Ein Femizid hält Italien seit zwei Wochen in Atem, und ich las zuerst beim Spiegel davon, dass der Gesuchte, in jenem Moment schon vermutliche Mörder, in Deutschland bei Leipzig aufgegriffen wurde. Heute, am 25. November, dem Internationalen Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen, möchte ich ein Thema behandeln, das Italien bewegt und zu dem ich etwas schreiben möchte, etwas schreiben muss. Ich schreibe als Frau und Mutter zweier Mädchen. Und als Deutsche, die in Italien lebt und sich fragt, was hier anders ist als da, wo ich herkomme.
Ich habe in den letzten Tagen, wie alle in Italien, die öffentliche Diskussion verfolgt. Es gab kein Entkommen. Im Fernsehen, im Radio, in der Kaffeepause im Büro, überall ging es um dieses Verbrechen: Der Student Filippo, 22 Jahre, hat seine gleichaltrige Ex-Freundin Giulia, die ihn im Sommer verlassen hatte und vor der Verteidigung ihrer Diplomarbeit stand, massakriert und ermordet. Anschließend fuhr er mit dem Auto über Österreich bis nach Deutschland, wo seine Flucht ein Ende fand und er sich ohne Gegenwehr der Polizei stellte. Im Büro sprach meine Kollegin, Mutter zweier Söhne im Alter von 16 und 12 Jahren, von ihrem Großen: „Er kam aus der Schule zurück und fragte mich, warum sie eine Schweigeminute für den Mord an Giulia halten mussten. Er wollte von mir wissen, ob dieses Verbrechen schlimmer als all die anderen war, die ständig passieren.“ Sie vertraute uns an: „Ich frage mich, was ich tun kann, als Mutter. Wie ich erkennen und verhindern soll, dass meine Söhne Monster werden wie Filippo.“
Ich habe zwei Töchter im selben Alter wie die Jungs meiner Kollegin. Ich frage mich, wie ich erkennen soll, ob sie in Gefahr sind, wenn sie unglücklich verliebt sind oder einen Verehrer oder Freund abgewiesen oder verlassen haben. Italien ist in Aufruhr, bis hin zur Politik, wo es Frauen sind, die in höchster Position die Regierung (Giorgia Meloni, Fratelli d’Italia) und die Opposition (Elly Schlein, Partito Democratico) vertreten. Kann die Politik etwas tun? Können Pflichtstunden zu „Beziehung und Emotionalität“ in den Mittelschulen das Schlimmste verhindern? Ich stelle Vergleiche an und bin drauf und dran, zu behaupten, dass es kulturelle Probleme sind, die Männern in Italien erlauben, Besitzansprüche geltend zu machen. Noch bis 1981 gab es den sogenannten „Delitto d’onore“, den Tatbestand des „Ehrenmordes“, der einen vor Eifersucht rasenden Täter mit einer Strafe von drei bis sieben Jahren davonkommen ließ, es ihm also nahezu gestattete, das Fremdgehen seiner Ehefrau zu sühnen.
Femizide … in Deutschland unbekannt? Dann las ich bei „Aus Sorge um Italien“ einen Artikel mit Zahlen dazu und wurde eines Besseren belehrt: Es ist nicht Italien, als ein südeuropäisches und patriarchalisch geprägtes Land, das mehr Beziehungsmorde an Frauen verzeichnet. Deutschland liegt gleich auf oder sogar davor. Aber in Deutschland ist es kein Thema. Werden solche tragischen Fälle in Italien nur medial ausgeschlachtet? Oder ist die Gesellschaft hier eher bereit, sich den Problemen zu stellen, als es in Deutschland der Fall ist?
In der tragischen Geschichte von Giulia und Filippo kommen immer mehr Details ans Licht. Dazu gehören die Telefonate und Nachrichten an Freundinnen, in denen Giulia zum Ausdruck brachte, dass sie aus Filippos Leben verschwinden wollte, sich aber sorgte, dass er sich etwas antun würde. Sie, die ihn verlassen hatte, sah sich in der Verantwortung für sein unbeschadetes Herauskommen aus der Beziehung. Dieses (typisch weibliche) Verantwortungsgefühl überstieg die Verunsicherung, die da auch war. Oder sah sie gar keine Gefahr für sich selbst? Konnte sie sich nicht vorstellen, dass er ihr etwas antun könnte, aus verletzter Eitelkeit? Was macht einen Verlassenen zum Gewalttäter, gar Mörder? Können wir unsere Töchter schützen, sie erziehen zu einem klaren Nein und dazu, Hilfe zu holen und anzuzeigen, wenn eine Situation aus dem Ruder läuft? Es ist vermutlich so, dass man eine derart schreckliche Eskalation in der eigenen Beziehung oder der der Tochter, der Freundin, der Nachbarin, nicht für möglich hält. Ich weiß, wovon ich rede.
Als ich vor zwanzig Jahren nach Italien kam, lernte ich Italienisch für meinen Freund, von und mit seiner Familie, im Job. Ein Wort lernte ich von ihm. Es war das Wort „ammazzare“. Ich kannte es nicht, es kam in meinem Alltag nicht vor. Bis zu jenem Moment, als er es mir in einem Streit an den Kopf warf: „Ti ammazzo.“ Ich erinnere mich, dass ich am nächsten Tag im Wörterbuch nachschlug. Mein Gefühl hatte mich verstehen lassen, aber es schwarz auf weiß zu lesen, war noch mal etwas anderes: „Ich bringe dich um!“ Das kann mal so rausrutschen? Das hat er nicht so gemeint? Vielleicht. Falsch fühlte es sich an. Auch die Art, wie wir streiten, macht einen Unterschied. Er hatte mich an jenem Abend vor die Tür gesetzt. Ich war allein in der Nacht mit dem Zug gefahren, mit einem langen Zwischenaufenthalt, bei dem ich auf den ersten Anschlusszug warten musste. Die befreundete Kollegin, die mich in jener Nacht vom Bahnhof abholte und mich die letzten Stunden bis zum Arbeitsbeginn bei sich schlafen ließ, habe ich später mehrmals wiedergetroffen. Jedes Mal kamen wir auf diesen Vorfall zu sprechen, und sie verstand nicht, wie ich damals nach ein paar Wochen Funkstille und einer halbherzigen Entschuldigung wieder zu meinem Freund zurückkehren konnte. Ich weiß es. Es war die Giulia in mir, der Glaube an die „Liebe“ und meine Rolle als Retterin, dazu bestimmt, ihm zu helfen. Ihm, der Probleme hatte, aber mich liebte. Mich, die ich ihn erlösen konnte, mit meiner Nachsicht, meinem Verständnis, meiner Großzügigkeit und vor allem … mit meiner Liebe. Vielleicht hatte er tiefe Gefühle, Sicherheit und Anerkennung zuhause oder in früheren Beziehungen vermisst. Ich war die, die ihn retten sollte. Es war meine Bestimmung. Ein paar Monate oder ein Jahr später, nach weiterem Hin und Her, setzte ich den Schlussstrich. Und gab nicht mehr nach, ihn noch einmal zu treffen. Ich hatte verstanden, dass es keine Mission war, sondern dass ich an mich und meine Zukunft denken musste, in der er nicht vorkam.
Ich sage hier nicht, dass es in meiner Beziehung unweigerlich zu Tragischem hätte kommen müssen. Ich sage nicht, dass er (oder ich) die Kontrolle verloren hätte(n), wie es in den Fällen, die in der Cronaca nera der Berichterstattung landen, passierte. Was ich sagen will, ist: Es ist verdammt schwer, wenn nicht gar unmöglich, eine Gefahr wirklich klar zu erkennen. In 999 Fällen glätten sich die Wogen. In einem ‒ sehr selten und doch zu oft ‒ kommt es zur Katastrophe.
Nein, es ist nicht leicht, Femizide zu verhindern. Aber darüber zu sprechen, wie es in Italien geschieht, ist schon mal ein Anfang. Es mag manchmal zu viel sein, die Sensationsgier der Medien eine Rolle spielen. Aber am Ende des Tages glaube ich: Es ist gut, zu sensibilisieren. Es ist besser, zu viel über ein Problem zu sprechen und nach Verantwortung zu fragen, als es großzügig totzuschweigen oder zu banalisieren. Ein Rezept habe ich nicht. Zu wissen, worum es geht und wie es dazu kommen kann, ist ein erster Schritt zur Prävention.
Titelfoto: Symbolbild von Pexels.





