Ja! Es ist ein Nein.

Wer mich heute Nachmittag im Auto sah, konnte denken, ich hätte im Lotto gewonnen. Der sah nämlich, wie ich mit der rechten Hand (die linke am Lenkrad) in der Luft ruderte und „Ja!“ jubelte. Ich freute mich über das Nein. Im Radio hatte es in den 16-Uhr-Nachrichten gerade geheißen, dass das Ergebnis des Referendums an dieser Stelle feststünde. Weit mehr als die Hälfte der abgegebenen Stimmen gegen die vorgeschlagene Justizreform. Die hätte der Politik größeren Einfluss auf die Rechtsprechung eingeräumt, Idee der rechten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Ihr zufolge (mein Mann bestätigte diese weitverbreitete Auffassung) gäbe es nämlich zu viele linke Richter und Staatsanwälte. Das geht doch nicht! So einen Missstand sollte die Politik in ihrem Sinne beseitigen und mehr Einfluss auf Personalentscheidungen haben, meinte also Melonis regierendes, rechts-konservatives Dreiparteien-Bündnis.

Nun also eine klare Niederlage. Da nutzte auch die temporäre Steuersenkung für Diesel und Benzin nicht, per Dekret am Mittwochabend vor dem Referendum für zunächst 20 Tage angesetzt. Ein niedrigerer Spritpreis als Schachzug der Regierung, die Wähler auf ihre Seite zu ziehen, interpretierte mein Mann. Wir sind doch hier nicht in Deutschland, wo die Tankstellenpreise tagelang die Debatte dominierten, hoffte ich.

Ihrem Vater – ich durfte als deutsche Staatsbürgerin nicht abstimmen – erklärte die große Tochter im Vorfeld, worum es bei dem Referendum ging. Am Gymnasium hatte es eine entsprechende Infoveranstaltung für den ältesten Jahrgang gegeben, auf der jeweils ein Vertreter für Ja und einer für Nein zum Reformvorschlag zu Wort kam. So konnten sich die jüngsten Stimmberechtigten eine eigene Meinung bilden. Gute Sache, da muss ich die Schule einmal loben. Hier verweise ich für nähere Hintergründe gerne auf den Spiegel („Machtprobe für Meloni“) und freue mich heute noch ein bisschen über und für die Italiener.

Frühlingsgedanken

Nachdem ich hier im Oktober von Herbstgedanken schrieb, ist es Zeit für das Pendant: Frühlingsgedanken. Halt! Hieß es nicht Frühlingsgefühle? Nein, ich rede nicht von den leise prickelnden oder lautstark überschäumenden Gefühlsanwandlungen der Jugend. Auch in späteren Jahren hat der Frühling eine einzigartige Kraft, die Seele versöhnlich, wenn nicht gar optimistisch zu stimmen. Vor allem dann, wenn es schon länger nicht tutto paletti läuft. Wo das Vertrösten auf ein Irgendwann und Durchhalteparolen kaum noch helfen, freue ich mich über hoffnungsvolle Botschaften der Natur. Wie die einer rosafarbenen Hyazinthe auf unserem Balkon. Sie kam dieses Jahr scheinbar aus dem Nichts. Dabei glaube ich nicht an Wunder. Ich weiß, dass ich vor Jahren die Zwiebel in den Kübel gesteckt haben muss. Dann habe ich sie vergessen. Im vergangenen Jahr wuchsen nur Blätter ‒ dünn, viel zu lang, keine Blüte. Und tatsächlich war das Jahr 2025 kein gutes. Dass das kleine Pflänzchen nun Anfang März einen strahlenden Farbklecks in die noch wintergraue Kulisse setzt, das interpretiere ich gern als Botschaft. Nämlich die, nie die Hoffnung zu verlieren. Wunder geschehen vielleicht doch, wie Nena wusste.

Frühjahrsputz und Gärtnern hatte ich im April geplant, aber neben der schönen Hyazinthe konnte ich die verrotteten Pflanzen vom Vorjahr nicht mehr sehen. Am Sonntag krempelte ich die Ärmel hoch, putzte nach den Blumenkästen gleich noch Balkon und Fenster, wir holten Tisch und Stühle raus und feierten den Frauentag ohne Mimosen mit Gegrilltem auf dem Balkon. Alles ist relativ, stellte ich fest: Froren wir letzte Woche noch ohne Heizung bei 17 Grad in der Wohnung, waren es jetzt wieder kuschelige 21 Grad. Und wir? Wir setzten uns bei 16 Grad an die frische Luft! Nach dem Essen holte ich eine Decke und das Strickzeug raus. Wie im Frühjahr 2020, musste ich denken und war irritiert, dass es eine angenehme Erinnerung war. Auch damals hatten wir aus Nichts das Beste gemacht und bei den ersten Sonnenstrahlen auf dem Balkon gesessen. Die Ausnahmesituation sollte noch viele Monate dauern, aber das Schlimmste war überstanden. Ein Jahr später blühte es an allen Werbetafeln: „L’Italia rinasce con un fiore“ (Italien wird wiedergeboren, mit einer Blume) war die emotionale Einladung zum Impfen und tatsächlich der Ausweg aus der Pandemie.

Ich weiß, ich schreibe hier um den heißen Brei, aber das, was uns gerade passiert, ist nichts, was ich auf dem Blog erzählen kann. Ich danke allen Freunden und Verwandten, die eingeweiht sind. Ich danke ihnen, die mir schon durch Zuhören helfen, auch wenn sie nicht viel tun können. Und dann gibt es sogar Menschen, die versuchen es. Machen einen Vorschlag, der dir die Sprache verschlägt, weil du es gar nicht glauben kannst. Wie die Bekannte, die uns im Sommer spontan ein praktisches Hilfsangebot unterbreitete. Dass wir es nicht angenommen haben, lag nicht an uns, sondern an der, die sich nicht helfen lassen will, es damals nicht konnte. Ich bin immer noch verlegen, wenn ich daran denke. Und glücklich. Solche Gesten machen Hoffnung, wie es sonst nur der Frühling kann. Gut, dass er jetzt da ist. Arbeit und Sport sind immer noch die beste Medizin ‒ Frühjahrsputz ist beides in einem. Und die beste Therapie sind die Menschen, denen ich manchmal mein Herz ausschütten darf.

Sanremo – ein Selbstversuch

Nachdem ich im vergangenen Jahr komplett auf Sanremo verzichtet hatte (was ich stattdessen in Berlin erlebte, könnt ihr hier nachlesen) wollte ich mir das 76. Festival della Canzone Italiana komplett anschauen: fünf Tage beziehungsweise Nächte in Folge. Von Dienstag- bis Samstagabend dreht sich in Italien alles um das, was im legendären Teatro Ariston von Sanremo auf und hinter der Bühne abgeht. Ich habe mich der Herausforderung, jeden Abend den Fernseher einzuschalten, gestellt und berichte hier, wie es mir dabei ergangen ist.

Erster Abend 24.02.2026

18:00 Uhr im Supermarkt: Per WhatsApp-Nachricht bittet mich mein Mann, doch Campari und Prosecco für Sanremo zu besorgen. Noch an der Kasse texte ich zurück: „Einkauf erledigt, schaffst du ihn nach Sanremo? Aber sag mal, bezahlen die uns eigentlich für unseren Service?“ Noch vor dem offiziellen Start um 20.40 Uhr sitzen wir mit dem ersten Spritz und in der Erwartung, gut unterhalten zu werden, vor dem TV. Ich mag Laura Pausini als Sängerin, in der Rolle als Co-Moderatorin etwas weniger. Schöne Kleider trägt sie, von Armani, lese ich am nächsten Tag. Gleich der erste Wettbewerbsbeitrag geht ins Ohr, auch wenn Name der Interpretin und Titel zusammen eine irrwitzige Kombination bilden: Ditonellapiaga (Finger in der Wunde) singt „Che fastidio!“ (Wie lästig!). Stargast des Abends, erster Co-Co-Moderator oder wie man es nennen will, ist ein türkischer Schauspieler, der in Italien gerade mit der Hauptrolle in der Neuverfilmung von Sandokan bekannt geworden ist. Ich kenne ihn nicht und habe keine Lust auf ein Remake der Kultserie von 1976, die es sogar bis zu uns in die DDR geschafft hatte. An Kabir Bedi kommt er nicht ran. Dessen Auftritt gegen Ende der Sendung erlebe ich nicht mehr live. Es bewahrheitet sich meine Vorahnung als kleines Mädchen: Unsterblich verliebt in den Tiger von Malaysia, betrübte mich die Erkenntnis, dass uns nicht nur viele Jahre Altersunterschied, sondern auch Welten trennen. Die traf mich eines Abends auf dem Klo sitzend, und ich konnte mit dem Weinen nicht mehr aufhören. Diesmal ist es die späte Uhrzeit, die mir einen Strich durch die Rechnung macht. (Aber heutzutage kann man sich alles auch am Tag danach anschauen.) Kurz nach 23.00 Uhr heißt es, man wäre jetzt bei der Hälfte. Noch einmal fünfzehn Beiträge, unterbrochen von weiteren Themen, die gar nicht zum Thema gehören, warten immer noch hinter den Kulissen. Ich weiß nicht, wie lange mein Mann aufnahmefähig bleibt, ich streiche um 23.30 Uhr die Segel.  Hat denen noch keiner gesagt, dass dreißig (!) Songbeiträge zu viele sind? Nein? Dann erkläre ich es ihnen: Zwanzig Lieder täten es auch. Von mir aus zehn. Gut: Fünfzehn wären ideal.

Zweiter Abend 25.02.2026

Allein zu Haus. Gegen 20.30 Uhr habe ich mich am Handy in einem Newsletter der S. Fischer Verlage festgelesen und festgeschaut. Das Interview mit Judith Hermann und ein Video-Gespräch mit Nadine Schneider zu ihren Neuerscheinungen haben meine volle Aufmerksamkeit. Gedanklich liebäugele ich mit der Idee, den großen Bildschirm heute schwarz zu lassen. Dann rettet mich bzw. meinen Selbstversuch die Nachricht einer Freundin. Sie schickt mir den Link zur minutengenauen Programmplanung des Abends mit ihrer eigenen Wette, sie würde bis 23.00 Uhr wach bleiben. Augenzwinkernd gesteht sie mir, dass sie den Gast des Abends, Achille Lauro mag. Ich auch! Also quäle ich mich vom Sofa, und mit dem kombinierten Einsatz zweier Fernbedienungen und einer Kurzanleitung des Gatten am Telefon lande ich bei Rai Uno. Diesmal sehe ich den Beitrag von Ermal Meta, bei dessen Auftritt ich am ersten Abend abgebrochen hatte. Sein „Stella Stellina“ ist ein berührend poetisches, folkloristisch anmutendes Schlaflied für ein Mädchen ohne Namen, das symbolisch für alle getöteten Kinder von Gaza steht. Ermal Meta ist der Meister für emotionale Botschaften zum Zeitgeschehen. 2018 gewann er bei Sanremo im Duett mit Fabrizio Moro und der starken Hymne gegen den Terror in Europa „Non mi avete fatto niente“ (Ihr konntet mir nichts anhaben). Wird er auch beim Festival 2026 triumphieren? Der Gewinner der Herzen ist er auf jeden Fall.

Gut für mich und alle Frühzubettgeher am zweiten Abend: Nur 15 Gesangsbeiträge laufen in veränderter Reihenfolge zum Vortag. Dafür sind die Zwischeneinlagen länger und es zieht sich wieder hin. Am Ende habe ich immer noch nicht jeden der dreißig Titel zu sehen bzw. zu hören bekommen. Wieder gebe ich kurz vor 23.30 Uhr auf.

Dritter Abend 26.02.2026

Erschwerte Bedingungen. Nicht für die Sängerinnen und Sänger, sondern für mich. Eine Kopfschmerzattacke will mir den Abend verderben, aber ich werfe um 18.30 Uhr die magische Tablette ein, dann sollte es bis 20.30 Uhr besser sein. Mein Sportsgeist ist geweckt, gestern hat mir das Programm richtig gut gefallen. Wasser statt Prosecco ‒ aber hey, nur weil Sanremo ist, kann man nicht jeden Abend darauf anstoßen. Obwohl mein Kopf rechtzeitig wieder klar ist, kommt das Programm bei mir nicht an. Nicht die Gäste, nicht die Lieder. Schön, dass Laura Pausini irgendwann Michael Jacksons „Heal the World“ singt, gemeinsam mit dem berühmten Kinderchor „Piccolo Coro dell’Antoniano“ aus Bologna. Für Frieden kann man nicht genug plädieren, aber das wars dann auch schon wieder. Warum in diesem Kontext ausgerechnet ein russisches Topmodel ihre halbnackten Brüste zur Schau stellen muss? Nicht, dass Russ*innen mit ihrem herrschenden Diktator über einen Kamm geschoren werden sollen, aber hat Irina Shayk irgendetwas noch so kleines Aufopferungswürdiges getan, für den Frieden zum Beispiel, dass sie hier an diesem Abend auf der Bühne stehen darf? Das Auf-der-Bühne-Stehen bleibt das Einzige, was ihr dekorativ gelingt.

Was die Wettbewerbsbeiträge betrifft, habe ich noch immer keinen Favoriten. Diesmal fehlen Interpret*innen, für die mein musikalisches Herz schlägt. Weder Nek noch Tananai, Achille Lauro oder Francesca Michelin treten hier an. Doch, einer ist dabei: Raf, dessen Konzert mich im Sommer 2025 begeistert hatte. Er widmet das Liebeslied „Ora e per sempre“ seiner Frau. Das ist nett, aber nichts Besonderes. Es wird nicht für die Top Fünf reichen. Gelangweilt suche ich nach der minutiösen Programmplanung im Netz. Um 23.00 Uhr sind es schon zwanzig Minuten Verspätung. Als ausgerechnet beim Duett der Stargäste Eros Ramazotti und Alicia Keys ein technisches Problem (Alicia kann das Piano nicht hören) dazu führt, dass schon wieder in die Werbung geschaltet wird, gebe ich auf. Nein, aus Respekt warte ich ihren Auftritt ab, der gemeinsam interpretierte Song „L’Aurora“ ist vermutlich das künstlerische Highlight an diesem Abend. Aber dann: Gute Nacht!

Vierter Abend 27.02.2026

Vor dem großen Finale gibt es am Freitag traditionsgemäß den Abend der Coverversionen, an dem die teilnehmenden Interpreten im Duett mit anderen Künstlern einen großen, zumeist italienischen Hit interpretieren. Zur Abwechslung oder zum Beweis ihrer Vielseitigkeit. An diesem Abend wird ein Sieger gekürt, die Wertung geht aber nicht in die des eigentlichen Wettbewerbs ein. Da mir mein Mann gern das Original zum Cover vorspielt, wenn ich meine, es nicht zu kennen, sind wir mit dem laufenden Programm schnell dermaßen in Verzug, dass uns nicht einmal mehr das Überspringen der Werbung rettet. Ich kürze bereits die Diskussionen ab, ob ein älterer italienischer Titel, bei dem ich nicke, auch in der DDR zu hören war oder nicht, indem ich kurzerhand nein sage. Das Model des Abends, das diesmal tatsächlich mitmoderiert, ist Bianca Balti. Sie hat nicht nur eine kleider- und juwelentragende Rolle, sondern eine Botschaft: Es lohnt sich gegen den Krebs zu kämpfen und das Leben zu genießen. Im vergangenen Jahr auf der gleichen Bühne nach Chemotherapie noch ohne Haare, trägt sie jetzt einen nostalgisch-eleganten und gleichzeitig feschen Kurzhaarschnitt. Sie genießt es und strahlt in die Kamera. Welches der dreißig Duette beim Ausflug in die Musik-Geschichte gewinnt, erfahre ich am nächsten Morgen aus der Zeitung, ähem, im Netz. Wieder habe ich nicht bis zum Ende durchgehalten. Eine Vorahnung fürs Finale?

Fünfter Abend 28.02.2026

Spielplanänderung bei mir. Ich liege den ganzen Tag mit Kopfschmerzen flach. Da wir für den Abend noch Theaterkarten haben, müssen wieder meine magischen Tabletten und zwei doppelte Espressi her. Anschließend kann ich dem Monolog von Umberto Galimberti, Philosoph und Psychologe, zufriedenstellend folgen. Wieder daheim sieht mein Mann mich mitfühlend an und schlägt vor, statt des bereits laufenden Programms morgen in aller Ruhe das komplette Finale als Aufzeichnung zu sehen. Ich stimme enttäuscht aber erleichtert zu.

Und so sitzen wir am Sonntagnachmittag in Decken gehüllt und warmen Tee trinkend (diesmal fehlt nicht nur das warme Wasser, sondern auch die Heizung) auf dem Sofa. Anstelle eines Modells co-moderiert das Finale die nicht weniger attraktive TG1-Nachrichtensprecherin Giorgia Cardinaletti.  Wie die Werbung wurde in unserer Replay-Version auch die Unterbrechung mit den schlimmen neuen Nachrichten aus Nahost rausgeschnitten, die kommentierenden Worte im Anschluss können wir trotzdem einordnen. Cardinaletti stand so symbolisch für eine Doppelfunktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens: zu unterhalten und zu informieren. Nicht erst im Angesicht des eskalierenden Weltgeschehens kann der Komiker des Abends einpacken. So ging es mir auch mit seinen Kollegen an den Abenden zuvor. Flache Witze, zu denen Publikum und Moderator Carlo Conti wie verlangt lachen. Beispiel: Für eine der kommenden Sendungen wird ein 106-jähriger Mann angekündigt. Achtung, jetzt der Witz: Er wird in Begleitung seines Vaters kommen. Gut, dass wir vorspulen und überspringen können. Endlich sehe ich auch die letzten Liedbeiträge, die mir noch fehlen, darunter einen, der mir gefällt und für den ich am Ende hoffe, dass er das Rennen macht: Sayf, ein junger ligurischer Rapper und Liedermacher, mit „Tu mi piaci tanto“. Kein klassisches Liebeslied, wie der Titel (Du gefällst mir sehr) nahelegt, sondern eine subtile Offenlegung der Probleme der heutigen italienischen Gesellschaft. Und am Ende doch ein Liebeslied, an seine tunesische Mutter, die am Finalabend kurz auf die Bühne kommt, und an sein unperfektes Land Italien. Warum ich mich hier so lange beim Zweitplatzierten aufhalte? Weil ausgerechnet der Titel gewonnen hat, von dem ich es am wenigsten erwartet habe: Sal da Vinci mit „Per sempre si“. Ich will hier gar nichts weiter dazu sagen, oder nur: Geschmackssache. Googelt gerne selbst oder schaut ihn euch beim ESC in Wien an. Gut, dass wir gestern nicht bis nachts um zwei Uhr aufgeblieben sind.

Titelfoto: Sanremo 2012, Source: Wikimedia Commons, Author: Zdravko Petrov

Olympische Randnotizen

Von Olympia auf der Autobahn zu Olympia auf dem Sofa: Während ich die Sommerspiele Tokio 2020 auf der Reise von Italien nach Deutschland verfolgte, mit Geoblocking und Zeitproblemen kämpfend, hatte ich diesmal Heimvorteil. Milano-Cortina war nah dran, es begann schon mit der Olympischen Fackel, die drei Wochen vorher auch bei uns in Varese Station machte. Ein wenig leid tat es mir, mich nicht rechtzeitig um Karten für Mailänder Veranstaltungen gekümmert zu haben. Ein Olympischer Wettkampf im Eiskunstlaufen muss live in der Halle ein Gänsehauterlebnis wie mein geliebtes Geräteturnen sein. Mit weiser Voraussicht und ein wenig Sportsgeist hätte ich mich sogar als Freiwillige Helferin für die Spiele melden können. Mario Gargiulo war da unternehmungslustiger als ich. Mit seinen 89 Jahren hat er es bis auf die Bühne der Arena von Verona geschafft, wo er mit den Freiwilligen bei der festlichen Abschlussgala auflief. Nicht nur als ältester Helfer der Spiele, sondern auch, weil er als knapp Zwanzigjähriger schon in Cortina 1956 als Zuschauer dabei war und es nun siebzig Jahre später noch einmal wissen wollte.

Freunde in Deutschland fragten mich im Vorfeld, ob wir uns denn für Wintersport interessieren. Ehrlich antwortete ich mit nein, aber dann schaltete ich doch alle Tage zu. Olympia hat eine ganz eigene Magie. Wenn sich diese noch dazu vor der heimischen Kulisse entfaltet, kann ich mich diesem Reiz schwer entziehen. Eiskunstlaufen, abends zur besten Sendezeit, war für mich ein Muss. An den Wochenenden lief bei uns auch tagsüber immer der offizielle Olympiakanal. Und wir fieberten mit. Mit den Italienern, mit den Deutschen, mit allen. Besser als Veteran Mario Gargiulo kann man es nicht sagen:

Lo sport e un legame comune per tutti. Dopo un po’, anche se non conosci bene lo sport che stai guardando, finisci per appassionarti.  (Sport ist etwas, das alle verbindet. Auch wenn man sich mit der Sportart, die man gerade sieht, nicht gut auskennt, entwickelt man nach einer Weile doch eine Leidenschaft dafür.) (Quelle: Tgcom24)

Nun fällt es mir schwer, vollkommen untätig auf dem Sofa zu sitzen, aber zum Glück teile ich ein Hobby mit den Sportlern: Stricken. Immer mehr Athleten lassen in den Pausen zwischen den Wettkämpfen die Nadeln spielen. Der britische Wasserspringer Tom Daley machte es bei Tokyo 2020 vor, und mittlerweile hat die „Knitting Therapy“ viele Anhänger gefunden. Indem sich die Sportler mit gleichförmigen Handbewegungen auf wiederkehrende Muster konzentrieren, befreien sie den Geist von der Anspannung zwischen den Wettkämpfen. (Quelle: L’Espresso)

Noch eine sympathische Geschichte wurde in Italien gefeiert. Der französische Biathlon-Star Emilien Jacquelin hatte von Kindheit an ein sportliches Vorbild: Radrennfahrer-Legende Marco Pantani. Nun durfte er bei den Wettkämpfen ein Original-Schmuckstück seines Idols im Ohr tragen. Über eine Fanpage stellte er vor den Spielen den Kontakt her und erhielt das ersehnte Andenken von Pantanis Eltern. So konnte er seinen Traum verwirklichen, in Italien mit Marco an der Seite anzutreten. Während des 12,5 km Verfolgungsrennens, bei dem er Bronze holte, gab ihm der Ohrring und der Gedanke an sein Idol Kraft auf den letzten 100 Metern. (Quellen: Biathlonworld.com, Il Resto del Carlino)

Es sind für mich auch diese Randnotizen, die Olympische Spiele im eigenen Land so reizvoll machen, obwohl heutzutage eher Skandale für Schlagzeilen sorgen. Vom heimischen Sofa aus freue ich mich, die kleinen Geschichten über den Blog mit meinen Leser*innen in Deutschland zu teilen.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

La Dolce Vita in Hamburg

Anfang Februar 2026, es ist kalt in Deutschland. Schnee und Glatteis überall. Was den Menschen aufs Gemüt schlägt, ist das ständige Grau. Nachdem ich Ende Januar eine Woche im wolkenverhangenen Dresden verbracht habe, fühle ich mit. Da hilft nur Sonne im Herzen, und die hat meine Gesprächspartnerin, mit der ich mich ‒ wieder zurück in Italien ‒ per Videoschalte nach Berlin unterhalten habe: Luca Vasta, deutsch-italienische Musikerin, Sängerin, Moderatorin und Content-Creatorin. Ihre deutschen Fans, die sich in diesen Tagen gern in den italienischen Sommer träumen, können sich freuen: Der Februar ist kurz und am 1. März startet Lucas neue Bühnentour in Hamburg.

Luca, du bist in Deutschland geboren, was verbindet dich mit Italien?

Ja, ich bin in Remscheid geboren und aufgewachsen. Mein Vater ist Italiener. Deshalb war ich oft in Sizilien, als Kind während der Ferien. Und ich bin in die italienische Schule gegangen, am Nachmittag hatten wir Italienischunterricht.

Bekannt wurdest du zunächst als Moderatorin deiner eigenen Show „Vasta TV“ beim Musiksender VIVA. Später folgten weitere Einsätze für VIVA, ZDF („Sing meinen Song“) und RTL („My Name Is“). Wie bist du zum Gesang gekommen?

Musik war und ist mein Leben. Gesungen habe ich eigentlich schon immer. Erst in der Schulband und später dann in Hamburg bei meiner Musicalausbildung und einem Kurs in Popularmusik. Ich habe schon früh eigene Songs geschrieben, zuhause am Klavier und davon geträumt, ein Album aufzunehmen. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, es braucht Zeit, überhaupt erst einmal ein richtiges Lied zu schreiben.

Deine ersten Erfolge hattest du mit englischsprachigen Titeln, die Single „Cut my hair“ vom Debutalbum „Alba“ machte dich 2013 zur vielversprechenden Newcomerin. Dann bist du doch auf Italienisch umgeschwenkt …

Im Moment fühlt es sich einfach richtig an, in Italienisch zu singen und zu texten, aber ich habe schon immer gerne in englischer Sprache gesungen und werde das sicher auch weiterhin tun. Zum Glück ist man als Künstlerin frei, zu entscheiden und zu machen, was einen gerade am meisten inspiriert.

Apropos Inspiration, woher nimmst du sie? Gefällt dir die aktuelle italienische Popmusik?

Natürlich verfolge ich auch die neue italienische Musik, ich bin ja regelmäßig in Sizilien und bekomme da alles mit. Aber ich liebe vor allem die alte, es gibt noch so viele Klassiker zu entdecken.

Was hältst du von Sanremo? Ende Februar dreht sich in Italien wieder alles um das berühmte Songfestival …

Sanremo finde ich toll und auch, dass in Italien die italienische Musik so eine große Rolle spielt und dass es da dieses Festival gibt, wo alle mitmachen und was alle anschauen. So etwas Großes gibt es ja in Deutschland gar nicht.

Welche klassischen italienischen Künstler*innen magst du am liebsten?

Mein absoluter Favorit ist Lucio Dalla. Aber ich liebe auch Lucio Battisti, Mina, Pino Daniele … es gibt so viele. Die neuen Musiker haben es sicher schwerer, in Deutschland bekannt zu werden, aber hin und wieder gibt es schon Gelegenheiten. Ich gehe jetzt am 7.2. zu Lucio Corsi, der gibt ein Konzert in Berlin.

Hast du jemals überlegt, ganz nach Italien zu ziehen?

Ich pendele zwischen Sizilien und Berlin, und das finde ich gut so. Das darf so weitergehen, ich fühle mich wohl als Vagabundin.

Wo lebt es sich besser, in Deutschland oder in Italien?

Das kann man nicht sagen, die Länder sind zu unterschiedlich und ich empfinde es als großes Privileg, beide Kulturen leben zu dürfen.

Und die Mentalität? Liegt die nicht meilenweit auseinander?

Na ja, also es stimmt, in Sizilien kommt man schon leichter ins Gespräch, zum Beispiel wenn man ein Café betritt. Da wird mal nachgefragt, wie es einem geht. Aber das sind kleine Orte, man kennt sich. In einer Großstadt wie Berlin leben die Menschen anonymer.

Erzähl doch mal von deinen bevorstehenden Konzerten. Was verbirgt sich hinter dem Titel „Spaghetti-Pop“?

Das ist eine Special Tour, mit der ich auch mein neues gleichnamiges Kochbuch vorstelle. Es wird meine Songs und Cover-Versionen bekannter Italo-Pop-Klassiker geben, aber auch Anekdoten aus meinem deutsch-italienischen Alltag und Kulinarisches, alles witzig verpackt für ganz viel Leichtigkeit.

Im Pressetext heißt es: Die „Spaghetti Pop“-Shows im März 2026 sind keine normalen Konzerte – es sind Abende wie ein italienisches Sommerfest. Wozu lädst du deine Gäste ein?

Zu einem Kurzurlaub in Sizilien. Zu guter Laune, schöner Musik und sogar zu einem kleinen Italienisch-Kurs.

Danke, liebe Luca, für das Gespräch und viel Erfolg bei deiner Tour!

Ein Kurzurlaub im sonnigen Sizilien, na wenn das keine willkommene Einladung ist! Ein Abend lang Dolce Vita ist Anfang März genau das, was frierende Nordländer brauchen. Also, schnell noch Karten sichern! Und wer mag, folgt der Künstlerin auf ihrem Instagram-Kanal @lucavasta_official für ganz viel italienisches Lebensgefühl.

Tickets für das Hamburger und die weiteren Konzerte in Leipzig, Köln und Berlin (München und Münster sind bereits ausverkauft) gibt es hier:

Luca Vasta – Termine & Tickets 2026

Mir gefällt besonders Lucas Interpretation des großen Hits “E penso a te“ von Lucio Battisti. Schaut mal rein in ihr Video mit Text und deutscher Übersetzung:

Titelfoto: Luca Vasta by Oliver Mohr. Dieser Beitrag entstand im Auftrag der a.s.s. concerts & promotion GmbH Hamburg.

Warten auf den Glücksmoment

Oder: Von Warmduschern, Prinzessinnen und Waschlappen

Großes Glück offenbart sich in kleinen Momenten! Dieser Satz ist nicht von mir, ich habe ihn von einer pastellfarbenen Körperpflegeverpackung abgeschrieben. Auf mein neues „Glücksmoment“-Duschgel der deutschen Drogeriekette, die seit einiger Zeit auch in Varese eine Filiale betreibt, freute ich mich seit dem 1. Januar. Erst zwei Wochen später durfte es seine Wunderwirkung entfalten. Gegen Ende des alten Jahres war mir aufgefallen, dass unser Wasser nicht mehr so richtig heiß wurde. Es war nur warm. Vielleicht erzählte ich meinem Mann davon, vielleicht vergaß ich es auch. Er, bekennender Warmduscher, wäre der erste, der sich beschwert. Aber er lamentierte nicht. Bis das Wasser beim Aufdrehen nur noch lauwarm aus dem Duschkopf rann. Da kam sein Hinweis: Lass es fünf Minuten laufen, dann wird es wärmer. Es wurde lauwärmer. Nicht mehr warm. Jeden Tag ein bisschen weniger. Nun geht mir das Verschwenden von Wasser nicht erst seit dem großen Dürresommer 2022 gegen den Strich. Lieber duschte ich nur noch jeden zweiten oder dritten Tag. Im Winter geht das, zumal während der Schulferien auch Monis Aero-GAG Pause hatte. Für die Haare holte ich mir einen Zusatztermin bei Rosi. Zwei Friseurbesuche in der Woche sind kein Leiden, das ist Jammern auf hohem Niveau, werdet ihr sagen. Recht habt ihr! Genau das ging mir auch durch den Kopf, während ich mir selbigen mit duftendem Shampoo massieren ließ. Richtig genießen konnte ich es nicht. Verwöhntes Pack, schimpfte ich innerlich mit uns. Mittlerweile hatte der Warmduscher den Klempner seines Vertrauens kontaktiert, nur war der leider auch in den Ferien. Was mich bei all dem sehr wunderte, war, dass unsere Töchter nicht am lautesten schrien. Für sie ging das kühle Duschen eine Weile lang in Ordnung. Doch irgendwann war Schluss mit lustig. Mit der italienischen Zauberformel „fare finta di niente“, so tun, als wäre nichts, kamen wir nicht weiter. Die Prinzessinnen verlangten die sofortige Lösung des Problems. Einmal musste ich meinen Mann abends anrufen und beim Billardspiel stören, weil meine Aussage, ich hätte schon an allen Knöpfen gedreht und mehr könnten wir nicht machen, von der, die unter der Dusche stand, nicht akzeptiert wurde. Die Mädchen sind es gewohnt, dass der Papa viele technische Dinge auch von unterwegs im Remote-Modus richten kann. Diesmal waren seine magischen Kräfte begrenzt.

Natürlich versuchten wir auch auf anderem Wege, an einen Handwerker zu kommen. Der Königsweg, sonst unfehlbar, ist der über unsere Hausratsversicherung. Innerhalb von 48 Stunden organisieren wir die Techniker, hieß es. Damit ließ sich leben. Ich erklärte den Mädchen, wie man heißes Wasser aus dem Kochtopf in einer Schüssel mit kaltem mischen und sich mit einem Waschlappen waschen kann. Zum Glück habe ich ihre Kinderwaschlappen aufgehoben. Unsere Prinzessinnen bekamen Schneewittchen und Dornröschen, ich das Rotkäppchen und der Papa den Froschkönig. Ich versuche hier nicht, die Begeisterung in den Gesichtern zu beschreiben. Ihr könnt sie euch vorstellen. Ich selbst nahm die Sache mit Humor. Und erinnerte mich, wie wir früher im Ferienheim nur ein Waschbecken im Zimmer hatten, an dem wir abwechselnd standen und uns mit einem Lappen abseiften. So war das und so ging das auch. Oder meine Schwester. Die könnte was erzählen. Noch in den 80er-Jahren gab es in ihrer ersten Altbauwohnung kein Badezimmer, sondern ein Waschbecken in der Küche und das Klo auf halber Treppe.

Zu unser aller Glück mussten wir die Waschlappen nur zwei Tage lang benutzen. Am dritten kam endlich der Klempner, nämlich der des Vertrauens, und stellte an den richtigen Schrauben. Die Versicherung hat diesmal versagt. Auch sie war nicht in der Lage, Anfang Januar einen Klempner zu organisieren. Wären unsere Prinzessinen kleine Prinzen, ich würde sie ein goldenes Handwerk lernen lassen.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Und weiter geht’s …

„Auch ein Tritt in den Hintern bringt uns weiter.“ Ich weiß nicht mehr, worum es in der italienischen Komödie mit dem Titel „Modalità aereo“ ging, die ich vor Jahren sah. Aber diesen Satz habe ich mir damals notiert und hinter die Ohren geschrieben. Im vergangenen Jahr gab es so manche Tritte, und da spreche ich noch nicht einmal von der allgemeinen Weltlage, die ich mir erlaube, hier nicht einfließen zu lassen. Einer der Tritte, die mich persönlich betreffen und der mich garantiert weiterbringt, war der Erhalt der Kündigung. Die hatte ich angesichts unerträglich gewordener Umstände im Arbeitsumfeld heimlich herbeigesehnt, aber sie kam am letzten Tag vor den Ferien dann doch überraschend. Und fühlte sich wie ein Tritt in den Hintern an, obwohl es im Grunde ein Geschenk war. Dass es in unserer Gegend, in Norditalien und im Tessin, keine Stellenanzeigen gibt, die zu meinem Profil einer deutschsprachigen Marketing-Texterin passen, war mir längst klar. Also machte ich mich an die Arbeit, gedanklich potenzielle Jobs für mein so vages wie enthusiastisches Angebot zu entwerfen und Initiativbewerbungen an Adressaten zu schicken, die vermutlich nicht auf mich warten. Meine Outplacement-Beraterin sprach mir Mut zu und benutzte dazu die Bildsprache: Ich müsse jetzt aussäen, um in der Zukunft ernten zu können. Bis die Saat aufgeht, solle ich abwarten und Tee trinken. Sie sagte wörtlich und auf Deutsch: Abwarten und Tee trinken. Das fand ich nett, da wir doch italienisch miteinander sprechen. Mit der Umsetzung tue ich mich dennoch schwer. Weder ist das Abwarten eine meiner Stärken, noch bin ich ein großer Warmgetränke-Enthusiast.

Einige meinen ja, so eine Zwangspause sei eine gute Gelegenheit, sich neu zu erfinden. Kann man das mit Anfang fünfzig? Vielleicht geht es eher darum, zu prüfen, was man (noch alles) will im Leben. Ich möchte mich bei meiner Arbeitssuche von der Intuition leiten lassen. Notfalls gegen vermeintliche Regeln und auf unkonventionellen Wegen. Dabei bin ich nicht naiv, und das ist das Dilemma. Trotzdem! Es fühlt sich richtig an. Ich kann nicht anders.

Während ich in beruflicher Hinsicht flexibel und offen für Neues bin, gibt es im Privaten eine Sache, an der ich festhalte: das Schreiben. Schon in der Schule liebte ich es, Aufsätze zu verfassen. Auch damals hielt ich mich nicht an Vorschriften. Ich entwickelte das Thema intuitiv und wenn eine Gliederung verlangt war, schrieb ich die einfach hinterher dazu. Es ist immer gutgegangen. Einen Blog, zwei kleine „Erstlings“-Romane im Selbstverlag, eine literarische Übersetzung und viele Jahre Lebenserfahrung später schreibe ich seit anderthalb Jahren an einem neuen Text, aus dem ein Buch werden soll. Nach einem Gespräch mit einer, die sich mit Literatur auskennt, werde ich jetzt eine Überarbeitung beginnen. Ich weiß noch nicht genau, wie tiefgreifend sie ausfallen muss, was aus meinem Text wird. Der Gedanke, Geschriebenes loszulassen, macht mir Angst. Aber ich will es versuchen, ich habe nichts zu verlieren. Der erste Entwurf bleibt mir ja, und die Chance, dass die neue Version besser wird, ist groß. Ich höre immer wieder, dass Schriftsteller ihre Romane mindestens dreimal schreiben.

Mit einer lieben Freundin, die ich übers Bloggen kennengelernt habe und die meine Leidenschaft teilt, tausche ich mich hin und wieder aus. Das Schreiben gleicht manchmal einer Achterbahnfahrt. Phasen des kreativen Überschwangs wechseln sich ab mit Durststrecken, in denen wir beinah den Glauben verlieren. Aber wir kommen immer wieder zu dem Schluss: Aufhören ist keine Option. Schreibend tauchen wir in eigene Erfahrungen ab und entwickeln daraus neue Geschichten, die uns manchmal selbst überraschen. Texte, die in jedem Fall unseren eigenen Horizont erweitern, im besten Fall Leser und Leserinnen im Freundeskreis berühren und im allerbesten Fall einen Verlag überzeugen. Natürlich haben wir diesen allerbesten Fall immer als großes, zuweilen abstraktes Ziel vor Augen. Doch gerade der Weg dahin, selbst wenn man nie ankommen sollte, ist es wert, gegangen zu werden. Wenn man das einmal verstanden hat, ist alles gut. Meine Freundin und ich werden vermutlich immer schreiben. Wir können nicht anders.

In diesem Zusammenhang empfehle ich allen, denen es mit einer Leidenschaft ähnlich geht, das sehr amerikanische, gleichwohl inspirierende Buch „Big Magic“ von Elisabeth Gilbert, eine Art Kompass für ein kreatives Leben. Auch der Singer-Songwriter und Rapper Olly, Sieger des italienischen Songfestivals Sanremo 2025, teilte neulich einen Gedanken in einem Artikel bei Vanity Fair, der die Botschaft von „Big Magic“ sehr rational auf den Punkt bringt:

La differenza tra chi ce la fa e chi non ce la fa? Chi ce la fa, quando ha pensato a non farcela, è andato comunque avanti.

(Der Unterschied zwischen denen, die es schaffen, und denen, die es nicht schaffen? Diejenigen, die es schaffen, haben auch dann weitergemacht, als sie dachten, es nicht zu schaffen.)

Eine Aussage, so banal wie richtig. Anzuwenden in der Kunst, in der Arbeit, im Leben.

Deshalb lasst uns weitermachen! Weiter leben, weiter planen, weiter das tun, was uns sinnvoll erscheint. Aufhören ist keine Option. Für eure Vorhaben im neuen Jahr wünsche ich euch Kraft und Zuversicht. Und Freude bei allem, was ihr tut. Wenn dann auch noch das Weltgeschehen ein wenig von seinem derzeitigen Schrecken verlöre, könnte es ein gutes Jahr werden. Aufhören zu hoffen ist erst recht keine Option.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Altmodisches zum Fest

„Jetzt können Sie die Kartoffeln aufsetzen!“ Diese Ansage während einer Fernsehshow ‒ mittags gegen dreiviertel eins (für westdeutsch sozialisierte Leserinnen und Leser: Viertel vor eins) ‒ war womöglich eine der meistbefolgten Anweisungen in dem Land, in dem sich alle bevormundet und fremdbestimmt fühlten. Die Menschen, die im Osten lebten und Westfernsehen sahen, saßen am 25. Dezember vereint vor dem Bildschirm und guckten DDR-Fernsehen, vormittags in der Zeit „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“. Oder ließen das Programm zumindest im Hintergrund laufen. Wenn Margot Ebert und Heinz Quermann zum Kartoffeln Aufsetzen riefen, gingen Koch oder Köchin gehorsam in die Küche. Weihnachten war es kein Problem, Vorgaben zu folgen, selbst wenn sie vom DDR-Fernsehen kamen. Schließlich sollten die Kartoffeln zum Gänsebraten gar sein. Eine Frage stelle ich mir heute jedoch: Was taten die Leute in Gegenden, wo man Klöße statt Kartoffeln zum Festtagsbraten servierte? In Thüringen und Sachsen zum Beispiel. Vielleicht schimpften sie, dass sie wie immer nicht berücksichtigt wurden, und selbst bei den Kochzeiten am Weihnachtstag im Tal der Ahnungslosen hockten. Kartoffeln oder Klöße, das war eine Prise Individualität, die man beibehielt, regionalen Traditionen sei Dank.

Meine Familie gehörte im Brandenburgischen zur Kartoffelfraktion.  Aber nicht nur zu Weihnachten war in Deutschland „Du kannst jetzt Kartoffeln aufsetzen!“ das, was in Italien „Butta la pasta!“ (Schmeiß die Nudeln (ins Wasser)!) ist. Heutzutage ist es der Anruf mit dem Handy, von denen, die unterwegs sind an die, die daheim das Essen kochen. Butta la pasta, wir sind gleich da. Damit meint man in etwa, dass in zehn Minuten gegessen werden kann. Beinah wollte ich schreiben, dass wir damals „Setz die Kartoffeln auf!“ in den Höhrer riefen, aber wie hätte das funktionieren sollen. Ohne Handy kein Anruf von unterwegs. Kein flexibles Rückmelden, kein Zeitoptimieren à la „Ich habe hier gerade den und den getroffen und wir trinken schnell noch einen Kaffee, aber danach mache ich mich gleich auf den Weg.“ Früher bestimmte der Koch oder die Köchin, wann es zu essen gab und wann die Meute daheim zu sein hatte. Man nannte es Verbindlichkeit, glaube ich. Das, was uns heute fast ausnahmslos abgeht. Punkt zwölf wurde gegessen. Oder um halb eins. Die unterwegs mussten sich einrichten und ihre Abläufe optimieren, nicht der Koch, der heute im Unsicheren bleibt, wann er servieren soll. Wir leben auf Zuruf. Gerade in Italien sind „Ci sentiamo“ (Wir hören uns), „Ti faccio sapere“ (Ich gebe dir Bescheid) und „Ci aggiorniamo“ (Wir halten uns auf dem Laufenden) gang und gäbe. Auch deshalb bin ich ungern die, die kocht. Wenn ich unterwegs bin, nenne ich vorher eine Zeit, zu der ich zurück bin. Und versuche, mich daran zu halten. Ist das altmodisch? Ich nenne es Respekt.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern und Leserinnen entspannte Feiertage, mit gegenseitiger Rücksichtnahme und gern befolgten Ritualen. Auf dass zum Weihnachtsessen alle pünktlich sind. 😉

Frohe Weihnachten! Buon Natale!

Beim MDR gibt es auch dieses Jahr am 25. Dezember 2025 wieder „Zwischen Frühstück und Gänsebraten – Das Beste!“ mit Höhepunkten der legendären Weihnachtsshow des DDR-Fernsehens.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Maskenzeit

Oder: Von Weihnachtsmännerhänden und Hochzeiten

„Du, der Weihnachtsmann hatte Hände wie deine“, berichtete der Enkelsohn sichtlich aufgeregt seinem Großvater, der erst nach der Bescherung nach Hause gekommen war. „Weißt du“, erklärte der ihm, „es war ein Weihnachtsmann aus unserer Gegend, und die Hände der alten Männer hier sehen alle ähnlich aus.“ Ob der damals Vier- oder Fünfjährige, der mein Neffe und jetzt Mitte vierzig ist, meinem Vater diese Erklärung abgekauft hat? Ich selbst glaubte bereits im Vorschulalter nicht mehr an den Weihnachtsmann, jedenfalls nicht, dass ein echter zu uns kam. Es gibt mehrere Schwarzweißfotografien von mir und einem Weihnachtsmann in unserer Wohnstube und immer hatte er dasselbe, furchteinflößende Gesicht. Eine Maske, damals Larve genannt. Die falschen Weihnachtsmänner meiner Kindheit waren unkonventionell gekleidet. Rote Mäntel gab es keine. Meine Schwester trug zur Weihnachtsmannlarve einmal Omas braunen Mantel und die passende Pelzkappe, der Nachbar hatte einen schwarzen oder grauen Mantel an. Ich, die zu Bescherende, hatte Angst vor ihnen. Gegen die Angst würde es helfen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, muss ich mir gedacht haben. Die gruselige Larve habe ich irgendwann im Schrank gefunden und mutig aufgesetzt, auch wenn sie nach alter Pappe roch. Mit knapp sechs Jahren spielte ich selbst den Weihnachtsmann. Lesen konnte ich noch nicht, also kamen gelbe, blaue und rote Punkte auf die Geschenkanhänger, so dass ich wusste, ob ein Päckchen für die Mutti, für den Vati oder das Kind (wo war es nur?) gedacht war.

In Italien ist es nicht üblich, dass Babbo Natale zu jedem Kind nach Hause kommt. Die Geschenke sind am Morgen des 25. Dezember einfach da, es muss mit Jesus Geburt zu tun haben. Wir haben in unserer deutsch-italienischen Familie nach der Tradition meines Landes gefeiert und die Geschenke am späten Nachmittag des 24. kommen lassen. Leider gab es keinen Nachbarn, der sich für unsere Mädchen verkleidet hätte. Deshalb richteten wir es so ein, dass der Weihnachtsmann immer gerade dann vorbeikam, während wir eine Runde spazieren waren. Er ließ die Geschenke unterm Baum. Die Kleine glaubte mit neun Jahren noch, dass da ein anderer, den sie nicht kannte, seine Hände im Spiel hatte. Wir haben sie gerne in dem guten Glauben gelassen und bis dahin gehofft, dass ihre ältere Schwester dichthielt.

Für unsere Kinder zu spät, gibt es mittlerweile auch in unserer Gegend eine schöne Tradition, die von den Ortsvereinen organisiert wird. Im Dezember können Eltern und Großeltern Geschenke abgeben, die dann am heiligen Abend ausgetragen werden. Ein kleiner Lastwagen oder eine Pferdekutsche fährt zum Fest durch die Straßen und Babbo Natale und seine Elfen verteilen die Geschenke und kleine Süßigkeiten an die Kinder, die vor ihrem Wohnhaus auf sie warten. Im Titelbild seht ihr so ein extra eingerichtetes Weihnachtsmannhaus zur Geschenkabgabe: „Casa di Babbo Natale“ in unserem Nachbarort (dem mit den festlich geschmückten Kreisverkehren), fotografiert im Dezember 2024.

Unsere Große traf mit knapp zwei Jahren das erste Mal bei ihrer Tante in Dresden auf einen deutschen Weihnachtsmann. Der war glaubwürdig gekleidet, hatte ein nettes Weihnachtsmanngesicht und einen schönen roten Mantel. Ich weiß nicht mehr, ob er seine jungen Hände in Handschuhen verbarg. „Gali“ nannte unsere Tochter ihn freudestrahlend. Das war die Abkürzung von „regali“, Geschenke. Denn darum ging es schließlich, das hatte unser Kind schon gut erkannt. Ohne dabei den Weihnachtsmann selbst zu vergessen. Bei uns daheim platzierte sie in den folgenden Jahren vor unserem Spaziergang für Babbo Natale immer ein paar Kekse und ein Glas Milch, für die Rentiere eine Möhre unter dem Baum. (Pst! Die Kekse aß der Papa gerne, ein Bier wäre ihm lieber gewesen und die Möhre packte er vermutlich zurück in den Kühlschrank.)

Der junge Dresdner Weihnachtsmann von damals hat mittlerweile geheiratet. Seinen Lebenspartner. Ob der auch manchmal als Weihnachtsmann geht, das entzieht sich unserer Kenntnis. Aber es ist gut zu wissen, dass Weihnachtsmänner das jetzt auch dürfen: lieben und glücklich sein. Das vielleicht schönste Geschenk, zu Weihnachten und überhaupt.

Aus Liebe

Macht Liebe blind? Vielleicht. Macht Liebe stark? Ja! Stirbt die Liebe mit dem Menschen, der sich aus Liebe mutig und unerschrocken dem Verbrechen entgegenstellt?

Ende der 70er-Jahre, Florenz. Die Studentin Rossella Casini, 21, lebt in bewegten Zeiten ein langweiliges Leben, zumindest empfindet sie es manchmal so, in ihrem kleinen Zimmer bei den Eltern. Auf der einen Seite studentische Protestdemonstrationen, politische Straßenkämpfe links gegen rechts. Die beste Freundin verliert sie erst an einen älteren, geschiedenen Mann und dann ans Heroin. Auf der anderen Seite das traute Heim, zu dritt in geordneten Verhältnissen, mit einem Vater in Pension, der in seinem Sessel Fernschach spielt und einer Mutter, die als Hausfrau am Herd steht. Rossella wünscht sich zuweilen einen Sturm, der die biederen Gardinen am Fenster aufwirbelt.

Manchmal werden Wünsche war. Francesco zieht in ihr Haus, zwei Etagen tiefer wohnt der Student aus Kalabrien jetzt mit anderen Studenten, hin und wieder haben sie Besuch von Bekannten aus der Heimat, die nicht zum Studieren hier sind. Bei ihm ist es Liebe auf den ersten Blick, und als er wie aus dem Nichts bei einer eskalierenden Manifestation auftaucht und einen Kommilitonen vor Angreifern schützt, muss Rosella ihn kennenlernen. Der Funke springt über. Sie stürzt sich in dieses Gefühl, so neu und überwältigend, lässt sich von ihrer Liebe auch dann nicht abbringen, als ihr das, was sie nicht sehen will, schmerzhaft bewusst wird: Francesco ist der Sohn einer einflussreichen Familie der ’Ndrangheta, die in den tödlichen Strudel einer langjährigen Fede in seinem Heimatort Palmi gezogen wird. Der Krieg bricht aus, als sie selbst mit ihm bei seiner Familie ist, und er macht auch vor seinem Haus nicht halt. Wird sie ein Jahr später ihren Francesco, halbtot nach einem Schusswechsel, retten und da rausziehen können, um ihren verzweifelten Traum von einem Neuanfang zu verwirklichen? Oder sind bei ihm die Familienbande, die viel beschworenen Wurzeln und die sogenannte Ehre, am Ende stärker als die Liebe zu seiner Freundin?

Wir wissen es vorher, wir können es im Internet nachlesen. Das letzte Lebenszeichen der jungen Frau gab es am 22. Februar 1981, als sie von Palmi aus mit ihrem Vater telefonierte und ihre Rückkehr nach Florenz ankündigte. Ihr Körper oder das, was von ihm übriggeblieben war, wurde nie gefunden.

Was nach einer Mischung aus Liebesgeschichte und Kriminalroman klingt und sich beim atemlosen Lesen vorm geistigen Auge wie ein spannender Film abspielt, ist leider nur in der Beschreibung der Szenen und in den Gesprächen schriftstellerische Fiktion. Auf der Buchrückseite heißt es: „Questo è un romanzo. Racconta una storia impossibile. Una storia vera.“ (Dies ist ein Roman. Er erzählt eine undenkbare Geschichte. Eine wahre Geschichte.)

Noch vor der Lektüre seines Romans besuchte ich in Varese den begleitenden Theaterabend, bei dem der Autor in einem ergreifenden Monolog die Geschichte und das Entstehen des Buches, seine Motivation, seine Gedanken vermittelt. Roberto Saviano, seit seinem internationalen Bestseller „Gomorrha“ weltweit bekannt, steht nach Morddrohungen vonseiten der Camorra unter Personenschutz. Als ich nach seinem Auftritt um ein Autogramm anstehe, klopft mir das Herz bis zum Hals. Polizei und Carabinieri sind da, ich glaube, seinen zivilen Personenschützer zu erkennen, und dann kommt er. Ich bin als Dritte an der Reihe, nachdem ich meinen Namen für die Widmung genannt habe, lächelt er und fragt, wo ich denn her sei aus Deutschland. Nach einem schwungvollen Schriftzug mit vier Ausrufezeichen bedankt er sich und gibt mir die Hand. (Man hätte auch ein Foto von dem Autogramm-Moment haben können, wenn man sein Handy an eine Mitarbeiterin gegeben hätte, aber der Hinweis kam für mich spät und ich wollte niemanden aufhalten, die Schlange nach mir war lang.) Ich verlasse das Theater nicht müde und beseelt wie nach anderen Veranstaltungen, sondern mit einem beklemmenden Gefühl. Es ist die Erkenntnis, in einer Realität zu leben, in der das organisierte Verbrechen nach wie vor weitestgehend ungestört agiert und gleichzeitig ein einzelner, der sich dem Kampf dagegen verschrieben hat, vom Staat geschützt werden muss, kein normales Leben mehr führen kann.  

Für den Mord an Rossella gab es keine Verurteilung. Wie so oft, zog sich ein erst Jahre später begonnener Prozess in die Länge und endete mit einem Freispruch aus Mangel an Beweisen.

Savianos unerschütterliches Engagement, Geschichten wie diese im kleinsten Detail zu recherchieren, ans Licht zu bringen und so meisterhaft zu erzählen, sorgt mit dafür, dass sich die Botschaft des Titels bewahrheitet: Rossellas Liebe stirbt nicht.

Im Frühjahr wird der Roman „L’amore mio non muore“ in deutscher Übersetzung bei Hanser erscheinen. Hier geht es zur Vorschau: Roberto Saviano: Meine Liebe stirbt nicht.*

*Werbung, unverlangt und unbezahlt.