In Erinnerung an meine langjährige Tanzlehrerin Helga Esch
„Wer will denn hier eigentlich tanzen, das Kind, oder die Mutter?“ Die Ballettmeisterin, eine zierliche Frau mit blondem, streng zum Dutt gebundenem Haar, schaute mit prüfendem Blick von einer zur anderen. Das war eine wichtige Frage, denn nur wer wirklich tanzen wollte, war bei ihr richtig. Vermutlich hatte ich, gerade siebenjährig, gelangweilt im Kostümfundus und Aufenthaltsraum herumgeschaut, während meine Mutter ganz alleine mit ihr über meine Anmeldung beim Tanzensemble* sprach. Ich hatte in meinem zarten Alter bereits zwei abgebrochene Karrieren als Geräteturnerin und Schwimmerin hinter mir. Irgendetwas musste ich machen mit meinem ausgeprägten Bewegungsdrang, erzählte meine Mutter stolz und ein wenig verzweifelt. Dann warf sie mir einen aufmunternden Blick zu und ich beteuerte, dass ich es war, die tanzen wollte. Warum nicht? Es würde eine Probezeit geben, weder ich noch die strenge Tanzpädagogin hatten etwas zu verlieren. Ich erinnere mich nicht, ob meine Mutter nach wenigen Wochen noch einmal hinbestellt wurde oder ich ihr die frohe Botschaft direkt übermittelte. Ja, sie wollten mich. Ich war sehr geeignet. Das muss mir zu Kopf gestiegen sein, denn kurz darauf riskierte ich, direkt wieder rausgeworfen zu werden. Talent hin oder her. Ich hatte meinen Bewegungsdrang bereits vor dem Training im Umkleideraum ausgelebt und mit einem anderen Mädchen Fange gespielt. Die war dabei gegen den Heizkörper geflogen und hatte sich eine dicke Beule geholt. Trotz Entschuldigung bedeutete das für mich: gelbe Karte, fast schon rot. Ich spüre noch heute, wie die Hitze in mir aufstieg, weil ich mich so schämte. Vor versammelter Mannschaft wurde ich angezählt und bekam eine schriftliche Verwarnung an meine Eltern mit nach Hause. Puh, das hatte gesessen. Und das war gut so. Seitdem riss ich mich zusammen, steckte meine komplette Energie ins Training an der Stange, am Boden und in der Diagonale. Ich lernte, dass Disziplin nicht ein Nice-to-have, sondern die Basis für Erfolg ist. Erst mit Disziplin kann Talent sich entfalten, wird aus der Freude an Bewegung Kunst. Dreimal die Woche ging ich fortan zum Ballett, wie wir sagten, zehn Jahre lang. Das Tanzen und die gemeinsamen Erlebnisse mit dem Ensemble wurden zu einem Teil meines Lebens, für den ich rückblickend unbeschreiblich dankbar bin. Diese Jahre der Kindheit und Jugend haben mich geprägt. Und sie sind für immer auch mit ihr verbunden, der zierlichen Frau mit dem strengen Dutt. Helga Esch, die leidenschaftliche Tanzpädagogin, die seit 1976 an der Seite der Ensemble-Leiterin Nora-Jarchow-Dürrenfeldt arbeitete und immer noch ein bisschen mehr forderte, das besondere Talent in jedem ihrer Schützlinge sah und mit liebevollem Engagement förderte.
Als ich Anfang November 2025 von ihrem Tod erfuhr, tat ich das, was man heutzutage in solchen Fällen tut: Ich suchte im Internet nach Bildern, Spuren, Erinnerungen. Vergeblich. Aber das eigene Gedächtnis lässt mich nicht im Stich. Ich sehe sie noch, wie sie uns Mädchen vor dem Auftritt den Pony mit Haarklemmen wegsteckt (und ich anschließend versuche, wenigsten zwei, drei dünne Strähnen wieder herauszulösen). Ich sehe diese Fotografie vor mir, schwarzweiß wie damals üblich, auf der Frau Esch den perfekten Sitz unserer Auftrittsfrisuren überprüft. Oder die, auf der sie die Haltung eines Mädchens korrigiert, dessen Bein auf der Stange liegt und die sich mit ihrem Oberkörper nun über das Bein beugen soll. Irgendwo habe ich sie noch, all die Bilder, ich bin mir sicher. Mehrere Umzüge, von Strausberg nach Leipzig und dann nach Italien, hat der Ordner mit Fotos und Zeitungsausschnitten, mit Programmheften, Urkunden und Freistellungsschreiben für die Schule mitgemacht. Nun finde ich ihn seit ein paar Jahren nicht mehr. Aber ich sehe alles noch genau vor mir, ich sehe Frau Esch in so vielen Szenen. Im Ballettsaal, hinter der Bühne, im Bus, mit dem wir zu Auftritten und in Trainingslager fuhren. Ich habe die Erinnerungen an sie im Kopf und im Herzen. Und ich habe ein Buch, das sie mir schenkte, als ich etwa zwölf, dreizehn Jahre alt war. Die Ballettfibel aus der Reihe „Taschenbuch der Künste“. Sie wollte mich damals für den Besuch einer Staatlichen Ballettschule begeistern. Ich weiß, dass ich darüber nachdachte. Der Reiz war groß, ein Leben auf der Bühne war etwas, wovon ich träumte. Aber ich hatte Angst, als Tänzerin keine Familie gründen zu können, keine Kinder zu bekommen. Denn das tat man zu jenen Zeiten mit Anfang zwanzig, ich konnte nicht ahnen, dass ich auch ohne eine Ballettkarriere erst mit 34 Jahren heiraten und anschließend meine beiden Töchter bekommen würde. Was wussten wir schon vom Leben und seinen Möglichkeiten. Entweder-oder, dachte ich damals und legte mit Bedauern die Ballettfibel ins Bücherregal und den Traum vom Tutu beiseite. Ich wusste, dass unsere Tanzpädagogin als junge Frau selbst mit dem Staatlichen Tanzensemble der DDR auf der Bühne gestanden und ihr ganzes Leben ihrer Leidenschaft, dem Bühnentanz, gewidmet hatte. Das Buch, das sie mir schenkte, trägt die Widmung eines Mannes. In der ersten Staffel der ZDF-Serie „Der Palast“ (hier schrieb ich davon) gab es eine bewegende Szene mit der Ballettchefin, in der ich an Frau Esch, an ihre Passion denken musste, und ein bisschen an meine Entscheidung, die ich als Dreizehnjährige ja eigentlich noch nicht hatte treffen können.
Im Jahr 1989, mit siebzehn, verließ ich das Tanzensemble, wie damals die meisten in diesem Alter. Aber ich tanzte noch viele Jahre, zunächst bei der Showtanzgruppe in Strausberg und dann in Leipzig, wo ich eine eigene kleine Tanzgruppe gründete. Es war im August 2012 ‒ damals lebte ich bereits über zehn Jahre in Italien ‒ als ich überraschend eine letzte persönliche Begegnung mit Frau Esch hatte. Ich verbrachte gemeinsam mit meinem Mann, unseren beiden Mädchen und meinen Eltern, die von Strausberg nach Dresden gezogen waren, ein paar Tage in unserer alten Heimatstadt am See. Wir liefen die Orte unserer Erinnerungen ab und kamen auch an meinem ehemaligen Kindergarten in der Parkstraβe vorbei, in den das Tanztheater Strausberg, so nennt es sich heute, gezogen war. Ich wollte nicht stören, betrat mit Herzklopfen das Haus, mit meiner damals fünfjährigen Tochter an der Hand. Wir hatten Glück und erwischten eine kurze Trainingspause. Frau Esch kam zu mir raus, wir konnten uns kurz unterhalten. Auch bei dieser letzten Begegnung stellte sie eine Frage, die ich in Erinnerung behalten werde. Sie schaute meine Tochter an, lächelte und meinte, halb Frage, halb Feststellung: „Du schickst sie doch auch zum Tanzen?“ Das würde ich gern, hatte ich zu erklären versucht, wenn es bei uns in Italien doch nur etwas Vergleichbares wie das Tanztheater oder unser Ensemble von damals gäbe. Ich hätte mir für meine Töchter so einen Ort, so eine Gemeinschaft gewünscht. Und eine Lehrmeisterin wie sie, Helga Esch.
Traueranzeige des Tanztheaters Strausberg für Helga Esch.
Zum Weiterlesen: Bei der Berliner Zeitung erzähle ich von der Zeit im Tanzensemble und einem besonderen Auftritt.
*Kinder- und Jugentanzensemble der Nationalen Volksarmee Strausberg.
Titelfoto: Symbolbild von Pexels.









