Bahne frei, Kartoffelbrei!

Während ich aus Deutschland Lamenti über den Winter und seine naturgegebenen Begleiterscheinungen wie Schnee, Eis und Glätte höre, denke ich an Gleitschuhe und frage mich, was dieser Dauer-Katastrophenmodus eigentlich zu bedeuten hat.

Kennt ihr Gleitschuhe? Das waren so metallene Kufen mit Riemen, die wir Kinder uns unter die Winterstiefel schnallten, um über den verharschten Schnee zu rutschen. Keine Schlittschuhe fürs Eis und keine Schneeschuhe. Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob ich selbst welche besaß oder sie mir nur von Freundinnen borgte. Ich weiß jedoch, und das hat sich mir eiskalt eingebrannt: Gleitschuhe waren cool! Ein Must-Have, aber diesen Begriff kannte man damals noch nicht. Was jede Familie hatte, war ein Schlitten im Keller. Und der kam regelmäßig raus und zum Einsatz: um die Spielkameraden den Gehweg entlangzuziehen oder gemeinsam hinten auf dem Hof den Abhang hinunterzurodeln. Ich bin im brandenburgischen Flachland aufgewachsen.

Nun lebe ich schon länger als damals in Brandenburg in Norditalien. Als unsere Kinder klein waren, hofften sie in den kalten Monaten immer sehnsüchtig auf einen Morgen, an dem sie aus dem Fenster schauen würden und alles weiß wäre. „Quando nevica?“, wann schneit es, fragten sie mich hoffnungsvoll. „Wird es schon noch“, antwortete ich und dachte dabei: Aber bitte nicht unter der Woche. „Aber wann, morgen?“, ließen sie nicht locker. Dann verwies ich auf das Wochenende. „Vielleicht am Sonnabend oder Sonntag, wenn wir nicht raus müssen.“ „Aber natürlich wollen wir raus, wenn es schneit“, protestierten sie dann. Ich meinte den Straßenverkehr, den ich gern vermeiden würde. Sie meinten das Spielen im Schnee vorm Haus. Bei uns schneite es in den vergangenen zehn Jahren ein- oder zweimal pro Winter, und selten blieb die schüchterne weiße Pracht länger als ein paar Stunden liegen. War die Landschaft am Morgen verheißungsvoll mit weißen Flocken überzogen, lag am Mittag, als die Kinder aus der Schule kamen und darauf hofften, endlich Schneebälle zu werfen oder gar einen Schneemann zu bauen, nur noch brauner Matsch am Straßenrand.    

Als ich Kind war, gehörte Schnee zum Winter wie die Zeugnisse zum Schuljahresabschluss. Wir bauten Iglus und ganze Schneemannfamilien. Die überlebten Tage oder, leicht ramponiert, sogar ein paar Wochen. Neben Schnee gab es auch Eis. Oder es war einfach so, dass man Schnee, der lange liegen blieb, durch kontinuierliches Schlittern zu Eis verwandeln konnte. So entstanden gefährlich schnelle Schlitterbahnen. Bahne frei, Kartoffelbrei! Auf dem Hof vor unserer Schule gab es jeden Winter mehrere Schlitterbahnen nebeneinander, einen kleinen Abhang hinunter. In jeder Hofpause begann das Gerangel ums Rutschvergnügen. (Oder stellten wir uns brav an, wie wir es vom „Obst, Gemüse, Südfrüchte“-Laden gewohnt waren?) Es gab die leichten, kurzen Bahnen für die Kleinen der ersten und zweiten Klasse und in der Ecke, zwischen Hort und Hauptgebäude, die gefährliche, breite Buckelpiste. Die war reserviert für die Großen aus der dritten und vierten Klasse. Ob die Jungs die Mädchen auch rutschen ließen? Als ich vor fünf Jahren anlässlich eines Klassentreffens meine alte Schule besuchte, war von dem Hang nichts mehr zu sehen. Oder er war schon damals so flach gewesen. In meiner Erinnerung sehe ich eine olympische Bobbahn, welche wir uns stehend (die Obercoolen) oder hockend (ich) hinuntertrauten.

Die Winter meiner Kindheit waren eine Jahreszeit wie die anderen auch und allgemein akzeptiert. Und das, obwohl sie für regelmäßige Arbeitseinsätze sorgten. Zwischen November und März machte bei uns im Haus ein graues Pappkärtchen die Runde. Es baumelte an einem Bindfaden und wanderte von Türknauf zu Türknauf: „Schneefegen“ stand darauf in dicken, schwarzen Lettern und eine Schneeschippe und ein Sandsack waren dazu gemalt, damit auch jeder die Aufgabe verstand und es hinterher keine Ausreden gab. Wer den Gehweg geräumt und Sand gestreut hatte, reichte das Schild an den Nachbarn weiter. Alte Leute wohnten nicht in unserem Haus, jeder kam dran. Mehrmals. Die Winter waren lang und es schneite oft. Ich half meinem Vater gern beim Räumen, auch wenn ich heute ahne, dass es mehr zu meinem Spaß als eine große Hilfe für ihn war, wenn ich mit meiner kleinen Schippe mitschaufelte. Links und rechts des Gehwegs lag der Schnee manchmal so hoch, dass ich Dreikäsehoch vermutlich Schwierigkeiten hatte, die Ladung meiner Schippe oben auf dem Berg abzuladen.

Kein Schnee, kein Weh? So könnte ich heute in Italien denken. Ein paar Mal war ich es in den letzten Jahren, die am Tag, nachdem es geschneit hatte, den Fußweg bis zum Gartentor vorsorglich freischippte. Ein Nachbar guckte manchmal interessiert vom Balkon und fragte süffisant, was mein Mann denn derweil täte. Und ob er mir helfen solle. Von allein wäre er nicht darauf gekommen. Italiener.

PS: An dieser Stelle möchte ich unseren Lehrern und Erziehern von damals danken, dass sie uns so gefährliche Pausenaktivitäten wie das Schlitterbahnbauen nicht verboten. Ich erinnere mich an keine ernsthaftere Verletzung als Banalitäten, die es nicht auch beim normalen Toben und Spielen gegeben hätte.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Musikalischer Auftakt

Im Januar habe ich gern einen Song, der meinen Optimismus beflügelt und mich ins neue Jahr begleitet, solange es noch einem unbeschriebenen Notenblatt gleicht. In den vergangenen Wochen kamen in Italien mehrere Titel heraus, die wie für einen Neustart gemacht sind: das zum Tanzen animierende, neue Abenteuer beschwörende „EUFORIA“ von Annalisa oder das lebensbejahende, Emotionen einfordernde ZERO von Laura Pausini zum Beispiel.

Meine persönliche Hymne für 2024 aber ist ein Remix eines Klassikers der italienischen Popmusik aus den 80er-Jahren. Wenn ich die ersten Noten von „TI SENTO“ im Autoradio höre, drehe ich laut auf und muss aufpassen, nicht aus dem Sitz zu heben. Eine Explosion von Energie und Rhythmus. Beim Refrain drehe ich dann doch wieder etwas zurück, Antonella Ruggieros Stimme ist einfach zu stark. „Die schreit ja!“, moniert meine Tochter, während ich meine Begeisterung mit ihr teilen will. „Die konnte eben noch singen“, gebe ich zurück und verweise zum Vergleich auf die heute scheinbar unvermeidliche Technik der künstlichen Stimmverstärkung, Autotune genannt. Wie Malen nach Zahlen ist Singen plötzlich für alle machbar. Auch Remixe laufen Gefahr, Misstöne anzuschlagen, insbesondere dann, wenn man sich gut an das Original erinnert und es liebte. Aber ich finde, Bob Sinclar ist mit „TI SENTO“ eine moderne Interpretation gelungen, die den Sommerhit aus dem Jahr 1986 respektvoll ins Heute holt.

Ob ich diesen international erfolgreichsten Titel der Gruppe Matia Bazar in der DDR kannte? Gute Frage. Mein Schwager, der damals als „Staatlich geprüfter Schallplattenunterhalter“ auflegte, hatte ihn jedenfalls auf Band. Aber das wundert mich nicht, in Westdeutschland war der Song im September 1986 auf Platz 11 der deutschen Hitparade und 40 Prozent Westmusik durften bekanntlich auch in ostdeutschen Diskoteken gespielt werden.

Mi ami o no?“ ‒ „Liebst du mich oder nicht?“, lautet die große Frage im Lied. Nun habe ich keine heimliche Flamme oder alte Liebe, der ich nachtrauere, aber ein solcher Refrain passt für mich genauso gut als Methapher für das Leben an sich. Es ist keine bange Frage, sondern eine mit Selbstbewusstsein geäußerte Einladung, wenn es weiter heißt:

Ti sento. Vorrei incontrarti.” Ich kann dich spüren. Ich möchte dich treffen.

Ich bin bereit.

Habt ihr eine Hymne fürs neue Jahr?

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Südfrüchte

Das Lebensmittelbeschaffungsmanagement in einem mehrköpfigen Haushalt funktioniert so lange reibungslos, wie es einen Manager gibt, der das Sagen hat. Er kennt die individuellen Wünsche und betreibt eine ausgeklügelte Vorratswirtschaft, die alle akzeptieren. Sind die Haushaltsmitglieder jedoch im Teenageralter, kommt jeder noch so bravouröse Lebensmittelbeschaffungsmanager irgendwann an seine Grenzen. Die kulinarischen Vorlieben Heranwachsender ändern sich ständig. Ich vermute sogar, über Nacht. War wochenlang das weiße Sojajoghurt der Renner, steht der Teenager eines Morgens auf und verlangt nach griechischem Joghurt, fettfrei. Der flexible Vorratsbeschaffer stellt sich schnellstmöglich um. Er beschafft das Gewünschte, aber ehe er sich versieht, bleibt der griechische fettfreie Joghurt schon wieder stehen. Mittlerweile gibt es den High-Protein-Hype und entsprechende Joghurts und Cremedesserts, die der Teenager begehrt.

Ihr habt sicher verstanden, dass in unserem Haushalt ich die Rolle des geplagten Beschaffungsmanagers spiele. Aus purer Verzweiflung befasste ich mich neulich mit diesen Smart Kühlschränken, die Einkaufslisten automatisch erstellen, weil sie den Verbrauch erkennen und wissen, was gewünscht ist. Leben Teenager im Haushalt, müsste eine hyperintelligente KI aber so schlau sein, deren wechselnde Vorlieben voraussagen zu können. Das traue ich auch der neuesten Technik nicht zu. (Mit meiner smarten Waschmaschine stehe ich noch immer im Wettstreit, wer das letzte Wort hat.) Was kann ich also tun? Wenn ich etwas hasse, sind es Joghurtvorräte, die sich dem Verfallsdatum nähern. Dann bin ich es nämlich, die ungeachtet ihrer eigenen Geschmackspräferenzen in den sauren Apfel beißen und den verschmähten Joghurt auslöffeln muss. Manchmal tröstet es uns Teenagereltern, dass es Leidensgefährten ähnlich geht. Jan Weiler berichtet in „Älternzeit“*, dass sogar sein zwanzigjähriger Sohn ‒ so bezeichnetes Exemplar eines Spät-Pubertiers ‒ mit der Versorgung im Hotel Papa nicht zufrieden ist:

„Nick ist eine Art Ein-Mann-Verbraucherschutzorganisation und beklagt sich ununterbrochen. Zum Beispiel fordert er plötzlich Bananenjoghurt. Dabei habe ich gerade erst tonnenweise Kirschjoghurt rangeschafft, auf sein Geheiß natürlich. Und jetzt beklagt er sich darüber, weil er erst Kirsch vertilgen muss, bevor es Banane gibt. Er findet daher, er lebe in einer Diktatur.“ (S. 135)

Dass immer ich es bin, die die Vorräte vor dem Verfall rettet, liegt vermutlich auch an meiner Ostsozialisation. Schließlich erinnere ich mich gut, dass Joghurt so etwas wie eine Delikatesse war. In Bezug auf die mangelnde Verfügbarkeit. Es gab dieses dünnflüssige, süßlich saure Gemisch, das sich Joghurt nannte (und vermutlich im Vergleich zu vielen heutigen abenteuerlichen Rezepturen ein solches war), in kleine Milchflaschen abgefüllt. Zwei Sorten: weiß und rosa. Ob letzteres als Kirsch-, Erdbeer- oder einfach nur Fruchtgeschmack beworben wurde, weiß ich nicht mehr. Werbung war ohnehin unnötig. Es sprach sich rum, wenn es Flaschenjoghurt gab.

Südfrüchte sind eine weitere Lebensmittelkategorie, die bei pubertären Mitspeisenden gern in der Kritik steht. Nun darf ich Obst im Supermarkt leider nicht verkosten, und vom äußeren Erscheinungsbild her unterscheiden sich die verschiedenen Sorten Mandarinen, Clementinen und Orangen nur marginal. Da passiert es häufig, dass ich einmal einen Volltreffer lande und die Früchte hochgelobt und schnell verspeist werden. Wenn ich sie dann wiederbeschaffen will, kommt mir eine andere Qualität in den Korb und ich werde beschimpft. Die sind so trocken. Die haben so viele Kerne. Das sind aber nicht die vom letzten Mal. Nein, sind sie nicht. Es tut mir leid, sie sahen genauso schön aus. Und zack, bleibe ich auf dem Kilo Südfrüchte sitzen. Ein harter Schlag, insbesondere für mich, die ich in der Kindheit von Kubaorangen gelebt habe, die nur dem ersten Teil ihres Namens Ehre machten. Orange waren sie nicht. Sie waren gelb oder gelbgrün, trocken und strohig. Wenn es einmal zur Weihnachtszeit in Berlin richtige Apfelsinen gab, die orange waren und saftig und womöglich ganz ohne Kerne, dann war das der Himmel auf Erden. Und ich wusste, dass meine Mutter sie mit Glück sprichwörtlich erstanden hatte und nicht einfach drei Tage später erneut in die Hauptstadt fahren konnte, um Nachschub zu holen. Ich musste mich wieder mit den landwirtschaftlichen Ersatzerzeugnissen aus dem sozialistischen Bruderland zufriedengeben.

Was Obst betrifft, haben auch italienische Familienväter von heute ihre Probleme bei der Vorratswirtschaft. Ein Kollege berichtete in der Kaffeepause, dass die gelben Äpfel bei seinen Kindern plötzlich nicht mehr gefragt seien, nachdem er zwei Stiegen günstig erworben hatte. Jetzt sollten es die rotgrünen sein. Deshalb bringt er nun jeden Tag zwei gelbe Äpfel mit ins Büro. Beim Thema Äpfel gehen bei mir sämtliche Erinnerungslampen an. So gab ich den staunenden italienischen Kolleginnen und Kollegen zum Besten, wie das in meiner Kindheit mit der sozialistischen Planwirtschaft war. Der kleine Laden neben unserer Kaufhalle nannte sich „Obst, Gemüse, Südfrüchte“. Südfrüchte hätte man korrekterweise aus dem Namen streichen sollen. Er führte ganzjährig das gleiche Sortiment aus einheimischen Gefilden: (gelbe) Äpfel, Weiß- und Rotkohl. Also nicht, dass bei uns im Osten alles grau und eintönig war. Das Grundsortiment in den Regalen bildeten mehrfarbige Konserven. Wenn es mal frisches Obst oder Gemüse anderer Sorten gab, so erkannte man das daran, dass sich eine Schlange vor dem Geschäft bildete. Die Verkäuferinnen hatten dann ein paar schwere Stunden, in denen sie richtig schuften mussten. Manchmal verkürzten sie sich selbst ihre Leidenszeit, indem sie die Tomaten, Pfirsiche oder Kirschen nicht kiloweise in Papiertüten, sondern gleich in ganzen Stiegen abgaben. Sehr zum Verdruss derjenigen, die sich ganz hinten angestellt hatten und am Ende gar nichts mehr abbekamen.

Die Italiener lachten und schüttelten mit dem Kopf, aber den eigentlichen Knaller aus der DDR-Vergangenheit hatte ich noch gar nicht erzählt. Um die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung mit saisonalem Obst und Gemüse zu sichern (während die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften mit dem Anbau und/oder die volkseigenen Handelsgesellschaften mit der Verteilung nicht zurechtkamen), regte man die kleingärtnernde Bevölkerung an, ihre den Eigenbedarf übersteigende Ernte in den Geschäften abzugeben. Zu einem attraktiven Ankaufspreis, versteht sich. Die Kleingärtner brachten also einen Korb Erdbeeren, Johannisbeeren oder Pflaumen hinten ins Geschäft, der dann vorne an die interessierte Bevölkerung abgegeben wurde. Zu einem attraktiven Verkaufspreis, versteht sich. Also günstig. Wenn der Lieferant drei Mark Fuffzig für das Kilo Obst bekam, kaufte es der Kunde für zwei Mark vorne im Geschäft. Ich kannte jetzt keinen der Akteure persönlich, kann mir aber vorstellen, dass so mancher Produzent hinten verkaufte und den Sohn oder Nachbarn seine eigene Ware vorne zurückkaufen ließ.** Dass das ganze System nicht von Grund auf versagte, war der Ehrlichkeit oder dem Gemeinschaftssinn (behaupte ich jetzt mal) unserer ostdeutschen Landsleute zu verdanken. Meine italienischen Kollegen grinsten nur ungläubig und dachten sich ihren Teil.

Während ich heute die Qual der Wahl und im Supermarkt jedes Mal Sorge habe, ob ich auch das „Richtige“ mitnehme, mussten DDR-Verbraucher im richtigen Moment im richtigen Geschäft aufkreuzen, wenn sie etwas Bestimmtes begehrten. Planwirtschaft auf Haushaltsebene hat immer ihre Tücken. Bitte bewerft mich nicht mit Tomaten, aber in sehr schwachen Momenten wünsche ich mir in Sachen Versorgung für meine Kinder die Zeiten meiner Kindheit zurück. Des Familienfriedens wegen. Lamenti ums Einkaufen, wie oben beschrieben, gibt es nämlich erst heute, wo es alles gibt.

*Jan Weiler: Älternzeit, Wilhelm Heyne Verlag, 2023.

**Mehr zur ostdeutschen Kleingartenkultur und ihrer Rolle in der Planwirtschaft lest ihr hier beim MDR: DDR-Kleingärten: Parzellen des Glücks.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels

Das Glück in fünfhundert Teilen

Puzzeln ist der sinnloseste Zeitvertreib von allen, aber es macht glücklich. So hieß es sinngemäß in einem Artikel, den ich vor einiger Zeit las. Das könnte mir nicht passieren, dachte ich damals. Schließlich möchte ich meine freie Zeit sinnvoll nutzen. Etwas mühevoll zusammenbauen, um es anschließend zu zerstören? Sisyphus lässt grüßen. Nicht mit mir!

Doch dann hatten wir diese Weihnachtsferien, in denen wir nicht verreisen konnten. Und eine Tochter, deren Bewegungsdrang wir im Zaum halten mussten, ihrer Gesundheit zuliebe. Sie selbst hatte sich ein Puzzle gewünscht, ein richtiges diesmal. Die Kinderdinger waren schließlich immer ruckzuck zusammengesetzt. Fünfhundert Teile statt läppischer einhundert sollten es sein. Als die Teile am Tag nach der Bescherung auf dem Tisch ausgebreitet lagen und die Tochter nach einer halben Stunde aufgab, breitete sich das Puzzlefieber in der ganzen Familie aus. Der Papa begann – wozu jobbt man in Business Intelligence – mit den Ecken. Mich packte der Ehrgeiz, den Rahmen zu vollenden. Dafür brütete ich anderthalb Stunden. Suchte verbissen nach dem rechten oberen Flügel des kleinen gelben Schmetterlings und der lila Blüte vor graugrünem Balken. Am nächsten Tag wechselten wir uns ab. Ständig zog es einen von uns an den Tisch. Sogar die Große, an familiärer Gemeinschaftsarbeit derzeit eher marginal interessiert, fühlte sich herausgefordert. Zwei oder drei Teile fügte sie lässig im Vorbeigehen ein und warb anschließend um Applaus. Der Papa verbrachte ganze zwei Nächte am Tisch über das Puzzle gebeugt, statt wie üblich auf der Couch vorm Fernseher. Er war es, der die neun Katzenschnauzen zusammensetzte und sie ihrem richtigen Platz zuordnete. Sinnloser Zeitvertreib? Mitnichten. Team-Building, beruhigende Geduldsprobe und Konzentrationstraining, das mit kaum mehr gekannten Erfolgsgefühlen und Zufriedenheit belohnt wird. Auch und gerade in Zeiten, in denen man im Alltag manchmal verzweifeln möchte. Als nur noch um die dreißig Teile fehlten, beschloss der Papa, aufzuhören. Wir wetteten, die Kleine würde am nächsten Morgen das Bild beenden. Als ich früh aus dem Schlafzimmer in den Wohnbereich schlich und sie nicht auf der Couch lümmeln, nicht in der Küche hantieren und nirgends auf dem Boden turnen sah, konnte ich mir einen Jubelschrei nicht verkneifen. Bravissima! Sie setzte gerade zufrieden grinsend die letzten zwei Teile in die richtige Position und hatte mit dem Frühstück wie vereinbart auf mich gewartet.

Und jetzt? Haben wir das Bild erst einmal in den Schrank verfrachtet. Auflösen können wir es immer noch, schließlich haben wir ein zweites neues Puzzle mit fünfhundert Teilen bereitstehen. Ich glaube, das Katzenmotiv war im Vergleich dazu einfach.

Puzzlefieber ist eine ansteckende Krankheit, die ich allen einmal wünsche. Sie verursacht auf jeden Fall ein gutes Gefühl und womöglich hilft sie sogar beim Gesundwerden.

Die ewig gleiche Frage

Das neue Jahr, was wird es bringen? Rund um den Erdball stellen sich Menschen dieselbe Frage. Dabei braucht es keinen Wahrsager, kein Horoskop und keinen lieben Gott. Es braucht uns und das neue Jahr wird das, was wir daraus machen. Für uns selbst, aber vor allem für die anderen, deren Leben und Wohlergehen wir mit unserem Tun beeinflussen, direkt oder indirekt, sei es in großem oder in noch so kleinem Maβe. Eine simple Wahrheit, die der italienische Lehrer, Journalist und Kinderbuchautor Gianni Rodari (1920-1980) in einem Kinderreim zum Ausdruck brachte, den ich hier gern mit euch teilen möchte. Ich hatte bereits an anderer Stelle (hier und hier) von dem Künstler geschrieben, der Kinder und Erwachsene bis heute mit seinen zeitlos aktuellen Werken begeistert. Ihm und seinen Texten begegnen wir immer wieder, was auch daran liegen mag, dass er ganz in unserer Nähe in Gavirate in der Provinz Varese aufwuchs. Am Haus, in dem er von 1930 bis 1947 wohnte, gibt es eine Installation und Gedenktafel für ihn:

In diesem Wohnhaus in Gavirate lebte Gianno Rodari und entdeckte im Kindesalter die Freude am Lesen.

L‘ anno nuovo di Gianni Rodari*

Indovinami, indovino,
tu che leggi nel destino:
l’anno nuovo come sarà?
Bello, brutto o metà e metà?

Trovo stampato nei miei libroni
che avrà di certo quattro stagioni,
dodici mesi, ciascuno al suo posto,
un Carnevale e un Ferragosto,
e il giorno dopo il lunedì
sarà sempre un martedì.

Di più per ora scritto non trovo
nel destino dell’anno nuovo:
per il resto anche quest’anno
sarà come gli uomini lo faranno.

Übersetzung:
Das neue Jahr von Gianni Rodari*

Wahrsage mir, Wahrsager,
der du das Schicksal liest:
Wie wird das neue Jahr aussehen?
Gut, schlecht oder halb und halb?

Ich finde, in meinen großen Büchern gedruckt,
dass es sicherlich vier Jahreszeiten haben wird,
zwölf Monate, jeder an seinem Platz,
einen Karneval und einen Ferragosto (Mariä Himmelfahrt),
und der Tag nach dem Montag
wird immer ein Dienstag sein.

Mehr als das finde ich bis jetzt nicht geschrieben
im Schicksal des neuen Jahres:
Im Übrigen wird auch dieses Jahr so werden
wie die Menschen es machen.

In diesem Sinne wünsche ich euch von Herzen alles Gute für 2024. Und vor allem wünsche ich euch Kraft und Mut, gemeinsam etwas Gutes daraus zu machen.

*Quelle: Text und Übersetzung (nur am Ende von mir leicht geändert) gefunden bei italiano-bello.com, einem sympathischen Onlineportal zum Erlernen der italienischen Sprache.

Titelbild: Der Vareser See, fotografiert am Neujahrstag 2023.

Winterzauber am Lago

L’italiano non ama il lago d’inverno“, kommentiert der italienische Gatte, während wir fast allein an der Seepromenade entlanglaufen. Der Italiener liebt den See im Winter nicht. Zu Unrecht, wissen wir, die wir zu jeder Jahreszeit gern an einem der oberitalienischen Seen in unserer Umgebung sind. Am Lago di Varese erlebten wir in diesem Dezember, der einige frühlingshafte Tage hatte, stimmungsvolle Sonnenuntergänge. Nur Enten und Schwäne bewegten die spiegelglatte Wasseroberfläche und schienen die Ruhe genauso zu genießen wie wir.

Bereits das dritte Jahr in Folge hüllen sich die Häuserfassaden in Porto Ceresio am Lago Ceresio (Luganer See auf italienischer Seite) im Dezember in ein märchenhaftes Farbenkleid. Als es im Jahr 2021 so still war, sandten die bunten Lichter einen Hoffnungsschimmer in den dunklen zweiten Pandemiewinter. Mittlerweile sollte sich das kostenlose Spektakel herumgesprochen und das Besucherinteresse zugenommen haben. Doch auch in diesem Jahr teilen zwischen den Feiertagen nur wenige Spaziergänger das wunderbare Erlebnis mit uns. Dabei gibt es von Mitte Dezember bis Anfang Januar entlang der Uferpromenade obendrein die „Passeggiata dei Presepi“, verschiedene originelle und liebevoll gestaltete Presepi (Krippen), zu bestaunen. Babbo Natale flitzt mit seinem Schlitten über den See, eine zur Bar umgebaute historische Fähre lädt zum Aperitivo ein und in Restaurants und Bars werden Pizza, Fisch und Mailänder Spezialitäten mit Seeblick serviert.

So sehr wir die exklusive Atmosphäre genießen, wünsche ich mir doch ein paar mehr Gäste für den zauberhaften kleinen Ort. Wenn die Italiener sich diese Idylle entgehen lassen, sind sie schön dumm. Ich gebe den Geheimtipp gern an meine deutschen Landsleute weiter, die spätestens zu Ostern wieder in Sandalen und Shorts bei gerade mal 18 Grad Höchsttemperatur an den Seepromenaden des Lago Maggiore, Lago Ceresio und Lago di Como zu erkennen sein werden. Norditalien hat auch im Winter und nicht nur in den Bergen seinen Reiz. Aber pst, das bleibt unter uns. Was wäre es sonst für ein Geheimtipp?

Titelbild: Porto Ceresio in Festbeleuchtung.

Teststation für Maria und Josef

Oder: Aufgearbeitete Erinnerungen

Was haltet ihr davon, das ewige Fest der Liebe einmal trendgerecht nachhaltig zu gestalten. Wie wäre es zum Beispiel, bislang nicht zum Einsatz gekommene Geschenke vom vergangenen Jahr in das aufgebügelte Geschenkpapier einzuschlagen und erneut unter den Baum zu legen? Statt neue Spiele zu kaufen, endlich mal all die vorhandenen hervorzuholen? Die Mehl- und Trockenhefevorräte vor dem Verfall zu retten und selbst Pizzateig auszurollen und Brot zu backen, wie damals, zu Coronazeiten?

Jetzt spinnt sie aber, werdet ihr sagen! Na gut, ich höre auf. Lasst mich bitte nur noch schnell eine originelle Weihnachtsbastelei zeigen, die dem Recyclinggedanken allerhöchste Ehre macht. Ich nenne sie die Kronenkrippe. Wenn man Corona aus dem Italienischen übersetzt, ist das nämlich die „Krone“. Weshalb hier auch landauf, landab Gasthäuser und so manches Hotel diesen in Missgunst gefallenen Namen tragen. Habt ihr es auf dem Titelbild bemerkt? Schaut mal ganz genau hin: Die Hütte ist aus (abgelaufenen, unbenutzten) Covid-19-Teststäbchen gezimmert. Ich fand und fotografierte diese Krippe im Wartezimmer beim Kinderarzt, aber auch im nichtmedizinischen Ambiente macht sie sich gut, findet ihr nicht?

In diesem Sinne wünsche ich allen meinen Leserinnen und Lesern unbeschwerte, kreative und hoffentlich coronafreie Feiertage! Vielleicht auch mit bereits vorhandenen Dingen, die zu diesem Anlass wieder blankpoliert oder aufgearbeitet werden.

Un buon Natale sostenibile!

Frohe nachhaltige Weihnachten!

Socken für die Vorderfüße

Kurz vor Weihnachten begebe ich mich regelmäßig auf die Suche nach Kleinigkeiten, die ich meinen Lieben, die schon alles haben, noch mit unter den Baum packen kann. Als Alternative zu den obligatorischen Socken dachte ich diesmal an Strickwerk für die Hände. Das tragen wir nämlich kaum noch ‒ sei es, weil es bei uns nie so richtig kalt ist, oder weil es den jungen Leuten gemäß nicht zum Outfit passt. Aber man weiß im Dezember noch nicht, wie tief die Temperaturen im Januar und Februar sinken. Die dicken Fäustlinge aus Kinderzeiten dürfte ich ihnen nicht anbieten, wenn es richtig kalt würde. Deshalb war es für mich beschlossene Sache, auf Nummer Sicher zu gehen und neue, modischere Teile anzuschaffen.

Als ich neulich mit meiner Großen über den Vareser Weihnachtsmarkt (eine Handvoll Buden mit Lebensmitteln und ein paar Kleinigkeiten, nicht, was ihr euch vermutlich ausmalt) schlenderte, sagte ich mir: Pfeif auf die Überraschung! Lass sie lieber selbst aussuchen. Also schob ich sie an den Stand, wo es Hüte, Socken, Schals und Tücher gab. Und einen Drehständer mit diesen Dingern, die ich ihr aufschwatzen wollte. Guanti, so heißen sie in Italienisch. Das klingt schön melodisch, wenn auch nicht ganz so vornehm wie Gloves im Englischen. Ich sprach deutsch mit meiner Tochter, also bat ich sie: „Such dir doch bitte ein paar Handschuhe aus, die zu deinen Jacken passen.“ Entgegen meiner Befürchtung, sie würde den Vorschlag mit einer abschätzigen Bemerkung in den Wind schlagen, lachte sie herzhaft auf. „Mami, ich weiß ja, dass Guanti auf Deutsch Handschuhe heißen. Aber ist das nicht saukomisch? Schuhe für die Hände!“ So hatte ich das noch gar nicht gesehen und gab zurück: „Du hast recht, kuschelweich und bequem klingt das Wort nicht gerade.“ Der Verkäufer schaute uns derweil irritiert an und dachte wohl, wir würden uns über seine Ware lustig machen. Als wir am Ende drei Paar Guanti mitnahmen, lächelte auch er. Ich schwang zufrieden den Einkaufsbeutel und war froh, dass die Handschuhe keine Schuhe waren, sondern leicht nach Hause und später bequem an den Händen zu tragen wären.

Eine Frage hätte ich da noch: Diese minimalistische Variante ohne Vorderteil, wo die Finger rausgucken, sind das dann Handsandalen? Was mich gleich auf eine Idee bringt: Eine Sommerversion der Handbekleidung wäre doch mal schick und könnte sogar einen Sinn haben. Wie Wolle vor der Kälte, würde ein Hauch von Seide die Haut vor übermäßiger Sonne schützen. Schließlich sind unsere Hände den Strahlen ständig ausgesetzt, jede Stunde, die wir unter freiem Himmel verbringen. Wer denkt schon im Alltag an Sonnencreme für den Handrücken? Auch beim Eincremen der Arme auf dem Liegestuhl höre ich am Handgelenk auf. Anschließend wasche ich die Hände, wenn möglich, sogar noch gründlich ab, damit sie nicht kleben und ich mein Buch anfassen kann. Da sollte mal ein findiger Erfinder drüber nachdenken, findet ihr nicht?

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Großes Kino

Zu Zeiten von Netflix und Prime und Sky und Mediatheken, ganz zu schweigen von all den Streamingdiensten, deren Namen ich gar nicht kenne, gehen wir selten ins Kino. Ein-, höchstens zweimal im Jahr mit den Kindern, und seit sie lieber mit Freundinnen unterwegs sind, schaffen wir selbst das nicht mehr. Doch in diesem Jahr gab es Barbie. Okay, kennt ihr. Und nun einen italienischen Überraschungserfolg. Kennt ihr nicht. Solltet ihr aber.

Schon bei der Ankündigung im Herbst wusste ich: Den will ich sehen. Im Kino. Was ich nicht wusste, war, ob ich meine Familie dazu überreden könnte. Ein Schwarz-Weiß-Film, der in Rom nach dem Zweiten Weltkrieg spielt und so wie die Filmklassiker aus jener Zeit daherkommt. Künstlerisch ambitioniert und dialektal gefärbt. Aber die Regisseurin und gleichzeitige Hauptdarstellerin hatte es mir angetan. Es gibt diese Namen, die sind eine Garantie. Paola Cortellesi sehen mein Mann und ich regelmäßig im Heimkino, bei Sky und wie sie alle heißen, siehe oben. Meist sind es Komödien, viele davon mit einem gewissen Tiefgang. Eine begnadete Komikerin und hervorragende Schauspielerin. Eine attraktive Frau. Und jetzt, mit fünfzig, gibt sie ihr Regiedebüt und übertrifft mit ihrem ersten Werk gleich alle Erwartungen. Ende Oktober hatte „C’è ancora domani“ (deutsch sinngemäß: Es gibt immer ein Morgen) Premiere und sorgte sofort für volle Kinosäle und Präsenz in allen Medien. Eine Freundin war hin und weg und fragte, wann wir gehen würden. Doch uns kam immer etwas dazwischen. Mal konnte der eine nicht, mal wollte die andere nicht. In der Zwischenzeit brach der Film alle Rekorde und gehört bereits zu den zehn erfolgreichsten italienischen Kinofilmen aller Zeiten. Im laufenden Jahr 2023 sahen ihn bereits mehr Italiener als den Blockbuster „Oppenheimer“*. Cortellesis Film erhielt mehrere Auszeichnungen beim Festa del Cinema di Roma. Die Künstlerin führt Interviews rund um den Globus, zuletzt für die New York Times. Der Film thematisiert auf tragikomische Weise und im Stil des großen italienischen Nachkriegskinos häusliche Gewalt gegen Frauen und ihren Kampf um gesellschaftliche Gleichberechtigung. „Ha toccato un nervo scoperto“ (er trifft einen offenliegenden Nerv), begründete Cortellesi im Interview für die New York Times den Erfolg ihres Stoffes, der sie in dieser Gröβenordnung selbst überrascht hat. Strazziante e edificante, wie es in der italienischen Übersetzung im besagten Artikel** heißt, trifft es meiner Meinung nach genau. Eine Erzählung, herzzerreißend tragisch und ermutigend zugleich. Auch oder gerade weil man konstatieren muss, dass in über siebzig Jahren in Italien zwar Rechte und Gesetze im Sinne der Gleichberechtigung geschaffen wurden und sich die Möglichkeiten für Frauen im Hinblick auf berufliche und politische Karriere verbessert haben, die Mentalität sich aber noch lange nicht von patriarchalischen Mustern befreit hat. Ein Film zur richtigen Zeit, denn die Gesellschaft ist reif für Veränderungen. Nehmt mir das Vorgreifen nicht übel, aber ich MUSS euch diesen Film empfehlen, noch bevor er in deutsche Kinos kommt. Schauspielerische Glanzleistungen (an der Seite von Paola Cortellesi in der Rolle der Delia interpretiert Valerio Mastandrea den gewalttätigen Ehemann) und neben der zuweilen tänzerisch choreografierten Brutalität immer wieder feinfühlig inszenierte komische Momente, die tief in die Seele der italienischen Nachkriegsgesellschaft blicken. Ein mysteriöser Brief und die überraschende Auflösung seines Rätsels führen zu einem hoffnungsvollen Ende mit Symbolkraft. Großes Kino.

Ich bin froh, dass wir es noch geschafft haben und alle vier ins Lichtspieltheater gegangen sind. Filme wie „C’è ancora domani“ muss man auf der großen Leinwand sehen.

Zum Weiterlesen:

Einen guten deutschsprachigen Artikel zum Film und zu seinem grandiosen Erfolg in Italien gibt es hier bei der NZZ.

**Interview in der New York Times. “I wanted to make a contemporary movie set in the past …”, wird Cortellesi zitiert. Lest den ganzen Artikel hier. In english, of course.

*Quelle: mymovies.it.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Der richtige Dreh

Fünfzehn Jahre ist es her, da konnte der Chefkoch nicht widerstehen und erwarb ein magisches Haushaltsgerät für die Zubereitung norditalienischen Maisbreis. Am 11.11.2008 war das. Wir wissen es so genau, weil der Kassenbon noch im Karton liegt. Nach der Anschaffung verbrachte der Paiolo (Kessel) diese fünfzehn Jahre in unserem Keller. Keinen Gedanken hatten wir mehr an ihn verschwendet. Ein einziges Mal stand der klassische Henkeltopf aus Kupfer auf unserem Herd. Früher hingen sie wohl über dem offenen Feuer, Oma saß mit dem großen Rührlöffel daneben und rührte sich die Seele aus dem Leib. Heutzutage wollen es Chefköche leichter haben. Deshalb ist der moderne Kessel nicht nur ein Kessel, sondern ein Elektrogerät. Mit einem Motor fürs Rühren. Das Kochen und Rühren eines ordentlichen Maisbreis dauert mindestens eine halbe Stunde, ist sozusagen „un po lenta“ (ein bisschen langsam). Vielleicht rührt daher der Name Polenta?

Für Elektrogeräte fühlt sich zu meinem Glück mein Mann zuständig, zumal für solche, die auf seinen Wunsch angeschafft wurden. Ich hatte keine Ahnung, dass es diese Polenta-Rührkessel überhaupt gibt. Außerdem bin ich kein großer Fan des traditionellen Arme-Leute-Essens. „Non mi fa impazzire“, ich bin nicht verrückt danach. Es reicht mir, wenn wir zweimal im Winter einen Teller Polenta irgendwo in einem Lokal oder in einer Berghütte essen. Den Brei finde ich ein wenig langweilig, dafür kann das Obendrauf sehr lecker sein: Gorgonzolakäse oder Brasato, ein weich geschmortes Rinder- oder Wildfleisch, vor dem Schmoren gern in Rotwein mariniert.

Als ich neulich, der kulinarischen Abwechslung halber, Maismehl für Polenta kaufte, dachte ich, ich würde sie im normalen Topf köcheln und hin und wieder umrühren. Doch meinem Gatten fiel ein: Wir haben einen Kessel!

Ich warnte ihn: Es gab einen Grund, dass wir den Topf in den Keller verbannt hatten. Erinnerst du dich, was das Problem war? Irgendetwas funktionierte ganz und gar nicht, wie du es gedacht hattest.

Ich meinte: Bitte lass nicht noch einmal etwas anbrennen, dann rühre ich lieber selbst.

Mein Mann beruhigte mich und versprach, das Risiko einzukalkulieren und nicht verrücktzuspielen, wenn das Experiment ein weiteres Mal schiefginge.

Auch wenn der Paiolo gut verpackt gewesen war, zerlegten wir ihn in alle Einzelteile, um sie gründlich zu reinigen. Als mein Mann das Motorstück in der Hand hielt, hörte ich ein triumphierendes „Das ist es!“ durch die Küche schallen. Die Erinnerung war zurück: Der Rührstab hatte damals nur in der Mitte gearbeitet und einen breiten Rand ungerührt gelassen, was den ganzen Brei verdorben hatte.

Die Gebrauchsanleitung liegt bei dem Schweizer Gerät nur in Deutsch bei. Vermutlich hatten wir sie damals nicht gelesen. Mein Mann hatte es nicht für nötig gehalten, ich keine Lust und volles Vertrauen in den Techniker und seine Intuition gehabt. Jetzt lese ich das Faltblatt aufmerksam. Da stehen so hilfreiche Warnhinweise wie: „Das Gerät nicht barfuß benutzen.“ Unseres Rätsels Lösung steht aber nicht geschrieben, sondern lässt sich aus einer Zeichnung erkennen, die drei Durchmesser zeigt. Es gibt den Kessel in drei Größen! Der Rührstab ist für alle Geräte derselbe, seine Breite lässt sich mit einer Schraube regulieren. Wir hatten nicht an der Schraube gedreht. Damals, beim ersten Versuch.

Jetzt haben wir den Dreh raus. Es reichte, an einer Schraube zu drehen. Wenn es doch mit anderen Dingen im Leben so einfach wäre.   

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.