Darüber sprechen

Ein Femizid hält Italien seit zwei Wochen in Atem, und ich las zuerst beim Spiegel davon, dass der Gesuchte, in jenem Moment schon vermutliche Mörder, in Deutschland bei Leipzig aufgegriffen wurde. Heute, am 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, möchte ich ein Thema behandeln, das Italien bewegt und zu dem ich etwas schreiben möchte, etwas schreiben muss. Ich schreibe als Frau und Mutter zweier Mädchen. Und als Deutsche, die in Italien lebt und sich fragt, was hier anders ist als da, wo ich herkomme.

Ich habe in den letzten Tagen, wie alle in Italien, die öffentliche Diskussion verfolgt. Es gab kein Entkommen. Im Fernsehen, im Radio, in der Kaffeepause im Büro, überall ging es um dieses Verbrechen: Der Student Filippo, 22 Jahre, hat seine gleichaltrige Ex-Freundin Giulia, die ihn im Sommer verlassen hatte und vor der Verteidigung ihrer Diplomarbeit stand, massakriert und ermordet. Anschließend fuhr er mit dem Auto über Österreich bis nach Deutschland, wo seine Flucht ein Ende fand und er sich ohne Gegenwehr der Polizei stellte. Im Büro sprach meine Kollegin, Mutter zweier Söhne im Alter von 16 und 12 Jahren, von ihrem Großen: „Er kam aus der Schule zurück und fragte mich, warum sie eine Schweigeminute für den Mord an Giulia halten mussten. Er wollte von mir wissen, ob dieses Verbrechen schlimmer als all die anderen war, die ständig passieren.“ Sie vertraute uns an: „Ich frage mich, was ich tun kann, als Mutter. Wie ich erkennen und verhindern soll, dass meine Söhne Monster werden wie Filippo.“

Ich habe zwei Töchter im selben Alter wie die Jungs meiner Kollegin. Ich frage mich, wie ich erkennen soll, ob sie in Gefahr sind, wenn sie unglücklich verliebt sind oder einen Verehrer oder Freund abgewiesen oder verlassen haben. Italien ist in Aufruhr, bis hin zur Politik, wo es Frauen sind, die in höchster Position die Regierung (Giorgia Meloni, Fratelli d’Italia) und die Opposition (Elly Schlein, Partito Democratico) vertreten. Kann die Politik etwas tun? Können Pflichtstunden zu „Beziehung und Emotionalität“ in den Mittelschulen das Schlimmste verhindern? Ich stelle Vergleiche an und bin drauf und dran, zu behaupten, dass es kulturelle Probleme sind, die Männern in Italien erlauben, Besitzansprüche geltend zu machen. Noch bis 1981 gab es den sogenannten „Delitto d’onore“, den Tatbestand des „Ehrenmordes“, der einen vor Eifersucht rasenden Täter mit einer Strafe von drei bis sieben Jahren davonkommen ließ, es ihm also nahezu gestattete, das Fremdgehen seiner Ehefrau zu sühnen.

Femizide … in Deutschland unbekannt? Dann las ich bei „Aus Sorge um Italien“ einen Artikel mit Zahlen dazu und wurde eines Besseren belehrt: Es ist nicht Italien, als ein südeuropäisches und patriarchalisch geprägtes Land, das mehr Beziehungsmorde an Frauen verzeichnet. Deutschland liegt gleich auf oder sogar davor. Aber in Deutschland ist es kein Thema. Werden solche tragischen Fälle in Italien nur medial ausgeschlachtet? Oder ist die Gesellschaft hier eher bereit, sich den Problemen zu stellen, als es in Deutschland der Fall ist?

In der tragischen Geschichte von Giulia und Filippo kommen immer mehr Details ans Licht. Dazu gehören die Telefonate und Nachrichten an Freundinnen, in denen Giulia zum Ausdruck brachte, dass sie aus Filippos Leben verschwinden wollte, sich aber sorgte, dass er sich etwas antun würde. Sie, die ihn verlassen hatte, sah sich in der Verantwortung für sein unbeschadetes Herauskommen aus der Beziehung. Dieses (typisch weibliche) Verantwortungsgefühl überstieg die Verunsicherung, die da auch war. Oder sah sie gar keine Gefahr für sich selbst? Konnte sie sich nicht vorstellen, dass er ihr etwas antun könnte, aus verletzter Eitelkeit? Was macht einen Verlassenen zum Gewalttäter, gar Mörder? Können wir unsere Töchter schützen, sie erziehen zu einem klaren Nein und dazu, Hilfe zu holen und anzuzeigen, wenn eine Situation aus dem Ruder läuft? Es ist vermutlich so, dass man eine derart schreckliche Eskalation in der eigenen Beziehung oder der der Tochter, der Freundin, der Nachbarin, nicht für möglich hält. Ich weiß, wovon ich rede.

Als ich vor zwanzig Jahren nach Italien kam, lernte ich Italienisch für meinen Freund, von und mit seiner Familie, im Job. Ein Wort lernte ich von ihm. Es war das Wort „ammazzare“. Ich kannte es nicht, es kam in meinem Alltag nicht vor. Bis zu jenem Moment, als er es mir in einem Streit an den Kopf warf: „Ti ammazzo.“ Ich erinnere mich, dass ich am nächsten Tag im Wörterbuch nachschlug. Mein Gefühl hatte mich verstehen lassen, aber es schwarz auf weiß zu lesen, war noch mal etwas anderes: „Ich bringe dich um!“ Das kann mal so rausrutschen? Das hat er nicht so gemeint? Vielleicht. Falsch fühlte es sich an. Auch die Art, wie wir streiten, macht einen Unterschied. Er hatte mich an jenem Abend vor die Tür gesetzt. Ich war allein in der Nacht mit dem Zug gefahren, mit einem langen Zwischenaufenthalt, bei dem ich auf den ersten Anschlusszug warten musste. Die befreundete Kollegin, die mich in jener Nacht vom Bahnhof abholte und mich die letzten Stunden bis zum Arbeitsbeginn bei sich schlafen ließ, habe ich später mehrmals wiedergetroffen. Jedes Mal kamen wir auf diesen Vorfall zu sprechen, und sie verstand nicht, wie ich damals nach ein paar Wochen Funkstille und einer halbherzigen Entschuldigung wieder zu meinem Freund zurückkehren konnte. Ich weiß es. Es war die Giulia in mir, der Glaube an die „Liebe“ und meine Rolle als Retterin, dazu bestimmt, ihm zu helfen. Ihm, der Probleme hatte, aber mich liebte. Mich, die ich ihn erlösen konnte, mit meiner Nachsicht, meinem Verständnis, meiner Großzügigkeit und vor allem … mit meiner Liebe. Vielleicht hatte er tiefe Gefühle, Sicherheit und Anerkennung zuhause oder in früheren Beziehungen vermisst. Ich war die, die ihn retten sollte. Es war meine Bestimmung. Ein paar Monate oder ein Jahr später, nach weiterem Hin und Her, setzte ich den Schlussstrich. Und gab nicht mehr nach, ihn noch einmal zu treffen. Ich hatte verstanden, dass es keine Mission war, sondern dass ich an mich und meine Zukunft denken musste, in der er nicht vorkam.

Ich sage hier nicht, dass es in meiner Beziehung unweigerlich zu Tragischem hätte kommen müssen. Ich sage nicht, dass er (oder ich) die Kontrolle verloren hätte(n), wie es in den Fällen, die in der Cronaca nera der Berichterstattung landen, passierte. Was ich sagen will, ist: Es ist verdammt schwer, wenn nicht gar unmöglich, eine Gefahr wirklich klar zu erkennen. In 999 Fällen glätten sich die Wogen. In einem ‒ sehr selten und doch zu oft ‒ kommt es zur Katastrophe.  

Nein, es ist nicht leicht, Femizide zu verhindern. Aber darüber zu sprechen, wie es in Italien geschieht, ist schon mal ein Anfang. Es mag manchmal zu viel sein, die Sensationsgier der Medien eine Rolle spielen. Aber am Ende des Tages glaube ich: Es ist gut, zu sensibilisieren. Es ist besser, zu viel über ein Problem zu sprechen und nach Verantwortung zu fragen, als es großzügig totzuschweigen oder zu banalisieren. Ein Rezept habe ich nicht. Zu wissen, worum es geht und wie es dazu kommen kann, ist ein erster Schritt zur Prävention.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Kein Anschluss an diesem Gate

Oder: Vier Lektionen für eine Nacht am Flughafen

„Mama, ich habe den Flug verpasst“, so lautet der italienische Titel des legendären Weihnachtsklassikers „Kevin allein zu Haus“. Er kam mir in den Sinn, als ich auf dem Weg nach Dresden zu meiner Mutter wieder auf dem Frankfurter Flughafen hängenblieb. Aber ich jammerte nicht und rief auch nicht nach Mama. Stattdessen haute ich mit der Faust auf den Boardingschalter und stieß dabei ein lautes „Sch…eibenkleister, nicht schon wieder!“ aus. Mir fehlte die Luft. Ich war gerannt wie eine junge Göttin. In Absatz-Stiefeln! Hätte ich geahnt, wie weit es von meinem Ankunftsort bis zum Gate A64 war, ich hätte es bleiben lassen. Ich bin mir meines Alters und untrainierten Zustands, was Langstreckensprints anbetrifft, durchaus bewusst. Als es mit einer Stunde Verspätung in Mailand losging (wegen eines technischen Problems beim Betanken), hatte ich meinen Anschlussflug nach Dresden bereits in den Wind geschrieben. Aber wie heißt es so schön: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Vor der Landung in Frankfurt gab es einige Durchsagen für die Mitreisenden, welche Flüge ein neues Gate hätten und wer eine Umbuchung auf den nächsten Tag bekäme. Von meinem Flug nach Dresden war keine Rede. Sicher war ich die Einzige an Bord, die Freitagabend in die sächsische Landeshauptstadt wollte. Für eine Gruppe, die um den Anschluss nach Bergen zitterte, wurde ein Kleinbus direkt am Flieger zur Verfügung gestellt, der sie ohne Umweg über das Flughafengebäude zu ihrer Maschine bringen sollte. Beim Aussteigen fragte ich die Crew freundlich, aber mit einem gewissen Nachdruck in der Stimme: „Dresden ist schon weg, oder?“ „Da haben wir nichts gehört!“, gab man schulterzuckend zurück. Der Form halber warf ich am Terminal einen Blick auf die Anzeigetafel. Ich glaubte meinen Augen nicht, als ich in der letzten Spalte des Dresden-Flugs las: „Boarding“. Nicht etwa „Closed“. Ich flitzte los. Über Flure und Rollbahnen, mit wehendem Haar und wippendem Rucksäckchen. Meinen Trolley hatte ich in Mailand spontan aufgegeben, als dazu aufgerufen worden war. Egal, er würde nachgeliefert werden, aber ich würde noch heute Abend in Dresden sein. Ich rannte wie um mein Leben. Als ich das Gate erreichte, standen keine Gäste mehr davor. Aber der Schalter war noch besetzt. Ein letzter Funken Hoffnung flackerte auf. Vor einem Jahr waren an gleicher Stelle die Lichter bereits ausgeschaltet gewesen.

Als sie mich sah, schüttelte die Angestellte bedauernd ihren blonden Pagenkopf. Im selben Moment, in dem ich mit der Faust auf den Tisch schlug und fluchte, war es mir bereits peinlich. Ich sah schon bewaffnete Ordnungskräfte anrücken, die mich abführen würden. Aber nein. Die freundliche Schalterdame zeigte zu meiner Überraschung großes Verständnis und machte mir das unnützeste Kompliment meines Lebens: „Sie waren aber schnell!“ Warten hätten sie aber nicht auf mich können. Keuchend stand ich vor ihr und erklärte, dass mir dasselbe bereits vor einem Jahr passiert sei, und ich doch nur den Samstag in Dresden hätte. Sonntagmittag müsste ich für die Rückreise schon wieder am Flughafen sein. Sie nickte mitfühlend, und ich fühlte mich schon ein wenig besser. Nur die Lungen taten nach meinem Höllen-Sprint weh.

Lektion Nummer eins: Ruhig bleiben!

Ich kannte das Prozedere: neuer Flug für Samstagmorgen, Übernachtung mit Abendessen und Transfer zum Hotel. Leider hatte ich aus der Erfahrung vor einem Jahr nichts gelernt. Das wurde mir auf dem Weg zum Hotel schmerzhaft bewusst. Wieder war ich ohne Übernachtungs-Zubehör im Handgepäck unterwegs. Ich hatte nichts. Nicht mal ein Haargummi. Theoretisch hatte ich alles bei mir. Im Trolley.

Lektion Nummer zwei: Die Notausstattung gehört ins Handgepäck (!), nicht in den Trolley.

Angestrengt dachte ich nach. Es würde eine Duschhaube geben. Gab es nicht. Für Gestrandete wie mich hielt man im 4-Sterne-Hotel außer Duschbad und Haarwäsche nur eine Zahnbürste und Zahnpasta bereit. Mir blieb am Morgen nach kurzer Inspektion des Zimmers und aller verfügbaren Requisiten nichts anderes übrig, als mir das Haar mit meiner goldenen Halskette hochzubinden. Das geht! Und wenn man sich nicht abschminken kann, dann bleibt die Schminke eben drauf. Geht auch! Und wenn man kein Deo dabeihat, schmiert man sich nach dem Duschen etwas von der Handseife mit Zitrusduft unter die Achseln. Tada!

Lektion Nummer drei: Es geht. Immer. Irgendwie. Alles.

Und in einer Hinsicht sogar besser als gedacht. Ich hatte eigentlich keine große Lust, nach 22 Uhr ein Abendessen in der Hotel-Lounge einzunehmen, allein an einem Katzentisch. Beim letzten Mal waren wir in Familie gewesen und dieser traurige Aspekt des allein Speisens hatte mich nicht betroffen. Kritisch schielte ich von der Rezeption aus auf die paar Herren und einzelnen Paare, die an der Bar ein Bier tranken oder an den kleinen Tischen etwas zu sich nahmen. Am Check-in neben mir sah ich einen feschen Dreiβigjährigen und hörte ihn zwei Worte Italienisch sprechen. Vielleicht war er auch mit meinem Flieger gekommen? Egal. Ich würde ihn nicht danach fragen. Er würde Ja oder Nein sagen, mich wenn überhaupt mit einem flüchtigen Blick checken und verschwinden. Also ging ich direkt hoch aufs Zimmer, machte mich frisch und wollte gerade den Fahrstuhl zurück in die Lobby nehmen, da stieg der mutmaßliche Schicksalsgefährte aus diesem aus und grüßte mich lächelnd: „Ciao!“ Wir bestätigten uns gegenseitig, mit demselben Flieger gestrandet und um unser Leben gerannt zu sein, um den Anschluss letztlich doch zu verpassen. Dann schlug er vor, das Abendessen gemeinsam einzunehmen. Es wurde ein kurzweiliger, unterhaltsamer Spätimbiss. Wir lachten und sprachen über dies und jenes: den Job, die Familie, Italien, Deutschland, Österreich (sein Reiseziel, auch er war nur für das Wochenende unterwegs).

Am nächsten Morgen, auf dem Flug nach Dresden, ließ ich die abendliche Episode mit einem Lächeln im Gesicht noch einmal Revue passieren. Ich dachte an meine Geschichte vom Supermann, die ich kürzlich hier veröffentlicht habe und insbesondere an den Kommentar, den Mitzi daruntergeschrieben hatte. Nein: Frau soll sich in Gegenwart jüngerer Männer weder verstecken noch irgendwelche Probleme machen. Ich hätte seine Mutter sein können, aber es fühlte sich an wie mit einem netten neuen Kollegen oder Seminarteilnehmer.

Lektion Nummer vier:  Für ein gutes Gespräch ist es nie zu spät. Erst recht nicht am falschen Ort und zur falschen Zeit.

Aus dem verlorenen Abend war mit dieser Erkenntnis ein persönlicher Gewinn geworden. Meine Mama erfuhr erst am nächsten Tag, dass ich den Flug verpasst hatte. Sie hätte sich vollkommen umsonst Sorgen gemacht.

Titelfoto: Das ist nicht mein netter Schicksalsgefährte, sondern wie so oft ein Symbolbild von Pexels.

München, die nördlichste Stadt Italiens

„Madonna mia“, hatte sie schon nach dem Aussteigen aus der S-Bahn gesagt, „was ist denn das für eine Gegend, in der du hier wohnst, Kind?“ Darum bemüht, die Emotionen sowohl bei mir als auch bei ihr ja nicht hochkochen zu lassen, sagte ich im unschuldigsten Unschuldston: „Wieso? Das ist ganz normal für München. Hier wohnen anständige Leute.“

Angela Troni

Risotto mit Otto. Ein italienisches Jahr in München*, ullstein Taschenbuch, 1. Auflage 2011, Seite 354.

Madonna mia!“ oder etwas Ähnliches lag mir auch auf den Lippen, als ich das Buch mit dem albernen Titel „Risotto mit Otto“ aus dem Bücherregal meiner Freundin zog. Es stammt aus dem Jahr 2011, ich hätte bei der Lektüre sogar auf ein Veröffentlichungsdatum fünf bis zehn Jahre früher getippt. Es ist in diesem Stil der superlustigen Frauenromane geschrieben, ihr wisst schon. Heldinnen, die sich emanzipieren wollen, aber davon auf wundersame Weise abgehalten werden: von immer neuen Diäten und den immer falschen Männern. Die frühe Hera Lind, Ildikó von Kürthy, und wie sie alle hießen. Auch die Protagonistin Angela, italienische Studentin im Auslandssemester, rennt in München dem falschen Mann hinterher, obwohl der richtige – ihr ahnt es: Otto – ihr ehrliche Gefühle entgegenbringt. Dass ich das Buch trotzdem mitgenommen und auch recht zügig gelesen habe, lag an meiner Neugier, wie eine Italienerin die Deutschen beschreibt. Oder vielmehr die Bayern.

„ … und dass die Bayern ein recht seltsames Volk sein mussten. Immerhin behaupteten sie, München sei die nördlichste Stadt Italiens, was mir per se sehr verdächtig erschien. Hatten die denn keinen Nationalstolz?“ (S. 9)

Ihre Vorurteile findet Angela genauso bestätigt wie sie München und die Münchner*innen (natürlich) im Laufe der Geschichte lieben lernt. Die Autorin nimmt sich selbst und die Italiener dabei gleichermaßen auf die Schippe wie die Deutschen. Wenn man nicht jedes Klischee auf die Goldwaage legt und vor allem nicht meint, die von der Familia verwöhnte, lebensunerfahrene und Markenklamotten liebende italienische Protagonistin repräsentiere die Allgemeinheit ihres Landes, dann kann man die Geschichte mit Vergnügen lesen. Ein Fünkchen Wahrheit steckt in den ironischen Anspielungen allemal drin. Wenn sie beschreibt, wie die Mitglieder der Familia sich den Hintern aufreißen, um einen Verwandten im Krankenhaus rund um die Uhr zu betreuen und zu versorgen, dann erwähnt sie auch die „Bella Figura“, um die es dabei immer geht. In der Kritik an den Deutschen, die ihr krankes Familienmitglied nur wie vorgeschrieben eine halbe Stunde besuchen und sich darüber hinaus auf die angemessene Betreuung in der Klinik verlassen, schwingt das Wissen um die kulturellen Hintergründe mit. Man erfährt, warum sich die Italiener so anders benehmen. Ein allgemeines und teilweise berechtigtes Misstrauen gegenüber dem staatlichen Gesundheitswesen und der angestrebte gute Eindruck („Bella Figura“) dem Umfeld gegenüber relativieren die gepriesene Selbstlosigkeit.

Ein bisschen habe ich mich bei der unterhaltsamen Lektüre auch an eigene Erlebnisse erinnert. Ich war zwar keine Italienerin in Bayern, aber weltfremd fühlte ich mich auch dann und wann. Zum Beispiel denke ich an meine Zeit als Studentin in Berlin, wenn Angela das ungeschickte Anbandel-Manöver eines Kommilitonen in der Mensa beschreibt:

„Mein Gegenüber, einmal mutig geworden, ließ jedoch so schnell nicht locker und startete einen neuen Versuch. „Wie machst du eigentlich Apfelmus?“ Mir wäre fast das Handy aus der Hand gefallen, und ich starrte ihn an, als hätte er mich gerade gefragt, ob ich ihm meine BH-Größe nennen könne. „Was?“, sagte ich nur, den Blick auf seinen Dreitagebart gerichtet, damit ich ihm ja nicht in die Augen sehen musste.“ (S.161 f.)

Ich sehe mich wieder auf dem Flur meiner Fakultät an der Berliner Humboldt-Uni, als ein unbekannter Mitstudent allen seinen Mut zusammennahm und mich aus dem Nichts heraus fragte: „Gehst du gerne essen?“ Ich war perplex und dachte allen Ernstes, er beziehe sich auf die Mensa und wolle mir seine Essensmarken schenken oder verkaufen. Es muss eine ähnlich peinliche Situation gewesen sein, denn er meinte eigentlich ‒ so verstand ich erst zeitversetzt seine Reaktion ‒ dass wir mal (außerhalb der Uni) zusammen was essen gehen könnten. Ob es eine Einladung gewesen war und er das Essen bezahlen wollte, sei mal dahingestellt und tut auch nichts zur Sache.

Ein weiteres „Kenn ich!“-Schmunzeln regte sich bei mir angesichts der unkonventionellen und für ein Mädchen aus mehr oder weniger geordnetem Hause irrwitzig anmutenden Gepflogenheiten einer WG, wo immer mal ein Bekannter im Zimmer eines abwesenden Bewohners unterkommt. Ich war schon 29, als ich in Hamburg für mein dreimonatiges Praktikum bei einer Zeitschriftenredaktion ein Zimmer in einer WG untergemietet hatte, während die Bewohnerin zu einem Auslandspraktikum gefahren war. Ich weiß nicht mehr, wie ich das WG-Leben mit meinen hohen Ansprüchen an Sauberkeit und Privatsphäre in Einklang brachte, aber manchmal muss man sich einfach ins Leben stürzen. So passierte es mir auch, dass ich nachts im Flur plötzlich einen Fremden vor mir hatte, der erklärte, er sei der Kumpel von dem, in dessen Zimmer er diese zwei Nächte schliefe. Ihr müsst wissen, dass ich damals in Leipzig bereits seit vier Jahren eine eigene Wohnung hatte und FDP wählte, weil ich mich als Bankerin zu den potenziell Besserverdienenden** zählte. Das Praktikum hatte ich zwischengeschoben, um endlich meine wahre berufliche Bestimmung zu finden. Das Besserverdienen ist nämlich nicht alles.   

Was den bayerischen Dialekt betrifft, bilde ich mir eigentlich ein, ihn halbwegs zu verstehen. Im Buch gibt es eine saukomische Szene in einer Bäckerei, in der Angela nur schnell ein Cornetto kaufen will, aber an der Wortwahl der Verkäuferin scheitert. Da schwitzte ich mit der Italienerin mit:

„… „Ois?“, lautete nämlich die nächste Frage der Bäckereifachverkäufern … „Wie bitte?“, fragte ich höflich. Hatte sie nicht eben noch behauptet, es gebe hier kein Eis? … Auch diesmal war die Antwort zwar nicht deutlicher, dafür aber deutlich lauter: „Ois?“ Wieso gingen diese Bayern bloß immerzu davon aus, dass man schwerhörig war, wenn man sie nicht verstand. … Mein Gegenüber hob sichtlich genervt die Augenbrauen und sagte: „Was derfs denn no sei fer Eana?“ Wer um Himmels willen war diese Erna?“ (S.254 f.)

Fazit: Für einen Kurztrip nach München oder den nächsten Sommerurlaub in Italien ist das Buch ein kurzweiliger Begleiter. Und das Risotto im Titel reimt sich natürlich nicht nur auf den altertümlichen Namen für einen jungen Mann. Otto kocht mit Vorliebe italienisches Risotto, das dem Original alle Ehre macht. Die Rezepte, vermutlich aus dem Familien-Repertoire der halbitalienischen Autorin, sind im Text inklusive. Nach dem schnellen Lesen bleibt einem zumindest ein Kochbuch.

*Werbung, unverlangt und unbezahlt. **Die FDP nannte sich in den 90er-Jahren „Die Partei der Besserverdiener“, erinnert ihr euch?

Titelbild: Münchener Rathaus im Sommer 2022, aufgenommen von uns Halbitalienern während der European Championships.

Supermann

Neulich las ich einen Artikel mit dem skandalverdächtigen Titel „Vittime della sindrome del Vetril“ (Opfer des Vetril-Syndroms). Er wurde mir im Newsfeed vorgeschlagen. Sollte ich mich angesprochen fühlen? Es ging in dem Beitrag um ein Phänomen, für das ein Fensterputzmittel mit seinem Namen herhalten muss: den sogenannten Vetril-Effekt bei Frauen über 50. Sie werden unsichtbar, und das, obwohl sie nicht vollkommen streifenfrei sind. Frauen über 50 sind plötzlich durchsichtig wie frisch mit Vetril gewienerte Fensterscheiben.

Nun, ich weiß, wovon da die Rede ist. Und zwar nicht erst jetzt. Es ist sicher schon wieder zehn Jahre her, als ich in der Mittagspause einmal an einer Horde campierender Soldaten vorbeimusste. Ich war verunsichert, doch es geschah: nichts. In meiner Jugend und noch ziemlich lange danach hagelte es neben Blicken regelmäßig Pfiffe und Sprüche. In jenem Moment wurde mir schmerzhaft bewusst, dass ich vielleicht noch nicht ins Unsichtbar-Stadium, aber doch in eine ruhigere Phase eingetreten war.

Dabei ist das mit dem Nichtgesehen-Werden eigentlich auch ganz schön. In letzter Zeit wünsche ich es mir sogar. Denn es gibt den Super(markt)mann. Ich nenne ihn hier mal so, um weder seinen Namen, den ich nicht weiß, noch den der Supermarktkette, dessen Nennung als Werbung verstanden werden könnte, zu erwähnen.

Sicher kennt ihr solche Situationen auch: Ihr seid unterwegs und hängt irgendwelchen Gedanken nach. Da rückt eine Person rein zufällig in euer Blickfeld und meint, ihr würdet sie absichtlich anschauen. Normalerweise kein Problem. Ihr geht weiter und seht die Person nie wieder. Mir passierte das irgendwann im Frühsommer mit einem Supermarktangestellten, der gerade Sahne-, Soja- und Magermilchjoghurt ins Regal sortierte. Ich war an jenem Samstag mit den Gedanken woanders und nicht wie gewohnt auf den Einkauf fokussiert. Normalerweise arbeite ich meine Liste ab, die in strenger Reihenfolge der Supermarktreihen auf einen Zettel geschrieben ist und drehe keine unnützen Runden. Diesmal musste ich mehrmals zurückgehen, weil ich etwas vergessen hatte. Ich begegnete demselben Angestellten insgesamt dreimal, immer an anderen Orten, an denen er gerade hantierte. Beim dritten Mal sprach er mich an. So begann meine unfreiwillige Bekanntschaft mit Supermann. Er ist ungefähr in meinem Alter, bei Männern kann man das immer schlecht sagen. Er ist nicht mein Typ. Kein bisschen. Gar nicht. Aber dafür kann er ja nichts. Wofür er allerdings etwas kann, ist, dass er mich seither zu verfolgen scheint. Wo immer ich gerade vor einem Regal stehe, biegt er irgendwann um die Ecke oder taucht zwischen den Kisten auf. Seine Augen leuchten dann immer, er strahlt über das ganze Gesicht und grüßt mich, als ob wir gute Bekannte wären. Zweimal passierte es, dass ich einen Mozzarella oder einen Streichkäse nicht fand und er mir behilflich sein konnte. Ein andermal ging er extra nach hinten, um die Hafermilch im Angebot für mich aus dem Lager zu holen.

Die unheimlichste Begegnung hatten Supermann und ich am Tag, an dem Silvio Berlusconi beerdigt wurde. Als ich ins Parkhaus fuhr und dieses halbleer war – ungewöhnlich für einen Mittwochnachmittag – fiel es mir ein: Um 15 Uhr begann die Trauerfeier im Mailänder Dom und wurde im Fernsehen übertragen. Gut, dachte ich, das Einkaufen würde schneller gehen, wenn viele der üblichen Kunden daheim vor dem Bildschirm säßen. Doch im Markt war es nicht nur leer, sondern auch … irgendwas fühlte sich anders an. Es war verdammt leise. Die Unterhaltungsmusik aus den Lautsprechern fehlte. Sollten sie die etwa wegen … Noch ehe ich den Gedanken zu Ende gedacht hatte, vernahm ich eine Durchsage, von der ich nur Bruchstücke verstand. Etwas von „Beileidsbekundung“ oder so. Dann gingen die Lichter aus. Wir wenigen Kunden standen im Halbdunklen. Eine Schweigeminute, verstand nun auch ich und blieb stehen. Und wer kreuzte in diesem Moment des innigen Gedenkens meinen Weg? Obwohl ich gar nicht vor dem Milchregal stand? Supermann! Diesmal nickte er freilich nur, statt zu plaudern. Der Situation angemessen. Unheimlich war es trotzdem. Zum Glück gingen die Lichter kurz darauf wieder an, ich konnte meinen Wagen weiterschieben und den Einkauf hinter mich bringen. Sogar ein paar Takte Popmusik hörte ich leise klimpern. Sie verstummten allerdings so schnell wieder, wie sie eingesetzt hatten. Vermutlich hatte jemand den Verantwortlichen zurechtgewiesen. 

Wisst ihr, was das Dümmste an der ganzen Sache ist? Das Problem bin ich selbst. Ich verkrampfe mich beim Versuch, ihm nicht zu begegnen. Dabei liegt das gar nicht in meiner Macht. Und doch spüre ich diese Verunsicherung. Lieber unsichtbar sein als wie eine wirken, die jemanden sucht. Sein vertrauliches „Ciao!“ beantworte ich längst mit einem sachlichen „Buongiorno!“. Ich nenne ihn im Scherz meinen „Stalker“. Dabei ist noch gar nicht klar, wer hier wen stalkt, und womöglich sieht er es gerade andersherum. Es begab sich nämlich, dass ich herausfand, wo er wohnt. Ich hatte einen Tag frei und beschlossen, die seltene Gelegenheit touristisch zu nutzen. Allein und tiefenentspannt spazierte ich an einer Seepromenade entlang und genoss meinen Ausflug. An einem Freitag, der kein Feiertag war, waren nur wenige Leute unterwegs. Ich hatte mich gerade mit meinem Buch auf eine Bank gesetzt, als ein Jogger des Wegs kam. Der grinste mir schon von Weitem zu und ich ahnte Schlimmes, bevor ich ihn überhaupt erkannte. „Cosa ci fai qua?“ Was machst du hier, war seine Frage, und ich fragte ihn, was er denn hier mache, statt in der Arbeit zu sein. So allein auf der Bank und ohne Einkaufswagen, den ich geschäftig hätte weiterschieben können, musste ich mich auf ein kurzes Gespräch einlassen. Die Einladung auf einen Caffè lehnte ich dankend ab. Ich hatte tatsächlich gerade einen getrunken. Nun konnte er sagen, ich würde ihn stalken. Na prima!

Nach diesem traumatischen Erlebnis am See dachte ich sogar eine Weile daran, wegen des Supermanns den Supermarkt zu wechseln. Dabei gäbe es eine viel einfachere Lösung: Ich schicke künftig den Gatten zum Einkaufen. Soll der sich doch mit der netten Kassiererin unterhalten.   

PS: Im Titel des eingangs zitierten Artikels hieß es auch noch: „Si diventa invisibili ma anche libere e felici.“ Frau wird unsichtbar, aber auch frei und glücklich. Schön wär’s!

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Der richtige Moment

Im Juli hatte ich hier die prachtvollen Blüten der Lagerströmie vor unserem Fenster gezeigt und versprochen, auch den Farbenrausch im Herbst zu fotografieren.

Nicht, dass ich es vergessen habe. Ich habe nur zu lange gewartet. Und immer gedacht, dass es noch schöner, noch bunter, noch üppiger werden würde. Ich habe auf einen Tag mit Sonnenschein gewartet, an dem ich ein gutes Foto machen könnte. Ihr müsst wissen, hier war bis Mitte Oktober alles grün und die Temperaturen tagsüber sommerlich warm. Ich wähnte mich sicher, noch Zeit zu haben. Und nun, Anfang November, am ersten trockenen Nachmittag nach vier Tagen Dauerregen, ist es bereits zu spät. Enttäuscht stehe ich vor dem entlaubten Baum. Die gelb-roten Blätter liegen auf der Erde. Vielleicht sind sie Regen und Wind vorzeitig zum Opfer gefallen.

Als ich meine Mutter gestern anrief, war sie froh, mich zu hören. Sie erfährt in Deutschland von den extremen Unwetterereignissen in Italien und bangt jedes Mal um uns. Zum Glück ist unsere Gegend einmal mehr von Schäden verschont geblieben. Dabei fluchten auch wir in diesen Tagen auf das Mistwetter. Ich schäme mich für unser Lamento, wenn ich im Fernsehen die wirklich betroffenen Orte sehe. Diesmal gab es vor allem in der Toskana Wasserschäden an Wohnhäusern, weggeschwemmte Autos, vollgelaufene Geschäfte und furchtbarerweise auch menschliche Opfer. Dann denke ich, wie falsch es ist, immer auf einen noch schöneren Moment, die passendere Gelegenheit zu warten. Der richtige Moment kommt nie. Er ist schon vorbei, oder er ist jetzt.

Vermutlich war der farbenprächtigste Moment unserer Lagerströmie vor ein oder zwei Wochen. Ich habe ihn verpasst.

Cambio Armadio

Kennt ihr das auch? Ihr kauft einen Rock oder einen Pullover. Ihr tragt ihn stolz nach Hause und stellt fest, dass ihr einen ähnlichen bereits im Schrank habt. Oder zwei, oder drei. Ich meine, dieses Phänomen betrifft vor allem Frauen wie mich, also solche di una certa età (in einem gewissen Alter). Wenn man einmal sicher ist, was einem steht, kauft man wie ferngesteuert, auf bestimmte Teile programmiert. Und das ist gut so. Eins passt zum anderen.

Den letzten Schreien hinterherjagen? Mit fünfzig? So weit kommt es noch. Ich weiß mittlerweile, welche Farben und welche Schnitte mich am besten kleiden. In Deutschland habe ich eine Marke entdeckt, bei der ich zweimal im Jahr in Dresden shoppen gehe. Dort gibt es immer Sachen, die mir gefallen und passen. Die Qualität ist so hochwertig, dass ich eins der allerersten Oberteile, die ich mir von diesem Hersteller vor Jahren zulegte, jetzt sogar an die Tochter vererbt habe. Nicht, dass ich nichts anderes mehr kaufe. Aber die Basis ist da und darüber hinaus braucht es wenig. Hin und wieder eine spontane Entscheidung. Selten ein Fehlkauf, aber auch das kommt vor. Ich bin gegen modische Verlockungen (und günstige Angebote hochpreisiger Marken) nicht vollkommen gefeit.

Im Frühjahr und im Herbst veranstalte ich regelmäßig den Cambio Armadio. Dabei geht es nicht um Tausch oder Neuanschaffung des Kleiderschranks, wie die wörtliche Übersetzung nahelegt. Das käme ein bisschen teuer. Vom Cambio Armadio spricht die Italienerin, wenn sie die Kleider im Schrank sichtet, aus- und wieder einräumt und dabei alle nicht jahreszeitgerechten Klamotten unters Bett, auf den Dachboden oder wohin auch immer auslagert. Das Sortieren bietet willkommene Gelegenheit, mich von Altem zu trennen. Es gibt jedoch Teile, von denen ich mich schon viele Male nicht getrennt habe. Dabei kommen mir manchmal Zweifel, ob ich ein gutes Stück, das ich vor mehreren Jahren gekauft habe, noch tragen kann. Doch dann passiert es, dass meine zwanzig Jahre jüngere Kollegin mit einem neuen Pullover aufkreuzt, der genau denselben Schnitt wie mein alter hat. Oben weit, um die Hüfte enger. Ich habe ihn in meiner Lieblingsfarbe Dunkelblau. Sie trägt Tannengrün. Das steht ihr gut mit ihren dunklen Haaren. Ich mache ihr ein Kompliment und freue mich über die Bestätigung, mein gutes Stück ohne modische Kompromisse tragen zu können.

Bin ich geizig? Nein! Für meinen gepflegten Look gebe ich regelmäßig Geld aus. „Ich muss mal wieder zum Friseur“ ‒ so eine gequälte Ansage kommt mir schon seit Jahren nicht mehr in den Mund. Ich gehe gern und einmal die Woche zu Rosi, auch nur zum Waschen und Föhnen. In jungen Jahren war ich stolz, wenn ich mich nur drei oder vier Mal im Jahr unter die Haube gesetzt habe. Das war Geiz. Denn beim Friseur bezahle ich eine Dienstleistung, keine Dinge. Ich trage zum geregelten Einkommen der hart arbeitenden Selbständigen bei. Wahrscheinlich kaufte ich früher mehr Klamotten, die nur ein oder zwei Saisons hielten. Den Begriff Fast Fashion gab es noch gar nicht. Wer jetzt mithalten will, müsste alle paar Wochen schauen, was es Neues gibt. Da stehe ich nicht nur aus Umweltgründen drüber. Das Bewusstsein, was mir gefällt und worauf ich gut verzichten kann, macht herrlich unabhängig.

Wenn mir hin und wieder doch Bedenken kommen, kann ich sie übrigens elegant wegdiskutieren: Der Begriff Vintage ist zum Glück in Mode und rettet mich. Ich bin immer gut angezogen.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Prominenter Kommilitone

In diesem, dem dritten Jahr an der Scuola Superiore (Gymnasium), steht für unsere Tochter auch Philosophie auf dem Lehrplan. Aufgeregt berichtet sie uns beim Abendessen von der ersten Stunde. Es waren ein paar der großen Namen gefallen. Unter anderen der von Karl Marx.

Karl Marx. Unser Stichwort. Meine Tochter und ich wechseln einen Blick, und während meine Augen zu leuchten beginnen, drehen ihre in Richtung Decke. Kurz darauf überzieht ein breites, wissendes Grinsen ihr Gesicht. „Jaaa, Mami. Nun fange nicht wieder damit an, dass du an der Uni warst, an der auch Karl Marx studiert hat. Das erzählst du jedes Mal.“ „Sag bloß, davon hast du in der Klasse nicht berichtet?“, provoziere ich schmunzelnd. Sie schnappt nach Luft, so dass ich mich animiert fühle, noch einen draufzusetzen: „Das musst du unbedingt nachholen, wenn ihr auf den großen deutschen Philosophen zu sprechen kommt.“

Ich gebe zu, dass ich das ein oder andere Mal von dem berühmten Studenten meiner Berliner Humboldt-Universität erzählt habe. Immer, wenn es darum ging, ob und wo die Mama studiert hätte. Das Ob wird vom italienischen Gatten regelmäßig in Frage gestellt, wenn ich mich in einer praktischen Angelegenheit umständlich anstelle oder beim Kopfrechnen etwas länger brauche. Dabei hatte unser Matheprofessor an der Humboldt erklärt, Mathematiker könnten in der Regel nicht gut rechnen. Dieses Argument nutze ich seither gern zu meiner Verteidigung. Ich bin gut in Theorie. Wie der einflussreichste Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus es war. In der Praxis haben seine Ideen ja bisher auch nicht wirklich funktioniert.

Und wo wir wieder beim Thema sind, rückt die Tochter noch mit einem Geständnis heraus: „Als ich klein war, dachte ich immer, dieser Karl Marx wäre dein Kommilitone gewesen. Ich sah ihn neben dir im Vorlesungssaal sitzen.“ Jetzt schnappe ich nach Luft. Vor Lachen.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Nicht ohne meinen Schrittzähler

In meinem Umfeld scheint es eine neue Mode zu geben. Es reicht nicht mehr, nach Ausflügen instagramreife Fotos zu präsentieren. Man teilt jetzt auch mit, wie viele Tausend Schritte man bei der Besichtigung der Stadt X oder der Umrundung des Sees Y zurückgelegt hat. Ich meinte auf entsprechende Nachfrage immer, ich hätte keinen Schrittzähler dabei. Und das war die Wahrheit, es interessierte mich nicht. Bis ich im Sommerurlaub dermaßen viel lief, dass mir am Abend die Füße schmerzten. Und zwar in Sandalen einer sportiven Outdoor-Marke, die ich als bequem empfunden hatte. Als ich zurückkam und davon berichtete, interessierte es mich plötzlich auch, wie viele Schritte das wohl an den heftigsten Tagen gewesen sein mochten. Also installierte mir unsere Große schnurstracks die entsprechende App auf meinem Smartphone. Oder sie aktivierte sie nur, weil sie schon da war, was weiß ich.

Leider fing nach dem Urlaub der Alltagstrott wieder an, und ich lege die meisten Strecken notgedrungen mit dem Auto zurück. Um die vorgegebenen 6.000 Schritte zu absolvieren, bei deren Erreichen es zur Belohnung einen virtuellen Konfettiregen regnet, braucht es schon einen strammen Spaziergang. Auf diese Schrittzahl kam ich nur an den Wochenenden. Bis unsere Kleine mir vorschlug, auch wochentags vor dem Frühstück eine Runde durch die Gegend zu laufen. Ich hatte mit diesem Gedanken schon selbst gespielt, aber eine entsprechende Erfahrung liegt ganze dreizehn (!) Jahre zurück. Damals rannte ich jeden Morgen eine halbe Stunde durchs Viertel. Als es im Oktober morgens um sechs von Tag zu Tag dunkler und kälter wurde und ich obendrein feststellte, schwanger zu sein, hatte ich aufgehört. Im Dunklen alleine zu laufen war unheimlich geworden. Jetzt ist meine Tochter zwölf Jahre alt und ich raffe mich mit ihrer Hilfe endlich wieder auf. Obwohl, da war auch noch die Zeit während des ersten Lockdowns. Ehe wir in den eigenen vier Wänden ausharren mussten, liefen wir Mitte März 2020 jeden Morgen durch die Senke hinterm Haus. Das war aber nicht früh um sechs, sondern gegen halb acht gewesen. Homeoffice und Distanzunterricht begannen erst später. Die coronabedingten anderen Umstände ausgenommen, hatte ich es bis heute nicht mehr geschafft. Meine Ausrede war in all den Jahren der streng getaktete Ablauf im Bad gewesen. Wenn vier Menschen zeitig aus dem Haus müssen, ist Rücksicht gefragt. Wir haben eine Lösung gefunden und sind gespannt, wie lange wir durchhalten. Ich bin jedenfalls wild entschlossen, mich auch im Winter bei Kälte nicht zu drücken. (Indem ich das hier niederschreibe, seid ihr alle im Zeugenstand.) Sogar ein Extremwetterplan liegt vor: Sollte es regnen oder schneien, laufen wir die Treppen im Hausflur hoch und runter.

Allerdings kommen wir bei unseren morgendlichen sportlichen Spaziergängen (noch gehen wir, aber wer weiß, vielleicht rennen wir irgendwann sogar) gerade mal auf 3.500 Schritte. Um mehr zu schaffen, müssten wir noch eher aus den Federn, aber das wäre unchristlich. Also bin ich den Rest des Tages bemüht, irgendwie auf die Mindestschrittzahl zu kommen. So egal es mir früher war ‒ jetzt hat mich der berühmte App-getriebene Ehrgeiz gepackt, für den ich bis vor kurzem nur ein müdes Lächeln übrighatte. Dabei laufe ich wirklich gerne, nehme im Haus nur mit schweren Taschen oder zerbrechlichen Flaschen in der Hand den Fahrstuhl. Nicht, dass ihr denkt, ich hätte bei meinen Gängen in den Keller, zum Briefkasten und zum Blumengieβen auf den Balkon nun immer das Smartphone in der Tasche. Aber wenn ich die Kleine am Nachmittag von der Schule abhole, drehe ich neuerdings Runden auf dem Platz, statt mir wie die anderen Wartenden die Beine in den Bauch zu stehen. Was die sich dazu denken? Mir egal! Ich muss noch 386 Schritte absolvieren, ehe ich mich daheim wieder an den Schreibtisch oder aufs Sofa setze.

Auch zwanzig Jahre nach meinen ersten Schritten in Italien falle ich also immer noch ins Auge, weil ich mich merkwürdig benehme. Ich spaziere umher, wo man auch gut herumstehen kann. Damals, als Fußgängerin in Olgiate Comasco, lief ich zur Arbeit, während alle anderen mit dem Auto fuhren. Eins steht fest: Würde ich heute noch dort wohnen und dort arbeiten, liefe ich zur Arbeit. Dann hätte ich wochentags das Doppelte der Mindestschrittzahl schon in der Tasche.

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Späte Tomate

Wir haben Mitte Oktober und teilen uns zu viert die letzte reife Tomate. Das kleine rote Prachtexemplar ist ein unerwarteter Nachzügler. Dabei hatten wir nie die Absicht gehegt, auf unserem Balkon Gemüse anzubauen. Aber manchmal wird man gar nicht gefragt. Es passiert einfach. Die Tomate kam zu uns. Lassen wir sie ihre Geschichte doch einfach selbst erzählen:

Ich habe mich hier eingeschlichen. Oder besser gesagt, eingesät. Zwischen Rosmarin und Salbei, im runden Kübel, wo letzten Sommer noch Ringelblumen um die Wette blühten, erblickte ich in diesem Frühjahr das Licht der Welt. Neben mir drängelten frech ein paar Nachfahren der Ringelblumenfamilie ans Licht. Es sah aus, als könnte es bald eng werden. Ob die Gärtnerin das auch bemerkte? Vielleicht war sie gar keine. Ich rede von der Frau, die einmal täglich gießen kam. Manchmal beugte sie sich zu uns runter und beäugte uns neugierig. Was wohl in ihrem Kopf vorging, fragte ich mich, während ich stolz meine zwei Keimblätter gen Himmel reckte. Hoffentlich erkannte sie mich und die Ringelblumenkinder. Aber ob uns das helfen würde? Sie hatte eine Rosmarin- und eine Salbeipflanze in die Erde gesetzt. Wir waren nicht vorgesehen. Sie würde uns hoffentlich nicht für Unkraut halten und … nein, an diesem Punkt wollte ich nicht weiterdenken. Vor Angst gerann mir der Saft im kleinen Stängelchen. Würde sie uns eines Tages kaltherzig ausreißen und in den Biomüll werfen? Schließlich waren wir weder gewollt noch gemeldet. Das Haus gehörte schon Salbei und Rosmarin. Wenn die so weiterwuchsen, würde für mich und die Ringelblumenkinder nicht nur der Platz fehlen, sondern auch die Sonne. Zumal das hier der Nordbalkon war. Nur frühmorgens und am späten Nachmittag konnte ich ein paar wärmende Strahlen Licht tanken. Das war mir zu wenig. Ich liebe die Sonne über alles. Ende Mai hatte die Frau, die immer mit der Gießkanne kam, obwohl sie nicht wie eine Gärtnerin aussah, die Faxen dicke. Ich zitterte am ganzen Stängelchen, als ich den großen Löffel sah, mit dem sie neben mir herumfuchtelte. Sie holte die Ringelblumenkinder aus der Erde. Die Armen! Aber: Würde sie so tief mit dem Löffel graben, wenn sie die Pflänzchen wegwerfen wollte? Ich schöpfte Hoffnung, dann schwanden mir die Sinne. Ich war dran. Als ich wieder zu mir kam, schaute ich mich vorsichtig um. Salbei und Rosmarin waren nicht mehr da. Ich sah ein paar Ringelblumenkinder neben mir, und über uns den Himmel. Und die Sonne. Wir hatten plötzlich viel Platz! Wir waren umgezogen. In ein neues Haus, das diesmal eckig war. Erleichtert, aber sehr, sehr müde von all der Aufregung, ruhte ich mich aus. Mir gefiel das neue Zuhause und vor allem der Platz auf dem Südbalkon. Endlich hatte ich vom späten Vormittag bis in den Nachmittag hinein Sonne. Und davon gab es genug im Juni. Ich wuchs zu einem stattlichen Pflänzchen heran. Die Frau mit der Gießkanne kam jetzt sogar zweimal am Tag, wenn es nicht regnete. Manchmal guckte sie immer noch kritisch. Besonders zu mir. Gefiel ich ihr nicht? Ich sah anders aus als meine Mitbewohner. Als die ersten Ringelblumen, dem Kindesalter entwachsen, schon eine gelbe Blüte ansetzten, war ich immer noch von oben bis unten grün. Da tauchte die Frau plötzlich nicht mit ihrer Gießkanne, sondern mit einem flachen schwarzen Ding in der Hand auf. Das hielt sie mir von drei Seiten aus vor die Nase. Dann schaute sie eine ganze Weile auf das Ding, wischte darauf herum und sah zufrieden aus. Kurze Zeit später kam sie zurück und fasste mich an. Sie tätschelte auf einem meiner Blätter herum, bevor sie an ihren Fingern roch. Ihre Züge wurden nachdenklich, als ob sie in sehr tief vergrabener Erinnerung buddelte, dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Sie hatte mich erkannt. Ich war eine Tomate. Das heißt, eine Tomatenpflanze. Sie konnte es vor Freude gar nicht glauben und hüpfte aufgeregt von dannen. Nur um kurz darauf wiederzukommen. Im Schlepptau andere Menschen. Alle wollten mich sehen. Natürlich bedeutet eine Tomatenpflanze noch lange keine Tomaten. Die Gieβkannenfrau beschloss, guter Hoffnung zu sein, und kümmerte sich regelmäßig um mich. Bis das Unwetter kam. Des Nachts zog es auf. Zum Glück hatte sie mich und andere Balkonbewohner vorsorglich vom Geländer weg und näher an die Hauswand geschoben. Aber der Wind, der dann anrückte, war so stark und kam immer von der gleichen Seite. Es war schrecklich! Mein Stängelchen, schon zu einem stattlichen Stängel herangewachsen, war doch kein Baumstamm! Warum hatte sie mir noch keinen Stab gesteckt? Einen Stab, an dem ich mich festhalten könnte. Spätestens jetzt war ich mir sicher, dass die Frau keine Gärtnerin sein konnte. Tapfer stemmte ich mich allein dem Wind entgegen. Am Morgen darauf hing ich erschöpft zu einer Seite. Erst am Nachmittag kam die Frau, die keine Gärtnerin war, zu mir gucken. Ganz langsam kam sie näher, mit traurigen Augen das Schlimmste befürchtend. Sie befühlte mich, richtete mich auf, und … begann, sich zu freuen. Ich war nicht gebrochen! Endlich hatte sie auch verstanden, was mir fehlte. Sie brachte mir einen schönen hohen Stab, an dem sie mich festband. Darauf hätte sie aber auch eher kommen können! Ich war nur knapp dem Sturmtod entkommen. Noch bevor ich die ersten Blüten hätte ansetzen können, wäre es aus und vorbei gewesen. Aber ich erholte mich schnell und wechselte in den folgenden Tagen und Wochen mehrmals meinen Platz. Bei gutem Wetter kam ich ans Geländer, wo viel Sonne schien, bei Gewitter vorübergehend auf den Nordbalkon, auf dem es eine geschützte Ecke gibt. Und gewittert hat es in diesem Sommer verdammt oft, hier, wo ich mich eingeschlichen habe. Heiliger Tomaten-Bimbam! Nach dem ersten Sturm, der mich beinah abgeknickt hätte, kümmerten sich Frau Gießkanne und sogar ihr Mann sehr fürsorglich um mich. Sie schüttelte an meinen Blüten, damit sie sich leichter befruchten konnten, und geizte ein paar überflüssige Triebe aus. Sie hatte sich offensichtlich informiert. Herr Gießkanne, von kräftiger Statur, schleppte meinen Wohnkübel von einem Balkon zum anderen. Ich ließ mich nicht lumpen und brachte Mitte August vier prachtvolle kleine Tomaten zur Reife. Die schmeckten hundertmal besser als die aus dem Supermarkt, hörte ich sie loben, obwohl meine Menschen dort auch nur italienisches Gemüse kaufen. Das ging mir runter wie Öl und ich beschloss, im Oktober noch eine Frucht auszutragen. Obwohl die tägliche Fürsorge stark nachgelassen hatte. Sie glaubten wohl nicht mehr an mich. Aber das spornte mich erst recht an: Wie ich sie im Frühjahr durch mein unangemeldetes Erscheinen überrascht habe, so verabschiede ich mich im Herbst gern mit einer späten Tomate. Wer weiß, vielleicht entschließen sich die beiden ja noch dazu, es im nächsten Jahr mal mit mehreren meiner Artgenossen zu versuchen. Sie diskutieren jedenfalls oft verräterisch und sehen dabei zu mir rüber. Ich jedenfalls habe mir alle Mühe gegeben, meine Gastgeber auf den Geschmack zu bringen.

Perspektivwechsel

Der Osten des geteilten Deutschlands: „Diesseits der Mauer“ von Katja Hoyer wirft einen längst fälligen Blick hinter die Kulissen.

Es ist nicht so, dass ich darauf herumreiten will. Das tun schon die anderen. Aber wenn ein Buch durch alle Medien geht und ich dann lese, dass die Autorin nicht nur ostsozialisiert ist, sondern gleich drei Punkte in Sachen Herkunft (Strausberg, Mutter Lehrerin, Vater Offizier) mit mir gemeinsam hat, dann muss ich es lesen. Nicht, um die Erinnerungen abzugleichen. Katja Hoyer ist 1985, also dreizehn Jahre nach mir und nur vier Jahre vor dem Mauerfall geboren. Ihr Buch beruht nicht auf persönlichem Erleben, sondern auf fundierter Recherche, was der Job einer Historikerin ist. Sie lässt, und das macht den Reiz dieses besonderen Geschichtsbuches aus und verleiht ihm Authentizität, zu jeder Periode Zeitzeugen ihre Erlebnisse erzählen. Menschen aus dem Volk. Nicht aus elitären Strausberger Militärkreisen, sondern landauf, landab und aus allen gesellschaftlichen Schichten. Deshalb empfand ich es als irreführend, dass viele Artikel zu ihrem Buch in der Einleitung erklärten, wo die Autorin herkommt. 

Beim Erscheinen des Buches dachte ich: Nicht noch ein Rückblick auf die DDR, nun ist doch auch mal gut! Nach der Lektüre weiß ich: Noch lange nicht! Es ist Zeit, vorgefertigte Urteile zu hinterfragen und Stereotypen zu überwinden. Die spannendsten Figuren von Opfern, Tätern und korrupten Mitläufern haben ihren großen Auftritt auf den Bühnen der Literatur, des Films und der öffentlichen Diskussion gehabt. Hat man etwa Angst vor dem, was da womöglich auch noch war? In diesem Land mit 16 Millionen Einwohnern, die es vierzig Jahre lang recht gut ausgehalten haben. Zumal es jetzt, so heißt es vermehrt, zu einer „Verharmlosung“ kommt. Wer sagt das? Die, die ihre Schubladen schon geschlossen haben, nachdem der Ost-Teil Deutschlands in den ersten dreißig Jahren nach der Wende schnurstracks abgeurteilt worden war. Als der, in dem es eben schiefgelaufen war, unter der Fahne des Kommunismus und dem Einfluss der Sowjets.

„Es ist verlockend, den 3. Oktober 1990 als die Wiederherstellung des Status Quo in Deutschland zu deuten. Aber diese Interpretation setzt westdeutsch mit „normal“ gleich.“ (S. 531)

So läuft es immer in der Geschichte. Bricht ein System zusammen, haben die „Sieger“ die Hoheit auf die Wahrheit. Auf ihr Geschichtsbild, das sie sich als Systemkritiker von außen mit mehr oder weniger fundiertem Wissen gemacht haben. Ich schweife kurz nach Italien ab: Nach dem zweiten Weltkrieg dominierte in Italien die Selbstdarstellung in der Opferrolle, oder aber der Resistenza, des Widerstands. Die meisten Großväter waren plötzlich Partisanen und keiner war je bei den Faschisten oder gar Rassist gewesen. Von deutscher Seite sah man in Italien (und pauschalisierend in den Italienern) wohl lange Zeit eher den Verbündeten, der einen verraten hat. Beide Sichtweisen sind gleichermaßen zutreffend und einseitig. Neuerdings wird der Blick differenzierter, bringt man auch in Italien den Mut auf, sich historischen Tatsachen zu stellen. Repräsentativ für die neue Sicht auf die eigene Vergangenheit sind zwei jüngst erschienene literarische Werke: „Alle, außer mir“ von Francesca Melandri, das ich bereits gelesen habe und sehr empfehlen kann, und „Falls ich da war, habe ich nichts gesehen“ von Michela Marzano, das auf meiner Leseliste steht und zu dem es hier auf der Kulturbowle eine fundierte Besprechung gibt.

Lasst uns in Deutschland auch einen differenzierteren Blick auf unsere Geschichte werfen, die sich nach dem Krieg in zwei Ländern abgespielt hat. Genau wie auf die wechselvollen Beziehungen der beiden deutschen Staaten in den vierzig Jahren der Trennung. Ohne zu verharmlosen, ohne zu beschönigen. Aber auch darauf verzichtend, dem ostdeutschen Staat vereinfachend den Stempel der menschenverachtenden Diktatur aufzudrücken und ihn als Fehler abzuhaken, was das Leben der dort sozialisierten Menschen gleichermaßen zu einem unnützen, falsch gelebten Leben erklärt.

„In dieser Zeit fanden Ost- und Westdeutsche unterschiedliche Wege, mit den Schrecken des Nationalsozialismus und des Völkermordes umzugehen. Beide Systeme waren direkte Antworten auf diese Katastrophen, geboren aus demselben Gedanken: „Nie wieder“ darf von deutschem Boden derartiges Unheil ausgehen. Lange Zeit koexistierten beide als unterschiedliche Visionen, wie dies am besten zu erreichen sei. Dies zu akzeptieren und zu versuchen, die DDR in den Kontext der wechselvollen deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts zu stellen, ist nicht dasselbe wie eine Billigung der Berliner Mauer oder des Unterdrückungsapparats der Stasi. Es bedeutet zu akzeptieren, dass Ost- und Westdeutsche in den prägenden Nachkriegsjahrzehnten sehr unterschiedliche Realitäten erlebten, die beide Teil der nationalen Geschichte sind.“ (S. 532 f.)

Das Deutschland von einst, vor dem Krieg und auf dem Weg dorthin, wird es hoffentlich nicht mehr geben. Aber das neue, wiedervereinte Konstrukt ist eben aus zwei Teilen und zwei Geschichten zusammengesetzt. Nicht aus Richtig und Falsch, und Falsch wird unter den Teppich gekehrt. Wer das Pech hatte, auf der falschen Seite geboren worden zu sein, muss der sich schämen dafür? Eine Frage aus dem Klappentext von „Alle, außer mir“ scheint auch für das deutsch-deutsche Verhältnis anwendbar: „Was bedeutet es, zufällig im richtigen Land geboren zu sein, und wie entstehen Nähe und das Gefühl von Zugehörigkeit?“. Oder: Wie entstehen Ressentiments und Vorurteile? Sie entstehen dann, wenn man sich nicht zuhört. Ich selbst nehme mich nicht aus, habe definitiv viel zu wenig über das reale Westdeutschland erfahren. Aus der Sicht derer, die dort aufgewachsen sind. Ein Buch wie das von Hoyer, aber über den westlichen Teil des geteilten Deutschlands, würde ich gerne lesen. Um das Bild zu vervollständigen. Keiner hatte die Wahl, auf welcher Seite des Eisernen Vorhangs er geboren wurde. Uns allen wurde die Realität jenseits der Mauer aus politischer Motivation heraus einseitig dargestellt. Es ist unser aller Recht und Pflicht zugleich, die Dinge unvoreingenommen aufarbeiten zu dürfen. Die politischen Machthaber der DDR wollten ihre Bürger zum vermeintlichen Glück in einer klassenlosen Gesellschaft und zum Leben in dem von ihnen definierten System zwingen. Das war falsch. Aber es waren wenige, die sich tagein, tagaus gezwungen und als Opfer fühlten. Auch wenn sich das zuweilen anders anhört. Wäre dieses Land nur unmenschlich gewesen, wäre das Experiment viel eher abgebrochen worden. Es muss gute Gründe gegeben haben, und zwar für die breite Masse, mitzumachen. Da fällt mir der Titel einer Sportsendung im Kinderprogramm des DDR-Fernsehens ein, die hieß: „Mach mit, mach’s nach, mach’s besser!“ Ein Motto, das man auf das Land übertragen und sagen könnte, dass es viele Menschen inspirierte. Allein mit schweigenden Mitläufern hätte es nicht so lange funktioniert. Oder doch? Baute die staatstragende Idee auf Mitwirkung oder Unterordnung? Lohnte es sich, sich im Kollektiv bei der Arbeit zu engagieren, oder lebte man nur für den Feierabend? Seinen Lohn hatte man doch sicher. All diese Ambivalenzen versucht Hoyer zu erklären und mit ausgiebiger Recherche Licht ins diffuse Bild des realsozialistischen Staates auf deutschem Boden zu werfen.

Ich selbst wurde 1972 geboren, mein eigenes Erinnern setzt erst weit nach der Hälfte des Buches ein. Bei Kapitel 7, das so nett mit „Planmäßige Wunder“ betitelt ist. Bewusst erlebte ich das Ende der Ära Honecker, die mit dem Ende der DDR einherging. Den größten Teil des Buches las ich also gleichermaßen als Unbetroffene, nur waren mir gewisse Geschehnisse aus dem Geschichtsunterricht oder den Erzählungen meiner Eltern bekannt. Ich empfand es als hochspannend, neue Hintergründe und Argumente für die Probleme und Phänomene in meinem Geburtsland zu erfahren. Aber das Buch setzt noch viel früher an, arbeitet die Vorgeschichte auf und erklärt, dass die DDR eben kein reines Produkt des sowjetkommunistischen Einflusses war, sondern auf den Traditionen der deutschen Arbeiterklasse und ihren Ideen, immer in kritischer Abgrenzung zur Sowjetunion, beruhte. Da gab es die Kommunisten, die erst unter Hitler um ihr Leben kämpfen mussten, um später im Moskauer Exil bei der „Großen Säuberung“ als vermeintliche Verräter unter Verdacht zu geraten und wieder ins Gefängnis zu kommen. Wer es zweimal durch die Hölle schaffte, musste schon aus hartem Stahl oder ein grandioser Opportunist gewesen sein. Vertreter von beiden Charakteren hatten 1945 die Gelegenheit zur Verwirklichung ihrer Idee, aus den Trümmern im Ostteil ein Land nach humanistischen Grundsätzen aufzubauen.

Ich suche in Katja Hoyers Kapiteln vergeblich nach „Verherrlichung“ oder „Schönreden“ des sozialistischen Experiments auf deutschem Boden. Da gibt es auch keine Verharmlosung. Sie schreibt sogar sehr offen und teilweise schonungslos von politischen Machenschaften und der paranoiden Art, vermeintliche Feinde aus dem Weg zu räumen, vermittelt einen Blick hinter die Kulissen der offiziellen Sprachregelung im Neuen Deutschland (führende Tageszeitung und Zentralorgan der SED). Es ist einfach an der Zeit, dass an die Stelle der Vereinfachung und Banalisierung aus der Perspektive des Westens eine umfassendere Betrachtung tritt. Eine Betrachtung und Analyse aus der Perspektive derer, die die Realität gelebt und mitgeschaffen haben. Ob sie nun an das sozialistische System glaubten oder nicht. DDR-Bürger, die sich spätestens ein, zwei Jahre nach dem Fall der Mauer als Verlierer der Geschichte fühlten, die gab es bekannterweise zuhauf. Es waren wohl vor allem viele einfache Menschen, denen der Boden ihrer gesicherten Existenz unter den Füβen weggezogen wurde. Die nicht flexibel genug waren, sich auf den neuen Zeitgeist und die harten Gesetze der Marktwirtschaft umzustellen. Und die sich dann schämten, nicht auf der richtigen, der Sonnenseite der Geschichte geboren worden zu sein. Aber was bitte schön heißt „richtige Seite“? Zum Kalten Krieg, zum Wettrüsten und Systemwettstreit brauchte es zwei Seiten.

Nun ist es mal gut damit? Nein, es braucht einen Perspektivwechsel. Nach fast vierzig Jahren ist es Zeit, auch denen eine Stimme zu geben, die sich bisher nicht zu reden getraut haben, denn wie hätten sie denn dagestanden. Es geht nicht um einen radikalen Sichtwechsel, ein Tabula rasa in der Geschichtsschreibung. Vielmehr um den Versuch und die Chance, ein ausgewogenes Bild im klaren Licht zu finden. In einem Licht, das in alle Ecken fällt, alle Realitäten ausleuchtet. Die Wahrheit liegt nicht einfach in der Mitte, sondern sie hat viele Facetten und Interpretationen. Gern würde ich „Diesseits der Mauer“ mit meinem Vater, der vor fünf Jahren verstorben ist, gemeinsam lesen. Ich bin mir sicher, auch er könnte zu vielen darin angesprochenen Themen wertvolle Erinnerungen beitragen. Mein Vater gehörte zu den enthusiastischen Jugendlichen nach dem Krieg, die sich für die Idee des Sozialismus begeisterten. Als Dreizehnjähriger mit seiner Familie aus Schlesien ins ausgebombte Dresden umgesiedelt, weinte er nicht der verlorenen Heimat nach, sondern packte mit an, dieses neue Leben aufzubauen. Sicher würde er mir heute Details „von hinter der Bühne“ berichten, für die ich Ende der 80er-Jahre, am Ende der DDR, zu jung war und die er sicher auch nicht weitergeben durfte.

Katja Hoyer: Diesseits der Mauer. Eine neue Geschichte der DDR 1949 – 1990. Hoffmann und Kampe, 2023.

„Diesseits der Mauer“ erzählt meiner Ansicht nach keine neue Geschichte, wie im Untertitel proklamiert, sondern ist endlich eine umfassende, differenzierte, unvoreingenommene Aufarbeitung. Wer mir bis hierher gefolgt ist, sollte das Buch lesen. Es stellt eine absolute Bereicherung für alle dar, die sich für die Nachkriegsgeschichte ihres Landes interessieren und sich fragen, warum es im wiedervereinigten Deutschland immer noch eine Ost-West-Diskussion gibt.

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