Geschichten auf dem Balkon

Es ist einer dieser milden Tage, an denen es mich am Nachmittag raus auf den Balkon zieht. Ich habe nichts zu tun (oder vielmehr, keine Lust), auch keine Inspiration zum Schreiben. Also greife ich mir das Strickzeug, setze mich auf einen Stuhl und lege die Füße auf einen zweiten, atme den Frühling ein und schaue abwechselnd auf meine Handarbeit und in die Natur. Diesmal überrede ich meine Kleine dazu, mir Gesellschaft zu leisten. Ich erkläre ihr, dass sich Hausaufgaben an der frischen Luft viel leichter erledigen lassen. Ich würde ihr helfen oder einfach nur zuhören, wenn sie etwas liest oder auswendig lernen muss. Da kommt es mir nicht ungelegen, dass sie Hausaufgaben in Antologia (bei uns hieß das früher Literatur) aufhat. Mir etwas vorlesen zu lassen und dann darüber zu sprechen, das traue ich mir zu. Auch in Italienisch. (Bei Naturwissenschaften mit vielen Fachbegriffen sieht das schon anders aus.) Ich schaue versonnen zwischen dem Geländer unseres Balkons hinaus ins Grüne, das vor meinem geistigen Auge zum himmelblauen See verschwimmt. „Mama“, unterbricht meine Tochter ihre Lektüre, „hörst du mir eigentlich zu?“ Ich nicke eifrig. „Ja doch, Mäuschen, schön ist das. Man kann es sich richtig gut vorstellen, hm?“ „Was, sich vorstellen?“, nörgelt die Tochter gelangweilt. „Na, den See und das alles. Weißt du, wer das geschrieben hat?“, frage ich sie. „Nö.“ „Das steht doch bestimmt unten drunter, schau doch mal!“ Doch bevor sie meiner Bitte nachkommen kann, halte ich sie auf: „Nein, warte mal. Den Schriftsteller kennen wir.“ Sie rollt mit den Augen. „Wieso? Ach, du meinst den aus Ligurien?“ (Wir hatten uns mal mit Lorenzo Licalzi getroffen.) Ich muss schmunzeln. Das ist nun schon sieben Jahre her. Ich staune, dass ihr diese Begegnung im Gedächtnis geblieben ist, sie war damals erst fünf Jahre alt. „Nein, nein, ich meine nicht, dass wir ihn persönlich kennen, er lebt ja gar nicht mehr. Aber wir sind schon oft dort gewesen, in diesem Ort, von dem er schreibt. Und das Haus, in dem er als Kind wohnte, haben wir auch gesehen.“ „Ach ja? Wo denn?“ Ich lege noch eine Kunstpause ein, bevor ich siegessicher herausposaune: „In Luino! Der Text ist von Piero Chiara, oder nicht?“ Die Spannung steigt wie beim Bingo Spielen, aber ich bin mir meiner Sache so gut wie sicher. Ihr Blick sucht die Buchseite ab. „Hier steht: Peh Punkt Chiara.“ „Siehst du!“, rufe ich triumphierend. Die Tochter scheint meine Begeisterung nur bedingt zu teilen, aber ich bin stolz, dass ich richtig gelegen habe. Welche ausländische Mama kann schon von sich behaupten, einen im Schulbuch zitierten italienischen Schriftsteller zu erraten, wenn es nicht gerade um eine berühmte Szene aus Manzonis I Promessi Sposi oder einen Vers aus Dantes Divina Commedia geht.

Geburtshaus von Piero Chiara in Luino

In der Erzählung „Il balcone barocco“ (Der barocke Balkon) beobachtet der kleine „Pierino“ Piero Chiara die Ankunft des Frühlings in seinem Heimatort Luino am Lago Maggiore. Auf dem Balkon, der zur Piazza hin liegt und durch die Häuser hindurch auch ein Stück des Sees erblicken lässt, wird er vom morgendlichen Spiel mit Karten und Zinnsoldaten durch diese spannende Aussicht abgelenkt. Der kleine Junge ist fasziniert vom Farbenschauspiel der Natur, die zu neuem Leben erwacht:

„Il lago è chiuso fra due case e tagliato dalla muraglia grigia del molo, aperta in mezzo verso una distesa d’acqua celeste che sale lentamente fin sotto i monti dell’altra sponda. Nello specchio del porto l’acqua è più scura; è del colore delle pietre fra le quali si allungano le barche, bianche gialle e rosse.“

„Der See liegt zwischen zwei Häusern und wird von der grauen Mauer der Seebrücke geteilt, bevor er sich zu einer himmelblauen Wasserfläche öffnet, die bis zu den Füβen der Berge am anderen Ufer reicht. Wo sich der Hafen spiegelt, ist das Wasser dunkler; es hat die Farbe der Steine, zwischen denen die Boote liegen, weiße, gelbe und rote.“

Piero Chiara

Eigene Übersetzung, italienisches Originalzitat aus: „Il balcone barocco“ in „Dolore del tempo”, Racconti, Mondadori

Titelbild: Illustration zu Chiaras Text aus dem Schulbuch der Tochter: Nuovi compagni di viaggio, Loescher Editore, Torino 2020.

Wunder zu Zeiten von Instagram

Was habt ihr als erstes vor Augen, wenn ihr an einen Urlaub in Italien denkt? Pizza, Pasta, Gelato. Den Schiefen Turm von Pisa. Das Römische Kolosseum. Berühmte Statuen, elegante Mode und Kunstschätze in Museen, vor denen die Touristen Schlange stehen. Vielleicht auch noch eine Vespa und die Sonnenblumenfelder der Toskana. Oder den Comer See. All das sind Bilder, die Menschen weltweit im Kopf haben, wenn sie an eine Reise ins Land des Dolce Vita denken. Muss man mit genau diesen Klischees dann auch noch Werbung machen?

Auf den ersten Blick gefiel mir die neue Kampagne des Italienischen Fremdenverkehrsamtes Enit, die ungewöhnlich originell daherkommt. Darin wird die weltberühmte Venus von Botticelli zur virtuellen Influencerin, modern aufgehübscht aber gut wiedererkennbar. Doch leider beraubt man sie auch ihres ureigenen Anmuts. Das standardisierte, wie mit gängigen Filtern auf aktuelle Schönheitsideale getrimmte Gesicht zeigt ein unverbindliches Insta-Lächeln anstelle des melancholischen Blicks im Gemälde aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Wenn man die Posen der modernen Venus mit eigenem Instagram-Kanal (@venereitalia23) vor den zauberhaften Kulissen Italiens sieht, liegt der Vergleich mit der berühmtesten Influencerin des Landes Chiara Ferragni nahe. (Vanityfair fand sogar ein Bild von ihr, das Vorlage für die Pizza essende Venus am Comer See zu sein scheint.) Beworben wird die schöne Welt der schönen Menschen, die sich in ihrem vermeintlich schönen Leben selbst in Szene setzen.

Auf den zweiten Blick wirft die Werbeidee und deren Umsetzung Fragen auf. Kann der Versuch, Italiens historisches Kulturerbe mit der digitalen Welt von heute zu verbinden, gelingen, ohne ins Banale abzurutschen? Und will man denn wirklich den Massentourismus befeuern, Gäste ausgerechnet zu den bereits überlaufenen Hotspots locken? Der Tourismus der Selfies und Likes boomt ohnehin, da hätte es diese kreative Anregung mit einer Werbekampagne gar nicht gebraucht. Und, was den Claim betrifft: Ich möchte bezweifeln, dass er überall im Sinne der Macher verstanden wird. „Open to Meraviglia“ (deutsch: „Offen für Wunder“), spielt mit Zweisprachigkeit und nimmt ‒ meinem Empfinden nach ‒ auch das italienische Phänomen auf die Schippe, Sprachdefizite im Englischen mit Charm und eingestreuten italienischen Worten auszugleichen. Doch man sollte sich fragen: Wie viele Nicht-Italiener, die mit Tourismuswerbung verführt werden sollen, können das wundervoll klingende Wort Meraviglia richtig aussprechen? Und spätestens an dieser Stelle geht der gutgemeinte kreative Schuss nach hinten los. Erinnert ihr euch auch noch an den misslungenen, weil missverstandenen Slogan „Come in and find out“ der Parfümeriekette Douglas vor einigen Jahren? Natürlich gefallen mir solche Wortspiele und zum Glück werde ich nie darüber entscheiden müssen, welcher Claim für eine große internationale Kampagne funktioniert. So kann ich weiter ungehemmt Betrachtungen anstellen und meiner Fantasie freien Lauf lassen. Ich denke beispielsweise an den Slogan, mit dem eine vergleichbare Kampagne für Deutschland werben könnte. Wie wäre es mit: „Welcome to Gemütlichkeit“? Bleibt die Frage, welche weltberühmte Figur in die Rolle des virtuellen Influencers schlüpfen dürfte.

PS: Bei unserem nächsten Besuch am „Lake Como“, wie der Comer See touristisch beworben wird, würde ich gern den Ort finden, der die Kulisse zum Pizza-Motiv mit Italiens „jüngster“ Influencerin bildet. Wetten, dass (bei schönem Wetter) schon eine Horde attraktiv gestylter Menschen mit Smartphone vor mir da sein wird?

Zum Anschauen und Anhören: Die Präsentation der Kampagne, sozusagen das Werbevideo zur Werbung, nimmt uns mit auf die Reise (in Italienisch). Die Website zur Kampagne ist ein idealer Ausgangspunkt, Italien touristisch zu entdecken (in Englisch).

Eiskalt nachgerechnet

Italien ohne Gelato ist wie … wie Deutschland ohne Fassbrause. Das klingt nach einem Klischee von gestern? Gut möglich. Mittlerweile ist wohl auch für die Deutschen das Speiseeis ‒ gerne als „Original italienisches“ verkauft ‒ die liebste süße Erfrischung unterwegs.

Ich möchte behaupten, Gelato Artigianale, also hausgemachtes Eis aus der Gelateria, könnte als Maßstab für den Anstieg der Lebenshaltungskosten herhalten. Zugegeben: Eis ist auch in Italien kein Grundnahrungsmittel. Aber, so meine ich, eine erfrischende Leckerei, die sich jeder hin und wieder leisten können sollte. Manchmal denke ich mit Wehmut an Familien, die beim Sonntagsspaziergang ihre Kinder weg von der Eisdiele, hin zur Bar ziehen müssen, wo es das günstigere abgepackte Wassereis gibt. Denn ein Gelato aus der Eisdiele hat bei uns mittlerweile den Preis einer Delikatesse erreicht. Ich habe noch gut den Sommer 2008 in Erinnerung, in dem ein kleines Eis in unserer alteingesessenen örtlichen Gelateria 1,40 Euro kostete. Eine Waffel (Cono) oder einen Becher (Coppetta) mit zwei Sorten bekam man dafür. Seither habe ich beobachtet, dass dieser Preis Jahr für Jahr um 10 Cent angehoben wurde.

An einem Nachmittag vor drei Wochen war es wieder soweit. Die Stunde der Wahrheit in Sachen inflationärer Eispreisanstieg war gekommen. Die Sonne schien, die Kinder spielten auf der Piazza, und ich dachte, dass ich mir das erste Straßen-Eis des Jahres gönnen sollte. Immerhin war es schon Ende März. Die Gelateria, von der ich hier erzähle, schließt von November bis Mitte Februar ihre Türen. Man geht in den verdienten Jahresurlaub. Im Winter ist der Eiskonsum in Italien längst nicht so populär wie in Deutschland. Die Eisdielen können sich eine lange Winterpause aber auch leisten, wie es scheint. Als ich nun zum ersten Mal in diesem Jahr den süßen Tempel betrat, war ich gespannt auf den Kostenpunkt. Ich erinnerte mich nicht genau an den Preis des Vorjahres, da wir zum Eisessen mittlerweile lieber in den Nachbarort gehen. Es zog mir fast die Schuhe aus: 3 Euro. Gegenüber 2008, also innerhalb von fünfzehn Jahren, hat sich der Preis mehr als verdoppelt. Zuletzt muss es einen Sprung von 20 Cent gegeben haben. Bei uns im Ort, wohlgemerkt! In unserem kleinen Kaff, in dem auch ein Eisladen nicht von Touristen lebt, sondern von den Einwohnern. Denkt bitte nicht, ich rede hier von einer „groβartigen“ Riesenportion mit Sahne und Soße und Schokostreuseln, von der man zum Mittag satt wird. Nein, für drei Euro gibt es zwei Löffel voll Eis in den kleinsten Becher gestrichen. So wie ihr es im Titelbild seht. Ich habe mein erstes und womöglich letztes Eis aus dieser Gelateria für den Artikel fotografiert. Da es mir eher zu süß und zu cremig ist (ein Hinweis auf künstliche Basismischungen oder Zusätze), gehe ich künftig lieber in die ehemalige Eisdiele der Signora Langsam. Die herzensgute Eiszauberin fehlt uns sehr, aber auch ihre Nachfolger machen gutes Eis zu vernünftigen Preisen.

Ob man den Gelato-Index auch bei Gehaltsverhandlungen anwenden kann? Ich frage für eine Freundin. Warum eigentlich nicht! Sie arbeitet seit 2008 beim selben Brötchengeber, im Eisvergleich ist ihr Gehalt dort sinnbildlich eingefroren. Bei Brötchenpreisen wird die Abrechnung nicht besser ausfallen. Eine eiskalte Frechheit und höchste Zeit, das mal auf den Tisch zu bringen. Ich werde sie ermuntern, am besten bei einem Eis.

Mehr zum Thema: Auch der Spiegel widmete den Eispreisen in Deutschland kürzlich einen Artikel. Darin berichten unter anderem Eisdielenbetreiber in München und Hamburg vom Geschäft mit der kalten Köstlichkeit und begründen ihre aktuelle Preispolitik.

Aus der Schmaus

Erstens kommt es anders, und Ostern als man denkt. In diesem Fall bin ich euch die Story schuldig. Unsere Pläne, von denen ich hier berichtete, nahmen eine unvorhergesehene Wendung. Vor einer Woche war ich besorgt, am Ostersonntag zu viel essen zu müssen. Natürlich habe ich mir folgende Option nicht wirklich gewünscht, aber: Die einzige Chance, das obligatorische mehrgängige Menü zu umgehen, bestand bei schlechtem Wetter, wenn wir auf unsere Wanderung verzichtet hätten und auch das Lokal nicht im Freien serviert hätte. Hätte, hätte, Schlaftablette! Wir riefen am Vortag noch einmal an, um unsere Reservierung im Freien zu bestätigen, denn die Wetteraussichten waren gut. Eine zerknirschte Stimme informierte uns, dass die Ostermahlzeiten nicht stattfinden würden. Nicht für uns Schönwettertouristen, nicht für die Gäste, die im Innenraum reserviert hatten. Die Baita Baradello, wie die Hütte beim Castello Baradello über der Stadt Como heißt, war direkt vor den Feiertagen von den Comer Behörden geschlossen worden. Wir verstanden noch, dass es um Brandschutz ging und die Betreiber auch vollkommen überrascht worden seien, dann legten wir auf, um die schon hart gebeutelten Wirtsleute nicht durch weitere Nachfragen zu nerven. Später lasen wir dann bei LaProvinciadiComo, dass es eine Vorgeschichte gab, aber die Schließung für insgesamt drei Monate scheinbar willkürlich und zum ungünstigsten Zeitpunkt kam. Wer nun recht hat, sei dahingestellt. Wir wissen nicht, ob tatsächlich Sicherheitsstandards nicht gewährleistet und die Betreiber im Verzug waren, oder ob geschäftsschädigende Willkür respektive Behördenversagen aus welchen Gründen auch immer eine Rolle spielten. Wie man es dreht und wendet, gibt es Verlierer. Wäre zu Ostern oder an einem anderen Tag mit vielen Besuchern etwas passiert und Menschen zu Schaden gekommen, hätte es großes Geschrei gegeben, dass die Aufsichtsbehörden ihren Job nicht täten. Wenn, wie in diesem Fall, ein Lokal zu Ostern 250 Gästen absagen muss und einen enormen finanziellen Schaden hat, heißt es, man hätte es anders und rechtzeitig regeln müssen.

Ich war traurig, dass unsere Wanderung trotz prognostizierten Sonnenscheins ins Wasser fiel, aber insgeheim froh, dass wir eine andere Lösung für das österliche Sonntagsessen finden mussten. Und da lag es nahe, auf dem eigenen Balkon zu grillen. Eigentlich grillt man in Italien am Ostermontag, Pasquetta (kleines Ostern) genannt. Zum Glück sind Traditionen auch dazu da, abgewandelt zu werden. Ich holte also am Samstag noch schnell Agnello (Lamm) und Gemüse für den Grill und wir hatten ein superleckeres, entspanntes Osteressen. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Am Montag waren wir dann mit Freunden in einem Restaurant bei uns im Ort, wo man à la carte wählen konnte, und kamen so auch noch zu einem kleinen Menü.  

Die Wanderung zum Castello Baradello werden wir nachholen. Bei schönem Wetter und mit einem „Pranzo al sacco“ (Lunchpaket, wörtlich: Essen aus dem Sack).

Titelbild: Blick auf Como vom Castello Baradello, fotografiert im Mai 2017.

Ostern? Wie es euch gefällt!

In Italien gibt es die Redewendung: „Natale con i tuoi, Pasqua con chi vuoi.“ Du sollst Weihnachten mit deiner Familie (wörtlich: mit den Eltern) verbringen, Ostern hingegen kannst du feiern, mit wem du willst. Für uns ist diese Regel nicht viel mehr als ein sinnfreies Sprichwort, da wir keine italienische Familie (mehr) haben. Wir feiern freilich auch in Familie. In unserer Kernfamilie, das heißt zu viert. Für uns stellt sich jeweils nur die Frage, ob wir das Fest daheim verbringen oder verreisen. Letzteres ist gerade zu Ostern mit der Inkaufnahme stundenlanger Staus verbunden. Wenn man, wie die meisten, noch am Ostermontag zurückmuss, verbringt man diesen Tag voraussichtlich auf der Autobahn. Der Karfreitag ist übrigens weder in Italien noch im Schweizer Tessin ein Feiertag, so dass sich bei uns ein Kurzurlaub über Ostern auf die Hinreise am Samstag, den Sonntag vor Ort und die Rückreise am Montag beschränken würde. Nein danke. Da verzichten wir lieber auf Hin- und Rückreise und planen gleich nur einen Tagesausflug am Sonntag. Das hat obendrein den Vorteil, dass wir zwei Hotelübernachtungen sparen. Hotel Mama und Papa ist für unsere Kinder stets geöffnet und kostenfrei.

Das eigentliche Problem an Ostern ist für mich aber ein anderes. Es ist das Ostermenü. Ich hatte euch bereits im Zusammenhang mit Natale (Weihnachten) und Capodanno (Silvester) von den ausufernden Tischgelagen in Italien berichtet. Pasqua (Ostern) ist es das Gleiche in Grün. Kein Ristorante bietet am Ostersonntag an, à la carte zu speisen. Das Menü ist obligatorisch. Zum österlichen Hauptgang gibt es wie in Deutschland gern Agnello (Lamm), was ich durchaus mag. Diese kulinarische Spezialität macht das Ostermenü schließlich zu etwas Besonderem, wir essen das restliche Jahr über kein Lamm. Aber wenn man den würzigen Braten oder die knusprigen Koteletts erst im Anschluss an Snacks zum Aperitivo, diverse warme und kalte Antipasti (Vorspeisen) mit Brotkorb sowie zweierlei erste Gänge bestehend aus Risotto und Pasta serviert bekommt, hält sich der Appetit in Grenzen. Auch die leckeren Ofenkartoffeln, die es klassischerweise zum Fleisch gibt, mag man kaum noch anrühren. Wer braucht zu all dem eine Sättigungsbeilage? Wie schon beim Pranzo di Natale, folgt auch Ostersonntag auf den Hauptgang ein Dessert, und als krönenden Abschluss gibt es das traditionelle Festtagsgebäck. Zu Weihnachten Pandoro oder Panettone (am besten mit einer großen Kelle voll süßer Mascarponecreme), zu Ostern ist es die sogenannte Colomba. Mit ganzen Mandeln und dicken Zuckerbrocken drauf. Nicht, dass ihr mich falsch versteht: Alle einzelnen Gänge für sich genommen sind superlecker und gut gemeint. Aber alles hintereinander, zu einer Mahlzeit? Mir schnürt sich der Magen zu, wenn ich nur daran denke, dass es anscheinend keine Alternative zu dieser übertriebenen Völlerei gibt.

Meine Idee für dieses Osterfest war es deshalb, ganz in der Nähe einen Ausflug in die Natur zu unternehmen. So schlug ich vor, hoch zum Castello Baradello zu wandern, von dem man eine herrliche Sicht auf Como und den Comer See hat. Auf dem Weg dorthin gibt es, so erinnere ich mich, eine einfache Hütte oder einen Kiosk. Man könnte ein Panino oder einen Teller Pasta essen, vielleicht auch Polenta mit Brasato (sehr weich geschmortes Rindfleisch). Ich beauftragte meinen Mann, sich zu erkundigen, ob es diese Hütte noch gibt und ob sie zu Ostern geöffnet hat. Und was teilt er mir mit? Drinnen seien die fünfzig Plätze schon reserviert. Bei schönem Wetter könne man gegebenenfalls draußen sitzen. Sie schickten ihm gleich das Menü. Ihr ahnt es: fünf Gänge plus Colomba. Na prima! Aus der Hütte ist wohl mittlerweile eine echte Trattoria geworden. Nun weiß ich ehrlich gesagt nicht, ob ich auf schlechtes Wetter hoffen oder es einfach entspannt angehen soll und schaue, wie es wird?

Euch wünsche ich in jedem Fall ein paar nette Tage, ob nun in Familie, allein oder mit Freunden. Und leckeres Essen in genau der richtigen Menge!

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Gewischt, geräumt, gefunden

Oder: Wer putzt, der findet!

Am schönsten ist Finden, wenn man gar nicht sucht. Oder nicht mehr sucht, wie im Fall meines Verlobungsrings. Ich hatte ihn, davon war ich überzeugt, auf einem Parkplatz zwei Orte weiter verloren, als ich dort Tüten und Kartons mit Kinderkleidung bei der Caritas ablud. (Wer den Beitrag letzte Woche verpasst hat, kann ihn hier nachlesen.) Einen goldenen Ring zu verlieren, noch dazu den Verlobungsring, ist nicht schön. Auch wenn mein Mann sofort bereit war, mir einen neuen zu kaufen. Ich wollte keinen neuen, ich wollte meinen zurück. Schließlich hatte ich auch noch denselben Verlobten. Wer nun meint, ich suchte wie verrückt die ganze Wohnung ab, der irrt. Ich war überzeugt, dass er mir draußen vom Finger gerutscht war. An jenem Tag Anfang März war es noch recht kalt gewesen.

Anderthalb Wochen später hatte ich mich längst abgefunden und verschwendete keinen Gedanken mehr an den Ring. Am Samstag widmete ich mich einem weiteren Punkt auf meiner To-do-Liste in Sachen Frühjahrsputz: Küchenschränke aufräumen. Ich stand auf einem Stuhl und putzte in den oberen Fächern, als mein Blick auf das Geschirrabtropfgestell im Hängeschrank über dem Spülbecken fiel. Da tropft bei uns nie etwas ab, denn ich stelle die Teller immer trocken hinein. Das Sieb über dem Auffangblech hat somit keine andere Funktion, als mit der Zeit Staub aufzufangen. Das dachte ich bis zu jenem Moment, in dem ich meinen Augen nicht traute. Ich schrie auf, so dass mein Mann aus dem Nebenzimmer gestürzt kam, weil er dachte, ich wäre vom Stuhl gekippt. Als er mich fassungslos in den Geschirrschrank starren sah, glaubte er wohl, ich hätte eine tote Maus gefunden. Doch dann sah er mein Gesicht, das nicht Ekel, sondern ungläubige Freude ausdrückte. „Komm her, das musst du dir selbst ansehen, du glaubst es sonst nicht!“, rief ich ihm zu und verlangte, dass er selbst auf den Stuhl stieg und meine Entdeckung aus demselben Blickwinkel sah. Denn da lag, auf dem Abtropfsieb unter den Frühstückstellern: mein Verlobungsring. Er musste mir an jenem Tag beim Ausräumen des Geschirrspülers vom Finger gerutscht sein. Und wer mit Tellern klappert, der hört nicht das Klappern eines Schmuckstückes, das ins Abtropfsieb fällt.

Glück gehabt! Zum dritten Mal bereits. Eine ähnliche Geschichte war mir vor ein paar Jahren passiert. Im Urlaub am Meer hatte ich einen anderen schönen Goldring verloren und verzweifelt die Strandpromenade abgesucht. Später fand ich ihn im Hotelzimmer inmitten der Kleidertüten. An das erste Erlebnis dieser Art erinnerte mich jetzt meine Mutter. Als Kind hatte ich einmal in den Herbstferien einen silbernen Ring verloren. Ich selbst wusste noch, dass ich und meine Eltern auch dort die Wege absuchten, die wir an jenem Tag gelaufen waren. Aber im Herbst war die Erde voller Laub, die Suche ein aussichtsloses Unterfangen. Meine Mutter weiß noch, dass ich auch damals den Ring im Zimmer unserer Unterkunft wiedergefunden hatte.

In allen drei Fällen suchte ich umsonst. Als ich es aufgegeben hatte, fand ich meine geliebten Schmuckstücke durch Zufall wieder. Dieses Mal beim Putzen. Warum erzähle ich euch das? Ganz einfach! Wer keine Lust auf Frühjahrsputz hat, dem mag meine Geschichte ein Ansporn sein. Für mich lautet die berühmte Redewendung in Zukunft abgewandelt: Wer putzt, der findet.

PS: Vielen Dank für eure Kommentare und originellen Vermutungen, wo ich den Ring verloren haben könnte. Unter dem letzten Beitrag entstand eine unterhaltsame Diskussion. Der wahre Fundort ist freilich einer, den ihr so gar nicht kennt. Oder gibt es auch in Deutschland diese Abtropfgestelle fürs Geschirr, in den Küchenschrank montiert? Hier ein Beispiel, wie diese typische Einrichtung in italienischen Küchen aussieht.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Verliebt, verlobt, verbummelt

Oder: Zeit, sich zu trennen!

Das Frühjahr ist bekanntlich die beste Zeit, um Ordnung zu schaffen, auszumisten, aufzuräumen. Und endlich mal wieder klar Schiff in Schränken und Schubladen zu machen. Zum Frühjahrsputz gehört bei mir auch, mich von überflüssigen Dingen zu trennen. Was die Kleiderschränke betrifft, so habe ich in diesem Jahr endlich ein lang prokrastiniertes Problem gelöst. Jedes Mal, wenn ich die abgelegten, aber lange nicht aufgetragenen Kleider der Töchter in große Plastiksäcke verstaute, wuchs das Unbehagen in mir. Das Unbehagen, keine sinnvolle Verwendung für die guten Sachen zu haben. Die Kinder der Verwandtschaft sind noch zu klein, ihnen würden sie erst in ein paar Jahren passen. Mal ganz davon abgesehen, dass wir die Ladung nach Deutschland verschicken müssten. Auch wenn bei Kinderkleidung (bis zu einem bestimmten Alter) die Mode zum Glück nicht so schnelllebig ist, wollen auch Kleider nicht jahrelang im Keller liegen und auf ihren Einsatz warten. Das drohte ihnen bei mir, fand ich doch lange Zeit keine vernünftige Annahmestelle. Ich suchte eine, bei der die Sachen direkt und ohne Umstände kostenlos in die richtigen Hände gelangen würden. Zu Familien, die sie gut gebrauchen können. Im Büro hörte ich nun endlich von einer Caritas-Einrichtung, bei der die Tante einer Kollegin mithilft. Zwei Orte weiter, aber gut zu erreichen. Also machte ich mich auf und fuhr mit Tüten und Kisten beladen los. Nun hatte ich sicher eine viel zu romantische Vorstellung von der Caritas und eine Art Second Hand Shop ohne Preise erwartet: gepflegt und mit nettem Personal, das sich mit mir unterhält und sofort weiß, wem meine Spenden eine Freude machen werden. Als ich am ersten Tag das kleine Kabuff neben der Kirche betrat und nach der Tante der Kollegin fragte, antwortete eine Signora knapp, die kenne man nicht. Schade. Ich lud trotzdem ab. Ein netter alter Herr half beim Tragen, während die mürrische Signora skeptisch zusah. Das müsste sie alles auspacken und … Keine Ahnung, was in ihr vorging. Ich sah auch den Raum nicht, wo man Kleidung aufbewahrte. Mit einem knappen Gruß wurde ich entlassen. Trotzdem fuhr ich am nächsten Tag wieder hin, denn mir war bestätigt worden, dass auch Schuhe gern genommen würden. Ich hatte dort ein paar abgelatschte Treter liegen gesehen, bei deren Anblick und dem Gedanken, dass die jemandem nützlich sein sollen, mir das Herz blutete. Also brachte ich am nächsten Tag einige Kisten mit Kinderschuhen, die kaum getragen worden waren. Als ich eintrat, kommentierte die Signora vom Vortag sinngemäß: „Sie schon wieder? Puh, Sie haben uns doch gestern schon vollgeschüttet.“ Dazu eine – für mein Empfinden – abfällige Geste. Da platzte mir der Kragen. Ich entgegnete höflich, aber bestimmt: „Ja, das habe ich. Mit guter Kleidung, in der Hoffnung, dass sich Menschen freuen würden.“ „Natürlich“, nickte schnell eine andere Frau. Ich gab die Schuhe ab und machte mich davon. Auf dem Rückweg kamen mir die Tränen, weil ich wieder nicht wusste, was mit unseren Sachen am Ende geschehen würde.

Wie ihr seht, hänge ich emotional noch sehr an Dingen, von denen ich mich trennen will oder muss. Doch der richtig herbe Schlag kam erst noch. Am gleichen Tag verlor ich etwas, das ich weder verschenken noch anderweitig hergeben wollte. Gegen Abend legte ich wie gewohnt meine Ringe im Badezimmer ab und stellte fest, dass einer fehlte. Mein Verlobungsring! Weißgold, mit kleinen Diamanten. Nicht, dass er ein Vermögen gekostet hätte, aber es war meiner. Unserer. Es lag mir viel an ihm. Die einzige Szene, die mir beim Nachdenken über den zurückliegenden Tag einfiel, war die, in der ich gegenüber der Caritas meine Sachen auslud. Ich hatte ein klimperndes Geräusch vernommen, mich umgedreht, aber nur einen kleinen Stein auf dem Asphalt gesehen. Jetzt verstand ich: In jenem Moment musste ich den Ring verloren haben. Er sitzt im Winter etwas locker und rutscht manchmal herunter. Genau wie der Ehering. Ich fuhr noch am frühen Abend zurück zum Ort des Geschehens. Mit einer Taschenlampe suchte ich den Parkplatz ab. Ich fragte auch in der Apotheke, vor der ich geparkt hatte, ob einer einen Ring abgegeben hätte. Natürlich nicht. Aber die Apothekerin kam mit mir raus und suchte gemeinsam mit einem Herrn, der sogar sein Auto extra umgeparkt hatte, noch einmal jede Ecke ab. Nichts! Am nächsten Tag wollten sie die Aufnahmen der Überwachungskamera ansehen. Ich nickte dankend, auch wenn sich mir der Sinn nicht erschloss. Schließlich würde ich nicht die Polizei einschalten, wenn man im Video sehen könnte, dass jemand meinen Ring gefunden hätte. Unverrichteter Dinge und doppelt enttäuscht fuhr ich heim. Der unfreundlichen Abfertigung bei der Spende und des verlorenen Erinnerungsstückes wegen.

Am nächsten Morgen im Büro zeigte mir die Kollegin einen Chatwechsel mit ihrer Tante, die sich für die grantige Mitarbeiterin entschuldigte und mir sehr dankte für die vielen schönen Sachen. Sie hätten auch sofort eine Mutter informiert, für die Nützliches dabei war. Mir fiel eine Last vom Herzen. Den Ring betreffend, lancierte meine Kollegin sofort eine Suchanzeige in der Facebook-Gruppe ihres Ortes. Und tatsächlich hörte ich am nächsten Tag, man hätte einen Ring gefunden. An einer anderen Stelle, aber es wäre ja möglich, dass … Mir wurde ein Foto übermittelt. Leider war es ein anderes Schmuckstück.

An jenem Tag suchte ich auch noch den Parkplatz vorm Büro ab. Man konnte schließlich nie wissen. Zwei weitere Kolleginnen standen gerade in der Nähe und suchten mit. Ich erzählte der halben Welt von meinem Missgeschick. Und alle wollten mir helfen.

Um eurer Frage vorzubeugen: Ja, zuhause hatte ich als erstes geprüft, ob der Ring nicht in der Handtasche, der Jackentasche, der Sofaritze abgeblieben war. Im Auto bin ich unter die Fußmatte gekrochen und habe den Kofferraum leergeräumt. Nichts. Nirgends. Eine Woche später hatte ich das Thema abgeschlossen und mich mit dem Verlust arrangiert. Mein Mann und ich, wir waren jetzt nicht mehr verlobt, aber verheiratet waren wir noch! Ich müsste auf den Ehering aufpassen, ihn in der kalten Jahreszeit besser am Mittelfinger tragen.

Wie ihr euch vielleicht denken könnt, ist die Geschichte hier noch nicht zu Ende. Wer mag, darf gerne Tipps abgeben, wo ich den Ring verloren, und wie ich ihn schließlich wiedergefunden habe. Nächste Woche erfahrt ihr es hier.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

In den Topf geguckt

Schaut ihr manchmal auch Filme oder Serien mit Untertiteln? Wenn man die Originalsprache nicht versteht und es noch keine Adaption gibt, ist das eine gute Sache. Da stört es auch nicht weiter, wenn das Geschriebene dem Gesprochenen nicht entspricht. Man liest und hört nur mit halbem Ohr oder gar nicht hin. In meinem Fall ist es oft anders. Es kommt vor, dass ich Filme mit Untertiteln sehe, obwohl ich die Sprache verstehe. Derzeit schaue ich mit meiner Tochter die Netflix-Serie „Stranger Things“. Ihr zuliebe und damit ich endlich weiß, wovon sie so begeistert ist. Sie sieht die Serie mit mir zum zweiten Mal. Beim ersten Mal war es die italienische Fassung. Ich bestand nun darauf ‒ für meine Bequemlichkeit und ihren Lerneffekt ‒ zusammen die deutsche Fassung anzuschauen. Meine Tochter wünschte sich die italienischen Untertitel dazu. Gut, kein Problem. Oder doch. Für mich. Denn es gelingt mir nicht, die Untertitel vollständig zu ignorieren. Ich sehe und höre in Deutsch, aber ein Auge gleitet doch hin und wieder zu dem Text am unteren Bildschirmrand, und da … wird es interessant. Ihr glaubt gar nicht, was für eine Welt sich einem eröffnet. Übersetzen ist schon an sich ein weites Feld. Beim Film ist es nochmal etwas anderes. Mir ist klar, dass keiner so schnell liest, wie er hört, so dass die Untertitel gestrafft werden müssen. Oft sehe ich aber, dass ganz anderes gesagt wird.

Kulinarisch abenteuerlich wird es, wenn in der Handlung Speisen auf den Tisch kommen. Im dritten Teil der ersten Staffel von „Stranger Things“ stolperte ich über folgende Szene: Karen steht unangekündigt bei Joyce vor der Tür und erklärt ihr: „Ich habe dir einen Auflauf mitgebracht.“ In den italienischen Untertiteln ist von Spezzatino (Gulasch oder Eintopf auf Fleischbasis) die Rede. Da man in den folgenden Szenen nicht zu sehen bekommt, was sie tatsächlich gekocht hat, bestand ich darauf, ins amerikanische Original hineinzuhören. Und zu lesen, man weiß ja nie. Da ist es ein Casserole, eine Kasserolle, die die nette Nachbarin mitgebracht hat. Im Amerikanischen, so erfahre ich bei der anschließenden Recherche, bezeichnet Casserole nicht nur den Schmortopf, sondern auch allgemein das Gericht, das darin im Ofen gegart wird. Auflauf passt daher im Deutschen prima. Im Italienischen gibt es einen allgemeinen Begriff wie „Auflauf“ nicht, man ist spezifischer und spricht von Pasta, Verdure, Polenta oder anderem in der Variante „al forno“ oder „pasticciata“, beides bedeutet im Ofen überbacken. Der italienische Untertitel-Schreiber mochte es in diesem Fall bissfester und hat sich für ein Gulasch bzw. fleischhaltigen Eintopf entschieden. Passt! Neugierde befriedigt, Ergebnis abgehakt.

Richtig veralbert wurden die italienischen Zuschauer hingegen bei der Serie „Deutschland 83“ (oder war es 86?). Die sahen mein Mann und ich mir zuliebe im deutschen Original. Für meinen Mann liefen die italienischen Untertitel mit. In denen wird ja nicht nur übersetzt, was gesprochen wird, sondern auch beschrieben, was geschieht. Und was gegessen wird. Einmal gab es da in der DDR Königsberger Klopse. Das sind bekanntlich ‒ und es war auch gut zu sehen ‒ gekochte Hackfleischklöβe in heller Soße, dazu Salzkartoffeln. Wisst ihr, was den Italienern erzählt wurde? Laut Untertiteln stand Arrosto di maiale con crauti (Schweinebraten mit Sauerkraut) auf dem Tisch. Wie es sich für einen zünftigen deutschen Haushalt gehört. So werden der Einfachheit halber Klischees genährt.

Ihr seht, bei mir wird nicht einfach gegessen, was auf den Bildschirm kommt. Ich will Klartext. Bin ich deshalb eine Erbsenzählerin? Vielleicht seid ihr auch schon mal über kuriose Abweichungen zwischen dem, was im Film gesagt oder gezeigt wird, und den Untertiteln gestolpert?

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Vorsicht ist besser als Rückfahrkamera

Im nächsten Jahr begehe ich mein zwanzigjähriges Führerschein-Jubiläum. Darf ich das überhaupt feiern, jetzt, nachdem mir das Ungehörige passiert ist? Ich schäme mich in Grund und Boden. Dabei war ich so stolz: Bei allen Patzern und kleinen Unfällen, die ich mir erlaubt hatte, waren immer nur Blechschäden am eigenen Auto zu bedauern gewesen. Vielleicht hatten auch der Bürgersteig, die Mauer oder der Laternenpfahl eine Schramme abbekommen, aber die haben sich nicht beschwert. Hingegen war NIE, kein einziges Mal, ein anderes Fahrzeug in Mitleidenschaft gezogen worden.

Aber am besten erzähle ich mal von vorne, was es mit meinen bescheidenen Fahrkünsten auf sich hat. Meine Karriere als Ritterin der italienischen (und arbeitsbedingt Tessiner) Landstraßen begann spät. Von Haus aus ein Schisser und auf das Fortbewegen mit öffentlichen Verkehrsmitteln getrimmt, hatte ich erst 2004 und ausgerechnet in Italien sowohl die Notwendigkeit als auch den Mut verspürt, mich hinter das Lenkrad zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Anfang dreißig. Meine beiden Schwestern hatten es mir vorgemacht und das Projekt Führerschein sogar noch mit vierzig in Angriff genommen. Wir drei späten Fahrschülerinnen stammen aus einer autofreien Familie. Das lag ein bisschen daran, dass es in der DDR gar nicht so einfach war, ein eigenes Auto zu haben. Zumindest musste man lange drauf warten. Und ein bisschen lag es wohl auch daran, dass meine Eltern weder Interesse am eigenen Auto noch den Mumm zum Autofahren gehabt hatten. Mir, der Nachzüglerin, hatten sie allerdings schon recht früh das Fahrzeugführen zugetraut. Vielleicht hat das mit der Geschichte aus meiner Kindheit zu tun, dass ich meiner Mutter auf offener Straße hinterherrief: „Ey, warte doch mal, ich muss mein Moped anschmeißen.“ Mein Moped war ein Roller, und die Leute hatten sich umgedreht und den frechen Rotzjungen gesucht, aber nur ein kleines, nicht weniger freches Mädchen erblickt. Jedenfalls bestellten mir die Eltern ein paar Jahre später einen Trabant. Den sollte ich ‒ nach dreizehn oder fünfzehn Jahren Wartezeit ‒ irgendwann in den frühen 90er-Jahren mit Anfang zwanzig bekommen. Als es so weit war ‒ ihr ahnt es ‒ wurde der Trabi nicht mehr geliefert. Hätte ich sonst eher und noch in Deutschland das Fahren gelernt? Vermutlich nicht. Ich brauchte kein Auto. Von Strausberg aus gab es die S-Bahn nach Berlin. Später wohnte und arbeitete ich in Leipzig und fuhr Straßenbahn und Rad.

Nur einmal drohte der Nichtbesitz des Führerscheins zum Stolperstein zu werden. Aber auch in jener Situation war er eigentlich nur eines der Zünglein an der Waage. Als ich 2001 in Italien als Copywriter ein neues Leben begonnen hatte, lief derweil noch meine Bewerbung um ein Redaktionsvolontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk. Drei Stufen im Auswahlverfahren zwischen – so hieß es – etwa dreihundert Bewerbern hatte ich bereits gemeistert, als die Einladung zur letzten, zur entscheidenden Runde ins Haus flatterte. Ich war unter den zehn Kandidaten, die zum persönlichen Gespräch geladen wurden. Ich hätte mir dazu zwei oder drei Tage freinehmen und mich in den Zug oder das Flugzeug nach Deutschland setzen müssen. Nach dem Führerschein hatte man mich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gefragt. Vermutlich setzte man ihn voraus. Wie sollte denn ein Redakteur in Sachen Berichterstattung und Recherche die drei Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bereisen? Ich stellte mir den Moment, in dem mein Geheimnis auffliegen würde, etwa so vor: „Wie haben Sie sich das vorgestellt?“ „Ich fahre mit Bus und Bahn zum Ort des Geschehens, geht das nicht?“ Der andere, für meine Entscheidung nicht weniger wichtige Umstand war, dass ich mich in Italien und mit dem neuen Texter-Beruf bereits pudelwohl fühlte und gar nicht weg wollte. Ich lehnte also dankend ab. Manchmal denke ich heute an diese Wahl und frage mich, welchen Verlauf mein Leben genommen hätte, wenn ich damals anders entschieden hätte … Egal! So wie es kam, war es auch gut.

Danach gingen drei weitere Jahre ins Land, in denen ich mir eingestehen musste, dass ich auf Dauer in der italienischen Provinz ohne Auto aufgeschmissen war. Oder abhängig von autofahrenden Amici. Busse fuhren unregelmäßig, die Busfahrer streikten gern, und am Wochenende und im August hatte der Fahrplan so wenige Zeilen wie die Gedichte im Poesiealbum. Ausgerechnet im chaotischen Autoland Italien wollte ich den Führerschein machen? Das hielten meine Freunde in Deutschland für recht waghalsig. Aber mir blieb nichts anderes übrig. Ich schaffte es und holte mir mein Patente. Und das beim ersten Anlauf. Leider hatte ich dafür weder Autobahn noch mehrspurige Kreisverkehre zu fahren gelernt. Das Abenteuer begann erst richtig mit den ersten Fahrstunden nach der Prüfung. Mit eigenem Auto und ohne assistierenden Beifahrer. Wieder hatte ich Glück, denn es war August und die Straßen tagsüber leer. So fielen meine (wirklich vernachlässigbar kleinen!) Regelverstöße und Ungeschicklichkeiten niemandem auf. Ein paar Kratzer und Beulen zog ich mir beziehungsweise meinem Auto im Laufe der ersten Monate zu. Das war bei einem Gebrauchtwagen zwar ärgerlich, aber nicht wirklich tragisch. Mit den Jahren und zwei Neuwagen wurde ich sicherer. Heute habe ich sogar eine Rückfahrkamera. Ich manövriere wie ein Profi. Wovor ich weiterhin Angst habe, ist es, in einen fremdverschuldeten Unfall hineinzugeraten. Mehr als einmal ist es mir nur knapp gelungen, unbeschadet einem Überhol-Banausen auszuweichen, vor einem in den Kreisverkehr rasenden Idioten abzubremsen, einen sich durch den Stau schlängelnden Motoradfahrer nicht umzunieten. Italiener fahren gerne nach eigenen Regeln. Einige. Zu viele.

Und doch war ich es, die neulich einem – ganz sicher immer brav in der Spur und nach allen Regeln des Codice della Strada (Straßenverkehrsordnung) fahrenden Verkehrsteilnehmer – eine Schramme ins Auto fuhr. Ich kam aus der Firma und war spät dran (das soll hier nur als Erklärung und nicht als Entschuldigung dienen). Ein junger Mann lief freundlich auf mich zu und fragte, wo er sich zu seinem Vorstellungsgespräch melden solle. Ebenso freundlich gab ich Auskunft. Als ich zum Parkplatz kam, war der Platz links neben mir besetzt. Eigentlich sollte er frei sein um diese Zeit, denn meine Kollegin war schon eher gegangen. Ein Blick auf die Uhr: Es war spät. Daheim würde meine Tochter auf das Mittagessen warten, ich hatte ihr keine Anweisungen gegeben, was sie vorbereiten könne. Also nichts wie weg! Rückwärtsgang, Blick in den Rückspiegel, zur Rückfahrkamera, zack und nach rechts raus. „Kchrrrzzzz …“, hörte ich ein knarzendes, schleifendes Geräusch. Links vorne. Na, eben! Da stand einer neben mir. Da, wo eigentlich keiner stehen sollte um diese Zeit. Jetzt klebte meine linke Flanke an seinem rechten Hinterteil. Nein, sie klebte nicht, sie schliff langsam daran entlang. Zu dicht. Verdammt! Nichts mit schnell nach Hause kommen. Ich fuhr ein Stück weiter, hielt dort, wo mehr Platz war, stieg aus und lief zurück, um mir die Sache anzusehen. Keine Beulen, zum Glück. Aber weiße Schleifspuren, dick und fett. Darunter sah ich winzig kleine, ältere Blechschäden, schon ein wenig verrostet. Ansonsten war der leuchtend blaue Wagen in einwandfreiem Zustand. Bis vor einer Minute. „Der Kandidat, er hat hier geparkt!“, schoss es mir durch den Kopf. Kurzentschlossen flitzte ich zurück ins Gebäude und kam noch zurecht. Der junge Mann saß ‒ ahnungslos und sicher nervös vor dem Interview ‒ im kleinen Versammlungsraum und wartete auf seinen Gesprächspartner. Als ich hineinstürzte, schaute er von seinen Unterlagen hoch und mich erwartungsvoll an. „Was will die denn schon wieder?“, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er musste an meinem atemlosen und betretenen Gesichtsausdruck erkannt haben, dass ich nicht noch einmal zurückgekommen war, um ihm viel Glück für das Vorstellungsgespräch zu wünschen. Ich wollte vor Scham im Boden versinken, während ich ihm mein Missgeschick erklärte. Zu meiner Erleichterung lächelte er nachsichtig und wir tauschten unsere Telefonnummern aus. Zum Schluss wünschte ich ihm auch noch alles Gute fürs Gespräch. Von seiner netten Art angetan, war ich sogar so frei zu behaupten, dass die kleine Panne womöglich ein gutes Omen für die Bewerbung sein könne. Am Abend galt es dann noch, den Vorfall einem indirekt Betroffenen zu beichten: meinem Mann. Er würde es sein, der sich der Sache annehmen und eine unkomplizierte Lösung finden würde. Der Carrozziere (Karosserieschlosser) unseres Vertrauens ist sein Amico, nicht meiner.

Am nächsten Tag im Büro wusste der Kollege, der immer alles weiß, schon Bescheid. Da ich mit niemandem in der Firma darüber gesprochen hatte, fragte ich, wie er darauf käme. Ich konnte mir einen Scherz nicht verkneifen: „Vielleicht gefiel mir der junge Mann, wir haben die Telefonnummern ausgetauscht. Der Rest ist deine Interpretation!“ Als ich anschließend mein Missgeschick schilderte, wurde die Kollegin, die morgens neben mir parkt, hellhörig: „Also, wenn ich mein Auto auf deine Kosten lackieren lassen will, rücke ich einfach näher ran!“, lachte sie. Nein, nein, das wird nicht mehr passieren! Ich war wohl in der letzten Zeit etwas übermütig geworden. Mit Schwung in die Kurve – das klingt so schön positiv. Doch wenn andere Autos neben mir stehen, sollte ich besser mit Acht in die Kurve gehen. Und lieber einmal mehr zu allen Seiten schauen, als mich allein auf die Rückfahrkamera zu verlassen. Bei aller raffinierten Technik: Fehler macht man immer noch selbst.

Mit dem Kandidaten fanden wir übrigens eine einvernehmliche Lösung. Unser Karosserieschlosser richtete alles her, zum halben Preis im Vergleich zum Kostenvoranschlag, den der junge Mann bei seiner Werkstatt eingeholt hatte. (Da wären sämtliche alte Schrammen vermutlich gleich mitbehandelt worden.) Sein Bewerbungsgespräch hat wohl keinen Erfolg gebracht. Aber mein Mann konnte ihm gute Tipps geben, wo er einen seiner Qualifikation entsprechend viel lukrativeren Job finden könne. Vielleicht hat das Ganze ihm auch in dieser Hinsicht noch genutzt. Das würde mich freuen. Mir passiert so ein peinlicher Fehler jedenfalls nicht noch einmal. Das erste wird in diesem Fall auch das letzte Mal gewesen sein. Großes Autofahrerehrenwort!

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Architektur, Design, Autos und Kunst: Alles in einer Nacht in Turin.

Manchmal hat man tausend Zweifel und dann wird es richtig gut. Nein, ich glaube sogar fest daran, dass eine Unternehmung genau dann am erfolgreichsten verläuft, wenn die eigenen Erwartungen nicht so hoch waren. Das betrifft auch die Erwartungen der Mitreisenden, so geschehen bei unserem Wochenendausflug nach Turin. (Die Vorgeschichte könnt ihr hier nachlesen.)

Das Hotel, das nur als praktische Absteige in der Nähe des abendlichen Veranstaltungsortes PalaVela dienen sollte, entpuppte sich als kulturhistorische Offenbarung. Design- und Industriemuseum waren praktisch im Preis inbegriffen. Das NH Torino Lingotto Congress* befindet sich in einem Teil des ehemaligen Fiat-Werkes, in dem in den Jahren 1923 bis 1982 Autos produziert wurden. Danach sanierte man das 1916 vom Architekten Giacomo Mattè-Trucco entworfene sogenannte Lingotto-Gebäude und verwandelte es in einen Geschäftskomplex mit Hotel, Kulturangeboten und Einkaufszentrum. Zwei charakteristische und architektonisch spektakuläre Besonderheiten aus der legendären Fiat Zeit blieben erhalten und stehen zur Besichtigung: die Autoteststrecke auf dem Dach (!) und die beeindruckende Rampe, auf der die Wagen zu ihrer Testfahrt gebracht wurden. Nein, selbst ein Autorennen veranstalten könnt ihr nicht! Aber an der Strecke entlanglaufen und die geniale Konstruktion bestaunen. Und nicht nur das. Mit 360-Grad-Blick auf Turin (und bei gutem Wetter die Alpen) könnt ihr außerdem einen Dachgarten (im Frühjahr und Sommer sicher zauberhaft) und wechselnde zeitgenössische Kunst bewundern. Der Eintritt zu diesem nach dem wohl berühmtesten Kleinwagenmodell der Italiener „La Pista 500“ benannten Dachbereich kostet nur zwei Euro, für Kinder unter zwölf Jahren ist der Besuch sogar kostenlos (Stand Februar 2023).  

Selbst wer dem Gebäude nicht aufs Dach steigt, fühlt sich in den hohen und großzügigen Räumen des Hotels mit den imposanten Fensterfronten in ein modernes Design-Museum versetzt. Tische, Stühle, Stehlampen … alles Werke namhafter Designer aus dem zurückliegenden Jahrhundert, in welchem an dieser Stelle italienische Autogeschichte geschrieben wurde. Im Folgenden ein paar bescheidene fotografische Eindrücke. Vielleicht habt ihr irgendwann Gelegenheit und stattet diesem besonderen Ort in der absolut sehenswerten Stadt Turin einmal selbst einen Besuch ab! In einem Goldbarren („Lingotto“) zu schlafen und auf einer Rennbahn in den Wolken („La pista nelle nuvole“) zu schweben, das kann nicht jede Herberge bieten.

*Werbung, unverlangt und unbezahlt.

Titelbild: Lichtzeichen der dänischen Künstlergruppe SUPERFLEX auf der Dachterasse „La Pista 500“ des Turiner Lingotto-Gebäudes.