Im nächsten Jahr begehe ich mein zwanzigjähriges Führerschein-Jubiläum. Darf ich das überhaupt feiern, jetzt, nachdem mir das Ungehörige passiert ist? Ich schäme mich in Grund und Boden. Dabei war ich so stolz: Bei allen Patzern und kleinen Unfällen, die ich mir erlaubt hatte, waren immer nur Blechschäden am eigenen Auto zu bedauern gewesen. Vielleicht hatten auch der Bürgersteig, die Mauer oder der Laternenpfahl eine Schramme abbekommen, aber die haben sich nicht beschwert. Hingegen war NIE, kein einziges Mal, ein anderes Fahrzeug in Mitleidenschaft gezogen worden.
Aber am besten erzähle ich mal von vorne, was es mit meinen bescheidenen Fahrkünsten auf sich hat. Meine Karriere als Ritterin der italienischen (und arbeitsbedingt Tessiner) Landstraßen begann spät. Von Haus aus ein Schisser und auf das Fortbewegen mit öffentlichen Verkehrsmitteln getrimmt, hatte ich erst 2004 und ausgerechnet in Italien sowohl die Notwendigkeit als auch den Mut verspürt, mich hinter das Lenkrad zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits Anfang dreißig. Meine beiden Schwestern hatten es mir vorgemacht und das Projekt Führerschein sogar noch mit vierzig in Angriff genommen. Wir drei späten Fahrschülerinnen stammen aus einer autofreien Familie. Das lag ein bisschen daran, dass es in der DDR gar nicht so einfach war, ein eigenes Auto zu haben. Zumindest musste man lange drauf warten. Und ein bisschen lag es wohl auch daran, dass meine Eltern weder Interesse am eigenen Auto noch den Mumm zum Autofahren gehabt hatten. Mir, der Nachzüglerin, hatten sie allerdings schon recht früh das Fahrzeugführen zugetraut. Vielleicht hat das mit der Geschichte aus meiner Kindheit zu tun, dass ich meiner Mutter auf offener Straße hinterherrief: „Ey, warte doch mal, ich muss mein Moped anschmeißen.“ Mein Moped war ein Roller, und die Leute hatten sich umgedreht und den frechen Rotzjungen gesucht, aber nur ein kleines, nicht weniger freches Mädchen erblickt. Jedenfalls bestellten mir die Eltern ein paar Jahre später einen Trabant. Den sollte ich ‒ nach dreizehn oder fünfzehn Jahren Wartezeit ‒ irgendwann in den frühen 90er-Jahren mit Anfang zwanzig bekommen. Als es so weit war ‒ ihr ahnt es ‒ wurde der Trabi nicht mehr geliefert. Hätte ich sonst eher und noch in Deutschland das Fahren gelernt? Vermutlich nicht. Ich brauchte kein Auto. Von Strausberg aus gab es die S-Bahn nach Berlin. Später wohnte und arbeitete ich in Leipzig und fuhr Straßenbahn und Rad.
Nur einmal drohte der Nichtbesitz des Führerscheins zum Stolperstein zu werden. Aber auch in jener Situation war er eigentlich nur eines der Zünglein an der Waage. Als ich 2001 in Italien als Copywriter ein neues Leben begonnen hatte, lief derweil noch meine Bewerbung um ein Redaktionsvolontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk. Drei Stufen im Auswahlverfahren zwischen – so hieß es – etwa dreihundert Bewerbern hatte ich bereits gemeistert, als die Einladung zur letzten, zur entscheidenden Runde ins Haus flatterte. Ich war unter den zehn Kandidaten, die zum persönlichen Gespräch geladen wurden. Ich hätte mir dazu zwei oder drei Tage freinehmen und mich in den Zug oder das Flugzeug nach Deutschland setzen müssen. Nach dem Führerschein hatte man mich bis zu diesem Zeitpunkt nicht gefragt. Vermutlich setzte man ihn voraus. Wie sollte denn ein Redakteur in Sachen Berichterstattung und Recherche die drei Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bereisen? Ich stellte mir den Moment, in dem mein Geheimnis auffliegen würde, etwa so vor: „Wie haben Sie sich das vorgestellt?“ „Ich fahre mit Bus und Bahn zum Ort des Geschehens, geht das nicht?“ Der andere, für meine Entscheidung nicht weniger wichtige Umstand war, dass ich mich in Italien und mit dem neuen Texter-Beruf bereits pudelwohl fühlte und gar nicht weg wollte. Ich lehnte also dankend ab. Manchmal denke ich heute an diese Wahl und frage mich, welchen Verlauf mein Leben genommen hätte, wenn ich damals anders entschieden hätte … Egal! So wie es kam, war es auch gut.
Danach gingen drei weitere Jahre ins Land, in denen ich mir eingestehen musste, dass ich auf Dauer in der italienischen Provinz ohne Auto aufgeschmissen war. Oder abhängig von autofahrenden Amici. Busse fuhren unregelmäßig, die Busfahrer streikten gern, und am Wochenende und im August hatte der Fahrplan so wenige Zeilen wie die Gedichte im Poesiealbum. Ausgerechnet im chaotischen Autoland Italien wollte ich den Führerschein machen? Das hielten meine Freunde in Deutschland für recht waghalsig. Aber mir blieb nichts anderes übrig. Ich schaffte es und holte mir mein Patente. Und das beim ersten Anlauf. Leider hatte ich dafür weder Autobahn noch mehrspurige Kreisverkehre zu fahren gelernt. Das Abenteuer begann erst richtig mit den ersten Fahrstunden nach der Prüfung. Mit eigenem Auto und ohne assistierenden Beifahrer. Wieder hatte ich Glück, denn es war August und die Straßen tagsüber leer. So fielen meine (wirklich vernachlässigbar kleinen!) Regelverstöße und Ungeschicklichkeiten niemandem auf. Ein paar Kratzer und Beulen zog ich mir beziehungsweise meinem Auto im Laufe der ersten Monate zu. Das war bei einem Gebrauchtwagen zwar ärgerlich, aber nicht wirklich tragisch. Mit den Jahren und zwei Neuwagen wurde ich sicherer. Heute habe ich sogar eine Rückfahrkamera. Ich manövriere wie ein Profi. Wovor ich weiterhin Angst habe, ist es, in einen fremdverschuldeten Unfall hineinzugeraten. Mehr als einmal ist es mir nur knapp gelungen, unbeschadet einem Überhol-Banausen auszuweichen, vor einem in den Kreisverkehr rasenden Idioten abzubremsen, einen sich durch den Stau schlängelnden Motoradfahrer nicht umzunieten. Italiener fahren gerne nach eigenen Regeln. Einige. Zu viele.
Und doch war ich es, die neulich einem – ganz sicher immer brav in der Spur und nach allen Regeln des Codice della Strada (Straßenverkehrsordnung) fahrenden Verkehrsteilnehmer – eine Schramme ins Auto fuhr. Ich kam aus der Firma und war spät dran (das soll hier nur als Erklärung und nicht als Entschuldigung dienen). Ein junger Mann lief freundlich auf mich zu und fragte, wo er sich zu seinem Vorstellungsgespräch melden solle. Ebenso freundlich gab ich Auskunft. Als ich zum Parkplatz kam, war der Platz links neben mir besetzt. Eigentlich sollte er frei sein um diese Zeit, denn meine Kollegin war schon eher gegangen. Ein Blick auf die Uhr: Es war spät. Daheim würde meine Tochter auf das Mittagessen warten, ich hatte ihr keine Anweisungen gegeben, was sie vorbereiten könne. Also nichts wie weg! Rückwärtsgang, Blick in den Rückspiegel, zur Rückfahrkamera, zack und nach rechts raus. „Kchrrrzzzz …“, hörte ich ein knarzendes, schleifendes Geräusch. Links vorne. Na, eben! Da stand einer neben mir. Da, wo eigentlich keiner stehen sollte um diese Zeit. Jetzt klebte meine linke Flanke an seinem rechten Hinterteil. Nein, sie klebte nicht, sie schliff langsam daran entlang. Zu dicht. Verdammt! Nichts mit schnell nach Hause kommen. Ich fuhr ein Stück weiter, hielt dort, wo mehr Platz war, stieg aus und lief zurück, um mir die Sache anzusehen. Keine Beulen, zum Glück. Aber weiße Schleifspuren, dick und fett. Darunter sah ich winzig kleine, ältere Blechschäden, schon ein wenig verrostet. Ansonsten war der leuchtend blaue Wagen in einwandfreiem Zustand. Bis vor einer Minute. „Der Kandidat, er hat hier geparkt!“, schoss es mir durch den Kopf. Kurzentschlossen flitzte ich zurück ins Gebäude und kam noch zurecht. Der junge Mann saß ‒ ahnungslos und sicher nervös vor dem Interview ‒ im kleinen Versammlungsraum und wartete auf seinen Gesprächspartner. Als ich hineinstürzte, schaute er von seinen Unterlagen hoch und mich erwartungsvoll an. „Was will die denn schon wieder?“, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er musste an meinem atemlosen und betretenen Gesichtsausdruck erkannt haben, dass ich nicht noch einmal zurückgekommen war, um ihm viel Glück für das Vorstellungsgespräch zu wünschen. Ich wollte vor Scham im Boden versinken, während ich ihm mein Missgeschick erklärte. Zu meiner Erleichterung lächelte er nachsichtig und wir tauschten unsere Telefonnummern aus. Zum Schluss wünschte ich ihm auch noch alles Gute fürs Gespräch. Von seiner netten Art angetan, war ich sogar so frei zu behaupten, dass die kleine Panne womöglich ein gutes Omen für die Bewerbung sein könne. Am Abend galt es dann noch, den Vorfall einem indirekt Betroffenen zu beichten: meinem Mann. Er würde es sein, der sich der Sache annehmen und eine unkomplizierte Lösung finden würde. Der Carrozziere (Karosserieschlosser) unseres Vertrauens ist sein Amico, nicht meiner.
Am nächsten Tag im Büro wusste der Kollege, der immer alles weiß, schon Bescheid. Da ich mit niemandem in der Firma darüber gesprochen hatte, fragte ich, wie er darauf käme. Ich konnte mir einen Scherz nicht verkneifen: „Vielleicht gefiel mir der junge Mann, wir haben die Telefonnummern ausgetauscht. Der Rest ist deine Interpretation!“ Als ich anschließend mein Missgeschick schilderte, wurde die Kollegin, die morgens neben mir parkt, hellhörig: „Also, wenn ich mein Auto auf deine Kosten lackieren lassen will, rücke ich einfach näher ran!“, lachte sie. Nein, nein, das wird nicht mehr passieren! Ich war wohl in der letzten Zeit etwas übermütig geworden. Mit Schwung in die Kurve – das klingt so schön positiv. Doch wenn andere Autos neben mir stehen, sollte ich besser mit Acht in die Kurve gehen. Und lieber einmal mehr zu allen Seiten schauen, als mich allein auf die Rückfahrkamera zu verlassen. Bei aller raffinierten Technik: Fehler macht man immer noch selbst.
Mit dem Kandidaten fanden wir übrigens eine einvernehmliche Lösung. Unser Karosserieschlosser richtete alles her, zum halben Preis im Vergleich zum Kostenvoranschlag, den der junge Mann bei seiner Werkstatt eingeholt hatte. (Da wären sämtliche alte Schrammen vermutlich gleich mitbehandelt worden.) Sein Bewerbungsgespräch hat wohl keinen Erfolg gebracht. Aber mein Mann konnte ihm gute Tipps geben, wo er einen seiner Qualifikation entsprechend viel lukrativeren Job finden könne. Vielleicht hat das Ganze ihm auch in dieser Hinsicht noch genutzt. Das würde mich freuen. Mir passiert so ein peinlicher Fehler jedenfalls nicht noch einmal. Das erste wird in diesem Fall auch das letzte Mal gewesen sein. Großes Autofahrerehrenwort!
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