Oder: Wandelnde zwischen zwei Welten
Neulich saß ich mit meiner Jüngsten auf dem Balkon. Es ging ungewöhnlich harmonisch zu, was wohl daran lag, dass wir uns auf einen gemeinsamen Zeitvertreib geeinigt hatten. Wir spielten Karten. Rommé ist eine der wenigen analogen Traditionen, die ich an meine Töchter weitergegeben habe. Leider geht es auch dabei nicht ohne Smartphone. Das liegt griffbereit daneben. Während ich mische, kann mein Kind einen Blick drauf werfen. Beim Kartenspielen dient ihr das digitale Endgerät manchmal zur musikalischen Untermalung. Auch diesmal machte sie für uns den DJ. Während ich mich auf mein Blatt konzentrierte, sollte ich den jeweiligen Song bewerten und den Interpreten oder die Interpretin erraten. In einem Fall musste ich passen.
„Ma che boomer che sei!“ (Was für ein Boomer du bist!), brach es lautstark aus ihr heraus, während sie mit den Augen rollte.
Bitte, was? Hatte ich richtig gehört? Boomer, aus dem Mund meiner gerade Zwölfjährigen. Nach einem Moment der Schnappatmung konnte ich es mir nicht verkneifen, sie zu fragen, was sie denn darunter verstünde.
„Naja, also …“, stammelte sie.
„Ich höre, los komm schon, das will ich jetzt wissen“, insistierte ich.
„Naja, also Boomer sind einfach alle die, ähm, die Älteren, die so altmodisch sind, die nicht unseren Geschmack und unser Auftreten haben.“
In Italienisch sagte sie „atteggiamento“, was sich mit Auftreten oder Verhalten, manchmal Einstellung übersetzen lässt. Das Wort kann aber auch einfach Ausdruck oder Gebaren bedeuten, je nach Kontext. Im Kontext meiner Tochter und im Zusammenhang mit ihrer Boomer-Mutter stand „atteggiamento“ für das Gebaren, denn sie unterstrich ihre Worte mit gestikulierenden Händen, rhythmisch zuckendem Oberkörper und blinkernden Augen. Ha! Ich nickte dankbar. So ein „atteggiamento“ im Sinne von Teenager-Attitüden ‒ ich bemühte mich scherzhaft, ihre Posen zu imitieren ‒ habe ich nicht und bin fein damit.
Wir spielten weiter. In meinem Kopf arbeitete es. Die nächsten Musiktitel kannte ich, was meine Tochter mit anerkennendem Nicken und hin und wieder einem „Wow, du bist auf dem Laufenden!“ bedachte. Das Wort Boomer nahm sie nicht zurück.
Auch wenn ich es zu wissen glaubte, schlug ich anschließend noch mal im Lexikon, hoppla, bei der Suchmaschine nach, um mir Gewissheit zu verschaffen: Ich gehöre nicht zur (Baby-)Boomer-Generation. Das sind die Jahrgänge 1946 bis 1964. Nach diesen geburtenstarken Nachkriegsjahren folgte der sogenannte Pillenknick. Wir hatten Glück, trotzdem geboren worden zu sein. Unsere ist die sogenannte Generation X. Das X stand ursprünglich dafür, dass diese Generation keine Bezeichnung hatte. Mit seinem gleichnamigen Episodenroman aus dem Jahr 1991 sorgte der kanadische Autor Douglas Coupland dann dafür, dass den Jahrgängen 1965 bis 1979 endgültig das X auf die Schublade gestempelt wurde. Bald wurde sie zugeschoben, denn die folgenden Generationen waren viel interessanter. Soll ich euch was sagen? Ich bin froh, nicht in einer so beliebten Schublade zu stecken wie die Generation Y (die famosen Millennials) oder die jüngere Generation Z. Beide werden in den Medien und in der Werbung hoch und runter analysiert. Während die Boomer-Generation vielleicht noch als kaufkraftstarke Zielgruppe interessant ist, sonst aber offensichtlich nur als Problemkohorte im Hinblick auf ihr vermutlich langes Rentnerdasein zählt und als jugendsprachliches Schimpfwort taugt, scheint unsere Generation X eine vergessene zu sein. Uninteressiert und gleichgültig sollen wir sein, so lese ich. Wir haben nichts aufgebaut, im Gegensatz zu unseren Eltern, den Boomern. Wir genießen das Erreichte, sind aber gleichzeitig konsummüde und scheren uns nicht um die Zukunft und ihre drängenden Probleme, wie es nachfolgende Generationen zwangsläufig tun. Da ist sicher was Wahres dran, aber wer Kinder hat, schert sich sehr wohl um deren Zukunft. Wie weit man bereit ist, für diese Zukunft heute zu verzichten, ist individuell unterschiedlich. Ich tue ganz sicher zu wenig, auch wenn wir Glasflaschen vom Getränkehandel beziehen und ich beim Einkaufen immer meine Faltbeutel dabei habe, um keine Tüten zu nehmen. Am Ende unseres Kartenspiels weiß ich jedenfalls: Ich bin eine aus der vergessenen Generation. Von meinem Kind unbedarft als „Boomer“ beschimpft, also obendrein älter gemacht, als ich bin.
Meine Tochter, 2011 geboren, gehört bereits zur sogenannten Alpha-Generation. Da weiß man noch nicht genau, wie ihre Vertreter als Erwachsene sein werden. Die letzten dieser neuen Generation mit Jahrgängen bis 2025 sind noch nicht einmal geboren. Trotzdem lassen es sich Sozialwissenschaftler und Psychologen nicht nehmen, schon wild drauf los zu definieren. Das Bild, das sie dabei zeichnen, wird nicht immer so rosig entworfen wie hier:
„Die Generation Alpha wird sich im digitalen Dschungel zurechtfinden und deren rasende Geschwindigkeit adaptieren wie keine Generation vor ihr. Die analoge Welt kann dadurch für die Generation Alpha eine Art „Nebenerscheinung“ werden.“
Während mich die erste Aussage beruhigt, denn offensichtlich wird nicht von mir verlangt, meinen Kindern den wuchernden digitalen Dschungel zu erklären, macht mir der letzte Satz Angst. Wenn die analoge Welt nun aber doch die wahre ist? Wo soll das hinführen?
Meine Generation X war die letzte, die eine ausschließlich analoge Welt kennengelernt hat und in dieser groß geworden ist. Es heißt, unsere Generation brachte den digitalen Wandel ins Rollen. Wir sind also Schuld am Dilemma. Ich persönlich schreibe mir das nicht auf die Fahne. Als ich mich mit siebzehn nach einem Studienplatz umschaute, teilte man uns mit, wir würden an der Uni mit Personalcomputern arbeiten. Fast hätte ich angesichts dieser ungeheuren Prophezeiung vom Vorhaben Studium Abstand genommen. Ambivalenz und ein zögerndes Anpassen ist es dann auch, was mich prägt. Manchmal brauche ich einen Verführer, der mir die neue Wunderwelt erklärt. So gab es damals einen hilfsbereiten Kommilitonen, der mir die Hand führte, als ich im Computerkabinett den Umgang mit der Maus lernte. Hätte ich allein dort gesessen, hätte ich aus der Maus eine Flunder gemacht. Vor Wut, dass sie den Cursor nicht dahin führte, wo ich ihn haben wollte. Marketingtechnisch bin ich ein „late adopter“, und ich unterschreibe gern folgenden Satz, den ich hier fand:
„Daher fühlen sich Angehörige der Generation X häufig als Wandelnde zwischen zwei Welten.“
So richtig angekommen bin ich bis heute nicht in der digitalen Welt. Ich nutze sie, aber immer mit einem kritischen Auge und oft mit einem Fluch auf den Lippen. Und manchmal ‒ aber verratet mich nicht! ‒ da wünsche ich mir die analoge Welt zurück. Als wir Rommé vorm Bungalow spielten und die Musik aus dem Kofferradio kam. Wie es schon den Boomern gefiel.
Titelbild: Symbolbild von Pexels.
