Ein Flug, kein Flug

Wir stehen am Gate, lange vor der geplanten Einstiegszeit. Auf der Anzeigetafel über dem Boarding-Schalter lesen wir anstelle der Flugnummer und unseres Reiseziels, dass der Flug bereits gestartet sei. Ohne uns. Einfach so. Kann ja mal vorkommen. Vermutlich hatte es der Pilot eilig, ins Wochenende zu fliegen. Warum sollen nur wir Passagagiere ein Anrecht darauf haben, pünktlich zum Abendessen bei der lieben Verwandtschaft die Füße unter den Tisch zu strecken. Trotzdem bin ich sauer, dass wir keine Information bekommen haben, nicht per E-Mail, nicht per SMS. Eine Frechheit. Kurze Zeit später folge ich in einer WhatsApp Gruppe einer Diskussion, die den Vorfall aus anderer Perspektive beleuchtet. Wie ich dort hineingekommen bin? Keine Ahnung! Ich vermute, dass Eva mich unbemerkt in die Gruppe aufgenommen hat. Sicher kein Zufall, denn just in diesem Moment unterhalten sich Flugbegleiter*innen und Bodenpersonal über das, was uns passiert ist. Nicht, dass sie mir den vorzeitigen Abflug erklären wollen. Sie scheinen keine Notiz meiner passiven Mitleserschaft zu nehmen. Während ich grübele, was das alles zu bedeuten hat, werde ich von einem Anruf gestört. Vielleicht meldet sich doch noch die Fluggesellschaft, um sich bei mir zu entschuldigen? Denkste! Mein „Pronto!“ geht ins Leere, der Klingelton entspringt der Weckfunktion meines Handys.

Es ist der 19. August und der Tag unserer Abreise vom letzten Urlaubsort in diesem Sommer. Wir werden nicht fliegen, sind zum Glück mit dem Auto da. Irritiert gehe ich duschen. Mein Traum war einer dieser real scheinenden, kurz vor dem Aufwachen, die dann aufwühlend präsent sind. Dabei versuche ich im wahren Leben, Flüge zu vermeiden. Zu Zeiten meiner Fernbeziehung mit einem Italiener und in den ersten Jahren in Italien nutzte ich Vielfliegerprogramme, bis ich merkte, dass mich die Prämien nicht interessierten. Als dann auch noch die Konkurrenz gröβer wurde und ich nicht immer mit derselben Gesellschaft flog, kam ich auch auf keine Freiflüge oder Upgrades mehr. Irgendwann beschloss ich, nur noch zu fliegen, wenn es sich gar nicht vermeiden lässt und entsorgte die Treuekarten. Wenn es doch so einfach getan wie gesagt wäre. Die Urlaubsberichte der Kollegen nähren bei mir regelmäßig Zweifel, ob ich nicht die halbe Welt verpasse, nur weil ich ‒ außer zu meiner Mutter ‒ nicht mehr fliegen will. Da kommt mir die Ausrede mit dem Umweltbewusstsein gerade recht, doch eigentlich steckt eher die Tatsache dahinter, dass ich in den letzten Jahren Angst habe. Nicht diese tiefenpsychologische Flugangst, die bereits das Besteigen eines Passagierjets unmöglich macht. Nein, ich kann die Sache an sich rational und mit kühlem Kopf angehen. Nur beim Starten und unterwegs, sobald es zu kleinsten Turbulenzen kommt, verkrampfe ich komplett. Meine Füße treten dann minutenlang in imaginäre Bremsen und ich schwöre mir jedes Mal, nie, und zwar wirklich nie wieder, zu fliegen. In Familie fahren wir vielleicht auch deshalb immer nur innerhalb Italiens, nach Deutschland oder Österreich in die Ferien. Mit dem Auto. Oder noch besser, mit dem Zug. So geschehen, als mein Mann einmal nicht mitkommen konnte. Seitdem werbe ich überall für die Zugreise von Mailand nach Alassio. Bequemer geht es nicht, der Bahnhof befindet sich mitten im Ort. Ich argumentiere weiter, dass ich umweltfreundlich reise und das Auto stehenlasse. Und das meine ich auch so. Nur Eingeweihte wissen, dass ich gleichzeitig meine fehlende Bravour, Autobahn zu fahren und in kleinen, ligurischen Küstenorten einen der ohnehin nicht vorhandenen Parkplätze zu finden, elegant verschweige.

Wenn wir fliegen, dann zumeist nach Dresden. Das geht leider nur mit Umsteigen. Also zweimal starten, zweimal landen und das gefürchtete Auf und Ab zwischendurch. Aber es sind 900 Kilometer bis zu meiner Mutter. Wenn wir nur wenige Tage oder ein Wochenende haben, sind ein Tag Hinfahrt und ein Tag Rückfahrt im Auto eine schlechte Option, sogar für meinen Mann, der seinen Wagen auf der deutschen Autobahn liebend gern mal richtig ausfährt. Anfang August hatten wir fünf Nächte geplant und zwei Monate zurvor die Flüge gebucht. Am Ende waren es nur vier Nächte in Dresden. Ratet, warum! Weil am Vorabend der Reise die Nachricht kam, dass unser Flug Mailand – München für den Morgen gestrichen worden war. Einfach so. Ohne Begründung. Mit der automatischen Umbuchung auf einen Mittagsflug nach Frankfurt am Main, von wo es dann erst am Morgen darauf, früh um sieben, weiter in die sächsische Landeshauptstadt gehen sollte. Wir konnten diesen irrwitzigen Vorschlag mit einem Anruf ablehnen und die ursprünglich geplante Verbindung für den Folgetag buchen. Was ich nicht erfahren habe, war der Grund, aus dem ausgerechnet unser Flug nicht durchgeführt wurde. In jenem Moment nahm ich es gelassen und wir machten aus dem verlorenen einen gewonnenen Tag, indem wir einen schönen Ausflug an den Lago Ceresio unternahmen. Dass ein kleiner Groll noch im Hinterkopf hängen geblieben war, zeigte mein Traum drei Wochen später.

Und was hat Eva nun mit den Willkürakten der Lufthansa – tatsächlichen und geträumten – zu tun? Natürlich gar nichts. Alles, was ich weiß, ist, dass sie als Flugbegleiterin arbeitet. Und seitdem ich das weiß, denke ich bei Reisen in der Luft immer an sie. Wie sie es macht, überhaupt keine Angst zu haben. Oder im letzten November, als wir tatsächlich den Anschlussflug in Frankfurt am Main verpassten und vor geschlossenem Schalter standen. Nachts um halb elf. Wir waren mit Verspätung in Mailand gestartet, die Sache war begründet. Und doch hatten wir bis zuletzt Hoffnung gehabt, man würde die paar Minuten auf uns warten. Dem war nicht so. Der Pilot wollte pünktlich Feierabend machen, verständlich am Freitagabend. Damals bekamen wir eine Nacht im Hotel und Taxigutscheine, bis es am nächsten Morgen weiterging. Hätten sie uns kein Zimmer vermittelt, hätte ich mich bei Eva gemeldet. Wozu hat man denn eine flugbegleitende Bloggerkollegin in Frankfurt am Main wohnen? Aber Spaß beiseite: Indem ich euch diese Geschichte erzähle, habe ich eine gute Gelegenheit, endlich mal auf Evas schönen Blog zu verlinken. Zwischen Tiber und Taunus hält unterhaltsame Einblicke in den Alltag einer tri-nationalen Familie bereit. Da der Römer, wie man aus seinem Spitznamen leicht ableiten kann, unter anderem Italiener ist, kann ich die geschilderten Aspekte des Zusammenlebens oft gut nachvollziehen. Schaut mal vorbei, es lohnt sich! Vielleicht lesen wir bei Eva auch mal wieder eine spannende, amüsante Geschichte über die Erlebnisse an Bord eines Flugzeuges. Oder die am Boden, wenn der Flug versehentlich nicht oder ohne sie gestartet ist.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Schön praktisch

Als ich im Sommer 2011 mit dem zweiten Kind hochschwanger war ‒ es fehlten nur noch wenige Tage bis zum Termin ‒ hatte ich genau zwei Oberteile, die mir noch passten. Eins davon war ein auffallend elegantes Shirt in A-Linie, das ich mir für eine Hochzeit gekauft hatte. Ich trug es an einem Sonntagnachmittag beim Spaziergang auf der Piazza, wo ich meine damals vierjährige Tochter herumtollen ließ. Weil auch untenrum die Auswahl der Kleidungsstücke begrenzt war und eine ausgebeulte Jogginghose zu diesem Oberteil nicht in Frage kam, hatte ich es mit einem langen, im Bund dehnbaren Rock kombiniert und trug dazu Absatzschuhe. „Wow, diese Italienerinnen aber auch. Achten noch mit einem Riesenbauch auf den Stil!“, dachte die, die ich kurz darauf kennenlernen sollte. Als meine Tochter diese Frau mit ihren Mädchen deutsch sprechen hörte, teilte sie mir das aufgeregt mit. Ich guckte auch ein bisschen, bevor ich mit einem „Hallo!“ aus der Deckung ging. Dass sie mich für eine Italienerin gehalten hatte, erzählte mir meine Freundin viele Jahre später.

Im August 2023 in Alassio fürchte ich, als Deutsche erkannt zu werden. Als praktisch veranlagt, gegen die Verführungen des vermeintlich Schönen aus der Werbung gefeit. Ich schlendere an den Auslagen der Boutiquen vorbei, überall glitzert und funkelt es von stylishen Sandalen und feinen Handtäschchen. Meine silberfarbenen Zehensandalen glitzern auch. Ein wenig. Und das nach sieben (!) Jahren. Tatsächlich. Ich bin selbst schockiert, als ich im Kopf zurückrechne. Die hatte ich mir einmal am Ende unserer Sommerferien im deutschen Schlussverkauf gekauft. (Kopfschütteln der Redaktion: Da lebt eine in Italien und kauft sich regelmäßig Schuhe in Deutschland.) In jenem Sommer trug ich sie gar nicht mehr, denn er war vorbei. In den darauffolgenden Jahren immer nur ein paar Tage im Urlaub. Für den Alltag oder gar das Büro waren sie nicht geeignet. Mein Handtäschchen ist ein Rucksack und glitzert nicht. Er war eine spontane Online-Bestellung vor drei Jahren, als mir kurz vor Urlaubsbeginn etwas Praktisches fehlte. Auf dem Foto hatte die Farbe nach einem eleganten Hellgrau ausgesehen. Neutral und schön. Die sollte zu allen meinen Outfits passen. Tatsächlich ist der Rucksack in einem grauen Schlammgrün gehalten. Mehr neutral als schön. Dafür ist der Kleine unendlich geräumig! Da passt einfach ALLES rein. Eine gute Anschaffung. Und doch: Ich wünschte, ich könnte bei meinen Schaufensterbummeln und an der Strandpromenade jeweils ein zu den Klamotten passendes Täschchen tragen, so wie es die Italienerinnen tun. Zumindest am Abend. Wenn es beim Fare un giro (eine Runde drehen) darum geht, zu sehen und gesehen zu werden. Drei, vier Täschchen braucht die Frau, passend zu den Schuhchen. Ich könnte es mir leisten. Leider bin ich zu bequem, vor allem im Alltag. Einmal wechselte ich zwischendurch für eine Woche die Tasche. Ein Fehler! Ich schwitzte Blut und Wasser, als ich nach der Arbeit ohne Dokumente zurück über die Grenze fuhr. Immer vergesse ich beim Umräumen irgendetwas aus einem der Innenfächer. Deshalb wechsle ich die Tasche in der Regel nur zweimal im Jahr. Ich habe eine helle für die Frühjahr/Sommer- und eine dunkle für die Herbst/Winter-Saison. Und für Reisen habe ich den kleinen Rucksack. Er hat etwa zehn Fächer: innen, außen, vorne, hinten, an den Seiten. Frau weiß schließlich nie, was ihr (oder ihrer Familie) unterwegs zustößt. Sie nimmt Sonnenschutz, Taschentücher, Dokumente, Einkaufsbeutel, Wasser, ein Päckchen Cracker, Kaugummi, Kopfschmerztabletten, Pflaster, Schmink- und Hygieneartikel, Feuchttücher, einen kleinen Kamm und eine Nagelfeile mit. Ein Buch, ein kleines Notizheft und einen Stift. Was Frau so braucht. Was ich so brauche. Italienerinnen offensichtlich nicht. In die kleinen edlen Täschchen passen ein Lippenstift und ein Tampon. Wenn überhaupt.

In Alassio beschließe ich dennoch: Auf die nächste Reise nehme ich meine kleine, elegante Markenhandtasche mit. So eine habe ich nämlich seit drei Jahren im Schrank liegen. Nur, dass mein Portemonnaie derselben Marke leider nicht hineinpasst. Ich werde das Täschchen am Ende nur zum Pranzo di Ferragosto (Mittagessen am Feiertag des 15. August) ausführen und die Rechnung meinen Mann bezahlen lassen. Meinem Rucksack geht an den Griffen derweil der Lack, oder treffender gesagt, das Kunstleder ab. Ich muss und möchte mich nach einem neuen umschauen. In aller Ruhe, bei Gelegenheit und garantiert nicht online. Praktisch wie der alte soll er sein, aber er darf auch ein bisschen glitzern!

Titelbild: Tristesse Deluxe: Mein Reiserucksack, Ton in Ton mit dem Stuhl im kargen Hotelzimmer.

Das wird teuer

Eine Woche, bevor bei uns in der Lombardei an diesem Dienstag das neue Schuljahr begann, gestand mir unsere Große: „Weißt du, ich habe eigentlich keinen Bock, wieder zur Schule zu gehen.“ (Nach drei Monate langen Sommerferien mit Diskotheken und fast täglichen Vergnügungen mit Freundinnen ist das eine harte Umstellung.) Doch ihr Gesichtsausdruck verriet mir, dass es ein Aber gab. Und das kam prompt: „Aber ich freue mich, in den Pausen wieder auf Tour zu gehen.“ Sie besucht jetzt die dritte Klasse Superiore (fünfjähriges Gymnasium). Im Kindergarten hätte man gesagt, sie ist eine Mezzana, ein Mittelstufenkind. Mezzana am Gymnasium zu sein bedeutet, dass das Pausenschaulaufen endlich beachtet werden wird. Bislang fühlten sie und ihre Klassenkameradinnen sich eher in der Statistinnen-Rolle als in der von Hauptdarstellerinnen. Jetzt, im dritten Schuljahr, würden sie ihren ganz großen Auftritt haben.

Und dann kam wenige Tage später diese Nachricht, die alles veränderte. Das Gymnasium hatte die Klassenraumverteilung veröffentlicht. Ihr müsst wissen, dass in italienischen Schulen, zumindest hier in unserer Gegend, jede Klasse einen festen Klassenraum hat. Es sind die Lehrer der verschiedenen Fächer, die für jede Stunde in einen anderen Raum gehen müssen. Ich erkläre das, weil es zu meinen Zeiten in der DDR so war, dass wir Schüler umherzogen. Wir hatten Mathe am Ende des Flurs in der mittleren Etage, Chemie oben unterm Dach, Russisch im Erdgeschoss. Der jeweilige Lehrer empfing seine Schüler. Unsere Tochter hingegen verbringt den ganzen langen Vormittag bis um ein oder zwei Uhr in ein und demselben Raum. Die kurzen Pausen sind heiß ersehnt, allein schon, um sich mal die Beine zu vertreten. Und um sich umzugucken.

„Nein, das darf doch nicht wahr sein!“, rief sie entsetzt. „Die stecken uns in das Klassenzimmer gegenüber den Toiletten.“ Ich begriff nicht sofort, was so schlimm daran war. Hatte sie Sorge, dass ein unappetitlicher Geruch zu ihnen hinüberwehen könnte? Nein, es war der nicht vorhandene Weg zu den stillen Örtchen, der alle schönen Aussichten über den Haufen warf. Der Weg über die Flure ‒ die Treppen hoch und runter ‒ um die Toiletten aufzusuchen, war ihr Laufsteg. Fare un giro, eine Runde drehen, heißt es in Italien. Sehen und gesehen werden, sagt man in Deutschland zu dem, was die Italiener mit Fare un giro meinen. 

Wenn wir früher von einem Raum in den nächsten zogen, kamen wir unvermeidlich mit den anderen Klassen in Kontakt. Während die einen den Raum verließen, gingen wir rein, und man konnte interessierte Blicke wechseln oder auch mal ein Wort. Manchmal sehnte ich den halben Vormittag lang die Pause nach der vierten Stunde herbei, in der wir nach der 11a ins Physikkabinett gingen. Vielleicht würde Rico (Name geändert) mir wieder eine Bemerkung zur Unterrichtsstunde zuflüstern, die er gerade hinter sich hatte und die uns bevorstand. Dann waren wir ein paar Sekunden lang Komplizen, und mein Tag war im Kasten.

Heute ist unsere Tochter im selben Alter wie ich damals, denn die dritte Klasse Superiore entspricht unserer elften. Auch für sie spielt sich das soziale Leben und sentimentale Hoffen in den kurzen Pausen zwischen den Unterrichtsstunden ab. Die Jungs der anderen Klassen sind schließlich immer die attraktiveren. Hinzu kommt, dass männliche Schüler am Sprachengymnasium in der absoluten Unterzahl sind. Da müssen die Mädchen für eine nette Begegnung ein paar Meter mehr zurücklegen.

Zum Glück sind die Toiletten nicht die einzigen Wanderziele für die Pause. Die Getränke- und Snackautomaten befinden sich zwei Etagen unter ihrem Klassenzimmer. Dorthin lässt sich eine wunderbare Sfilata (Schaulaufen) machen. Ich fürchte, es könnte ein teures Schuljahr werden.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Sonderwünsche

Zum Sommerausklang haben wir uns im Familienrat geeinigt, dass es am Abend noch einmal Prosciutto e Melone geben dürfe. Ich stehe also an der Gastronomietheke und bin gleich an der Reihe. Plötzlich weiß ich nicht mehr genau, wieviel Gramm Prosciutto Crudo ich für uns vier holen soll, wenn tatsächlich einmal alle mitessen. Also texte ich meinem Mann diese Frage, der es vorzieht, mich zurückzurufen. Telefonate im Supermarkt würde ich lieber vermeiden und flüstere verschämt mein „Pronto!“ ins Smartphone.

Abbonda pure, prendi almeno due etti e mezzo!“ (Nimm reichlich, mindestens 250 Gramm!)

Das hätte er auch tippen können. Doch dann fügt er eilig den Wunsch hinzu, den er mir fernmündlich mitteilen wollte.

Ma fattelo iniziare, mi raccomando, prendilo dall’inizio!“ (Aber lass dir einen neuen anschneiden, nimm vom Anfang!)

Stimmt, mein Mann bevorzugt die ersten, kleinen Scheiben eines neu angeschnittenen Schinkens. Sie hätten weniger Fettanteil und seien würziger.

Adesso vediamo“, antworte ich zerknirscht. Ich werde sehen.

Es ist mir – im Gegensatz zu meinem Mann – peinlich, Sonderwünsche vorzubringen. Wenn nun alle Kunden nur die ersten Scheiben haben möchten, was wird dann aus dem Mittelstück? Ich handele einen Kompromiss mit mir aus. Ich werde es der Bedienung überlassen, ob sie mir vom Parma oder San Daniele gibt, so ist es mir weniger unangenehm, im Gegenzug auf ein Anfangsstück zu bestehen. Schließlich gehe ich mit Prosciutto Crudo di Parma nach Hause, 250 Gramm von den ersten Scheiben. Der Verkäufer hatte bei meiner eigensinnigen Bestellung nicht mit der Wimper gezuckt.

Was ist es, das mich als Kundin so kleinlaut auftreten lässt? Nicht, dass wir uns falsch verstehen. Ich bestehe sehr wohl darauf, überhaupt bedient zu werden. Beispielsweise am Postschalter, wenn die Angestellten dahinter gerade ein Schwätzchen halten und mich nicht zu beachten scheinen. Aber eine bevorzugte Behandlung oder das sahnigste Stück der Torte zu verlangen, das kommt mir nicht in den Sinn. Wenn wir ein Restaurant betreten, gebe ich mich mit dem einen oder einem der Tische zufrieden, die uns angeboten werden. Vielleicht rührt das noch von meiner ostdeutschen Sozialisation her, wo einem beim Restaurantbesuch ein Schild „Sie werden platziert“ den Weg versperrte. Mein Mann hat oft einen Blick dafür, welcher der ruhigste Tisch oder der mit der besten Aussicht ist und fragt nach ihm, selbst wenn er uns nicht angeboten wird. „Der ist bestimmt reserviert!“, möchte ich ihm zuflüstern und schaue verlegen zu Boden. Dabei ist er das in der Hälfte der Fälle nicht, oder es wird kurzerhand umdisponiert, und wir dürfen an dem „besten“ Tisch Platz nehmen.

Womöglich gibt es aber auch einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Mir fallen gerade nur Männer ein, die ihre Sonderwünsche regelmäßig vorbringen und sich nehmen, was ihnen vermeintlich zusteht. Bei uns im Büro ist es üblich, am Geburtstag zum Caffè eine Runde Brioche zu spendieren. Diese auch als Croissant oder Cornetto bekannten Gebäckstücke gibt es in den klassischen Versionen mit Crema Pasticcera (Vanillecreme), Marmellata (meist Aprikosenmarmelade), Cioccolato (Schokocreme) oder aber Vuoto, ohne Füllung. In der Regel bringen die Geburtstagskinder ein paar von jeder Sorte. Ich habe einen Kollegen, der mag nur Schokocroissants. Was macht er also, wenn er am Morgen am Kaffeeautomaten vorbeigeht und das Tablett mit Croissants sieht? Er sichert sich eins. Wenn wir dann zwei Stunden später in die Pause gehen, packt er triumphierend sein in eine Serviette geschlagenes Teilchen aus und zuckt bedauernd mit den Schultern, wenn ich kaum noch Auswahl habe und eins mit Marmelade abbekomme. Ich mag auch Schoko am liebsten, meistens jedenfalls. Neulich brachte ich meinen Unmut über sein egoistisches Verhalten auf den Tisch. „Warum musst du immer eine Extrawurst bekommen?“, warf ich ihm an den Kopf. Er schaute mich entgeistert an, und das nicht nur, weil es sich schließlich um ein Gebäckstück handelte und keine Wurst. „Mach es doch genauso, wenn du eine Vorliebe hast!“, schlug er mir vor. Als ich mich weiterhin skeptisch zeigte, versuchte er es mit wort- und gestenreichen Erklärungen. Sein Verhalten würde sogar die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass am Ende alle zufrieden sind. Wer eine Vorliebe hat, soll sich sein Croissant rechtzeitig sichern. Die anderen, denen es egal ist, wären mit den übrigen auch zufrieden. Würde er sich nicht das Schokocroissant beiseitelegen, riskierte er, keins zu bekommen. Und wäre enttäuscht. Womöglich hätte einer, der lieber Marmelade wollte, Schoko erwischt und wäre ebenfalls unglücklich. Jeder sollte sehen, dass er sich das Gewünschte sofort verschafft, und alle sind am Ende zufrieden. Ich guckte ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an, während er sich zufrieden mit der Serviette die letzten Schokocremespuren aus den Mundwinkeln wischte.

Ich werde weiterhin darauf verzichten, mir ein bestimmtes Teilchen vor der Kaffeepause zu sichern. Manchmal, wenn mein Kollege einen guten Tag hat und mich unzufrieden sieht, bietet er mir an, sein Schokocroissant zu teilen. Von wegen Egoismus! Er meint es gut mit sich und den anderen.

Um auf das Eingangsthema Prosciutto Crudo zurückzukommen: Es gibt auch viele Kunden, die das Mittelstück bevorzugen. Die größeren Scheiben sind mit einem Hauch Fett oft zarter und milder. Das werde ich mir beim nächsten Schinkenkauf ins Gedächtnis rufen und meine Bestellung selbstbewusster aufgeben.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Undercover

oder: Die Seitenstraßen-Touristin

Ich denke, man sieht mir an, dass ich keine Italienerin bin. In Orten, wo im Sommer auch viele Deutsche Urlaub machen, bin ich eine von denen. Oder doch nicht? Ich schummele mich undercover unters italienische Volk. Gerade ging es mir in meinem Lieblingsferienort Alassio so.

Wenn ich morgens nach dem Frühstück ein Plätzchen im Schatten suche, teile ich diesen Wunsch mit Einheimischen. Kein Tourist setzt sich am Meer in einer Seitenstraße auf eine Bank in den Schatten, jedenfalls nicht morgens um zehn. Ich schon, denn der Tag in der prallen Sonne wird noch lang. Den gehe ich gerne ruhig an. Ich habe mein Buch dabei und lese ein paar Seiten. Mit einem Ohr höre und mit einem Auge beobachte ich nebenbei das Leben, das sich um mich herum abspielt. Ich lausche den Alltagsplaudereien der beiden Herren auf der Nachbarbank, drehe mich um, weil ich wissen will, welchem Ladenbesitzer die Dame auf dem Rad im Vorbeifahren etwas zugerufen hat. Ich erfahre, was es bei Antonio gestern Abend zu essen gab und dass die Enkel von Giovanna noch ein paar Tage länger bei ihr bleiben. Ich tauche ein, als würde ich hier leben, nehme Anteil an den Gesprächen, fühle mich gleichzeitig dazugehörig und fremd. Fremd allein schon deshalb, weil ich noch gut zwanzig Jahre jünger bin als der durchschnittliche Banksitzende zu dieser Tageszeit. Aber auch, weil ich die Einzige bin, die liest. Ein Buch. Viele schauen aufs Handy, andere nur in die Gegend.

Ich muss wieder an meinen ersten Tagesausflug in einen italienischen Aquapark denken. Der war für eine Gruppe der Kinderferienspiele organisiert. Mein Freund und ich durften mitfahren, da seine Mutter die Kinder begleitete und noch Plätze im Reisebus frei waren. Wir gehörten früh am Morgen zu den ersten Gästen, als der Vergnügungspark mit verschiedenen Schwimmbecken und Wasserrutschen gerade seine Tore öffnete. Ich sah mich kurz um, fand ein ruhiges Plätzchen und legte mich auf mein Handtuch. Dann cremte ich mich sorgfältig mit Sonnenmilch ein und holte mein Buch heraus. Ein unverzeihlicher Fauxpas in Kalabrien (und sicher, eventuell abgeschwächt, in ganz Italien). Damit handelte ich mir einen saftigen „Ehestreit“ ein. Wir wären schließlich gekommen, um uns zu amüsieren. Was ich mir einbildete, ein Buch zu lesen. Er, als mein Freund, würde eine Brutta Figura machen mit einer wie mir, die nicht sofort zu den Rutschen rannte und bei der ersten Runde Balli di Gruppo im Wasser mithüpfte.

Diesmal bin ich allein im Urlaub und tue und lasse, was mir gefällt. (Keine Sorge, auch unterwegs mit meiner Familie darf ich lesen, während die anderen sich amüsieren. Zumeist amüsieren wir uns aber gemeinsam.) Für meine Tage in Alassio habe ich mir einen dicken Wälzer mitgebracht. Auch der verrät mich, würde sich einer für das Buchcover interessieren, als eine fremde Einheimische. Ich lese Alle, außer mir, die deutsche Übersetzung von Francesca Melandris „Sangue giusto“ (deutsch: Richtiges Blut). Keine leichte Urlaubslektüre. Der Roman behandelt ‒ detailgetreu recherchiert und meisterhaft erzählt ‒ dunkelste Aspekte der italienischen Geschichte (Stichwort: Abessinienkrieg). Ich lese ihn wissensdurstig, ist er doch „eine Reise in die italienische Seele“* und reflektiert aktuelle Gesellschaftsprobleme vor dem Hintergrund unzureichend aufgearbeiteter Historie. Eine komplexe Familiengeschichte über drei Generationen spannt die Fäden. Für mich, die ich seit mehr als zwanzig Jahren in Italien lebe, ein spannender Stoff.

Obwohl ich mit sechshundert Seiten anspruchsvoller Lektüre ausgestattet bin, betrete ich irgendwann doch die kleine Buchhandlung in der beliebten Shoppinggasse Budello di Alassio. Mehrmals war ich an ihr vorbeigeschlendert und hatte dem verführerischen Duft von druckfrischen Büchern nur schwer widerstehen können. Als ich jetzt ‒ ganz unverbindlich auf Touristenart ‒ meinen Fuß in den Laden setze, ist er gut besucht. Offensichtlich von Einheimischen oder italienischen Langzeiturlaubern, denn ich höre, wie eine Kundin der Verkäuferin von ihren zuletzt gelesenen Büchern erzählt und sich wieder eins empfehlen lässt, weil sie beide doch ähnliche Vorlieben hätten. Eine nette Art, auch neuen Besuchern Tipps zu geben, sind die kleinen gelben Post-its auf einigen Buchcovern. Darauf steht dann „Letto e consigliato da Sabrina“ (Gelesen und empfohlen von Sabrina), oder der gleiche Text mit einem anderen Namen, zum Beispiel dem von Marco. Ich nehme an, es sind die Angestellten des Ladens, die ihre persönlichen Lieblingswerke anpreisen. Als ich einen Titel sehe, von dem kürzlich eine italienische Freundin gesprochen hatte und an dem auch so ein Post-it hängt, kaufe ich ihn mir. Im Koffer ist noch Platz und ein Buch kann ich irgendwann im nächsten oder übernächsten Jahr lesen. Bücher kommen zum Glück nicht aus der Mode. Im Gegensatz zu manchen Glitzer-Sandalen, die in den benachbarten Boutiquen zu Sommerschlussverkaufspreisen angeboten werden und die Touristinnen magisch anziehen. Ich werde nachher im Hotel mit Marcella sprechen, die als Gastgeberin immer zu einem Schwätzchen aufgelegt ist, und mir ein gutes Schuhgeschäft in einer Seitenstraße empfehlen lassen.

Eine „meiner“ Seitenstraßen an einem Morgen, an dem leider schon alle Bänke im Schatten (rechts im Bild) besetzt waren.

*Zitat aus La Repubblica auf dem Buchdeckel. Wer mehr zum Roman erfahren will, dem empfehle ich die hier verlinkte Rezension beim Deutschlandfunk.

Schlaflose Nächte

Ende August. Endlich. Da sollte es langsam spätsommerlich werden, doch Italien stöhnt unter drückender Hitze. Wir liegen nachts wieder bei laufender Klimaanlage statt geöffnetem Fenster. Wenn wir nicht entspannt durchschlafen, hat das aber noch ganz andere Gründe: Prinzen und Gespenster sorgen für schlaflose Nächte.

Während ich derweil die vielen Eindrücke aus dem Urlaub sortiere, lade ich euch ein, bei Sophie aus Berlin meinen Text „Immer wieder: Schlaflose Nächte“ zu lesen. Und schaut euch dort gleich mal um! Wenn Sophie bloggt, lässt sie uns in anrührend und humorvoll erzählten Geschichten an ihren Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen als Frau, Ehefrau und Mutter dreier Töchter teilhaben.

Ich wünsche euch entspannte Nächte mit traumhafter Lektüre bei Sophie!

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Ferien im Discofieber

Wenn es diesen Sommer ein Thema gibt, das die italienische Hitparade prägt, dann ist es die Disco. Gleich drei Titel, Italodisco (The Kolors), Disco Paradise (Fedez, Annalisa, Articolo 31) und La Discoteca Italiana (Fabio Rovazzi feat. Orietta Berti), kandidieren für den meistgetanzten Titel bei sommerlichen Happenings.

Ich habe da eine Vermutung: Könnte es sein, dass die Tanzetablissements sich zusammengetan und eine Lobby gegründet haben? Sie gehörten schließlich in den Jahren 2020 und 2021 zu den Unternehmen des Gastgewerbes, die am längsten unter den coronabedingten Schließungen zu leiden hatten. Da liegt die Idee nahe, sich mit einer richtig guten Werbekampagne – sprich: tanzbaren Songs – in Erinnerung zu bringen.

Mit dem Tanzen zu italienischer Tanzmusik habe ich leider ein Problem. In Italien erfreuen sich die sogenannten Balli di gruppo (Gruppentänze) zu einfachen Choreografien bei privaten Festen und öffentlichen Veranstaltungen großer Beliebtheit. Mir sind sie suspekt. Ich tanze gerne aus der Reihe, nicht in derselben. Gleich in meinem ersten Sommer als angehende Italienerin brachte mich die Tanzwut der Kalabresinnen in die Bredouille. Es war der Tormentone (Ohrwurm) „La Bomba“ von King Africa, zu dem 2001 Jung und Alt hemmungslos die Hüften schwang. (Schaut euch den Spaß an!) Ich stand verunsichert daneben. Sollte ich doch mitgemacht haben, um vor Freunden und Verwandten meines Freundes keine Brutta Figura zu machen, dann habe ich die Erinnerung daran erfolgreich verdrängt.

Man sagt ja, irgendwann ist einem nichts mehr peinlich. Ob ich diesen Sommer meine deutsche Verklemmtheit ablege und wie die älteren Herrschaften im Video zu ITALODISCO mittanze?

Der Song ist jedenfalls klasse. Im Auto singe ich ihn mit.

Euch wünsche ich einen wunderbaren August, mit Sonne, guter Musik und vielleicht ja auch der ein oder anderen Tanzveranstaltung. Ciao, a presto!

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Schönheit, die der Hitze trotzt

Und plötzlich sind sie da, links und rechts am Straßenrand: intensiv rosa, im Abendlicht purpurrot leuchtende Blüten an manchmal unscheinbaren Bäumchen. Ende Juli bin ich verzaubert wie im Frühjahr, wenn die Kirsch- und Mandelbäume blühen. Die rosarote Pracht im Hochsommer gab es immer, aber ich hatte sie nie zuvor so stark wahrgenommen wie im vergangenen Jahr. Ihr erinnert euch: In ganz Europa, besonders auch bei uns in Norditalien, hatte es monatelang nicht richtig geregnet. Die Dürre war das Thema, das die große Hitze in den Schatten stellte. Alles war vertrocknet, und dann plötzlich diese Pracht! Inmitten der strohgelben, verdorrten Vegetation leuchteten unbeirrt rosarote Blüten. Ich erinnere mich gut, weil ich damals dachte, es gibt doch noch Hoffnung. Die Natur schafft das. Ein beruhigender Gedanke, wie ein kühlender Tropfen auf den heißen Stein der besorgten Sommerseele.

Von welcher Pflanze ich hier schwärme? Ende Juli beginnt die Zeit der Lagerströmie, auch als Kräuselmyrte oder Kreppmyrte bekannt. Ob es nun der Herkunft nach chinesische, indische oder japanische Gewächse sind, da müsst ihr einen Botaniker fragen. Das Prachtexemplar auf dem Titelbild wächst und gedeiht hier bei uns im norditalienischen Wohngebiet. Dem Gärtner, der sie dort gepflanzt hat, würde ich eine Ehrenurkunde verleihen, wenn ich ihn einmal träfe. Er hat uns direkt vorm Fenster einen atemberaubenden Anblick beschert. Den haben wir gleich mehrmals im Jahr, denn die Blüten im Sommer sind nur das Vorspiel. Man könnte sagen, der Baum blüht zweimal. Wenn es im Herbst langsam kühl wird, färben sich die sattgrünen Blätter erst gelb, dann orange, um schlussendlich ein feuerrotes Spektakel zu bieten, bevor sie die Bühne verlassen und sich auch die Lagerströmie in den Winterschlaf begibt. Aber ach, jetzt habe ich vorgegriffen. Im Herbst liefere ich gern den Beweis für die zweite farbenprächtige Show. Stay tuned!

Pasta fredda

Hitze, Hitze, Rumgeschwitze. Was soll man der Familie auf den Tisch stellen, wenn es über dreißig Grad sind und von schwerem Essen nicht nur abgeraten wird, sondern auch der Appetit darauf abhandengekommen ist? Es gibt bei uns gern zwei traditionelle italienische Sommergerichte: Prosciutto Melone und Pomodoro Mozarella. Leider langweilen uns diese aber bereits in der zweiten Woche, zumal eine Tochter gerade keinen rohen Schinken mag, die andere keinen Mozzarella. Hunger haben sie (und wir) trotzdem. Pizza? Geht einmal die Woche. Pasta? Jaaa, aber am besten in der Sommerversion, also fredda (kalt). Was den Deutschen der Nudelsalat als Beilage zu Gegrilltem, ist für uns Pasta fredda als sommerliches Hauptgericht. Frisch und leicht, nur mit Öl angemacht, kann alles rein, was wegmuss. Noch ein Mozzarella übrig? Den jubele ich unter. Ein paar Oliven? Rein damit! Tomaten? Immer gerne. Auch kleine Schinken- und Käsewürfel. Oder aber Thunfisch aus der Dose, den hat man ja auch immer da. Dann lässt man die Schinkenwürfel weg. Mais passt meistens. Aber Achtung: Kein Kuddelmuddel. Weniger ist mehr. Ich mag die kalten Nudeln am liebsten mit Mozzarella, Tomaten und Basilikum. Rucola käme bei mir auch zum Zuge beziehungsweise in den Salat. Aber den mag der Gatte nicht, und hitzige Diskussionen gilt es in dieser Jahreszeit zu vermeiden. Vielleicht habt ihr Lust und tut es uns gleich, ganz nach dem Motto:

Keep cool and eat pasta fredda!

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Gipfelstürmer

Ich liebe Sonntagsausflüge! Den vor zwei Wochen nannte meine Tochter verheißungsvoll Exkursion. Ohne wissenschaftliche Zielsetzung, wohlgemerkt. Unser Ziel war es lediglich, die schnöden vier Wände zu verlassen und frische Luft in schöner Gegend zu schnappen. Als mir meine Tochter die Unternehmung vorschlug, konnte ich schwer nein sagen. Schließlich bin ich diejenige in unserer Familie, die immer behauptet, sie würde gerne mal wieder richtig wandern gehen und nicht immer nur spazieren. „Aber wir sollten zeitig los, der Aufstieg zum Wasserfall ist steil und sonnig“, beschrieb sie mir die ersten Meter, die sie bereits vor einiger Zeit mit Freundinnen erkundet hatte. „Von dort aus gibt es Wanderwege durch die Berge und im Wald ist es schattiger.“ In vollem Bewusstsein, damit meinen Ruf als unternehmungslustige Wandersfrau zu verlieren, gab ich zu bedenken: „Super Idee! Im Frühjahr oder Herbst ist so eine Tour bestimmt großartig, aber bei 30 Grad unter der Sonne?“ Ich erntete einen vorwurfsvollen Blick und riss mich zusammen. Ach was. Jetzt oder nie! Wir stellten den Wecker und nahmen einen Zug, der uns zu einer Zeit am Ufer des Lago Maggiore absetzte, zu der ich sonntags normalerweise erst aufstehe. Um halb zehn ist die Luft noch frisch und die Sonne angenehm. Also hielten wir uns nicht lange im hübschen Ort Laveno Mombello auf, sondern machten uns zielstrebig auf den Weg. Hinter den Häusern geht es hoch in die Berge, und wie geplant zeigte mir meine Tochter zuerst den Wasserfall, der eher ein Wasserfällchen ist. Vielleicht heißt er deshalb auch Piccola cascata del diavolo, kleiner Teufelswasserfall.

Dabei war unsere erste Etappe gar nicht teuflisch, sondern ein Katzensprung im Vergleich zur Strecke, die noch vor uns lag. Aber das wussten wir nicht. Unser Plan war, dass wir keinen hatten. Vom Wasserfall aus kehrten wir zurück auf die Bergstraße und folgten dem Anstieg. Wohlgemut liefen wir weiter, denn nach jeder Kurve wurde der Ausblick noch spektakulärer.

Den schweißtreibenden Aufstieg ging ich gelassen an, mir machte der unausweichliche Rückweg Sorgen. Umso mehr, je höher wir kamen. Irgendwann müssten wir umkehren und die ganze Strecke wieder hinabsteigen. Das würde schmerzhaften Muskelkater verursachen. Als zwei trekking-erfahrene Abenteurer mitten aus dem Wald zu uns auf den Wanderweg stießen, fragten wir sie nach einem Rundweg. Sie verrieten uns, dass wir doch am besten gleich bis zur Bergstation der Seilbahn laufen könnten. Die sahen wir auf dem gegenüberliegenden Gipfel liegen, in scheinbar unerreichbarer Ferne. „Das täuscht“, fegte ich die Bedenken meiner Tochter beiseite. „Manchmal sieht es aus, als ob man den einen Berg runter und den anderen wieder hochlaufen müsste. Stattdessen gibt es einen direkten Höhenweg über die Kämme.“ Zwischen Campo dei Fiori und Sacro Monte hatten wir eine ähnliche Erfahrung gemacht. Auch die beiden Wanderer sprachen uns Mut zu: „Wenn ihr es ruhig angeht, seid ihr in einer Stunde da. Noch ein kurzer, steiniger Aufstieg in der Sonne, aber dann geht es durch den Wald und es wird leichter.“ Das klang gut. Wir würden mit der Seilbahn zurückfahren. Einer mathematisch-physikalischen Logik folgend, dachte ich: Was man an Abstieg einsparen will, muss man an Aufstieg zusetzen. Also weiter!

Mullattiera (Saumpfad): Maultieren macht eine 30-prozentige Steigung nichts aus. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht auch schaffen könnten.
Baita della Salute (Hütte der Gesundheit): Welch treffender Name. Wer täglich zum Brötchenholen runter und wieder hoch läuft, wird sich bester Kondition und Gesundheit erfreuen.
La Cappelletta (kleine Kapelle): Wenn gar nichts mehr hilft, hilft vielleicht beten, um den Rest des Weges auch noch zu bewältigen.

Letztendlich brauchten wir noch mal einiges mehr als eine Stunde, vielleicht sogar zwei, aber wir gingen es auch sehr, sehr langsam an. An schattigen Stellen atmeten wir durch und tranken einen Schluck Wasser, um die sonnigen Abschnitte zügig (das heißt, unserer untrainierten Kondition entsprechend) zu durchschreiten. Später im waldigen Teil wurde es nur dank des Schattens angenehmer, der Weg führte weiterhin bergauf und war steinig. Nicht ohne Grund heißt der Berg, den wir bestiegen, Sasso del Ferro (Eisenfelsen). Am Ende hatten wir 800 Höhenmeter erklommen und wurden bei strahlend blauem Himmel mit einer fantastischen Sicht von rund 1.000 Metern Höhe auf die umliegenden Seen und Bergketten belohnt. Wir genossen den mitgebrachten Proviant am Picknicktisch, ein eisgekühltes Getränk an der Bar und die Rückfahrt in der Zweier-Tonne der Seilbahn mit atemberaubendem Blick ins Tal und über den Lago Maggiore. Wir grinsten uns zu, als ein Mann in der Gegenrichtung das in die Ferne rückende Seeufer bewunderte und zu seiner Reisegefährtin meinte: „Pazzesco, chi sa che figata dall’alto!“ (Irre, wer weiß, wie geil es erst von oben ist!) Wir wussten es bereits und behaupten: Es ist am allergeilsten, wenn man dorthin aus eigener Kraft hinaufgestiegen ist.

Titelfoto: Symbolbild von Openverse.