müssen wir alle in vielen Bereichen zunächst sicher ein Stück zurückstecken und die Erwartungen nicht gleich so hoch setzen. Wichtig ist, wieder anzufangen. 💪

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  2. Turnen ist ein wunderschöner, wenn auch sehr anstrengender Sport, in der Schule war es auch mein Lieblingssport. Hochachtung vor allen, die trotz der enormen Schwierigkeiten durch Corona durchhalten und Leistungen bringen. Du hast es wunderbar beschrieben, man glaubt fast, dabei zu sein und mitzufiebern.
    Ich wünsche der bravourösen Tochter (und auch der Mutter) viel Erfolg. LG Marie

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    1. Danke, Marie. Ich selbst habe als Knirps mit 5 Jahren geturnt, dann aber gewechselt, gewissermaßen gezwungen, weil ich vom Orthopäden nicht das OK für die Sportschule bekommen hatte. Durch meine Tochter bin ich nun wieder in Verbindung mit diesem Sport. 2019 habe ich uns Karten fürs WM Finale in Stuttgart geschenkt. Das war ein so schönes Erlebnis, davon werden wir noch lange zehren. Es bekam auch durch die danach einsetzende Pandemie im Nachhinein noch viel größeren Wert. Liebe Grüße!

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