Sommersonnenlaune bei Starkregen

Wenn 1. September ist und er sich wie der 32. August anfühlt – dann steigt in Italien das große Abschlusskonzert „Power Hits Estate“ des Radiosenders 102.5*. Aus Wettersicht wollte gestern Abend keine echte Sommerstimmung aufkommen, so sehr die Akteure den Fans einheizten und das Publikum selbst motiviert war. Ich hatte es gut auf meinem heimischen Sofa. Über der Arena von Verona „deluviava“ ‒ wie der Italiener sagt ‒ regnete es sintflutartig. Das Konzert musste wegen technischer Schwierigkeiten mehrmals unterbrochen werden. Sogar einen Blackout gab es, als The Kolors ihr „Pronto come va“ telefonierten, ähem sangen, und wie alle Beteiligten an diesem Abend unverdrossen ihr Ding durchzogen, nass bis aufs Hemd, um das Publikum unter Schirmen und Regenmänteln bei Laune zu halten.

Quand’è il primo settembre, e sembra il 32 d’agosto“, so lautet auch eine Zeile des Siegertitels „A me mi piace“(ft. Manu Chao) von Alfa. Der junge Künstler aus Genua hat sich mit seinen verspielt unkonventionellen Kompositionen seit ein paar Jahren in die Herzen des Publikums und nun auch an die Spitze dieser Sommercharts gesungen. Vielleicht erinnert ihr euch an „Me Gustas Tú“ des Reggae-Musikers Manu Chao, 2001 ein Hit in Europa? Alfa, der den französischen Sänger spanischer Abstammung verehrt und sein Antlitz als Tatoo auf dem Oberarm trägt, zitiert dieses Lied und transportiert dessen positives Lebensgefühl und die Leichtigkeit des Sommers mit seiner frischen Version ins Hier und Jetzt.

Allein der Titel „A me mi piace“ zaubert einem bereits ein Grinsen ins Gesicht, handelt es sich doch um eine in der Umgangssprache häufig anzutreffende Redewendung, die sprachlich falsch ist, weil doppelt gemoppelt. Man kann „A me piace“ sagen oder „Mi piace“, wenn einem etwas gefällt, nicht beides zusammen. Und italienische Eltern ‒ uns eingeschlossen ‒ korrigieren immer wieder ihre Kinder: „A me mi piace, das sagt man nicht!“ Alfa sagt beziehungsweise singt es gerade deshalb, weil doppelt so großes Gefallen an etwas einfach das Größte ist. Wie richtig er mit dieser Einstellung liegt, zeigt seine Dominanz in zehn Wochen Power Hits. Den Italienern gefällt sein Sommersonnen-Gute-Laune-Song. Hört mal rein:

*„Power Hits Estate“ wird seit 2017 ausgetragen und gilt als Nachfolger der legendären „Festivalbar“, die 2007 das letzte Mal über die Bühne ging und bis dahin auch meine ersten italienischen Sommer begleitet hat. Hier schreibe ich von musikalisch-sentimentalen Erinnerungen an jene Zeit.

(K)ein Sommer ohne Hit

Bereits im Juni titelte ein italienisches Onlineportal: „Estate 2025 senza tormentoni“, 2025 wäre der Sommer ohne Ohrwürmer. Auch ich war etwas ratlos, wie das in diesem Jahr werden würde. Wo ich euch doch immer gern berichte, welche Musik die schönsten Wochen des Jahres in Italien anheizt, zu welchen Songs die Leute tanzen, träumen und feiern. Vor besagtem Artikel hatte ich die Vermutung gehabt, dass es an mir selbst liegen könne. Meine Stimmung war sprichwörtlich im Keller, wohin ich sah und woran ich auch dachte, es kam keine Freude auf. Ein paar Songs von Sanremo gefielen mir, aber die sind für den Titel „Power Hits Estate“ normalerweise schon wieder aus dem Rennen, oft legen dieselben Interpreten im Sommer einen neuen Hit nach. Natürlich gibt es auch diesmal wieder ein paar Songs, die im Ohr bleiben, aber sie klingen wie Aufgüsse der vergangenen Jahre, so geht es mir bei The Kolors (Gewinner 2023 mit „Italodisco“), Annalisa und Co. Ich liebäugelte beziehungsweise lieblauschte ‒ wenn es so ein Wort nicht gibt, dann erfinde ich es hiermit ‒ mit Tananai, dessen „Bella Madonnina“ neu und sympathisch klingt. Außerdem denke ich dabei immer an die vergoldete Madonnina auf dem Mailänder Dom, womit der Song für mich eindeutig Heimvorteil hat. (Tatsächlich bezieht sich der Text auf einen imaginären Dialog mit der Statue, Symbol der norditalienischen Metropole, am Ende einer langen Nacht.*) Aber dürfte Tananai noch einmal aufs Treppchen, nachdem er im vergangenen Jahr als mein Topfavorit im Duett mit Annalisa und dem Titel „Storie brevi“ gewonnen hatte? Schwierig, schwierig. Morgen, am 1. September, steigt die große Abschlussshow in der Arena di Verona, dann werde ich es erfahren. Und ihr demnächst hier bei mir, wenn ihr mögt!

*Quelle: Deejay.it

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Wirklich verboten

Der Italiener und gutgemeinte Hinweise

Die Italiener sind besonders streng, könnte man denken und sich als Deutscher wundern. Immer wieder lese ich auf Verbotsschildern, dass etwas nicht nur „proibito“ beziehungswiese „vietato“ (verboten) ist, sondern „severamente“ (streng) oder „assolutamente“ (absolut) verboten. Es reicht offensichtlich nicht, etwas nur zu verbieten. Vielleicht trifft zu, was mein Mann mir immer wieder erklärt: Ein Verbot ist in Italien ein gutgemeinter Hinweis, den man befolgen kann oder auch nicht. Schließlich besitzt man gesunden Menschenverstand und kann die Situation selbst einschätzen. Während diese Einstellung in Süditalien sogar bei roten Ampeln funktionieren soll (ich kann es nicht persönlich bestätigen, aber es wurde mir von verschiedenen Seiten zugetragen), gilt sie in Norditalien definitiv an Fußgängerüberwegen. Hier handelt es sich nicht um ein Ver- sondern um ein Gebot, und auch das wird gerne frei interpretiert. Man kann anhalten, muss aber nicht. Je nachdem. Krass ist der Unterschied im Vergleich zur nahegelegenen Schweiz. Im Tessin, wohin ich jeden Tag zur Arbeit fahre, werden Zebrastreifen „absolut“ respektiert. Beinah halten Autofahrer vorsichtshalber an, es könnte doch plötzlich ein Fußgänger aus dem Nichts auftauchen. Kommt man aber über die Grenze nach Italien, sind es die Fußgänger, die dem Autofahrer mit erhobener Hand danken, wenn er für sie bremst. Unseren Kindern trichterten wir deshalb ein: Geht ausschließlich an Fußgängerüberwegen über die Straße und erst dann, wenn tatsächlich alle anhalten. Bildet euch nicht ein, ihr seid im Recht und selbst wenn ihr das seid, besteht nicht darauf, sondern wartet ab. Im italienischen Straßenverkehr einigt man sich lieber, statt stur irgendwelche Regeln zu befolgen. Als ob der Italiener Ver- und Gebote zwar sieht, aber für sich selbst entscheidet und auf die jeweilige Situation bezogen anwendet. Am Fußgängerüberweg denkt er sich: Der kann warten, ich müsste bremsen. Oder: Nach mir ist kein Auto in Sicht, da hat er alle Zeit der Welt. In der Schweiz würde ein Wagen halten, der allein auf einer kilometerlangen geraden Straße fährt, um einen Fußgänger überqueren zu lassen. Vorschrift ist Vorschrift. Man könnte beide Phänomene abwertend beurteilen, den Schweizern blinden Gehorsam, den Italienern Anarchie vorwerfen.

Wie ist das bei euch in Deutschland? Ich frage, weil ich in meiner alten Heimat nie selbst Auto gefahren bin. Würde ich dort mit meiner italienischen Tendenz zum Sich-Arrangieren oder Sich-Einigen auf Protest stoßen, womöglich mit einem Bein im Knast stehen? Hier in Italien gilt am Ende, und zwar nicht nur im Straßenverkehr: Wo kein Kläger, da keine Strafe. Deshalb sind auch die strikten, strengen, absoluten, totalen Verbote nur ein Versuch, etwas zu regeln. Wenn keine Konsequenzen drohen, bleibt die Einhaltung der Vorschrift dem guten Willen überlassen. Und diesen hat man, oder man hat ihn nicht.

Titelfoto: Verbotsschild am Lago Ceresio: „È severamente vietato salire sugli scogli.“ Es ist strengstens verboten, auf die Felsen/Klippen zu klettern. Wo die sind? Egal! Hauptsache, es ist verboten.

10 deutsche Speisen, die mir in Italien fehlen

Wer hätte das gedacht: Da lebe ich nun schon seit mehr als zwanzig Jahren in Bella Italia, dem Paradies des guten Essens, und trotzdem vermisse ich einige Nahrungsmittel und Gerichte aus der Heimat. Mein Mann lästert gern: Es gibt so wenige deutsche Restaurants im Ausland, welchen Grund hat das wohl? Überall auf der Welt kann man Italienisch essen gehen, auch wenn die Qualität nicht immer hält, was die grün-weiß-rote Werbung verspricht. Aber deutsche Restaurants in Italien? Fehlanzeige. Einzig die Bayerische Küche und das deutsche Bier haben es in die hiesigen Köpfe und Mägen geschafft, für Italiener repräsentieren sie die deutsche Ess- und Trinkkultur. Wenn ich Lust auf eine Brezen oder eine Schweinshaxe mit Kraut habe, gehe ich zum „Kapuziner Platz im Wald“, keine halbe Stunde von uns entfernt. Nur: Ich komme nicht aus Bayern und mein Heißhunger auf Bayerische Schmankerln hält sich in Grenzen. Meine kulinarischen Erinnerungen sind ostdeutsch geprägt. Zu Besuch bei der Familie freue ich mich immer sehr, wenn es etwas Traditionelles gibt.

Was sind nun die Speisen, die mir am meisten abgehen? Hier zehn Leckereien, die ich einfliegen lassen würde:

  • Ofenfrisches Mischbrot vom Bäcker (auch nach drei Tagen noch lecker)
  • Leberwurst (die grobe, auch Kassler-Leberwurst genannt)
  • Halberstädter Würstchen (knackig und unverwechselbar)
  • Sülze mit Remouladensoße und Bratkartoffeln (erste Wahl im deutschen Gasthof)
  • Pflaumenstreuselkuchen (darf sich auch Zwetschgendatschi nennen)
  • Mohnkuchen (vom Blech oder als Striezel)
  • Quarktorte (die ohne Boden nach dem Rezept meiner Oma)
  • Rhabarber (als Kompott oder auf dem Kuchen)
  • Dresdner Sauerbraten und Thüringer Kartoffelklöße (sächsisch deftig)
  • Harzer Käse (gern mit Kümmel drumherum)

Und zu Weihnachten: Gänsebraten, mit Rotkohl und Klößen (sächsisch) oder mit Grünkohl und Salzkartoffeln (brandenburgisch). Da pfeif ich auf das vierstündige Mehrgängemenü in Italien.

Anderes, wie (Spreewälder) Saure Gurken, Kartoffelsalat, Soljanka oder Bauernfrühstück kann ich auch in Italien ähnlich besorgen beziehungsweise nachkochen, auch wenn ich dabei nie wirklich an das Original herankomme. Letztlich spielt auch das Ambiente eine Rolle, in dem eine Speise authentischen Genuss beschert. Deutscher Blechkuchen (auch den könnte ich versuchen nachzuahmen, nur Quark und Rhabarber bekommt man in Italien nicht) schmeckt am besten beim Bäcker, bei dem es so herrlich duftet. Direkt aus der Hand, mit großem Appetit nach einem langen Waldspaziergang, wie einst in meinen Sommerurlauben im Süden von Berlin.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Gerettet!

Ich liebe es, schöne Sommerblumen und ein paar Kräuter auf dem Balkon zu haben. Nur Arbeit dürfen sie nicht machen. Deshalb bevorzuge ich pflegeleichte, robuste Pflanzen. So bin ich Fan der Kapuzinerkresse (siehe Titelbild), die ich im zeitigen Frühjahr aussähe und die uns den ganzen Sommer über bis in den Herbst hinein mit ihrer Blütenpracht verwöhnt. Daneben kaufe ich seit einigen Jahren ein oder zwei Portulak-Röschen als fertige Pflanzen, oft unscheinbar und etwas mickrig, für wenig Geld. Umgetopft in einen größeren Kübel entwickeln sie sich prächtig.

Dieses Jahr war ich Anfang Juli spät dran, als ich für zwei freigewordene Gefäße noch eine Bepflanzung suchte. Im Supermarkt sah ich in einem Regal auf Fußbodenhöhe ein paar übriggebliebene Pflanzen. Töpfe, die keiner hatte kaufen wollen und die zum Ramschpreis von 1 Euro auf Abnehmer warteten. Mein geschulter Blick erkannte sofort, dass da zwei Portulak-Röschen dabeistanden. Sie hatten keine Blüten, was nach tagelangem Dahinvegetieren im kleinen Topf und ohne Sonnenlicht kein Wunder war. Sie taten mir leid. Noch mehr ihre zwei Kolleginnen, die nach hinten aus dem Regal gefallen oder gar gestoßen worden waren. Kein Mensch würde sie mehr haben wollen. Ein trauriger Gedanke, der einen spontanen Entschluss auslöste: Ich würde sie adoptieren und ihnen doch noch ein ehrenwertes Zuhause schenken. Ehe ich die vier Töpfe in meinen Einkaufswagen verfrachtete, fotografierte ich schnell ihre miserablen Bedingungen. Wenn mein Plan aufginge, könnte ich die Mission dokumentieren. Bereits einen Augenblick später kam mir das Foto an der Kasse zu Hilfe, als das System den vollen Preis berechnete. Während die Kassiererin mit der herbeigerufenen Verantwortlichen diskutierte, rechnete und überlegte ich, ob ich auch acht Euro mehr bezahlen würde. Letztlich wurde mein Beweisfoto anerkannt und der Preis korrigiert. Na also! Ich wollte die vier Pflänzchen retten, nicht den ganzen Supermarkt.

Jeweils zu zweit in einem Kübel kamen die Zöglinge in ihrem neuen Zuhause an die frische Luft und in die Sonne. Wie schön sie jetzt in Blüte stehen, seht ihr hier:

Portulakröschen: im Supermarkt verschmäht, auf dem Balkon in voller Blüte

„Portulak-Röschen eignen sich wunderbar für Garten-Anfänger und Menschen ohne grünen Daumen. Sie sind pflegeleicht und eigentlich unkaputtbar”, lese ich bei Plantura. Die Portulak-Röschen haben im Geschäft einfach auf mich gewartet, wie der Topf auf seinen Deckel.

In allen Farben

In Ratgebern heißt es neuerdings immer wieder, man solle häufiger aus seiner Komfortzone ausbrechen. Etwas tun, das man noch nie getan hat, weil man es sich nicht zutraut, weil man sich geniert, oder weil man einfach Angst vor Ungewohntem hat. Alles schön und gut, aber zwingen lasse ich mich nicht, nur weil etwas gerade Mode ist. Dabei wohnen zwei Seelen in meiner Brust: Die eine hat es sich gut eingerichtet, ist überzeugt von ihren Überzeugungen und redet mir ein, dass ich mit Anfang 50 nicht mehr alles mitmachen muss. Die andere Seele ist die, die mich anschubst und fragt: Warum eigentlich nicht? Was hast du zu verlieren? Mach mal, und schau, was es bringt. Oder, wie der Italiener sagt: Non si sa mai. (Man kann nie wissen.) So war ich skeptisch und hatte geglaubt, dass ein „Workout on the road“ unbequem und womöglich peinlich ist, ehe ich erlebte, dass gemeinsames Fitnesstraining unter freiem Himmel nicht nur dem Körper, sondern vor allem der Seele guttut. Unsere Große zeigte mir, dass es sich lohnen kann, einmal aufs Ausschlafen am Sonntagmorgen zu verzichten und spontan die Gipfel über dem Lago Maggiore zu erklimmen.

Neuerdings halte ich es einfach so: Schlägt mir jemand eine Unternehmung vor, die mich aus meiner Komfortzone herauskatapultiert, lasse ich mir die Entscheidung offen, wenn es zu einem spontanen „Ja!“ nicht reicht. Vielleicht, warum nicht? Eine Ausrede, um später abzusagen, fällt einem schließlich immer noch ein. (Das habe ich von den Italienern gelernt.)

Als vergangenen Samstag die Idee aufkam, bei „Varese Pride“ mitzulaufen, sagte ich zu und staunte anschließend selbst über meine Entscheidungsfreude. Da waren auch Zweifel und die Frage: Mache ich, cis-hetero, mich etwa kultureller Aneignung schuldig? Oder hatte meine Freundin recht, wenn sie erklärte, dass es richtig und wichtig sei, auch als Unterstützer*in mitzulaufen, Präsenz zu zeigen für Vielfalt und gegen jede Art von Diskriminierung? Denn es stimmt doch: Was manche Leute als Zirkuszelt verunglimpfen, ist in Wahrheit ein lebensfrohes Statement für Offenheit, Toleranz und Demokratie.

Der Vorschlag, in Varese dabei zu sein, kam übrigens von unseren Töchtern. Teenager begeistert die bunte Welt der Regenbogenfarben, schließlich sind sie selbst noch auf der Suche nach sich und ihren (Vor-)Lieben. Und wie auf Konzerte geht man auch zu Manifestationen als Mutter lieber mit, solange die Kinder noch nicht erwachsen sind. Vielleicht, weil ich am Tag zuvor im Internet nach Informationen zu der Pride-Demo in Varese gesucht hatte, spielte mir mein Nachrichten-Feed einen Artikel der TAZ aus. Die Redakteurin bereute es, in einer Brandenburger Kleinstadt mit ihrer Tochter zum CSD gegangen zu sein. Es gab eine Gegendemo, die Neonazis waren da, um Angst zu machen. Sie fragt in ihrem Text, wie es so weit kommen konnte. Ein weiteres Argument für mich, in Varese dabei zu sein und Farbe zu bekennen. Gerade deshalb, weil es Leute gibt, für die die Welt schwarz-weiß ist und die am liebsten braun sehen. Auch wenn die in Varese diesmal nicht wie jene im Land Brandenburg sichtbar und mit Drohgebärden auftraten.

Wie es sich anfühlte, in dem bunten Zug mitzulaufen? Anfangs ein wenig befremdlich, trug ich doch nur eine Blumengirlande über meinen Stino-Kleidern und kam mir ein bisschen langweilig vor. Auch roch es leicht nach Schweiß in der Nähe von denen, die ihre Spruchbänder hochhielten, sowie hier und da nach Gras. Aber die Gerüche verflogen schnell und bald auch meine Unsicherheit. Was blieb, waren positive Vibes. Ich genoss es, Varese und bekannte Gebäude aus einer ganz neuen Perspektive zu sehen: Fröhliche, friedlich demonstrierende Menschen füllten die Straßen der Innenstadt wie ein Fluss, und wir schwammen mittendrin. Zu Beginn Musik der 80er-Jahre, Titel, zu denen ich einst in der Diskothek tanzte. Immer noch gehen die „Sweet Dreams“ von den Eurythmics in die Beine und dann nicht mehr aus dem Kopf. Everybody is looking for something. Das war zu unseren Zeiten so und ist heute nicht anders. Wie schön wäre es, wenn man nicht mehr fordern und protestieren müsste, sondern einfach Feste feiern könnte. Feste auf das Leben und die Freiheit, zu suchen und zu finden, was einen glücklich macht.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Sommerloch? Sommerspezial!

Eine schöne Tradition auf dem Blog von Rossi und Luisle aus Berlin ist das Sommerspezial. Dabei laden sie Gastautor*innen ein, ihre Gedanken zu einem jährlich wechselnden Thema zu teilen. Während es in den bisherigen Folgen um „Berlin“, „Leidenschaft“ und „Wendepunkte“ ging, fragten sie diesmal nach dem Blick auf Deutschland, aus der Perspektive von Menschen, die zugezogen oder weggezogen sind, sich gerade integrieren oder in der Ferne ihr Glück gesucht haben. Ich bin sehr gespannt auf die Beiträge, denn ich kann nur unterschreiben, wie sie die Themenwahl in ihrem Einführungstext begründen: „Mehr übereinander zu wissen und miteinander zu diskutieren ist auf jeden Fall ein Gewinn für das gegenseitige Verständnis und unser Zusammenleben.“ Deshalb habe ich mich auch besonders gefreut, zu diesem Sommerspezial eingeladen worden zu sein. In meinem Beitrag „Deutschland, verlorene Heimat?“ versuche ich, meine Gefühle für Deutschland und Italien, mein Leben irgendwo dazwischen, zu beschreiben. Das war im vorgeschriebenen knappen Textumfang gar nicht so einfach.

Falls ihr keine Lust habt, in ein wie auch immer geartetes Sommerloch zu fallen, dann seid ihr bei den sympathischen Berliner Bloggerinnen „Mit Stift und Tastatur“ genau richtig. Auch außerhalb des Sommerspezials gibt es unterhaltsame und authentische Blicke auf das Leben im Besonderen und im Alltäglichen, im Gestern und im Heute.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Von Bergen, die keine sind

Das hätte ich mir nicht träumen lassen: noch einmal mit dem großen P an der Heckscheibe* das Anfahren am Berg zu üben. An Bergen, wohlgemerkt, die gar keine sind. Nicht mal ein leichter Anstieg. Nur ein Stopp, ein Kreisverkehr oder eine Ausfahrt, wo man nach einem kurzen Halt anfahren muss. Dazu muss ich erwähnen, dass wir im Lombardischen Flachland leben und die Alpen nur dekorativ am Horizont sehen. Der Berg sitzt bei Fahranfängern vermutlich im Kopf. Und die Füße wissen noch nicht so genau, wie sie ihn bezwingen sollen.

Wenn ihr nun denkt, ich muss nach mehr als zwanzig Jahren die Führerscheinprüfung wiederholen, dann erinnert ihr euch vielleicht an meinen Beitrag vom letzten Jahr. Nein, der kleine Angsthase bin diesmal nicht ich, sondern es ist unsere Tochter. Aber was sag ich da? Sie ist gerade kein Angsthase, sondern frohgemut und zuversichtlich und möchte immerzu üben, seit sie ihr „Foglio Rosa“, den Lernführerschein, hat. Mit dem darf sie in Begleitung eines erfahrenen Fahrers direkt nach bestandener Theorie selbst am Steuer sitzen. Anfangs wollte ich die ehrenvolle Aufgabe gern meinem Mann, viel erfahrener als ich, überlassen. Dabei hatte ich nicht mit dem Taten- bzw. Fahrdrang unserer Tochter gerechnet. Beinah jeden Nachmittag fragt sie mich, während der Papa noch im Büro sitzt: Drehen wir eine Runde? Und sie meint damit nicht unsere vielen Kreisverkehre, sondern die umliegenden Straßen im Ort und im Nachbarort. Ich schätze ihren Eifer sehr, habe meine anfänglichen Zweifel überwunden und gelernt, dass man im Notfall (nicht gelingendes Anfahren „am Berg“) auch schnell den Platz wechseln kann. Schade, dass die Wartenden hinter uns das „P“ glatt ignorieren und gern lautstark hupen. Selbst in Situationen, in denen überhaupt kein Anfängerfehler vorliegt. So stand neulich ein Auto in Panne mitten im Kreisverkehr und jeder „normale“ Fahrer musste warten, um daran vorbeizufahren. Es gab definitiv keinen Grund zu drängeln. Mach dir nichts draus, das wirst du oft erleben, versuchte ich meine Tochter zu wappnen. Sie regt sich viel zu sehr auf. Ich kommentiere provokantes Fahrverhalten der anderen zwar auch mit Kraftausdrücken oder Gesten, aber nur, weil man es (in Italien) so macht. Wirklich aufregen will ich mich nicht mehr, man gewöhnt sich irgendwann an die rohen Sitten. Das geht bei mir so weit, dass ich angesichts der vielen negativen Erfahrungen gar keine Rücksichtnahme mehr erwarte. Neulich wollte ich in ein Parkhaus fahren und es funktionierten weder der VIP-Modus (magisches Öffnen der Schranke dank installiertem Telepass) noch der Ticketautomat. Ich war guter Dinge an die Schranke gefahren, auf die Telepass-Magie vertrauend. Doch: kein Piepton, keine Durchfahrt, auch nach kurzem Zurücksetzen nicht. Also fuhr ich noch ein Stück im Rückwärtsgang, um den Ticketschalter zu erreichen. Ich drückte die Taste, die man laut Anweisung drücken muss, um den Parkschein zu ziehen. Nichts. Ich drückte noch einmal. Ich drückte etwas stärker. Ich haute drauf. Nichts. (Schrieb ich nicht erst kürzlich, dass Automaten und ich keine Freunde sind? Da seht ihr es wieder!) Also gestikulierte ich wild in Richtung des Fahrers hinter mir, der sich partout nicht vom Platz rührte. Starrte der mich an, schimpfte der womöglich auf die „Frau am Steuer“? Egal, ich gab ihm zu verstehen, dass auf dieser Seite nichts funktionierte. Dazu winkte ich mit den Unterarmen über Kreuz, wie zwei entgegengesetzt wischende Scheibenwischer. (Verständlich gestikulieren sollte man besser auch in der Fahrschule lernen.) Ich wollte ihm klarmachen, er solle es links von mir bei der anderen Schranke versuchen. Warum, verdammt nochmal, rückte er nicht von der Stelle? Ich schimpfte innerlich auf ihn und fuhr selbst auf die andere Seite. Erst als ich nach dem Einparken um mein Auto herumlief, verstand ich, was geschehen war: Der nachfolgende Fahrer hatte das P gesehen und wollte mir die Vorfahrt gewähren, ließ mir Platz und Zeit, die Spur zu wechseln. Gibt es sie also doch, die netten Verkehrsteilnehmer. Wie schön!         

*P steht in Italien für Principiante, wie das A für Anfänger.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Magisches Wasser

Der Italiener und die Heiligen

Montagabend, es geht auf Mitternacht zu. Ich liege längst im Bett, schaue aber noch schnell – Asche auf mein müdes Haupt – die letzten Updates auf dem Handy durch. Der Status einer italienischen Freundin weckt meine Neugier: Er zeigt das Foto einer Wasserschale, in der Blüten und Blätter schwimmen. Dazu schreibt sie, dass bei ihnen in Kalabrien, aber auch in anderen Regionen Italiens, an diesem Abend das Acqua di San Giovanni zubereitet wird. Es ist der 23. Juni. Am Tag darauf feiern die Giovannis ihren Namenstag. Meine Freundin schließt eine kurze Erklärung an, für alle wie mich, die weder Namenstage im Kopf noch jemals von diesem Blütenwasser gehört haben: Das „Acqua di San Giovanni“ (Johanniswasser) ist eine in Mittel- und Süditalien weit verbreitete Tradition, die mit der Nacht vom 23. auf den 24. Juni und dem Heiligen Johannes verbunden ist. Nach Sonnenuntergang werden Wildblumen und Kräuter gesammelt, die man in Wasser über Nacht im Freien stehen lässt. Am Morgen wäscht man sich mit dem duftenden Wasser, das als glücksbringend und reinigend gilt, Hände und Gesicht.

Schön, denke ich, aber warum postet sie das erst so spät? Ich müsste längst schlafen, doch diese nette Idee lässt mir keine Ruhe. Meine Begeisterung ist geweckt. Ein bisschen Glück könnte nicht schaden, und eine rituelle Reinigung kostet im Spa oder Wellness-Tempel ein Heidengeld. Die Tradition sieht sicherlich vor, dass man gemeinsam kurz nach Sonnenuntergang barfuß über die Wiesen läuft, die kühle Abendluft genießt, singend oder plaudernd Blüten und Kräuter sammelt und dann zuhause die Wasserschale vorbereitet. Ich bin allein, bereits im Pyjama und habe keine Wildblumen- und Kräuterwiese vorm Haus. Aber ein paar Küchenkräuter und Blumen auf dem Balkon. Gedacht, getan. Ich schnappe mir eine Schüssel und tapse im Dunkeln von Pflanzkübel zu Topf und pflücke, was da ist: Basilikum, Kapuzinerkresse, Rosmarin und Flockenblumen. Ich gebe Wasser dazu und stelle den magischen Ansatz draußen auf den Tisch. Zurück im Bett grinse ich innerlich und schlafe mit Vorfreude schneller ein als gewöhnlich.

Am Morgen wache ich vor dem Weckerklingeln auf und laufe als erstes zum Balkon. Das Ergebnis der nächtlichen Aktion seht ihr im Titelbild. Das Wasser ist noch kühl und wunderbar aromatisch (Rosmarin!), ich genieße Frische und Duft wie eine Wellnessbehandlung. Den Wohlfühleffekt habe ich sicher und starte mit Freude in den Tag. Im Büro gratuliere ich meinem Kollegen Giovanni zum Namenstag. Der staunt nicht schlecht, denn er kennt mich als eine, die diesen Anlässen keine Bedeutung schenkt. Und wer weiß, ob es mit dem Zauber des magischen Wassers zu tun hat: In einer belastenden Angelegenheit bahnt sich am Nachmittag des Johannistages unerwartet eine Lösung an.

Sicher gibt es noch viele italienische Bräuche zu entdecken, die mit den Heiligen und deren Namenstagen verbunden sind. Ich werde in Zukunft mehr darauf achten. Eine besonders kuriose Tradition ist mit der Region Lombardei und speziell Mailand, der Heimat des klassischen italienischen Weihnachtskuchens Panettone, verbunden. Zu San Biagio am 3. Februar, dem Fest des Heiligen Blasius, werden Reste davon in die Kirche gebracht und gesegnet. Es heißt, dass der Verzehr des gesegneten Panettone, der von den Weihnachtsfeiertagen übriggeblieben ist, vor Halsschmerzen und Erkältungen schützt. Davon hörte ich in diesem Jahr zum ersten Mal im Büro, als eine Kollegin einen halben Panettone mitbrachte. Was für ein Quatsch, dachte ich, nahm aber ein Stückchen zum Kaffee. Was soll ich sagen? Bei mir hat es funktioniert. Ich schlug mich Anfang des Jahres mit mancherlei Beschwerden herum, Halsschmerzen gehörten nicht dazu.

Mein Fazit: Her mit den alten Bräuchen, mögen sie noch so verrückt erscheinen! Ein bisschen Magie im Leben hat noch keinem geschadet.

Sieg nach Punkten

Neulich wollte ich einer guten Freundin einer Freundin einen Gefallen tun. Ihre Freundin, die auch meine Freundin ist, hatte im Chat unserer Aero-Gag-Gruppe angefragt, ob jemand Treuepunkte vom Supermarkt verschenken würde. Die würden nämlich in Kürze verfallen. Ich hatte meine aufgebraucht und die letzten jeweils 500 Punkte gemeinnützigen Organisationen zukommen lassen. Auf den restlichen 348 Punkten wäre ich sitzengeblieben. Gern wollte ich sie stattdessen einer Unbekannten, der vielleicht nur ein paar hundert Punkte zu ihrer Wunschprämie fehlten, zukommen lassen. Die gemeinsame Freundin schickte mir also deren Kartennummer.

Beim nächsten Einkauf ‒ einem ohne komplizierte Rabattaktionen ‒ plante ich fünf bis zehn zusätzliche Minuten ein und stellte mich guter Dinge am Serviceschalter an. Endlich an der Reihe, unterbreitete mir die Angestellte einen Vorschlag, der wie eine Anweisung rüberkam: „Treuepunkte spenden? Das können Sie auch dort drüben am Automaten machen.“ „Va bene, aber wo ich nun mal dran bin und vor Ihnen stehe, würde ich es gerne hier erledigen“, antwortete ich selbstsicher. (Nein, es gab keine lange Schlange hinter mir.) Nachdem ich meine Karte und die Empfängerkarte eingescannt hatte, stellte die, die leider schwer schuften musste, eine Frage, die wie ein Befehl klang: „Name und Vorname des Karteninhabers? Auch das Geburtsdatum brauche ich.“ Das hatte ich nicht erwartet. Mir war klar, dass ich als Spenderin alle nötigen Angaben zu meiner Identität und Berechtigung würde erbringen müssen, den Namen der Begünstigten kannte ich nicht. „Wir haben hier Vorschriften, das muss ich wissen!“, bestätigte die Angestellte und wies mich erneut darauf hin, beim nächsten Mal den Automaten zu benutzen. Unverrichteter Dinge drehte ich ab.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich also nur Zeit verschwendet, aber noch nichts erreicht. Doch ich wollte es diesmal wissen und war fest entschlossen, jemandem diesen kleinen Gefallen zu tun, egal, wie viele Steine man mir in den Weg legen würde. Während des Einkaufs schickte mir die Freundin den Namen ihrer Freundin. Weniger aus Gehorsam als in der Absicht, mir vorwurfsvolle Kommentare zu ersparen, stellte ich mich der Herausforderung und ging an den Selbstbedienungsautomaten. Ich muss gestehen, dass ich mit solchen Geräten meine Schwierigkeiten habe. Sei es im Supermarkt zum Bezahlen oder am Bahnhof für die Fahrkarten ‒ zwischen Automaten und mir will einfach keine Freundschaft entstehen. Vielleicht bin ich zu blöd. Ich rede mich immer damit heraus, dass die Abläufe nicht nutzerfreundlich und oft sogar unverständlich seien. Passiert es euch nie, dass der Automat plötzlich blockiert? Mir ständig! Oft kurz vorm Abschluss des Vorgangs, wenn ich schon Zeit und Nerven investiert habe: Der Touch-Screen reagiert nicht oder es kommt irgendeine Fehlermeldung. Als nun das Gerät meine Karte nicht las, fuchtelte ich mit ihr in allen möglichen Neigungswinkeln herum, zog sie von links, von rechts, von oben und unten, erst langsam und dann schnell über die Stelle, die sie lesen sollte. Nichts! Keine Reaktion. Ich brach den Spaß ab. Immer noch – oder jetzt erst recht – war ich von der Idee besessen, dieser unbekannten Freundin meiner Freundin eine Freude zu machen. Weder missmutige Menschen noch streikende Technik würden mich davon abhalten.

Zurück am Serviceschalter, stand diesmal nur ein Kunde vor mir an. Dafür, dass die Punkte in mittlerweile drei Tagen verfallen würden, hatte ich mehr Andrang erwartet. Und hätte in diesem Fall auch mehr Verständnis für die Gereiztheit des Personals gehabt. Zu meiner Erleichterung sah ich, dass die strenge blonde Dame nicht mehr hinter dem Tresen stand. Sie war vermutlich in der Mittagspause, vorhin hungrig und deshalb unleidlich gewesen. Nun trug ich ihrer dunkelhaarigen Kollegin mein Anliegen vor. Die nickte freundlich, scannte meine Karte und den Barcode der Empfängerkarte ein und nannte dann einfach den Vornamen, der zur Empfängerkarte gehört: „Valentina?“ Mit Fragezeichen, so dass ich ihn nur bestätigen brauchte. Der Nachname war gar nicht mehr gefragt und schon gar nicht das Geburtsdatum. Nur meins, aber das kenne ich ja. Erwartungsvoll stand ich da und dachte, es würde noch irgendwelcher Formalitäten bedürfen, aber die Dunkelhaarige lächelte mich an und sagte nur: „Erledigt!“ „Danke“, stammelte ich überrascht und lächelte zurück. Und als plötzlich neben ihr die blonde Kollegin auftauchte, ergänzte ich mit fester Stimme und etwas lauter: „Das ging ja schnell, wie nett von Ihnen!“

Wo ein guter Wille ist, kann Gutes vollbracht werden. Ein Sieg nach Punkten für die Freundlichkeit.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.