Ein Leben für den Tanz

In Erinnerung an meine langjährige Tanzlehrerin Helga Esch

„Wer will denn hier eigentlich tanzen, das Kind, oder die Mutter?“ Die Ballettmeisterin, eine zierliche Frau mit blondem, streng zum Dutt gebundenem Haar, schaute mit prüfendem Blick von einer zur anderen. Das war eine wichtige Frage, denn nur wer wirklich tanzen wollte, war bei ihr richtig. Vermutlich hatte ich, gerade siebenjährig, gelangweilt im Kostümfundus und Aufenthaltsraum herumgeschaut, während meine Mutter ganz alleine mit ihr über meine Anmeldung beim Tanzensemble* sprach. Ich hatte in meinem zarten Alter bereits zwei abgebrochene Karrieren als Geräteturnerin und Schwimmerin hinter mir. Irgendetwas musste ich machen mit meinem ausgeprägten Bewegungsdrang, erzählte meine Mutter stolz und ein wenig verzweifelt. Dann warf sie mir einen aufmunternden Blick zu und ich beteuerte, dass ich es war, die tanzen wollte. Warum nicht? Es würde eine Probezeit geben, weder ich noch die strenge Tanzpädagogin hatten etwas zu verlieren. Ich erinnere mich nicht, ob meine Mutter nach wenigen Wochen noch einmal hinbestellt wurde oder ich ihr die frohe Botschaft direkt übermittelte. Ja, sie wollten mich. Ich war sehr geeignet. Das muss mir zu Kopf gestiegen sein, denn kurz darauf riskierte ich, direkt wieder rausgeworfen zu werden. Talent hin oder her. Ich hatte meinen Bewegungsdrang bereits vor dem Training im Umkleideraum ausgelebt und mit einem anderen Mädchen Fange gespielt. Die war dabei gegen den Heizkörper geflogen und hatte sich eine dicke Beule geholt. Trotz Entschuldigung bedeutete das für mich: gelbe Karte, fast schon rot. Ich spüre noch heute, wie die Hitze in mir aufstieg, weil ich mich so schämte. Vor versammelter Mannschaft wurde ich angezählt und bekam eine schriftliche Verwarnung an meine Eltern mit nach Hause. Puh, das hatte gesessen. Und das war gut so. Seitdem riss ich mich zusammen, steckte meine komplette Energie ins Training an der Stange, am Boden und in der Diagonale. Ich lernte, dass Disziplin nicht ein Nice-to-have, sondern die Basis für Erfolg ist. Erst mit Disziplin kann Talent sich entfalten, wird aus der Freude an Bewegung Kunst. Dreimal die Woche ging ich fortan zum Ballett, wie wir sagten, zehn Jahre lang. Das Tanzen und die gemeinsamen Erlebnisse mit dem Ensemble wurden zu einem Teil meines Lebens, für den ich rückblickend unbeschreiblich dankbar bin. Diese Jahre der Kindheit und Jugend haben mich geprägt. Und sie sind für immer auch mit ihr verbunden, der zierlichen Frau mit dem strengen Dutt. Helga Esch, die leidenschaftliche Tanzpädagogin, die seit 1976 an der Seite der Ensemble-Leiterin Nora-Jarchow-Dürrenfeldt arbeitete und immer noch ein bisschen mehr forderte, das besondere Talent in jedem ihrer Schützlinge sah und mit liebevollem Engagement förderte.

Als ich Anfang November 2025 von ihrem Tod erfuhr, tat ich das, was man heutzutage in solchen Fällen tut: Ich suchte im Internet nach Bildern, Spuren, Erinnerungen. Vergeblich. Aber das eigene Gedächtnis lässt mich nicht im Stich. Ich sehe sie noch, wie sie uns Mädchen vor dem Auftritt den Pony mit Haarklemmen wegsteckt (und ich anschließend versuche, wenigsten zwei, drei dünne Strähnen wieder herauszulösen). Ich sehe diese Fotografie vor mir, schwarzweiß wie damals üblich, auf der Frau Esch den perfekten Sitz unserer Auftrittsfrisuren überprüft. Oder die, auf der sie die Haltung eines Mädchens korrigiert, dessen Bein auf der Stange liegt und die sich mit ihrem Oberkörper nun über das Bein beugen soll. Irgendwo habe ich sie noch, all die Bilder, ich bin mir sicher. Mehrere Umzüge, von Strausberg nach Leipzig und dann nach Italien, hat der Ordner mit Fotos und Zeitungsausschnitten, mit Programmheften, Urkunden und Freistellungsschreiben für die Schule mitgemacht. Nun finde ich ihn seit ein paar Jahren nicht mehr. Aber ich sehe alles noch genau vor mir, ich sehe Frau Esch in so vielen Szenen. Im Ballettsaal, hinter der Bühne, im Bus, mit dem wir zu Auftritten und in Trainingslager fuhren. Ich habe die Erinnerungen an sie im Kopf und im Herzen. Und ich habe ein Buch, das sie mir schenkte, als ich etwa zwölf, dreizehn Jahre alt war. Die Ballettfibel aus der Reihe „Taschenbuch der Künste“. Sie wollte mich damals für den Besuch einer Staatlichen Ballettschule begeistern. Ich weiß, dass ich darüber nachdachte. Der Reiz war groß, ein Leben auf der Bühne war etwas, wovon ich träumte. Aber ich hatte Angst, als Tänzerin keine Familie gründen zu können, keine Kinder zu bekommen. Denn das tat man zu jenen Zeiten mit Anfang zwanzig, ich konnte nicht ahnen, dass ich auch ohne eine Ballettkarriere erst mit 34 Jahren heiraten und anschließend meine beiden Töchter bekommen würde. Was wussten wir schon vom Leben und seinen Möglichkeiten. Entweder-oder, dachte ich damals und legte mit Bedauern die Ballettfibel ins Bücherregal und den Traum vom Tutu beiseite.  Ich wusste, dass unsere Tanzpädagogin als junge Frau selbst mit dem Staatlichen Tanzensemble der DDR auf der Bühne gestanden und ihr ganzes Leben ihrer Leidenschaft, dem Bühnentanz, gewidmet hatte. Das Buch, das sie mir schenkte, trägt die Widmung eines Mannes. In der ersten Staffel der ZDF-Serie „Der Palast“ (hier schrieb ich davon) gab es eine bewegende Szene mit der Ballettchefin, in der ich an Frau Esch, an ihre Passion denken musste, und ein bisschen an meine Entscheidung, die ich als Dreizehnjährige ja eigentlich noch nicht hatte treffen können.   

Im Jahr 1989, mit siebzehn, verließ ich das Tanzensemble, wie damals die meisten in diesem Alter. Aber ich tanzte noch viele Jahre, zunächst bei der Showtanzgruppe in Strausberg und dann in Leipzig, wo ich eine eigene kleine Tanzgruppe gründete. Es war im August 2012 ‒ damals lebte ich bereits über zehn Jahre in Italien ‒ als ich überraschend eine letzte persönliche Begegnung mit Frau Esch hatte. Ich verbrachte gemeinsam mit meinem Mann, unseren beiden Mädchen und meinen Eltern, die von Strausberg nach Dresden gezogen waren, ein paar Tage in unserer alten Heimatstadt am See. Wir liefen die Orte unserer Erinnerungen ab und kamen auch an meinem ehemaligen Kindergarten in der Parkstraβe vorbei, in den das Tanztheater Strausberg, so nennt es sich heute, gezogen war. Ich wollte nicht stören, betrat mit Herzklopfen das Haus, mit meiner damals fünfjährigen Tochter an der Hand. Wir hatten Glück und erwischten eine kurze Trainingspause. Frau Esch kam zu mir raus, wir konnten uns kurz unterhalten. Auch bei dieser letzten Begegnung stellte sie eine Frage, die ich in Erinnerung behalten werde. Sie schaute meine Tochter an, lächelte und meinte, halb Frage, halb Feststellung: „Du schickst sie doch auch zum Tanzen?“ Das würde ich gern, hatte ich zu erklären versucht, wenn es bei uns in Italien doch nur etwas Vergleichbares wie das Tanztheater oder unser Ensemble von damals gäbe. Ich hätte mir für meine Töchter so einen Ort, so eine Gemeinschaft gewünscht. Und eine Lehrmeisterin wie sie, Helga Esch.

Traueranzeige des Tanztheaters Strausberg für Helga Esch.

Zum Weiterlesen: Bei der Berliner Zeitung erzähle ich von der Zeit im Tanzensemble und einem besonderen Auftritt.

*Kinder- und Jugentanzensemble der Nationalen Volksarmee Strausberg.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Gleichnis

Ich stehe an der stark befahrenen Straße, will sie überqueren, um vom Einkaufszentrum zum Bahnhof zu kommen, an dem es keine freien Parkplätze mehr gibt. Ohne Fußgängerüberweg gilt es, sich in Geduld zu üben, den Optimismus nicht zu verlieren. Das ist ein Gleichnis, denke ich bei mir. Pazienza, wie der Italiener sagt. Geduld, der richtige Moment wird kommen. Man kann ihn nicht erzwingen, aber man muss ihn erkennen und dann schnell handeln. Ich stehe nicht das erste Mal hier. Die Erfahrung lehrt mich, auch wenn es nicht danach aussieht, ja unvorstellbar scheint: Irgendwann ergibt es sich. Doch heute ist Montag, eine Stunde früher als üblich und ich habe weniger Zeit, bis mein Zug geht. Ich werde ihn verpassen oder in der Eile unter ein Auto kommen. Beides keine schöne Aussicht. Da geschieht das Unerwartete: Ausgerechnet ein Lastwagen mit Anhänger verlangsamt und hält für mich an. Auch auf der Gegenseite sieht es gut aus, ein Auto noch, dann kann ich hinüberhuschen. Ich hebe die Hand zum Dank und muss lächeln. Was für ein schönes Gleichnis fürs Leben. Und eine Bestätigung für meine persönliche Montagsmagie.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Schöne neue Welt

Oder: Traumkuchen mit Glow-up

Das Leben ist jetzt, denke ich, und Heißhungerattacken wollen befriedigt werden. Nach einem Termin habe ich noch Zeit, bis meine Bahn fährt. Ich bin gutgelaunt und wildentschlossen, mir vor der Heimfahrt noch etwas zu gönnen. Hier gab es doch diese Bäckerei, wo es immer so verführerisch duftete und der Kuchen vorzüglich schmeckte. Bin ich daran vorbeigelaufen? Ich stehe schon wieder am Bahnhof. Also nochmal zurück. Notfalls wird es eine Bahn später. Aufmerksam studiere ich die Auslagen der Geschäfte. Hier nicht, da auch nicht, da! Ich sehe große Werbeschilder für Pflaumenkuchen vor der Bäckerei, die ich anders in Erinnerung habe. Ein paar junge Mädchen sitzen draußen an den Tischen, ein ungewöhnliches Publikum, vielleicht ist die Schule grad aus. Der mit Pflaumen gehört zu meinen Lieblingskuchen, aber die Werbung inspiriert mich nicht. Es gibt irgendwas dazu oder man soll gleich drei Stück kaufen. In diesem Moment habe ich Lust auf Schokoladiges. Ich betrete den Laden, sehe Pastellfarben an den Wänden und Möbel aus Plexiglas. Kein Gebäck. Als ich vor dem Verkäufer stehe und er meinen umherirrenden Blick bemerkt, lenkt er ihn per Fingerzeig auf eine Vitrine unter dem Tresen. Ich muss mich bücken, um zu sehen, dass darin ein paar Stücke des beworbenen Pflaumenkuchens liegen und eine andere Sorte Blechkuchen, bei dem ich mir aber nicht sicher bin, ob der mit Schokolade ist oder nur eine dunkle Glasur hat. Ich frage. Was ist das für ein Kuchen, ist der mit Schokolade? Der junge Mann, gutaussehend und erkennbar geschminkt, antwortet mir nett und ausführlich, aber ich verstehe kein Wort. Ist es hier zu laut? Spricht er undeutlich? Ich wiederhole meine Frage und mache ein hilflos lächelndes Gesicht. Wieder verstehe ich nicht, was er mir erklärt. Ein drittes Mal zu fragen wäre peinlich, also nehme ich den Kuchen auf gut Glück. Zum hier Essen, sage ich noch, aber er schiebt ihn mir bereits in einer Tüte verpackt über den Tisch. Dazu zwei kleine Plastikteile. Bin ich beim Burgerbrater und habe ein Kindermenü mit Überraschung bestellt? Ich schaue mir das eine Teil näher an, mache den Deckel auf. Das muss ein Lidschatten sein, aus goldfarbenem Glitter. Nun trage ich nie Lidschatten und schon gar nicht in der Farbe Gold. Außerdem denke ich, dass es sicher billiger Kosmetikkram aus Fernost und keine hautfreundliche Formel sein wird. Das andere Plastikteil ist etwas größer. Auch dieses lässt sich öffnen, es ist leer. Ich meine darin eine Aufbewahrungsschachtel für Lidschatten-Applikatoren und Puderpinsel zu erkennen und schlussfolgere, dass man diese Accessoires extra erwerben oder beim nächsten Kuchenkauf dazuverdienen kann. Marketing nennt sich das. Nein danke. Ich komme bestimmt nicht wieder, zumal der Kuchen nicht mit Schokolade war und aus einem widerlich süßen, gummiartigen Teig.

Jetzt fragt ihr euch sicher, wo ich das erlebt habe. In unserer hippen Landeshauptstadt Mailand? Nein, da gibt es keinen Pflaumenkuchen. Also nicht, dass ich wüsste. In Deutschland, meiner alten Heimat?

Ich kann euch beruhigen: Es war nur ein Traum. Natürlich fragte ich mich beim Aufwachen, was diese Fantasie beflügelt haben könnte. Eine mögliche Erklärung fiel mir ein. Vor dem Einschlafen hatte ich noch ein wenig durchs Handy gescrollt, um zu sehen, was die Deutschen gerade bewegt. Da war ich auf die hitzige Diskussion um die LAP Coffee Läden gestoßen, die den kleinen Cafeterien in den großen Städten unerwartet Konkurrenz machen. Alle wollen jetzt schnell und günstig einen Espresso to go oder Cappuccino im Pappbecher mitnehmen. Warum nicht? Jedem Tierchen sein Pläsierchen oder auf Wirtschaftsdeutsch: Zu jeder Nachfrage das passende Angebot. Solange es beim Kaffee nicht ungefragt goldfarbenen Lidschatten dazugibt!

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Kopfsache

Jetzt muss ich mal ein großes Lob aussprechen: Mein News-Feed füttert mich sehr fürsorglich mit redaktionellen Beiträgen, die meinen Geschmack treffen. Danke an die Datenkrake, die da am Schaffen ist. Sie kredenzt mir thematisch immer besser werdende Menüs aus italienischen und deutschsprachigen Quellen. Und greift dabei nicht nur auf deutsche Medien, sondern auch österreichische und schweizerische zurück. Das finde ich nett, würde ich doch treu und brav Spiegeleier essen, ähem, Spiegel online lesen, und basta. So tauchen immer wieder neue journalistische Anbieter auf, die ich nie gesucht, geschweige denn gefunden hätte. Neulich traf die Berner Tageszeitung „Der Bund“ mit einer Kolumne „Umsteigen in Milano Centrale: In diesem Kopfbahnhof schaltet das Hirn in den Überlebensmodus“ bei mir direkt ins Schwarze. Sofort fühlte ich mich an eigene Erlebnisse erinnert. Als ich Anfang der Nullerjahre regelmäßig über Mailand nach Bologna fuhr, war das Umsteigen Routine und nicht chaotischer als an deutschen Verkehrsknotenpunkten. Anders in jüngster Zeit. In diesem Jahr hatte ich mehrmals das Vergnügen, in Mailand umsteigen zu wollen. Das Verb „wollen“ soll bereits andeuten, dass es in einem Fall bei der Absicht blieb. Bei der italienischen Bahn streikt man traditionell gern und wenn es keinen Streik gibt, dann sind es technische Probleme, die für Ausfälle oder Verspätungen sorgen. Auch mit meinem Kopf macht der Mailänder Kopfbahnhof etwas. Ich würde aber anders formulieren, als es die Schweizer Journalistin tat. Mein Kopf schaltet nicht in den Überlebensmodus, sondern in einen meditativen Ausnahmezustand, der nur ein Ziel hat: Ruhe bewahren. Tutto andrà bene, alles wird gut. Ich gehe in den „Om-Modus“. Ich lasse mir weder von drängelnden Menschenmassen noch von unverständlichen Durchsagen, schon gar nicht vom Fehlen meines Anschlusszuges an der Übersichtstafel, die Freude an meiner Reise verderben. Vielleicht kam mir dabei zuletzt zugute, dass ich keine knappen Anschlüsse, sondern immer genügend Zeit zum Umsteigen hatte. Zeit, draußen vor der Bahnhofshalle nach einem Schienenersatzverkehr zu suchen, der dann aber für andere Züge bereitstand. Zeit, beim Auskunftsschalter eine Nummer zu ziehen und mich geduldig in die wartende Menschentraube zu mischen. Zeit, noch einmal auf Toilette zu gehen.

Das Suchen und Finden der Toilette am Mailänder Hauptbahnhof ist allerdings ein Abenteuer für sich. Hoch die Treppen und wieder runter, nach rechts und wieder nach links. Irgendwann verliert man sich, obwohl man der Ausschilderung folgt, immer im Nichts. Nur der gute Glaube und die Erinnerung, das stille Örtchen jedes Mal gefunden zu haben, bewahrt vor Verzweiflung. Ständig wird gebaut und es scheint, dass die Toiletten dabei jedes Mal umziehen müssen. Als ich neulich endlich mein Ziel gefunden hatte, stand ich vor einer Art Durchgangssperre wie bei der Sicherheitskontrolle am Flughafen. Nein, man musste nicht sein Bahnticket präsentieren, um die Notdurft verrichten zu dürfen. Es geht dabei um Geld. 1,20 Euro und dazu die klare Ansage, dass es kein Wechselgeld gibt. Frohgemut öffnete ich mein Portemonnaie und zählte das Kleingeld passend ab. Ich schaute, welche Schranke bei anderen Toilettenbesuchern funktionierte und warf dort meine Münzen ein. Es tat sich: nichts. Die Schranke blieb unten. Gleichzeitig lief eine Zeitanzeige zum Countdown. Da half kein Om mehr, ich versuchte es mit Winken und Fuchteln, um den vermeintlichen Bewegungsmelder zu aktivieren. Nichts. Time out. Kein Geld zurück. Ich fluchte in mehreren Sprachen, schaute, ob irgendwo doch ein Toilettenverantwortlicher zugegen war und den Vorgang beobachtet hatte. Natürlich nicht. Automaten erfüllen genau den Zweck, Personal zu sparen. Kurz überlegte ich, auf meine geplante Erledigung zu verzichten. Aber man weiß ja nie, wann der Zug geht und wie lang die Fahrt dauern wird. Oder ob die Zugtoilette nicht ebenfalls streikt, wie wir es bei Stromausfall in der 1. Klasse einmal erlebt haben. Ich kam zu dem Schluss, dass mein Trolley schuld war, den ich vor mir, also zwischen Geldeinwurf und Schranke, abgestellt hatte und der irgendwie mit dem Bewegungssensor interferiert haben musste. Beim zweiten Anlauf, zu dem ich mich wohl oder übel aufraffte, nahm ich die EC-Karte, blieb mit allem Gepäck in weitem Abstand vor dem Durchgang stehen und siehe da, es funktionierte.

2,40 Euro nur für die Toilette! Ich tröstete mich damit, dass ich für so wenig Geld am Bahnhof der italienischen Modemetropole sowieso kein Getränk, geschweige ein belegtes Brötchen bekommen hätte. Zum Überleben und für lange Wartezeiten empfiehlt es sich, eigenen Proviant dabeizuhaben. Mit dem stellt man sich in eine Ecke, fern vom Gedränge aber nah genug zu einer Anzeigetafel. Irgendwann wird das Gleis zum Zug bekanntgegeben. Im Artikel heißt es, das geschehe 20 Sekunden vor Abfahrt. Ich kann euch beruhigen: Es sind mindestens zwei Minuten. Wenn man sich in der Mitte des Bahnhofs aufhält, schafft man es bis zur Abfahrt in beide Richtungen, auch wenn das Gleis ganz weit draußen liegt.

Reisen ist Kopfsache. Ihr dürft einfach nie vergessen: Tutto andrà bene. Sogar am Mailänder Hauptbahnhof.

Herbstgedanken

Sind Freundschaften vor Ort, die jahrelangen, in der Kindheit begründeten Beziehungen, mit digitalen Verbindungen ersetzbar? Als eine, die ihren Geburtsort verlassen und nicht nur umgezogen, sondern sogar ausgewandert ist, frage ich mich manchmal, wer aus mir geworden wäre, wenn ich das nicht getan hätte. Wenn ich dageblieben wäre, wie viele meiner Mitschüler und Freunde. Sogar Studienkommilitoninnen (was für ein Wort) haben sich nach der Uni in Berlin einen Job in Strausberg gesucht. Von einer weiß ich das sicher. Dabei stand uns die Welt offen.

In Italien ist es bis heute im Vergleich zu Deutschland wohl noch stärker verbreitet, einfach da wohnen zu bleiben, wo einen der Zufall der Geburt hingepflanzt hat. Das wird mir immer dann bewusst, wenn ich mit anderen Eltern an den Schulen unserer Töchter spreche. Oft diskutieren sie über Lehrer, bei denen sie selbst schon Unterricht hatten. Bei der ersten Elternversammlung am Gymnasium unserer Jüngsten in Varese fragte ein Vater in die Runde: „Und welche Schule habt ihr besucht?“ Er ging wie selbstverständlich davon aus, dass die Anwesenden aus Varese oder Umgebung hier auch ihre Kindheit und Jugend verbracht hatten. „Stellt euch vor“, meinte ein Mann, geschätzt zehn Jahre älter als wir anderen, „meine Schule gibt es nicht mehr.“ Und während er noch erklärte, um welche es sich handelte, ging der Blick des Fragestellers bereits zu mir. Kurz darauf schauten mich auch die anderen erwartungsvoll an, war ich doch die Einzige, die sich noch nicht an der Diskussion beteiligt hatte. „Nun ja, also …“, setzte ich an und überlegte noch, wie ich es verständlich und doch wirkungsvoll formulieren könnte, „das Land, in dem ich zur Schule ging, das gibt es nicht mehr.“ Den kurzen Moment der Irritation löste ich mit der Erklärung, dass ich aus der DDR komme, auf. Später rettete mich dieses Outing vor einer Kandidatur zur Elternvertretung, bei dessen Wahl ich pflichtbewusst mit abstimmte und einen der beiden Namen von Müttern auf meinen Wahlschein schrieb, die ich nicht kannte. Im kleinen Nachbarort, wo unsere Mädchen auf die Mittelschule gingen, war das mit der gemeinsamen Vergangenheit noch krasser. Es schien, als ob sich alle irgendwie kannten. Ich fühlte mich außen vor, nicht dazugehörig.

Als Wassermännin, womit ich es auch gern begründe, hatte ich schon immer einen Hang zum Unkonventionellen, ziehe Veränderungen dem ewig gleichen Trott vor. Aber hat mich dieser Freiheitsdrang nicht auch meiner Wurzeln beraubt? Was nützen Freundinnen, wenn sie in anderen Ländern wohnen und für einen spontanen Kaffeeklatsch unerreichbar sind, man sich einmal im Jahr hört und noch seltener sieht? Über den sogenannten Status nehme ich heimlich teil an Treffen und Unternehmungen von Gruppen, denen ich womöglich auch angehören würde, wäre ich damals geblieben. Je älter ich werde, um so öfter bedaure ich das, was ich verpasst habe. Obwohl mich gerade der Wunsch, nichts zu verpassen, in die Ferne gezogen hat. Ich bin immer noch überzeugt, dass es sich lohnt, aufzubrechen und Welten hinter sich zu lassen. Wir haben nur dieses eine Leben und vermutlich keine zweite Chance, noch einmal anderes auszuprobieren. Aber was ist mit den Freundschaften, die wir aufgeben, jedenfalls nicht mehr eng leben können. Dieser Aspekt wiegt heute schwerer als früher. Zählt am Ende mehr, wie man gelebt, als was man erlebt hat? Vielleicht sind meine etwas melancholischen aber auch nur Herbstgedanken an einem Regentag.

Abwesenheit (von Glück)

»Sag mal, Angi, warum gehen wir an dem Tag, an dem wir Waisen geworden sind, überhaupt in die Schule?« »Aber sie ist doch nicht unter den Zug gekommen!« »Na ja, einmal im Jahr sehen, das ist schon ein bisschen wie gestorben, finde ich.«

Marco Balzano

Wenn ich wiederkomme*, Roman, Diogenes, 2021. Seite 19.

Manuel, zu Beginn der Geschichte zwölf, und seine acht Jahre ältere Schwester Angelica gehen auch an jenem Morgen in die Schule, an dem ihre Mutter Daniela sie verlassen hat. Ihr Leben in einem kleinen Ort in der rumänischen Provinz muss weitergehen, auch ohne sie. Moma, so nennt Manuel seine Mutter zärtlich, ist bei Nacht und Nebel und ohne ihre Familie einzuweihen nach Mailand aufgebrochen, um sich dort als „Badante“, häusliche Pflegekraft, zu verdingen. Das verdiente Geld wird sie nach Hause schicken, wo sich in ihrer Abwesenheit die Großeltern und die Schwester um den jüngeren Bruder kümmern sollen. Auf den Vater ist kein Verlass. Nachdem seine Fabrik dicht gemacht hatte, fand er statt neuer Arbeit Trost im Alkohol. Als auch Danielas Firma keine Gehälter mehr zahlen kann, kommt die Familie nicht mehr über die Runden. Daniela sieht nur einen Ausweg und macht es wie zigtausende Frauen aus den ehemaligen Ostblockstaaten: im Westen in der privaten Altenpflege arbeiten, damit dort das Sozialsystem nicht kollabiert. Sie hängt ihre berufliche Qualifikation in der Heimat an den Nagel und schuftet, ohne dafür qualifiziert zu sein, in der Fremde in einem Job, für den sich die Einheimischen zu schade sind oder für den sie zu teuer wären. Daniela folgt nur einem Ziel: Ihre Kinder sollen zur Schule gehen und studieren können, um es später einmal besser zu haben.

Für meine Rubrik „Literarische Orte“ sortiere ich diesen Beitrag unter „Mailand“ ein. Doch der Roman „Quando tornerò“, so der Titel des italienischen Originals, vermittelt keine Bilder dieser Stadt, in der Daniela vier Jahre leben und in verschiedenen Haushalten als Altenpflegerin oder Babysitterin arbeiten wird, statt der versprochenen wenigen Monate. Wenn sie zum Rauchen auf den Balkon geht und von dort auf die Straße und die gegenüberliegenden Gebäude blickt, sich der zunehmenden Entfremdung von ihren Kindern schmerzhaft bewusst wird, mutiert die norditalienische Metropole zum grauen, austauschbaren Hintergrund. Ihr Leben spielt sich in einem Haushalt ab, zwischen Küche, Toilette, Sessel und Bett der zu Pflegenden. Marco Balzano erzählt die Geschichte in drei Teilen, aus Sicht des Jungen, der Mutter und der Tochter, und setzt so das Bild der Misere dieser Familie wie ein Puzzle zusammen, das den Leser nicht mehr loslässt. Balzano gelingt es auf großartige Weise, die verschiedenen Perspektiven auszuleuchten. Er schickt uns auf eine Achterbahn der Gefühle: Wir taumeln zwischen Verständnis, Mitgefühl, Unglauben, Verurteilung. Wie bewertet man Entscheidungen, wenn es keine für alle befriedigende Lösung zu geben scheint. Danielas Sohn leidet am meisten unter der Trennung. Das Gefühl, verlassen und unverstanden zu sein, treibt ihn zu einer folgenschweren Dummheit …     

Marco Balzano trifft einen wunden Punkt: Es sind am Ende immer die Schultern anderer, auf denen unser Wohlstand lastet. Dass Familien in einer prekären Situation wie der Danielas zwangsläufig auf frühere Lebensumstände zurückblicken und manchmal daran denken, wie es war, die Arbeit sicherzuhaben und in den Urlaub fahren zu können, ist mehr als nachvollziehbar. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Die Diktaturen von damals hatten im Vergleich mit den Demokratien von heute unbestreitbar einen ‒ wenn auch am Ende gescheiterten ‒ Gegenentwurf zu existenzieller Unsicherheit zu bieten. Dass sich der Roman dieser Tatsache nicht verschließt, darin liegt eine seiner Stärken, meine ich. Der Autor einer Rezension beim Deutschlandfunk verurteilt genau das als seine Schwäche. Wie könne man behaupten oder auch nur in den Raum stellen, dass sich Kinder und Alte, arbeitslose Frauen und Männer in Rumänien an bescheidene, dafür glückliche Zeiten erinnern, während ihre Familien im neuen System ökonomisch scheitern und daran mental zerbrechen? Das ist weder perfide noch gedankenlos, wie der Rezensent behauptet. Es ist Aufgabe der Kunst und Literatur, solche Untiefen auszuloten und über gewohnte Tellerränder hinauszuschauen.

Balzanos beispielhafte, fiktive Geschichte beruht unter anderem auf umfassenden Recherchen und Interviews mit Betroffenen, die er sowohl in Italien als auch vor Ort in Rumänien geführt hat. Herausgekommen ist ein ergreifender Roman, der sich wunderbar liest und den Blick auf Zustände und Wahrheiten richtet, vor denen wir gewöhnlich lieber die Augen schließen.

*Werbung, unverlangt und unbezahlt.

Titelbild: Eine Straße in Mailand, Symbolbild von Pexels.

Immer wieder Bologna

Oder: Die Magie einer Stadt

Wenn ich mich zu sehr auf etwas freue, dann geht es auch mal schief. Es sei denn, es handelt sich bei meinem Herzenswunsch um eine Reise nach Bologna. Die hatten meine deutschen Freundinnen und ich seit einem Jahr im Kopf und seit mindestens einem halben gebucht. Erinnert ihr euch? Im Oktober 2024 hatten wir drei das Italiengefühl in Varese gefunden und sofort gewusst: Das machen wir wieder! Wir würden erneut die Koffer packen und ein langes Wochenende ohne Familie verbringen, mit nichts als gemeinsamen Erinnerungen im Gepäck, um gemeinsam neue Erinnerungen zu schaffen. Auch für mich, die ich nun schon 24 Jahre in Italien lebe, hat das Land nichts an Faszination verloren. Gerade in Begleitung von Freunden genieße ich es immer wieder, das Italiengefühl neu zu entdecken. Wer hier schon lange mitliest weiß vielleicht, dass Bologna für mich die schönste Stadt von allen und praktisch schuld daran ist, dass ich 2001 nach Italien zog. Es sind oft Zufälle, die dem Leben an Abzweigungen zu Hilfe kommen oder gar neue Wege aufzeigen.

Bei Reisen wie bei Theaterbesuchen gilt für mich: Am schönsten wird es ungeplant oder mit Hindernissen. So gesehen, fing es auch diesmal gut an. Während die Vorfreude auf unser gemeinsames Wochenende stieg, gab es in beiden Ländern Streikwarnungen. Tatsächlich musste ich am Ende ein Taxi nach Mailand nehmen, da viele öffentliche Verkehrsmittel am Freitag, dem 3. Oktober aufgrund eines Generalstreiks in Italien nicht fuhren. Der Frecciarossa Hochgeschwindigkeitszug, mit dem man in einer Stunde von Mailand nach Bologna kommt, war zum Glück garantiert. Auch die Piloten bei der Lufthansa hatten ein Einsehen mit meinen Freundinnen, die um ihren Flug bangen mussten. Derweil hatte ich schon überlegt, notfalls alleine durch die kilometerlangen Portici (Bogengänge) zu schlendern. Auf meiner ersten Reise nach Bologna im Jahr 1999 war es eine Notlösung mit Überraschungen gewesen, bei der ich gelernt hatte: Alles kann passieren.

Für einige Jahre war Bologna so etwas wie meine zweite Heimat geworden, ohne, dass ich dort gewohnt hätte. Nach vielen Jahren Abstinenz war ich zum Jahreswechsel 2019/20 das erste Mal zurückgekehrt. Dieser Besuch stand leider unter dem Zeichen der herannahenden Pandemie, so erklärte ich es mir im Nachhinein. Bologna hat für mich Magie, und man weiß ja, dass es sowohl positive als auch negative Zauberei gibt. Nachdem ich das verpatzte Silvester 2020, ohne Feier auf der Piazza, für die zwei Monate später ausbrechende Pandemie verantwortlich gemacht hatte, musste jetzt wieder ein positives Erlebnis her. Und das wurde es! Zum ohnehin schon zauberhaften Flair der Stadt mit ihren historischen Palästen, Kirchen und Plätzen, gleichzeitig studentisch jung und kulinarisch berühmt, gab es – ganz ungeahnt – noch ein kulturelles Highlight. Ausgerechnet am 4. Oktober feiert die Stadt ihren Schutzheiligen, den Heiligen Petronius. Wir durften als Zaungäste am Nachmittag die eindrucksvolle kirchliche Prozession beobachten und am Abend ein Rockkonzert u.a. mit dem Liedermacher Ron sowie ein spektakuläres Feuerwerk auf der Piazza Maggiore erleben. Kostenlos und bei angenehmen herbstlichen Temperaturen kam ich fünf Jahre später doch noch zu meinem Silvestergefühl. Diesmal ist es wieder eindeutig die positive Energie, die ich mit nach Hause gebracht habe. Ich schreibe diesen Artikel, höre dazu den unsterblich schönen Song „Non abbiamo bisogno di parole“ von Ron und die Worte fließen von allein. Beruflich stehe ich gerade an einem Neubeginn, das Leben bleibt spannend!

Hier geht es auf direktem Weg zu allen Bologna-Geschichten auf diesem Blog:

Verliebt in Bologna: Also, wenn Sie mich fragen / Alles kann passieren / Neuer Tag, neues Glück / Wie das Leben spielt

Silvester 2020: Ein Rohrkrepierer

Titelfoto: Basilika San Petronio Bologna am Abend des 03. Oktober 2025.

Abschiedsstimmung

Mehrmals schrieb und schwärmte ich auf diesem Blog von jenem Ort in Ligurien, zu dem es mich immer wieder hinzieht. Oder sollte ich sagen, zu dem es mich zog? Diesen Sommer hatte ich das bedrückende Gefühl, es könnte mein letzter Aufenthalt in Alassio gewesen sein. Später schwächte ich meine Prognose ab, indem ich hinzufügte: im August. Im August werde ich nicht mehr nach Alassio fahren. Zum einen war es in 2025 so heiß, dass es sich nicht einmal mehr nachts abkühlte und ein trauriger Rekord aufgestellt wurde. In der Nacht zum 12. August „sanken“ die Temperaturen auf 32,5 Grad, las ich später und es hieß, es handelte sich um die höchste nächtliche Temperatur, die je an diesem Ort gemessen worden sei. Nun könnte man meinen, in den Nachrichten und erst recht im Netz übertreiben sie es gerne, aber es war tatsächlich dieser Morgen gewesen, an dem die Tochter von ihrem Spaziergang zurückkam und über die Hitze um sieben Uhr in der Früh stöhnte. Zum anderen empfanden wir meinen Lieblingsferienort diesmal einfach als zu chaotisch. Bei den Sirenen von Krankenwagen und Polizei dachten wir, sie würden zu Noteinsätzen der Hitze wegen ausrücken, dabei gab es auch Prügeleien und Kriminalität. Direkt im Ortszentrum, an der berühmten Mole, ging es mehrmals zur Sache. Vor zwei Jahren noch war die Mole von Alassio ein besonders romantischer Ort und hatte sogar für eine Ausstellung gedient. Das Turiner Filmmuseum erinnerte 2023 mit imposanten Fotografien, die über dem Meer zu schweben schienen, an ein Juwel der italienischen Filmgeschichte: Lucino Viscontis „Il Gattopardo“ (Der Leopard). Immer wieder lief ich in jenem Sommer über die Mole, als ob der Glanz der wunderbaren Filmszenen und die zeitlose Schönheit der beiden Hauptdarsteller Alain Delon (Tangredi) und Claudia Cardinale (Angelica) ein klein wenig abfärben könnten auf die, die bewundernd an den Aufnahmen vorbeischlenderten. Ich meine schon. Auf emotionaler Ebene. Ich fühlte das Glück, an diesem faszinierenden Ort sein zu dürfen, in dem Land, das so berühmte Filme hervorgebracht hat. Vielleicht können euch meine Fotos der Bilder auch nachträglich noch eine Idee vermitteln. Nun, da nach dem Tod Alain Delons im August 2024 auch Claudia Cardinale nicht mehr vor der Kamera des Lebens steht, sind es ihre unvergesslichen Rollen und Bilder wie diese, die beide Schauspieler für immer unsterblich machen:

Claudia Cardinale hatte beim Ableben Delons der italienischen Nachrichtenagentur ANSA ihre Trauer mit poetischen Worten erklärt: „Il ballo è finito. Tancredi è salito a ballare con le stelle … per sempre tua, Angelica.” (Der Tanz ist vorbei. Tancredi ist zu den Sternen aufgestiegen und tanzt dort mit ihnen … für immer dein, Angelica.) Jetzt tanzt auch Angelica im Himmel. Claudia Cardinale verstarb 87-jährig am 23. September 2025 in Frankreich.

„Il Gattopardo“ steht ganz oben auf unserem Heimkinoprogramm. Und das mit Alassio überlege ich mir noch mal. Im Winter soll die Ligurische Küste einen besonderen Zauber besitzen. Vielleicht besuchen wir Alassio ja einmal über den Jahreswechsel. Und das Nationale Filmmuseum in Turin gleich mit!

Dresden Gittersee

Oder: Blind Date mit einem Buch

Anfang August, Flughafen Mailand Malpensa. Meine Tochter und ich vertreiben uns die Wartezeit auf unseren Flug Mailand – München – Dresden in der Buchhandlung. Wie immer entdecke ich fünf oder zehn Titel, die ich mir sofort kaufen würde. Kann man das? Nein. Schon gar nicht mit Handgepäck auf dem Weg zum Boarding. Wieder wird es so sein, dass ich statt zehn Büchern gar keins kaufe, denn die Entscheidung für eines fällt schwer. Da bleibt mein Blick an einem ungewöhnlich dekorierten Regal hängen. Die Bücher sind mit Packpapier verhüllt, drei, vier handgeschriebene Worte sollen Hinweise auf den Inhalt geben. Obenauf jeweils eine fiktive Boardingkarte. Die Erklärung dazu gibt eine Tafel: „Libri al buio, accetti il rischio?“ (Bücher blind kaufen, akzeptierst du das Risiko?). Puh! Riskante Aktion, zumal ich sehe, dass es keine Schnäppchenpreise sind, die man für ein Überraschungsbuch bezahlt. Einen Augenblick später rufe ich aufgeregt meine Tochter hinzu. Es gibt ein Buch für den Flug Mailand – Dresden (wie schön wäre eine Direktverbindung), und die Stichworte lauten:  Romanzo di formazione (Bildungsroman), DDR (was war das gleich?), Gioventù e fiducia (Jugend und Vertrauen). Einen Moment lang sorge ich mich, das Buch bereits zu besitzen oder gelesen zu haben, doch dann schließe ich das instinktiv aus und greife zu. Das Cover und der italienische Titel (I confidenti* – Die Vertrauten) sagen mir nichts, aber Charlotte Gneuβ, von der habe ich gehört. Der Klappentext bestätigt meine Vermutung: Gittersee*, so der Originaltitel. Das ist der Stadtteil Dresdens, in dem meine Schwester jetzt wohnt und wo wir sie besuchen würden. Dieses Buch hatte einfach zu mir gemusst, auf dieser Reise.

Was mich beim Lesen der italienischen Übersetzung und des deutschen Originals stutzig machte und was mir gefiel, davon schreibe ich in meinem Artikel bei der Berliner Zeitung.

*Werbung, unverlangt und unbezahlt.

Schwer von Begriff

Einkaufslisten für den Supermarkt werden mir von den Töchtern gerne schriftlich und im letzten Moment aufgegeben, also per Textnachricht, während ich mindestens die Hälfte der Regale abgelaufen bin. Wenn ich Glück und sie einen guten Tag haben, zieren Herzchen und Strahle-Emojis ihre Aufträge. Diesmal hat die Große einen besonderen Wunsch: „Penne nere“. „Bitte, bitte!“ steht auch noch dabei. Na gut, denke ich, und laufe zurück, da sich das Nudelsortiment gleich vorne an die Kühlregale mit Milchprodukten und abgepacktem Aufschnitt anschließt. Auf dem Weg dorthin kommen mir leise Zweifel. Schwarze Spaghetti und Linguine kenne ich, sie sind „al nero di seppia“, mit Tintenfischtinte gefärbt. Penne habe ich noch nie in dieser Variante gesehen. Nachdem ich das Regal dreimal abgelaufen bin, rufe ich meine Tochter an. „Dürfen es auch Linguine sein?“ Sie versteht nicht und bringt das mit einem schrillen „Häh?“ ohrenbetäubend zum Ausdruck. Ich atme tief durch. „Du wolltest doch, dass ich Penne nere mitbringe.“ Schweigen am anderen Ende. „Die gibt es nicht, ich habe alles abgesucht“, erkläre ich weiter. „Dann hole halt die blauen“, mault es durch den Hörer. Blaue Pasta? Rote habe ich schon gesehen, auch grüne, mit Saft von Roter Beete beziehungsweise Spinat gefärbt. Aber blaue? „Vielleicht finde ich rote, oder grüne …“, versuche ich einzulenken, ohne meine Tochter meinerseits mit einem „Häh?“ zu brüskieren. „Mama“, antwortet sie jetzt lachend, „bitte bring mir einen blauen Kugelschreiber, nur einen, und dann schauen wir im Schreibwarenladen nach den schwarzen.“

„Penne nere“ sind beziehungsweise waren in unserem Fall Kugelschreiber mit schwarzer Mine, könnten aber auch die kurzen, diagonal geschnittenen, als Penne bezeichneten Röhrennudeln sein.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.