Wenn dein Alpha-Kind dich Boomer nennt

Oder: Wandelnde zwischen zwei Welten

Neulich saß ich mit meiner Jüngsten auf dem Balkon. Es ging ungewöhnlich harmonisch zu, was wohl daran lag, dass wir uns auf einen gemeinsamen Zeitvertreib geeinigt hatten. Wir spielten Karten. Rommé ist eine der wenigen analogen Traditionen, die ich an meine Töchter weitergegeben habe. Leider geht es auch dabei nicht ohne Smartphone. Das liegt griffbereit daneben. Während ich mische, kann mein Kind einen Blick drauf werfen. Beim Kartenspielen dient ihr das digitale Endgerät manchmal zur musikalischen Untermalung. Auch diesmal machte sie für uns den DJ. Während ich mich auf mein Blatt konzentrierte, sollte ich den jeweiligen Song bewerten und den Interpreten oder die Interpretin erraten. In einem Fall musste ich passen.

Ma che boomer che sei!“ (Was für ein Boomer du bist!), brach es lautstark aus ihr heraus, während sie mit den Augen rollte.

Bitte, was? Hatte ich richtig gehört? Boomer, aus dem Mund meiner gerade Zwölfjährigen. Nach einem Moment der Schnappatmung konnte ich es mir nicht verkneifen, sie zu fragen, was sie denn darunter verstünde.

„Naja, also …“, stammelte sie.

„Ich höre, los komm schon, das will ich jetzt wissen“, insistierte ich.

„Naja, also Boomer sind einfach alle die, ähm, die Älteren, die so altmodisch sind, die nicht unseren Geschmack und unser Auftreten haben.“

In Italienisch sagte sie „atteggiamento“, was sich mit Auftreten oder Verhalten, manchmal Einstellung übersetzen lässt. Das Wort kann aber auch einfach Ausdruck oder Gebaren bedeuten, je nach Kontext. Im Kontext meiner Tochter und im Zusammenhang mit ihrer Boomer-Mutter stand „atteggiamento“ für das Gebaren, denn sie unterstrich ihre Worte mit gestikulierenden Händen, rhythmisch zuckendem Oberkörper und blinkernden Augen. Ha! Ich nickte dankbar. So ein „atteggiamento“ im Sinne von Teenager-Attitüden ‒ ich bemühte mich scherzhaft, ihre Posen zu imitieren ‒ habe ich nicht und bin fein damit.

Wir spielten weiter. In meinem Kopf arbeitete es. Die nächsten Musiktitel kannte ich, was meine Tochter mit anerkennendem Nicken und hin und wieder einem „Wow, du bist auf dem Laufenden!“ bedachte. Das Wort Boomer nahm sie nicht zurück.

Auch wenn ich es zu wissen glaubte, schlug ich anschließend noch mal im Lexikon, hoppla, bei der Suchmaschine nach, um mir Gewissheit zu verschaffen: Ich gehöre nicht zur (Baby-)Boomer-Generation. Das sind die Jahrgänge 1946 bis 1964. Nach diesen geburtenstarken Nachkriegsjahren folgte der sogenannte Pillenknick. Wir hatten Glück, trotzdem geboren worden zu sein. Unsere ist die sogenannte Generation X. Das X stand ursprünglich dafür, dass diese Generation keine Bezeichnung hatte. Mit seinem gleichnamigen Episodenroman aus dem Jahr 1991 sorgte der kanadische Autor Douglas Coupland dann dafür, dass den Jahrgängen 1965 bis 1979 endgültig das X auf die Schublade gestempelt wurde. Bald wurde sie zugeschoben, denn die folgenden Generationen waren viel interessanter. Soll ich euch was sagen? Ich bin froh, nicht in einer so beliebten Schublade zu stecken wie die Generation Y (die famosen Millennials) oder die jüngere Generation Z. Beide werden in den Medien und in der Werbung hoch und runter analysiert. Während die Boomer-Generation vielleicht noch als kaufkraftstarke Zielgruppe interessant ist, sonst aber offensichtlich nur als Problemkohorte im Hinblick auf ihr vermutlich langes Rentnerdasein zählt und als jugendsprachliches Schimpfwort taugt, scheint unsere Generation X eine vergessene zu sein. Uninteressiert und gleichgültig sollen wir sein, so lese ich. Wir haben nichts aufgebaut, im Gegensatz zu unseren Eltern, den Boomern. Wir genießen das Erreichte, sind aber gleichzeitig konsummüde und scheren uns nicht um die Zukunft und ihre drängenden Probleme, wie es nachfolgende Generationen zwangsläufig tun. Da ist sicher was Wahres dran, aber wer Kinder hat, schert sich sehr wohl um deren Zukunft. Wie weit man bereit ist, für diese Zukunft heute zu verzichten, ist individuell unterschiedlich. Ich tue ganz sicher zu wenig, auch wenn wir Glasflaschen vom Getränkehandel beziehen und ich beim Einkaufen immer meine Faltbeutel dabei habe, um keine Tüten zu nehmen. Am Ende unseres Kartenspiels weiß ich jedenfalls: Ich bin eine aus der vergessenen Generation. Von meinem Kind unbedarft als „Boomer“ beschimpft, also obendrein älter gemacht, als ich bin.

Meine Tochter, 2011 geboren, gehört bereits zur sogenannten Alpha-Generation. Da weiß man noch nicht genau, wie ihre Vertreter als Erwachsene sein werden. Die letzten dieser neuen Generation mit Jahrgängen bis 2025 sind noch nicht einmal geboren. Trotzdem lassen es sich Sozialwissenschaftler und Psychologen nicht nehmen, schon wild drauf los zu definieren. Das Bild, das sie dabei zeichnen, wird nicht immer so rosig entworfen wie hier:

„Die Generation Alpha wird sich im digitalen Dschungel zurechtfinden und deren rasende Geschwindigkeit adaptieren wie keine Generation vor ihr. Die analoge Welt kann dadurch für die Generation Alpha eine Art „Nebenerscheinung“ werden.“

Während mich die erste Aussage beruhigt, denn offensichtlich wird nicht von mir verlangt, meinen Kindern den wuchernden digitalen Dschungel zu erklären, macht mir der letzte Satz Angst. Wenn die analoge Welt nun aber doch die wahre ist? Wo soll das hinführen?

Meine Generation X war die letzte, die eine ausschließlich analoge Welt kennengelernt hat und in dieser groß geworden ist. Es heißt, unsere Generation brachte den digitalen Wandel ins Rollen. Wir sind also Schuld am Dilemma. Ich persönlich schreibe mir das nicht auf die Fahne. Als ich mich mit siebzehn nach einem Studienplatz umschaute, teilte man uns mit, wir würden an der Uni mit Personalcomputern arbeiten. Fast hätte ich angesichts dieser ungeheuren Prophezeiung vom Vorhaben Studium Abstand genommen. Ambivalenz und ein zögerndes Anpassen ist es dann auch, was mich prägt. Manchmal brauche ich einen Verführer, der mir die neue Wunderwelt erklärt. So gab es damals einen hilfsbereiten Kommilitonen, der mir die Hand führte, als ich im Computerkabinett den Umgang mit der Maus lernte. Hätte ich allein dort gesessen, hätte ich aus der Maus eine Flunder gemacht. Vor Wut, dass sie den Cursor nicht dahin führte, wo ich ihn haben wollte. Marketingtechnisch bin ich ein „late adopter“, und ich unterschreibe gern folgenden Satz, den ich hier fand:

Daher fühlen sich Angehörige der Generation X häufig als Wandelnde zwischen zwei Welten.“

So richtig angekommen bin ich bis heute nicht in der digitalen Welt. Ich nutze sie, aber immer mit einem kritischen Auge und oft mit einem Fluch auf den Lippen. Und manchmal ‒ aber verratet mich nicht! ‒ da wünsche ich mir die analoge Welt zurück. Als wir Rommé vorm Bungalow spielten und die Musik aus dem Kofferradio kam. Wie es schon den Boomern gefiel.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Carpe diem

Ich halte mich für unternehmungslustig und gebe den Italienern recht, wenn sie von „cogliere l’attimo“ sprechen und damit meinen, den Augenblick bestmöglich zu nutzen. So versuche ich beispielsweise immer, lästige Termine zur Belohnung mit einer angenehmen Aktivität zu verbinden. Vielleicht rührt das von einer frühen Kindheitserinnerung her. Meine Eltern motivierten mich zum Besuch beim Zahnarzt mit der Aussicht auf anschließendes Entenfüttern am See. Das bot sich an, lag doch die „Kinderstomatologie“ genannte Praxis nur ein paar Schritte vom Ufer unseres wunderschönen Straussees entfernt.     

Weniger idyllisch, dafür großstädtisch chaotisch geht es in Mailand zu. Neulich hatten wir einen Termin im Deutschen Generalkonsulat, der um 14 Uhr so gelegen war, dass wir Eltern uns einen Tag von der Arbeit freinehmen mussten. Für die Mädchen, um deren deutsche Reisepässe es ging, war es kein Problem. Sie sind seit dem 9. Juni in den dreimonatigen Sommerferien.

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass ich vor Konsulatsbesuchen regelmäßig Muffensausen habe. Wochen, ach was sag ich, Monate vorher drehen sich meine Gedanken um diesen Behördengang und die Dokumente, die man in Original und Kopie vorlegen muss. Auch wenn sie die schon dahaben und im Zweifel gar nicht mehr sehen wollen, folge ich der Anleitung auf der Behördenwebseite mit deutscher Gründlichkeit. Schließlich steht nirgends geschrieben, dass man bestimmte Unterlagen bei Folgebesuchen nicht wieder vorlegen muss. Zum Glück war ich diesmal beim Betreten des Gebäudes nicht halb so aufgeregt wie im März 2021, als aus Pandemiegründen schon die Fahrt nach Mailand einer Ausnahmegenehmigung bedurfte. Zu einer entspannteren Stimmung trug ebenfalls bei, dass ich nicht allein war und mein Mann Lösungen für eventuell auftretende Probleme finden würde. Auch wenn das Zutrittsprozedere mit einem Sicherheitsbeamten und dem Wegschließen aller elektronischen Geräte, eventuell mitgeführter Glasflaschen und potenziell als Waffen zum Einsatz kommender Gegenstände nach wie vor einen hochoffiziellen Charakter hat, lief unser Besuch dank der netten Angestellten heiter und unkompliziert ab. Schneller als gedacht waren wir wieder draußen.

Und nun? Ein ganzer Nachmittag lag vor uns, wir waren nach vollbrachtem Pflichttermin vier Touristen in Mailand. Das schwülwarme Klima ließ die Kinder nach etwas Frischem lechzen. Mir war alles recht, wenn wir nur bitte nicht gleich wieder nach Hause fahren würden! Zum Bummeln brauche ich kein Ziel, und auf die leicht genervt klingende Frage „Wo gehen wir denn hin?“ zucke ich entspannt mit den Schultern und rufe freudig: „Einfach der Nase nach!“ Die Nase führte uns diesmal in einen Stadtteil, den wir nicht gut kennen, der aber als ein sehr vornehmer bekannt ist: Brera. Da gibt es die weltberühmte Pinacoteca di Brera, die Kunstakademie Mailands, aber auch Modeboutiquen und angesagte Bars und Restaurants jeder Art. Lokale, Vitrinen und Leute gucken ist mir schon Vergnügen genug. Unsere Große jedoch hatte konkretere Vorstellungen. Sie wusste genau, was sie wollte. Das kann im Leben oft von Vorteil sein, ist es aber eher nicht, wenn man bummelnd dem Zufall folgen und Überraschendes entdecken möchte. Soweit die Theorie. Als Eltern haben wir keine Chance gegen hartnäckige Wünsche unserer Töchter. Ein Smoothie sollte es sein. Der Papa blieb vor einer Schicki-Micki-Eisdiele stehen und lockte uns hinein. Smoothies standen nicht auf der Karte, aber ehe ich den „Sorbetto-Drink“ als ein dem Smoothie ähnliches Konzept anbieten konnte, war meine Familie auch schon wieder auf der Straße. „Hast du die Preise gesehen? Ein kleines Eis mit zwei Sorten 4,90 Euro, die haben sie doch nicht alle!“, kommentierte die Große, der zuliebe wir das Instagram-tauglich dekorierte Lokal betreten hatten. Oookay. Ich wies meine Truppe altklug darauf hin, dass wir in Mailand waren, und wir vielleicht ein Eis für vier Euro finden würden, aber darunter eher nichts und dass es also heute mal so sei. Nichts zu machen, sie wollten weiter. Auch in einer anderen Gelateria gab es keine Drinks, die den streng definierten Vorstellungen nahekamen. Stattdessen fing unsere Tochter an, auf die Uhr zu schauen und zu fragen, wann wir zurückfahren. Am Bahnhof gäbe es doch auch Stände, vielleicht hätten sie da … Nein, nein, ich wollte nichts von Bahnhof hören, ich wollte eine nette Erfrischung in einem netten Lokal mitten in der Stadt. Am besten an einem Tisch im Schatten sitzend. Auch wenn es am Tisch nochmal mehr kosten würde als an der Theke. So what? Wir hatten Urlaub! Einen halben Tag lang. Mein Mann sah das nicht so entschlossen wie ich und war bereit, den töchterlichen Forderungen zu folgen. Er lotste uns in Richtung Bahnhof. In einer Nebenstraße blieb ich, mittlerweile selbst genervt, stehen und studierte den Aushang an einer Bar. Smoothie stand auch dort nicht angeschrieben, aber ein Frullato würde der Sache doch nahekommen. Wir setzen uns an einen Tisch in dieser nichtssagenden Gegend. Er lag im Schatten. Einen Punkt meiner Wunschliste konnte ich mit halbem Häkchen versehen. Frullatos verkauften sie nicht so oft, aber sie hatten ein bisschen Obst da, das sie extra für uns pürierten und mit reichlich lauwarmem Wasser verdünnten. Leider schmeckte man die grüne Melone mehr als die Erdbeeren. Und wie ihr vielleicht wisst, sind die grünen Melonen die, die nach gar nichts schmecken. Entsprechend hielt sich die Begeisterung der Töchter in Grenzen. Mein Mann gab sich mit einem kühlen Bier zufrieden, da konnte nicht viel schief gehen. Ich war raus aus dem Spiel, denn ich ahnte, dass es anschließend direkt zum Zug und nach Hause gehen würde. Aber wisst ihr, was mich am meisten ärgerte? Der lauwarme, wässrige Frullato in dieser mittelprächtigen Bar kam mit stolzen 6,90 Euro pro kleines Glas einen Euro mehr, als wir für den Sorbetto-Drink in der Schicki-Micki-Eisdiele verausgabt hätten. Und da sage ich doch: Beißt in den süßen Apfel, wo er am Baum hängt! Die Chancen, dass ihr am Ende enttäuscht seid und für weniger Gutes genauso viel zahlt (oder mehr) stehen nämlich in Städten wie Mailand nicht schlecht.

In diesem Sinne: Habt einen fruchtig-süßen Sommer und genießt ihn, ob nun im Urlaub oder daheim! Sparen können wir wieder im Herbst.

Titelbild: Auf dem Dach des Mailänder Doms. Credits RossHelen bei Shutterstock.

Heute mal woanders

Nix tutto paletti, könnte ich einem antworten, der nach meiner aktuellen Gefühlslage fragt. Ich habe gerade den Eindruck, dass sich kaum etwas richtig anfühlt. In so einer Situation bloggt es sich schwer, zumal ich hier gerne über Erfreuliches und Unterhaltsames berichte. Da passt es gut, dass Rossi und Luisle auf ihrem gemeinsamen Blog Mit Stift und Tastatur ein Sommerspezial laufen haben und mich vor einiger Zeit einluden, einen Text beizusteuern. Zum Thema „Leidenschaft“ erzähle ich von der lebenslangen Suche danach. Damit ihr nicht lange suchen müsst, hier der direkte Link zu meinem Gastbeitrag: „Wenn es sich richtig anfühlt“. Und wenn ihr schon mal dort seid, schaut euch gleich mal um bei den beiden charmanten Bloggerinnen aus Berlin. Ihre Texte sprühen vor Leidenschaft für die Dinge des Lebens, die sie im Besonderen und im Alltäglichen, im Gestern und im Heute finden. Gute Lektüre!

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Seeblick mit Regeln

Die sind aber deutsch hier, dachte ich mir neulich beim Besuch eines Restaurants am Ufer des Lago Ceresio. So heißt der Luganersee auf italienischer Seite. Zumindest haben sie sich auf die deutschen Gäste eingestellt. Vor dem Eingangstor, das fünf Minuten vor zwölf noch mit einer Kette versperrt ist, gibt eine Tafel Auskunft über die Zeiten, zu denen Gäste bewirtet werden. Mittags von 12 bis 14, abends von 18.30 bis 22 Uhr.

Was ist daran deutsch, werdet ihr fragen? Nun, zum einen die Akkuratesse, mit der die Zeiten definiert und per verschlossenem Tor auch strikt eingehalten werden. Zum anderen und insbesondere ist es der Beginn des Abendessens um 18.30 Uhr, der uns Italienern (nach über zwanzig Jahren zähle ich mich einfach mal dazu) auffällt. Im klassischen italienischen Ristorante wird vor 19.30 Uhr nichts serviert, davor kann man ja einen Aperitivo an der Bar genießen. Oft denke ich mit Schmunzeln an mein erstes Jahr in Italien zurück und an meine Freunde, die mich der Reihe nach erstmals besuchten. Wie gewohnt, wollten sie um 18 Uhr zu Abend essen und waren sehr brüskiert, als ich sie über die italienischen Gepflogenheiten aufklärte. Natürlich kam der große Aha-Effekt mit den Häppchen zum Aperitivo, der sie allesamt nicht nur versöhnlich stimmte, sondern sogar begeistert dem Spät-Essen-Konzept zustimmen ließ.

Zurück zum Restaurant am Lago Ceresio. Wir selbst betraten kurz nach 12 Uhr das Lokal und verließen es fünf Minuten vor 14 Uhr wieder. Dazu mussten wir das Absperrband lösen, das späten Mittagsgästen bereits kommunizierte, dass kein Eintritt mehr gewährt würde. Zuvor hatte ich mich köstlich über die Speisekarte amüsiert. Wie immer warf ich einen Blick auf die deutsche Übersetzung, in Vorfreude auf kuriose Übersetzungsfehler. Ich glaubte meinen Augen nicht, als da nicht etwa kleingedruckt, sondern fett und breit Benimmregeln standen:

Keine getrennten Rechnungen an einem Tisch!

In Italien ist es unter Freunden üblich und oft vom Restaurant auch gewünscht oder erwartet, dass „alla romana“ bezahlt wird. Einer zahlt für alle und man teilt die Rechnung dann untereinander zu gleichen Teilen auf. Nicht etwa im Detail danach, was der eine verzehrt und der andere getrunken hat.

Keine halben Portionen!

Ich nehme an, einen sogenannten Seniorenteller als mengen- und preismäßig reduzierte Portion gibt es ebenso wenig. Ganz zu schweigen vom Räuberteller für Kinder.

Bei genauem Hinsehen ist das frühe Abendessen ab 18.30 also das einzige Zugeständnis an deutsche Touristen. Anderen landestypischen Erwartungen schiebt man lieber gleich einen Riegel vor. So weit kommt es noch, dass Urlauber um halb drei aufkreuzen und Mittagessen verlangen, die Speisekarte hoch und runter lesen, um am Ende eine Pizza zu teilen und auch noch getrennt bezahlen zu wollen. Da hört das Verständnis auf. Ganz so weit möchte man den Deutschen dann doch nicht entgegenkommen. Und Regeln lieben sie doch, i tedeschi, nicht wahr? In Italien gelten die italienischen.

Heißer Sommer

Nein, ich stöhne noch nicht über die Temperaturen. Nach einem verregneten Mai sind auch die ersten Junitage sehr wechselhaft. Wir genießen in Norditalien die Sonne, wenn sie denn mal scheint.

Es geht um ein anderes Problem. Heute ist letzter Schultag. Drei lange Monate Ferien liegen vor den Kindern und Jugendlichen, und die Eltern müssen sehen, wie sie ihre Sprösslinge bespaβen oder bespaβen lassen.

Während unsere Jüngste in die Ferienspiele geht (ich bitte und bete, dass sie auch mit zwölf noch einmal nette Altersgefährt*innen findet, denn die meisten Kinder dort sind jünger), hat die Ältere mit sechzehn ihre eigenen Pläne und ist unabhängig. Nun ja, fast. Sie braucht die elterlichen Kutschfahrten, um zu ihren abendlichen Veranstaltungsorten zu kommen. Es wird der Sommer der Diskotheken, Konzerte, Sommerfeste. Schade nur, dass auch für die jungen Jugendlichen Diskotheken nicht am frühen Abend, sondern mitten in der Nacht beginnen. Und die Lokalitäten sind weder zu Fuß noch mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Geht es um die Abholzeit, gibt es Diskussionen. „Schon um eins? So früh, ach komm, ein Stündchen länger macht doch auch keinen Unterschied!“ Dazu muss ich sagen, dass mein Mann und ich bisher von Taxidiensten weitgehend verschont geblieben sind, es fanden sich andere Freiwillige unter den Eltern der befreundeten Mädchen. (Ein besonderer Dank auch an euch, liebe Stefania, für den Doppel-T-Service mit Taxi und Taverne!) Aber nun müssen wir bald ran, allein schon, um uns für die Hilfsbereitschaft der anderen einmal angemessen zu revanchieren.

Neulich hatte ich mich bereits hingelegt, als mein Mann gegen 23 Uhr ins Schlafzimmer stürmte, am Handy die aufgeregte Tochter. Man glaubte ihr am Einlass nicht, dass sie Jahrgang 2007 sei. Dazu müsst ihr wissen: Bei uns sprechen auch die Kinder nicht von ihrem Alter in Jahren, sondern von ihren Geburtsjahrgängen. Es heißt dann also: „Ach der, der ist doch ein 2008, viel zu jung für mich!“ Oder: „Die ist eine 2009, aber sie könnte glatt als 2006 durchgehen.“ An jenem Abend hatte unsere Tochter ihre Carta di Identità (italienischer Personalausweis) bei der Freundin gelassen, und so war die letzte Rettung ein Foto ihres deutschen Reisepasses. Den habe ich in Obhut. Während ich mich also schlaftrunken aufrappelte, um ihn herauszusuchen, drängelte sie zur Eile. Es ging um Leben oder Tod, um den sofortigen Einlass in den Tanztempel. Das war an einem Donnerstagabend, am Freitag war Feiertag und schulfrei in Italien. Wir arbeiten in der Schweiz, mussten also früh raus. Eines der nächsten Tanzvergnügen findet an einem Montag statt. Das heißt, in der Nacht von Montag zu Dienstag. Klar, die jungen Herren und Damen sind ja in den Ferien. Dumm nur, dass ihre Eltern arbeiten gehen. Wer hat da Lust, sich nachts zwischen ein und drei Uhr ins Auto zu setzen und Taxi zu spielen? Dass schon wieder derselbe Vater in die Bresche springt, der bereits pensioniert ist, macht mir ein schlechtes Gewissen. Den Feierwütigen offensichtlich nicht. Da wird geplant, was das Zeug hält. Für die Transporte wird sich schon jemand finden.

Morgen Nacht ist mein Mann dran, die Girl-Group heimzufahren. Ich räume derweil die Kinderzimmer um und beziehe Betten für die anschließende Pyjamaparty. Zum Glück ist am nächsten Tag Wochenende.

Vielleicht sollte ich den betroffenen Eltern vorschlagen, dass wir selbst eine Diskothek eröffnen, gleich um die Ecke von einem von uns? Agieren statt reagieren. Profitieren statt jammern. Denn es wird munter weitergehen: Diese jetzt sind die Schuljahresabschlussveranstaltungen. Es folgen die Mittsommernächte und dann irgendwann die Ferienausklangstänze. Es wird ein heißer Sommer.

Würden wir in Leipzig wohnen, gäbe es genug Veranstaltungsorte in der Stadt und Nachtbusse der LVB für den sicheren Heimweg.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Klischees vor der Linse

Einen ähnlichen Titel gab es hier schon einmal? Richtig! Denn wieder geht es um einen Film, der mich auf eine Zeitreise einlud. Überraschend und spontan an einem Sonntagnachmittag, aber lest selbst:

Manchmal sind auch interessante Zeitschriften schnell durchgeblättert und vom verregneten Wochenende ist immer noch zu viel übrig. Da trifft es sich gut, wenn der Gatte vorschlägt, gemeinsam einen Film zu schauen. Leider ist es oft mühselig, bei den vielen On-Demand-Anbietern einen Titel zu finden, auf den wir uns mit Enthusiasmus einigen können. Es ist wie die Suche nach dem einen Baum, den man vor lauter Wald nicht sieht. Nach einer gefühlten halben Stunde nicke ich eine beliebige italienische Komödie ab. Als mein Mann bereits das erste Überraschungsmoment voraussagt, kommt der Verdacht auf, dass wir sie bereits kennen. Ich hätte nicht sagen können, wie es weiter- oder ausging. Aber der Witz war so vorhersehbar, dass ich wohl schon beim ersten Mal geistig abgeschaltet hatte. Nicht noch einmal, bitte! Verzweifelt und wild entschlossen, den angebrochenen Nachmittag nicht filmlos zu verbringen, greife ich zum Smartphone. War da nicht dieser neue Film, der zum Ende der DDR in Ostberlin spielt? Genau: „In einem Land, das es nicht mehr gibt.“ (Für mich ist der Titel leicht zu erinnern, denn so heißt das Verzeichnis auf meinem PC, in dem ich Argumente für meinen Roman „Mensch, Manu!“ gesammelt hatte.) Ich wäre bereits im November gern in Dresden ins Kino gegangen, aber der Beitrag hatte an jenen zwei Abenden nicht auf dem Spielplan gestanden. Damals bestand noch keine Chance, ihn im Netz zu finden. Während ich denke, dass ich ihn jetzt garantiert irgendwo sehen kann, navigiert der andere Filminteressierte weiter auf dem Fernsehbildschirm. Ich schaue kurz hoch, um zu checken, welches Genre er da am Wickel hat … und traue meinen Augen nicht. Es sind haargenau dieselben Bilder, die ich gerade auf dem Handy habe. „In un paese che non esiste più“ ‒ auf RaiPlay gibt es meinen Wunschfilm bereits in italienischer Fassung. Perfetto!

Ehe mein Schatz weiß, wie ihm geschieht, drücke ich die Abspieltaste. Durch den Vorspann flimmern winzige Bilder und Videoaufnahmen aus den 70ern und 80ern. Da sieht man lachende Frauen, feiernde Männer und spielende Kinder, in blauen Hosen, weißen Blusen und bunt gestreiften Pullis, vorm Zelt beim Camping oder mit dem Moped unterwegs. Ich hatte gelesen, dass es in diesem Film endlich mal nicht um das graue Ostdeutschland, sondern um das echte Leben gehen sollte. In Farbe und sogar mit Glanz und Glamour der Modewelt. Dann läuft die Handlung an, und es wird dunkel. Wenn nicht grau, so sind es doch Farben, die wie mit einem speziellen Filter behandelt zu sein scheinen (DDR-Stimmung, Überleben in der Zone, Keine Sonne hinter der Mauer … so oder ähnlich muss der Filter heißen). Also braun, beige, graugrün, graublau. Schmutzig, trist. Hin und wieder dieses gräulich blasse Kommunistenrot, mit dem der Film auch auf den Plakaten beworben wird. In einer Fabrikhalle, die die „sozialistische Produktion“ repräsentiert und in die die junge Protagonistin wegen eines Aufnähers der Friedensbewegung auf der Jacke und einem verbotenen Roman in der Tasche von der Schule zwangsversetzt worden war, sieht es wie in einem Straflager in Sibirien aus (oder wie man sich ein solches vorstellt). Mein Mann nickt dazu. „Schön war das bei euch!“ Er weiß alles von damals. Unser Leben war das, was er in einer Handvoll Filmen gesehen und verstanden hat. „So waren sie, deine Freunde von der Stasi“, kommentiert er süffisant. Er mag es, mich zu provozieren. Was ich erzähle, meine Erinnerungen, seien geschönt oder unbewusst verzerrt, ich war schließlich ein Kind. An die Kindheit hat man immer schöne Erinnerungen. Ich war siebzehn, als die Mauer fiel. Ich kannte Berlin, meine Oma wohnte da. Die alten Häuser mit ihren Hinterhöfen sind im Film in einem Zustand, dass es unvorstellbar scheint, dort zu leben. (Ganz zu schweigen vom zugewachsenen Hexenhaus in einem bewaldeten Vorort, wo die junge Heldin mit Vater und Schwester wohnt.) Klar, da haben sie mit Mühe einige unsanierte Häuser gefunden, in denen sie drehen konnten. Doch die Handlung spielt vor 35 Jahren. Verlassene Gebäude von heute sind die heruntergekommenen Häuser von damals. Da gab es abgeblätterte Farbe, durchgetretene Stufen und das Klo auf dem Flur. Aber es sah gewiss nicht dermaßen vergammelt aus, wie es im Film rüberkommt. Wer in diesen Altbauten wohnte, der hielt sein Zuhause so gut es ging in Stand. Was in den letzten 35 Jahren keiner mehr getan hat. Ich lese in einem Artikel bei Deutschlandfunk Kultur, dass sich die Regisseurin Aelrun Goette, die in ihrem Werk auch eigenes Erleben verarbeitet, „erst wieder in die Leichtigkeit hineinbegeben müsse, die sie damals auch gespürt habe“. Leichtigkeit? Wo bitte atmet dieser Film Leichtigkeit? In den Szenen, in denen Menschen russischen Sekt aus der Flasche trinken? Vor der tristen Kulisse und im Angesicht ihres aussichtslosen Daseins? Ganz sicher nicht im Studio der Modezeitschrift Sibylle, wo die Chefredakteurin ihrem neuen Mannequin erklärt, dass es Schönheit im Sozialismus gibt, aber das Schönheit immer einen Preis habe. Dabei schiebt sie ihr einen Block und einen Kugelschreiber über den Tisch. Man versteht, dass es sich um eine Vereinbarung mit der Stasi handelt.

Klischees. Gefühlt immer dieselben, als ob man das mit der Unfreiheit nicht auch anders, subtiler erzählen könnte. Wie stereotyp die Szene, in der die Truppe nackt im Meer badet und anschließend von der Polizei mit Hunden durch den Wald gejagt wird. Bitte? Nacktbaden war als FKK (Freikörperkultur) allgemein beliebt und offiziell toleriert. Hatten sie sich etwa einen Strand in einem militärischen Sperrgebiet ausgesucht? Frau Goette erklärte dem Deutschlandfunk: „Sehr häufig werden wir mit Bildern konfrontiert, die sehr Schwarz-weiß sind. Und so habe ich die DDR nicht erlebt.“ Ach nein, möchte ich fragen, und warum erzählen Sie sie dann (wieder) genau so?

Eine inszenierte Leichtigkeit kommt nur in der Schlussszene zum Tragen beziehungsweise Fliegen: Wie ein Engel schwebt das schöne Mädchen, das ihre Berufung als Kleidervorführerin gefunden hat, über den Zuschauern der Underground-Modenschau. Drei Monate später, so heißt es im Abspann, fällt die Mauer. Mir kommt unweigerlich Tucholsky in den Sinn: „Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.“

„Entweder du bist frei, dann bist du’s überall, oder du bist es nicht, dann nützt dir auch der Westen nichts.“ Der stärkste Satz im Film und womöglich das Beste an ihm. Neben den Schauspieler*innen, die ihre bedeutungsschweren Sätze überzeugend rüberbringen. Mir gefielen besonders Jördies Triebel in der Rolle der sympathischen Arbeitskollegin mit Berliner Schnauze und Herz auf dem rechten Fleck, Claudia Michelsen als toughe Chefredakteurin der „Vogue des Ostens“, bei der man schließlich „nicht bei der Brigitte sei“ und Sabrin Tambrea als schriller Modedesigner, der seine offen gelebte Homosexualität gegen alle Konventionen verteidigt.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Frauensachen

Ottimista (optimistisch)? Na klar! Curiosa (neugierig)? Und wie! Dinamica (dynamisch)? So was von! Diese Werbung scheint wie für mich gemacht. Dazu muss ich sagen, dass ich keine Freundin von Frauenzeitschriften bin. Ob es daran liegt, dass ich damals in Hamburg ein Praktikum machen durfte, sie mich am Ende aber nicht anflehten, direkt bei ihnen einzusteigen? Ach was, verletzte Eitelkeit ist mir zwar nicht fremd, aber ich kann gut damit umgehen. In Deutschland las ich hin und wieder eine Frauenzeitschrift. Solche, die damals als modern galten, so wie die AMICA, der ich meine Praktikumserfahrung und eine Freundin fürs Leben in Wien verdanke. In Italien fing ich nie damit an, ob nun aus anfänglicher Mühe in sprachlicher Hinsicht oder weil mir die Klatsch-Hefte, die beim Friseur auslagen und in denen ich hin und wieder blätterte, allen guten Glauben raubten. Dann gab und gibt es auch noch die hochpreisigen, edlen Magazine, aber da steckt bekanntlich mehr Werbung drin als spannende Themen und ich zähle mich nicht zur Zielgruppe für darin gezeigte Mode und In-Locations.

„Donna Moderna“* (Die moderne Frau) ordnete ich dem Titel nach in die Schublade altbekannter Hausfrauenblätter. Er klingt in meinen Ohren nach Rezepten und Diäten und schmalzigen Kurzgeschichten. Ich wäre vermutlich nie darauf gekommen, mir ein Heft zu kaufen. Und jetzt habe ich es doch getan. Schuld ist mein Morgenradio. Dort spricht jeden Donnerstag genau in dem Moment, in dem ich unsere Jüngste vor der Schule absetze, die Chefredakteurin der Zeitschrift zu einem Thema der aktuellen Ausgabe. Und wisst ihr was? Mir gefällt, was sie zu sagen hat. Es kam vor, dass ich es mir mit meiner Tochter verscherzte, weil ich dem Interview folgen wollte und sie nicht quasseln sollte.

Mein Interesse war geweckt, jeden Donnerstag ein bisschen mehr. Gekauft habe ich das Heft bei unserem Signor Gentile. Als Schreibwarenhändler führt er auch Zeitschriften. Mit ihm wechsle ich immer ein paar Worte, und so erklärte oder entschuldigte ich gar meinen Kauf damit, dass ich nur mal reinschauen möchte, weil ich die Chefredakteurin im Radio gehört hätte. „Ich lese sonst nie diese Art von Zeitschriften.“ Er lächelte und antwortete mir, dass es gut sei, aufgeschlossen und neugierig zu sein und die Dinge mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Und dann sagte er diesen Satz, den ich mir über den Schreibtisch hängen möchte:

„La curiosità diventa cultura.“ (Neugier wird zur Kultur).

Ein verregnetes Wochenende kam gerade recht, ohne weitere Rechtfertigungen auf dem Sofa zu sitzen und eine Zeitschrift zu lesen. Und tatsächlich: Ich blätterte nicht nur, ich las. Bis zur Mitte des Heftes fast jeden Artikel. Erst dann kamen Modestrecke, Kosmetik, Inneneinrichtung und ja, auch drei Rezepte. Ich überflog sogar die Zutaten mit Interesse, denn die Doppelseite ging mit der Überschrift „In der Küche sind die 80-er Jahre wieder angesagt“ glatt als Kulturthema durch. 

In die Ausgabe vom 11. Mai fielen sowohl der Muttertag als auch der Internationale Tag der Familie, was ihre Inhalte prägt. Unter dem Titel „Bambini in lista di attesa“ (Kinder auf der Warteliste) beschreibt ein Text die prekäre Situation bei inländischen Adoptionen. Betroffene erzählen vom nicht enden wollenden Warten. Da führt unverständliche Bürokratie zu Frustration bei den potentiellen Eltern, und noch schlimmer, zu unwiederbringlich verlorener Zeit für die Kinder.

Ein brisantes Thema in der aktuellen Diskussion ist die Verweigerung der standesamtlichen Anerkennung von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Der Beitrag „Gli invisibili“ (Die Unsichtbaren) nimmt sich dieser unerträglichen Situation an. Italien ist neben Griechenland das einzige Land in Europa ohne Gesetz zum Schutz von Kindern in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Trotzdem gab es Kommunen, wie Mailand und Bologna, in denen auch Kinder mit ausländischen Geburtsurkunden standesamtlich registriert wurden. Das soll nun nicht mehr möglich sein, ordnete der italienische Innenmister auf das geltende Recht pochend an. Was das für die Kinder und die in ihrer Elternrolle nicht anerkannten Partner bedeutet, erklärt der Beitrag eindringlich.

Vom 18. bis 22. Mai fand in Turin die internationale Buchmesse „Il Salone del libro“ statt. In „Le signore dei libri” (Die Herrinnen der Bücher) sprechen Frauen des Literaturbetriebs, die Lektorinnen und Verlagschefinnen. Sie waren allesamt Mädchen, die immer lasen, und haben ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Was sie auch heute vereint, ist der Glaube an die Kraft der Literatur, die Rolle der Kultur in unserer Gesellschaft und deren Unverzichtbarkeit für eine Welt, in der etwas zum Besseren gewendet werden soll. 

Weiter geht es im Heft um parlamentarische Mitbestimmung Jugendlicher mit dem Projekt „Teen Voice“ der Kommune Mailand. Um die Rechte von Krebspatienten, die die Krankheit besiegt haben, aber unter enormen Nachteilen, ja Diskriminierung in vielen Lebensbereichen leiden. Und zu guter Letzt ein Artikel, bei dem ich vermute, dass er speziell für mich aufgenommenen worden ist. Er berichtet von der Tochter Romy Schneiders, Sarah Biasini, und ihrem der Mutter gewidmeten Buch „La beuté du ciel“ (deutsch: „Die Schönheit des Himmels“), das in Kürze unter dem Titel „La bellezza del cielo“ auch in Italien erscheinen wird.

Mein Fazit nach der Lektüre: Frauensachen? Ja, aber die von modernen Frauen, die mit beiden Beinen, mit Herz und Hirn voll im Leben stehen, statt nur am Herd oder auf dem Laufsteg der Eitelkeiten. Mich fragt ja keiner, aber falls doch: Daumen nach oben für „Donna Moderna“!

*Ihr werdet mir glauben, dass mich die italienische Zeitschrift nicht dafür bezahlt und noch nicht einmal darum gebeten hat, auf meinem Blog, den in erster Linie Deutsche lesen, Werbung für sie zu machen. Trotzdem scheint es ja so üblich, diesen Vermerk anzubringen. Also: Seht es ruhig als Werbung an, aber sie ist weder verlangt noch vergütet.

Pronto, ja bitte?

Der Italiener und die Erreichbarkeit

Wenn ich in der Apotheke in der Schlange stehe und kein Rezept in der Hand halte, konzentriere ich mich darauf, was ich sagen oder fragen werde, wenn ich an der Reihe bin. In der Regel möchte ich nicht hören, welche Mittelchen die anderen suchen oder welche Leiden sie auskurieren möchten. Ich höre diskret weg. Genauso wenig möchte ich von meiner mentalen Vorbereitung auf das Verkaufsgespräch von einem Mitwartenden abgelenkt werden, der sich wie zu Hause fühlt und lautstark ein Telefonat annimmt. Kürzlich wurde ich unfreiwillig Mitwisserin der buchhalterischen Angelegenheiten einer Firma, deren Mitarbeiterin hinter mir stand. Es ging um Steuerpapiere und Jahresabrechnungen, die sie ihrem Gesprächspartner am nächsten Tag raussuchen würde. „Wissen Sie, ich muss mich kurzfassen, denn ich stehe gerade in der Apotheke an und kann nicht rausgehen zum Telefonieren, ohne meinen Platz zu verlieren. Das besprechen wir alles morgen.“ So ihre ersten Worte, dann ging es eine gefühlte halbe Stunde weiter, in der sie ihrem Chef (?) genau das erläuterte, was sie ihm am nächsten Tag sagen wollte, weil sie jetzt gerade nicht sprechen könne.

Nun mag der Anruf eines Vorgesetzten eine Störung sein, der man sich schlecht verweigern kann. Aber ich meine, den Italienern fällt es ganz allgemein schwer, jemanden auf später zu vertrösten. Ständig erreichbar zu sein, gilt als Zeichen der Höflichkeit. Ich muss in ihren Augen ein wahres Desaster sein, denn ich erlaube mir regelmäßig ‒ während des Autofahrens, des Anstehens in einem Geschäft oder in ähnlich unpassenden Situationen ‒ einfach nicht ranzugehen. Ich schaue, wer es war und rufe oder texte zurück.

Daheim bringt mich der Gatte regelmäßig auf die Palme. Ausgerechnet immer dann, wenn eine warme Mahlzeit auf dem Tisch steht, klingelt sein Handy. Selbstverständlich geht er ohne Zögern ran.

Uella. Come va? No, no, non c’è problema. Raccontami tutto! “ (Hallöchen! Was gibt’s denn? Nein, nein, gar kein Problem. Schieß los!)

Könnte er nicht antworten, dass wir gerade essen und anbieten, gleich danach zurückzurufen? Der andere hat schließlich gefragt, ob es in diesem Moment passt. Mein Mann meint wohl, diese Frage sei nur eine Floskel und rhetorischer Natur. Wenn ich angerufen werde, dann gebe ich ehrlich zu, sollte es gerade ungelegen sein. Andersherum frage ich selbst und wäre nicht beleidigt, wenn der andere zurückruft.

In der Komödie „Viaggi di nozze” (Hochzeitsreisen) gibt Carlo Verdone in einer der drei Episoden den verwitweten Hausarzt Raniero Cotti Borroni, der sein ärztliches Pflichtbewusstsein auch außerdienstlich über alles stellt. Er lässt sich unter keinen Umständen, selbst in intimsten Momenten mit seiner neuen Braut davon abbringen, sich von Patienten Symptome schildern zu lassen und Einnahmeanweisungen für Medikamente zu geben. Vor dem Altar, in der Hochzeitsnacht, im Zugrestaurant hört die junge Gattin und hören die Gäste mit, welche Farbe und Konsistenz … ach, das erspare ich euch lieber.

Der Satz, mit dem Doktor Borroni sich am Telefon meldet, ist in Italien zum geflügelten Wort geworden: „Non mi disturba a fatto … mi dica!“ (Sie stören überhaupt nicht. Worum geht es?) Einen Zusammenschnitt der besten Szenen mit diesem Running Gag seht ihr hier.

Auch der italienische Gatte gibt seine Schwäche, selbst in unpassenden Situationen immer sofort ans Telefon zu gehen, ungeniert zu und bringt mich wieder von meiner Palme, indem er diesen berühmten Satz zitiert. So sind sie nun mal, die Italiener: immer erreichbar, immer disponibel. Jederzeit bereit für ein freudig klingendes „Pronto!“

(Was der Angerufene im Anschluss an das Telefonat vor sich hin brummelt oder vor den physisch Anwesenden kommentiert … Ach, egal, darum geht es hier nicht.)

Titelbild: Symbolbild von Openverse.

Große Gefühle

Beinah hätte ich mich dieses Mal nicht für den European Song Contest interessiert. Den kann man nicht jedes Jahr verfolgen, zumal es immer so spät oder besser gesagt früh am Morgen wird, eh die Entscheidung über den Sieger fällt. Ausgerechnet die deutsche Verwandtschaft brachte mich doch wieder in die Spur. An einem Samstagabend Ende April piepte plötzlich das Handy. Meine Schwester schickte mir ein Foto ihres Fernsehgerätes. Natürlich ging es ihr nicht um den Fernseher an sich. Es ging um den Sänger, der im Moment der Aufnahme den Bildschirm zierte. „Der singt im ZDF gerade von Musica, kennst du ihn?“, dazu ein Smiley. Und ob ich den kannte. Mir wurde warm ums Herz und ich fand es ein bisschen aufregend, dass da im fernen Dresden meine Musik spielte, ein Stück unseres Lebens bei ihnen im Wohnzimmer klang. Meine Schwester sah „Die Giovanni Zarrella Show“, und es trat dort tatsächlich unser Marco Mengoni auf. Mit dem Titel, mit dem er das diesjährige Festival von Sanremo gewonnen hatte und mit dem er im Mai in Liverpool antreten würde. Ich klärte sie umgehend auf und versprach, mir seinen Auftritt im deutschen Fernsehen in der Mediathek anzusehen.

Zwei Wochen später saß ich selbst vor dem besagten Fernseher in der Dresdner Wohnstube. Da an jenem Abend auf allen Kanälen nur König Charles aus der Flimmerkiste grüßte, zückte ich das Smartphone und suchte nach … genau: meiner Musica Italiana. Lacht nicht, aber die fehlte mir an diesen Tagen, so schön es in den frühlingshaften sächsischen Gefilden und mit meinen Lieben auch war. Dabei stolperte ich über ein Interview mit Marco Mengoni, das von einem ESC-Reporter auf Englisch geführt worden war. Die Italiener sind bekanntlich nicht gerade berühmt für ihr interviewsicheres Englisch, aber alle Achtung, Mister Mengoni schlägt sich locker und lässig. Und vor allem: absolut sympathisch! (Hier könnt ihr euch die Unterhaltung anschauen.) In jenen Minuten wurde mir bewusst, dass ich dem Künstler bislang Unrecht getan hatte. Ich kannte seine Songs. Ich hörte im letzten Jahr besonders gerne „No Stress“, bereits in einem Blogbeitrag zitiert, oder im Sommer zuvor „Ma stasera“. Aber ich hatte den Sänger noch nie im Gespräch oder abseits der Bühne erlebt, hatte keine Ahnung, wie er sich gibt. Die in Dresden auf dem Sofa war eine angenehme Bekanntschaft, die längst fällig gewesen war.

Und so kam es, dass ich wieder Feuer fing und dem ESC-Finalabend mit Vorfreude entgegenfieberte. In einem Kommentar, ich glaube es war unter dem Video der Zarrella Show, formulierte ein deutscher ESC-Fan sinngemäß: „Ihr müsst euch den ESC ansehen, sonst verpasst ihr Gefühle, die ihr sonst nie empfinden würdet.“ Stimmt! Wer den ESC schaut, der kann herzhaft lachen, gemein lästern, sich lautstark aufregen, die Ohren zuhalten oder verständnislos mit dem Kopf schütteln. Der kann aber auch mit allen Sinnen in die musikalische Vielfalt eintauchen, die fantasievollen Kostüme bestaunen, die fantastische Show genießen. Und ‒ zu denen gehöre ich ‒ heimlich mitsingen und mitfiebern. Für den eigenen Beitrag. Ihr werdet sagen: Die hat gut reden, die Italiener schneiden immer glänzend ab. Stimmt, und dabei ist es noch dazu egal, ob es sich um drei in die Unterhaltungsmusik verirrte Opernsänger, aufstrebende Skandal-Rocker oder gestandene Popsänger*innen handelt. Liegt es nun daran, dass sie einfach gut singen? Ist es die Sprache, die keiner versteht, aber alle so schön finden? Oder punkten sie am Ende nur, weil ihnen als Italiener sowieso die Herzen zufliegen? Ich meine, bei Marco Mengoni kommt alles zusammen. Der Mann kann singen, er braucht keine apokalyptische Bühnenshow, kein Konfetti und keine hämmernden Drums. Selbst wenn man den Text nicht versteht, kommt die Message an und trifft mitten ins Herz. Er steht einfach da und singt in dieser wohlklingenden Sprache und mit seiner starken Stimme von sich und von dem, was uns alle betrifft: vom Leben. Diesmal von den zwei Leben („Due Vite“), dem alltäglichen und dem in der Nacht, in unseren Träumen.

Hier noch einmal für euch: Marco Mengoni – DUE VITE, Platz Vier beim ESC 2023 in Liverpool:

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Freisitz oder Rumpelkammer

Der Italiener und sein Balkon

Endlich hat sie wieder begonnen, die Freiluftsaison. Und da denke ich keinesfalls an Biergärten oder Strandbäder. Beides haben wir leider nicht in unmittelbarer Nähe. Ich rede vom guten alten Balkon. Unserer ist eher eine Terrasse, auf der wir nicht nur zu viert, sondern auch mit Besuch bequem sitzen können. Dazu haben wir auf einen Innenraum verzichtet, als wir die Wohnung nach unseren Bedürfnissen umbauten. Zum Glück habe ich damals auf meinen Mann gehört, der die grandiose Idee hatte: Weg mit den Mauern, her mit dem Freisitz! Nach hinten raus ins Grüne. Ich hatte derzeit noch die Idee, unbedingt ein Gästezimmer vorhalten zu müssen. Und bezweifelt, dass wir die Genehmigung für eine solch drastische bauliche Veränderung bekämen. (Haben wir, und, wenn ich es richtig verstanden habe, sogar ohne Beziehungen.) Aber auch vorher, als wir nur schmale Balkons hatten, nutzten wir den längeren von beiden zum Draußensitzen und Draußenspeisen. Wir mussten uns dazu parallel zum Geländer nebeneinander aufreihen, saßen an vor uns hängenden Klapptischen. Das war nicht so gesellig, hatte aber den Vorteil, dass jeder den schönen Ausblick genoss. Manchmal frage ich mich, was damals die Leute gegenüber oder im eigenen Haus dazu sagten.

Quella tedesca è fuori come un balcone. (Wörtlich: Diese Deutsche ist draußen wie ein Balkon. Sinngemäß: Die spinnt doch.)

Denn, ihr werdet es nicht glauben: Nur wir sitzen und essen auf dem Balkon. Die Italiener, zumindest die in unserer Gegend, tun sowas nicht. Sie haben kein Problem damit, ihre Wäsche inklusive der für Drunter außerhalb des Balkongeländers zur Schau zu stellen. Aber draußen sitzend eine Mahlzeit einnehmen? Nie im Leben!

Wirklich bedauerlich finde ich eine andere weitverbreitete Art, den Balkon zu nutzen. Viele Leute platzieren Gerümpel und sogar ihre Mülltonnen darauf. So ist es scheinbar am bequemsten, die Abfälle von der Küche aus direkt zu entsorgen. Aus der Wohnung, aus dem Sinn. Und uns unter die Nase. Zum Glück befindet sich unsere Terrasse nun nicht mehr direkt über dem Balkon der anderen.

Es muss ein kulturelles Ding sein. Im Garten oder am Picknicktisch im Park essen die Italiener schließlich auch gern draußen. Warum dann nicht jeden Tag direkt vor der guten Stube? Geht es den Meistern im Improvisieren gegens Prinzip, das Freiluftarrangement bequem zu haben, quasi mit Durchreiche von der Küche? Ich tue mich schwer damit, alles mitzuschleppen, um irgendwo in der Pampa oder sogar nur unten vor dem Haus zu essen. Im gemeinschaftlichen Garten stehen uns ein paar Quadratmeter zur eigenen Nutzung zur Verfügung. Unsere Vorbesitzer hatten dort ein Stück gepflastert, Wasser- und Stromanschlüsse legen lassen. Sie hätten dort gern gesessen und gegrillt. Wir haben das ein einziges Mal ausprobiert. Tische und Stühle aufzubauen, Geschirr und Speisen runter und anschließend wieder hochzuschleppen, um sich währenddessen auf dem Rasen von Mücken peinigen zu lassen? Nein, danke. Dort unten fühle ich mich wie auf dem Präsentierteller.

Übrigens: Unsere Terrasse liegt auf der Nordseite. Als es damals an den Umbau ging, stießen wir bei Architekten und Bauarbeitern auf Unverständnis. Den Balkon nach Norden? Den hat man doch im Süden, auf der Sonnenseite. Mittlerweile sind wir heilfroh über unsere Entscheidung, denn in der Sonne mag man bei vierzig Grad nicht sitzen, nicht mal unter einer Markise oder einem Schirm. Es wurde in den vergangenen Sommern selbst auf unserem Nordbalkon irgendwann unerträglich, so dass wir tagelang wohl oder übel mit laufender Klimaanlage drinnen hockten. Wird uns das in diesem Sommer erspart bleiben? Ich fürchte nicht. Doch nun genießen wir erstmal die schöne Zeit im Freien. Gern auch mit einem Aperol Spritz zum Aperitivo. Salute!