Das verflixte zweite Mal

Kennt ihr das auch? Ihr entdeckt ein tolles Lokal, einen netten Laden oder einen superschönen Ort, erzählt allen davon, und dann besucht ihr die traumhafte Stätte ein zweites Mal und erkennt sie nicht wieder. Der romantische Park ist hoffnungslos überfüllt, der Service im Restaurant mangelhaft, das Essen versalzen oder die Toilette verschmutzt. Was beim ersten Besuch ein Traum war, entpuppt sich vielleicht nicht als Albtraum, aber doch als große Enttäuschung. Ich habe das gerade bei Restaurants oft genug erlebt und bin seitdem vorsichtig, diese nach nur einem einzigen Besuch übermäßig zu loben.

Diesmal war es ein Ort am See, den wir als Familie seit Jahren lieben und kennen. Erst einmal, im zeitigen Frühjahr, war ich zu einem langen Schreibwochenende allein dort gewesen. Und war begeistert. Ende März hatte ich frühlingshaftes Wetter und ein rundum positives Erlebnis. Als es sich nun so ergab und auch des weiteren Schreibens wegen, hatte ich für Ende Mai noch einmal das gleiche Arrangement gebucht. Ich ging auf Nummer sicher und bat um dasselbe Zimmer, damit mir dieses verflixte zweite Mal nicht im Hotel passieren würde, mit einem engen Raum nach hinten raus, einem zu kleinen Schreibtisch oder einem Bad, in dem die Lüftung nicht funktioniert. Das kann einem schließlich alles passieren. Nein, mit der Unterbringung war wieder alles tipptopp, und womöglich wird es irgendwann eine kleine Gedenkplakette am Zimmer 104 geben: Hier übernachtete und schrieb … ähem, ich fantasiere. Was ich sagen wollte: Alles war fein am Nachmittag meiner zweiten Anreise. Bis zum Abend schrieb ich im Zimmer, Ende Mai waren es bereits 28 Grad und in der Sonne am See zu warm für mein nordländisches Gemüt. Gegen 19 Uhr wollte ich ein paar Schritte gehen und die herrliche Gegend genießen, wie ich das im März getan hatte. Vielleicht einen Aperitivo nehmen, wie damals in der neueröffneten Bar am Lido, dem Freibad. Schon bei meinem Rundgang vernahm ich in Seenähe einen unangenehmen Geruch, wie Abwasser roch es dort. Hatte das mit dem hohen Pegelstand nach den schweren Regenfällen zu tun? Der Uferbereich, wo sich sonst Enten, Schwäne und zuletzt sogar ein Afrikanischer Gru wohlfühlten, war mit einem Band abgesperrt und eine Tribüne verstellte den Blick. Egal, ich würde einen leckeren Campari Spritz bei den coolen Barleuten trinken, sicher gäbe es wieder eine Bruschetta dazu. Die Angestellte am Empfang begrüßte mich und überließ mir die Tischwahl auf der Terrasse. Sie wies mich auf den QR-Code hin, der auf den Tischen klebte. Fürs Menü. Grazie! Das kennt man heutzutage, kein Problem. Auch wenn ich bereits wusste, was ich wollte, scannte ich wie gewünscht, suchte und fand meinen Drink. Guter Dinge wartete ich auf den Kellner, der die Bestellung aufnehmen würde. Es kam aber keiner. Nun las ich doch die kleingedruckte Anleitung neben dem QR-Code, man solle auch online bestellen und bezahlen. Ich habe keine Internetbezahlfunktion und sicher würde einer der beiden Kellner, die da drüben gelangweilt herumstanden, gleich zu mir kommen. Das taten sie nicht. Ich wartete noch eine Weile, aber da es auch hier penetrant nach Abwasser roch und mein Drink einen stolzen Preis gehabt hätte, packte ich nach fünfzehn Minuten meine Tasche und verließ das Lokal. Keiner hielt mich auf oder fragte, was nicht in Ordnung gewesen sei. Dann eben nicht! Entschlossen steuerte ich das Hotel/Restaurant neben meiner Unterkunft an, dort hatte ich beim ersten Mal mittags nur schnell einen Caffè am Tresen getrunken und war sehr freundlich bedient worden. Auf dem Schild vor der Terrasse heißt es ausdrücklich: Bar/Ristorante. Auch hier würde ich etwas trinken können, vielleicht gäbe es eine Kleinigkeit zum Knabbern dazu, wie das in Bella Italia üblich ist. Es war gerade 19.30 Uhr, nicht mehr früh, aber auch noch nicht zu spät, einen Aperitivo zu verlangen. Voll war es nicht und nur einige Tische waren fürs Abendessen eingedeckt, die anderen mit einfachen Tischdecken vermutlich als Barbereich gedacht. Meiner Sache sicher betrat ich das Lokal, ein junger Kellner kam mir entgegen. Aperitivo? Kurze Pause. Dann entschied er sich gegen mich: Adesso serviamo la cena. Jetzt servieren wir das Abendessen. Le porto il menù? Soll ich Ihnen die Speisekarte bringen? Nein danke, antwortete ich schnippisch und war selbst überrascht von meiner Reaktion. Grummelnd und alle Lokale dieser Gegend verfluchend, stapfte ich hinaus. Zum Glück gab es immer noch mein Hotel, in dessen wunderbarem Garten ich einen schönen Platz fand und nett bedient wurde. Mittlerweile war es 20 Uhr geworden und tatsächlich Abendessenzeit. In der Luft lag hier nur der süße Duft des Jasmins, für mich der olfaktorische Inbegriff des italienischen Frühsommers. Bei einem Quartino di Vino versöhnte ich mich wieder mit der Welt. Ich musste an den unterhaltsamen Blogartikel von Luisle aus Berlin denken, den ich gerade erst gelesen hatte. Es gibt diese Tage (bei mir war es zum Glück nur ein Abend), da muss man einfach sagen: Morgen ist auch noch ein Tag.

PS: Die Absperrungen und Bauarbeiten hatten freilich nicht den Zweck, mich zu verärgern. Am kommenden Wochenende wird auf dem Vareser See eine Etappe vom Weltcup im Rudern ausgetragen. Zum Schreiben komme ich besser erst im Herbst wieder an „meinen“ See, wenn es bei angenehmen Temperaturen erneut romantisch und ruhig sein wird. Das hat man mir im Hotel versprochen.

Für die Ewigkeit

Schon 1989, als die Welt mit dem Fall der Berliner Mauer eine neue Ära begrüßte und lieber optimistisch in die Zukunft als melancholisch in die Vergangenheit blickte, fragte sich Raf in seinem unsterblichen Hit „Cosa Resterà Degli Anni ’80“, was von den Achtzigerjahren bleiben wird. Obwohl ich damals begann, ins Ausland zu reisen, führte mich mein Weg nicht sofort in den Süden und von der italienischen Popmusik dieser Zeit bekam ich nicht allzu viel mit. Es waren Ende der Neunzigerjahre Laura Pausini, Nek und Michele Zarillo, die mich musikalisch nach Italien entführten. Der Singer-Songwriter Raf, seit seinem Paukenschlag-Debüt 1984 immer wieder in den italienischen Hitlisten, hatte bei mir einen eher schweren Start. Kannte ich doch seinen ersten großen Erfolg in der Version der Amerikanerin Laura Branigan. Jahrelang glaubte ich, er hätte „Self Control“ von ihr abgekupfert. Dabei war das Lied von ihm und sie durfte es auch singen, alles hatte seine Richtigkeit, wie ich bereits in einem früheren Blogartikel erklärte. Als ich letztes Jahr von seiner Jubiläumstour „40 Jahre Self Control“ hörte und dass er dieses Konzert 2025 auch auf Theaterbühnen bringen würde, war das für mich ein Zeichen. Lästert bitte nicht, aber ich bin schon in einem Alter, in dem ich einen Theatersaal und eine feste Sitzplatznummer dem Gedränge in Stadion oder Sporthalle vorziehe. Leider gibt es kein Gastspiel am Theater in Varese, aber Mailand stand Ende Mai auf dem Programm. Ich schlug die Unternehmung meinem Mann vor. Schließlich hatten wir noch eine Rechnung offen: Ich wollte doch so gerne das Original im Original hören, umgarnte ich ihn. Damit hatte ich Erfolg und erhielt auch nach vollbrachter Tat seine Absolution. Wie so oft, wenn ich ohne große Erwartungen in ein Theaterstück oder in ein Konzert gehe, wurde es ein voller Erfolg. So viele fantastische Songs, die ich sehr wohl kannte, aber nicht diesem einen Sänger zugerechnet hatte. Den Titel „Due“ kannte ich in der späteren Fassung von Laura Pausini. Erst jetzt sah ich das Video, das 1993 ausgerechnet in Ostberlin gedreht worden ist. Ich hätte Raf begegnen können, ich studierte damals in Berlin! Aber bei dem Dreh hatte er vermutlich nur Augen für die verboten schöne Anna Falchi.

Der Abend in Mailand war eine wahre Offenbarung. Der Fünfundsechzigjährige rockte die Bühne wie ein Dreiβigjähriger, stimmlich und körperlich, und seine Bandmitglieder legten spektakuläre Trompeten- und Schlagzeugsoli obendrauf. Ich konnte zwar nicht mitsingen, wie so viele Fans im Saal, aber was nicht ist, das kann ja noch werden. Poetisch und zeitlos, gingen auch die (mir) weniger bekannten Songs ins Herz und in die Beine. Da war „Self Control“ am Ende nur das klitzekleine Sahnehäubchen auf der Torte.

Und was bleibt nun von den Achtzigerjahren? Das bleibt jedem, der sie erlebt hat, selbst überlassen. Die Musik der Achtziger, da sind wir uns wohl alle einig, hat ihre Zeit überdauert. Raf hat sie mit modernen Rhythmen weiterentwickelt, hat experimentiert, aber ist sich dabei immer treu geblieben. Seien es Titel aus den Achtzigern, den Neunzigern oder den letzten beiden Jahrzehnten seiner vierzigjährigen Karriere ‒ alle klingen so stark wie einst. Es sind Songs für die Ewigkeit, und wie es auch der letzte Titel des Abends „Infinito“ aus dem Jahr 2001 suggeriert: Jahrzehnte wie die Achtziger, gute und schlechte Zeiten, große Lieben und Abenteuer gehen irgendwann zu Ende, im Herzen und in unseren Gedanken aber leben sie weiter, wenn wir das wollen. Rafs Musik begleitet uns dabei.

Fünf seiner größten Hits bei einem TV-Auftritt im April 2024 im Programm „I migliori anni“:

Einen Konzertmitschnitt bei Radio Italia Live vom 31/01/25 gibt es hier zu sehen:

Dem Himmel so nah

Wann habt ihr das letzte Mal auf dem Boden gelegen und nichts als den Himmel über euch gehabt? Ich rede nicht vom sogenannten Sonnenbaden im Hochsommer, geblendet und schwitzend, mit getönter Brille oder geschlossenen Augen. Da ich kein Sonnenanbeter bin, passiert es mir ehrlich gesagt nie, dass ich auf der Erde liege und in den Himmel gucke. Ich ziehe diese Position zum Verweilen nicht freiwillig in Erwägung. Zumindest nicht mehr, seit ich erwachsen bin. Und ich war skeptisch, als Monica beim Aero-Gag in der Turnhalle ankündigte, das nächste Training würde draußen stattfinden. „Workout on the road“ nennt sie es, und ich fragte mich, wie man auf der Straße ordentlich turnen könne. Das wäre in jedem Fall unbequem, fremder Blicke wegen unangenehm und ganz sicher schmutzig. Zum Glück meinte sie mit Straße eine asphaltierte Fläche gleich nebenan, zwischen Turnhalle und Fußballplatz. Wir breiteten unsere Yogamatten aus, sie schmiss ihren Verstärker an und los gings ‒ zu den gleichen Italo-Pop-Rhythmen wie in der Halle. Bauch und Beine trainierten wir auf dem Rücken liegend, und es war mir entgegen meinen Befürchtungen herzlich egal, ob ich dabei die Figur eines Käfers abgab, der mit den Beinchen strampelt. Was scherten mich die am Rand der Fläche vorbeitrabenden Fuβballjungs. Mein Blick ging nach oben und was sich da bot, war Uno Spettacolo, wie der Italiener sagt. Gegen halb neun Uhr abends gab es nach einem sonnigen Tag keine Spur von Wolken am stahlblauen, klaren Himmel. Wie ein Zelt breitete er sich über mir aus, so unendlich weit und so beruhigend nah. Zwei oder drei Flugzeuge zogen hoch über uns ihre Bahn, von Mailand Malpensa kommend. Ich fragte mich, welches Ziel sie ansteuerten, aber mit den Insassen tauschen wollte ich nicht, selbst wenn es ein Urlaubsflieger gewesen wäre. Recht hatte Monica, als sie meinte, unser Training unter freiem Himmel fühle sich ein bisschen wie Urlaub im Villaggio Turistico an.

Diese Woche regnete es abends schon wieder, aber ich freue mich auf das nächste Workout unter freiem Himmel. Vielleicht probiert ihr es auch einmal, im Garten hinterm Haus? Es könnte eine himmlische Erfahrung werden!

Überraschung!

Wenn es an einem Samstagmorgen um 9.00 Uhr an der Tür klingelt, kann das nur der Onlineversandhandel sein. Nun würde ich diese Uhrzeit nicht als „vor dem Aufstehen“ bezeichnen, zu den Wochenendlangschläfern gehöre ich schon lange nicht mehr. Aber man trifft mich mitunter noch im Schlafanzug an, da ich an freien Tagen gern in aller Ruhe frühstücke, E-Mails und Nachrichten lese, vielleicht eure Blogkommentare beantworte. Duschen und Ankleiden haben Zeit, schließlich erwarte ich keinen Besuch und was wäre das für ein Wochenende, wenn der morgendliche Ablauf derselbe wie wochentags wäre. Als es am vergangenen Samstag um diese – sagen wir mal unchristliche ‒ Zeit klingelte, grummelte ich leise vor mich hin, ehe ich den Knopf der Wechselsprechanlage betätigte. Auf dem Bildschirm erschien eine Frau mittleren Alters. Sofort war mir klar, dass es kein Kurierdienst sein konnte. Automatisch lag mir die Reaktion „Vielen Dank, kein Interesse!“ auf der Zunge. So fertige ich gewöhnlich die Zeugen Jehovas ab. Ich weiß, das ist nicht nett, aber auch sie würden mit mir nur ihre Zeit verschwenden. Oder war es doch eine, die ein Haustürgeschäft mit mir abschließen wollte? Wie auch immer, es handelte sich um eine Störung, und so klang mein „Pronto!“ entsprechend unfreundlich. Was bilden sich diese Vertreter oder Heilsbringer ein, die von Haustür zu Haustür ziehen? Wissen sie denn nicht, dass die Leute schon genug um die Ohren und im Kopf haben, um das sie sich kümmern müssen?

Ich verdanke meine Unfähigkeit, samstags und sonntags entspannt auszuschlafen, dem Gedankenkarussell in meinem Kopf. Oder dem Mental Load, wie es neudeutsch heißt. Vor allem Mütter leiden bekanntlich darunter, dass sie stets an alles denken müssen, was Kinder und Familie betrifft. Unsere Kinder sind aus dem Gröbsten raus, das heißt aber noch lange nicht, dass sie ihre Angelegenheiten locker selbst im Griff haben. Mama bleibt ihr wandelnder Terminkalender, der erinnert, vorbereitet, mitdenkt. Da sind außerschulische Extrastunden für Projekte und Prüfungsvorbereitung, Zahn- und andere Arzttermine, Fahrschule bei der Großen, Abschlussaufführungen der Tanz- und Musikschule mit Generalproben bei der Kleinen. Am meisten belasten mich Dinge, die noch zu organisieren sind. So muss ich mich darum kümmern, dass die Kleine auch nach ihrem 14. Geburtstag weiter bei der Kinderärztin bleiben darf und nicht zum Hausarzt wechseln muss. Und da steht die Frage im Raum, wann unsere Große ‒ im Februar volljährig geworden ‒ ihre Tessera elettorale, den Wahlausweis erhalten würde. Sie selbst hatte mich auf das Problem gebracht, weil sie in der Schule über das im Juni anstehende Referendum gesprochen hatten. „Was soll ich da bloß ankreuzen, vom Arbeitsrecht verstehe ich nichts“, hatte sie mich um Hilfe gebeten. Eine kurze Übersicht und den Tipp, was man ankreuzen sollte, hatte ich schnell gefunden. Aber nicht die Antwort darauf, wie sie zu ihrem Wahlausweis käme. Sicher müsste sie ihn beantragen oder zumindest abholen. Im Meldeamt? Ich hatte versucht, wenigstens diesen Teil Mental Load auf den Papa abzuwälzen und ihn darum gebeten, vormittags aus dem Homeoffice anzurufen. Sagt jetzt nicht, die volljährige Tochter solle sich selbst kümmern. Ihr habt Recht! Aber wenn ein Amt nur während der Unterrichtszeit telefonische Sprechstunde hat, sehe ich da wenig Spielraum. Leider bekam mein Mann nichts heraus beziehungsweise niemanden an die Strippe (sicher hat er es nur einmal versucht), und so blieb die heiße Kartoffel am Ende in meinen Händen. Er schlug vor, unsere Tochter solle sich an einem Donnerstag zur nachmittäglichen Sprechstunde beim Meldeamt anstellen. Na prima! Wenn diese Aktion umsonst wäre, müsste ich (!) mir das Lamento anhören. Also war meine Idee, eine E-Mail an die Behörde zu schicken. Ich schreibe ja lieber, als dass ich telefoniere oder mich irgendwo auf gut Glück anstelle.

An diesem Samstagmorgen aber hatte ich diese und alle weiteren Bedenken wie so oft erfolgreich auf die lange Bank geschoben. „Pronto!“, rief ich noch einmal ungeduldig in die Wechselsprechanlage. Wahrscheinlich war das wieder so eine, die überall klingelt und dann nicht reagiert. Aber nein. Die Dame blickte freundlich in Richtung Kamera und stellte sich vor. „Guten Tag, ich komme vom Rathaus und bringe den Wahlausweis für …“ Für unsere Tochter! Nein! Doch! Und jetzt? Ich entschuldigte mich und bat um einen Moment Geduld. Flugs zog ich eine Jeans über die kurze Pyjamahose und eine Jacke übers Oberteil, kontrollierte im Spiegel, ob nicht noch Milchschaum den Mund oder Marmelade das Kinn zierte, und flitzte die Treppen hinunter zum Gartentor. Eine Unterschrift, und die Sache war erledigt. Aber nicht ohne ein paar nette Worte meinerseits. Ihr seht: Wenn man es am wenigsten erwartet, lösen sich Probleme von ganz allein. Da darf man auch mal dankbar sein. Leider gibt es solche Überraschungen viel zu selten.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Hoffnung auf Erlösung

Es ist verlockend, eine Serie oder einen Film zu schauen, statt erst das Buch zu lesen. Tut es bitte nicht! Einmal mehr habe ich im Falle von Daniele Mencarellis „Tutto chiede salvezza“* (sinngemäß: Alles verlangt nach Erlösung) erlebt, wieviel poetischer ein guter Text ist, welche Emotionen und Bilder er generiert, während sie einem auf dem Bildschirm schon fertig serviert werden. Im Krankenhaus, in einem Sechsbettzimmer, verbringt der Protagonist ‒ bei diesem autobiografischen Roman ist es der 20-jährige Daniele ‒ eine Woche mit fünf anderen Männern auf der psychiatrischen Station eines Krankenhauses. Er wurde nach einem Kontrollverlust, bei dem er die Wohnung zerschlug und sein Vater einen Herzanfall erlitt, zwangsweise eingewiesen (stationäre medizinische Behandlung unabhängig vom eigenen Willen, genannt TSO trattamento sanitario obbligatorio). Wir begleiten ihn beim Aufwachen am Morgen nach der Einlieferung und seiner instinktiven Abwehrreaktion und dann dabei, wie er sich Schritt für Schritt in die Situation fügt, sich den Gegebenheiten und seinen Mitbewohnern stellt.

Diese sieben Tage, unfreiwillig ausgeschlossen vom Alltag, prägten den Autor in seiner Jugend so nachhaltig, dass er viele Jahre später beschloss, sie in einem Roman zu verarbeiten. Er schildert darin seine Erfahrung mit den „Verrückten“, die Freundschaft näherkam als alles, was er bis dahin kannte, und obwohl das Buch nicht optimistisch endet und auch der Protagonist für das Leben jenseits der Krankenhausmauern noch keine schlüssige Perspektive hat, schenkt es dem Leser ein gutes Gefühl. Der Text, von der Kritik zurecht als poetisch bezeichnet, hat mich bewegt, erschüttert und stellenweise auch zum Lächeln gebracht. Eine Gradwanderung, die trotz der Tragik der einzelnen Geschichten und der bedauernswerten Situation, in der sich die Patienten befinden, überraschend gut gelingt. Es sind sieben Tage und eine Geschichte, so tiefgründig wie das Leben, aus der Perspektive derer erzählt, deren Stimme gemeinhin überhört wird und die uns „Gesunden“ gerade im Hinblick auf Empathie viel beibringen können. Besser als den behandelnden Ärzten und Pflegern gelingt es den so unterschiedlichen Zimmergenossen, einander zuzuhören und sich beizustehen, sei es nur mit einem Blick, einer Geste. Sie wissen von der Traurigkeit und der Wut, die in ihnen steckt und der Hoffnung auf Erlösung. Von der Sehnsucht nach dem einfachen Glück, das in der Normalität zuhause ist.

„Forse, questi uomini con cui sto condividendo la stanza e una settimana della mia vita, nella loro apparenza dimessa, le povere cose di cui dispongono, forse loro, malgrado tutte le differenze visibili e invisibili, sono la cosa più somigliante alla mia vera natura che mi sia mai capitato d’incontrare.“

Vielleicht sind diese Männer, mit denen ich ein Zimmer und eine Woche meines Lebens teile ‒ in ihrem einfachen Wesen, mit den armseligen Dingen, die ihnen gehören ‒ vielleicht sind gerade sie, allen sichtbaren und unsichtbaren Unterschieden zum Trotz, das, was meiner wahren Natur am nächsten kommt, das, was ihr je am ähnlichsten war.

Daniele Mencarelli

Zitiert aus: Tutto chiede salvezza*, Mondadori, 1. Auflage Februar 2020, Seite 108. Eigene Übersetzung.

Ich schaue nun auch die gleichnamige Netflix-Serie gern weiter, nachdem eine Freundin sehr positiv davon sprach. Die Bilder, die ich mir gemacht habe und die Gefühle, die der Text in mir geweckt hat, trage ich bereits in mir. Nun kann ich die schauspielerische Leistung würdigen, auch wenn sie nur eine Interpretation des großen Gefühlsspektrums sein kann, den der Text einem bietet.

*In deutscher Ausgabe mit dem Titel „Für die Kämpfer, für die Verrückten“ bei S. Fischer erschienen. Werbung, unverlangt und unbezahlt.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Baustelle

Wenn man kann, macht man einen großen Bogen um sie: Baustellen. Hier muss ich jeden Tag und – fast noch schlimmer – jede Nacht durch. Barfuß. Und ohne Schutzhelm. Achtung, es wird (um)gebaut! Wie gerne würde ich sagen:  Ich bin dann mal weg. Bis nach der Menopause!

PS: Auf den Neubau freue ich mich. Ich hoffe, es geht schnell damit.

Streit wegen Stalin

„Se avessimo detto al cameriere che i nostri diverbi di una volta erano dovuti a Stalin, ci avrebbe preso per matti. „E avrebbe avuto ragione lui“, dissi a mio padre. Riuscii a farlo sorridere. Era un sorriso che non gli conoscevo. Aveva un che di triste e amaro.“

Wenn wir dem Kellner gesagt hätten, dass es bei unseren früheren Streitigkeiten um Stalin ging, hätte er uns für bescheuert gehalten. „Und er hätte Recht gehabt“, sagte ich zu meinem Vater. Es gelang mir, ihn zum Lächeln zu bringen. Es war ein Lächeln, das ich nicht von ihm kannte. Es hatte etwas Trauriges und Bitteres an sich.

Franca Magnani

Una famiglia italiana“*, Feltrinelli, 1. Auflage April 1991, Seite 231. Deutsch: eigene Übersetzung.

Geschichte ist langweilig? Nicht, wenn man persönliche Erlebnisse in den historischen Kontext einbindet und ein wunderbares Buch dazu schreibt, das mehr als vierzig Jahre nach Erscheinen sogar meine Tochter begeistert hat. Die Aufmerksamkeit der jungen Generation weg von Instagram und TikTok auf die Lektüre eines Buches zu lenken, ist bereits eine Herausforderung. Erst recht, wenn dieses die Zeit des italienischen Faschismus, des Krieges und der Nachkriegszeit aus der Sicht eines Mädchens und später jungen Frau behandelt, deren Familie in Frankreich und Zürich im Exil gelebt hat. Eine heute Dreizehnjährige für ein Buch zu interessieren, in dem seitenlang italienische Antifaschisten und Politiker der Nachkriegszeit namentlich Revue passieren, weil sie sich im Hause Schiavetti ‒ Magnanis Vater Fernando Schiavetti war Politiker und Journalist ‒ die Klinke in die Hand geben, muss eine übermenschliche Aufgabe erscheinen. Dass es mir trotzdem geglückt ist, macht mich froh und ich möchte meine Freude gerne teilen. Vielleicht finden sich sogar interessierte Leser*innen für das Buch, das im Original unter dem Titel „Eine italienische Familie“ erschienen ist.

Zunächst einmal möchte ich meiner Bloggerkollegin Anja danken, die mich überhaupt erst auf die Autorin gebracht hat. Da ich selbst in der DDR aufgewachsen bin und wir uns an das strenge Westfernsehverbot hielten, kannte ich Franca Magnani, die bekannte und beliebte Auslandskorrespondentin für die ARD in Rom, gar nicht. Durch ein Zitat* auf Anjas Blog war mein Interesse geweckt und als ich sah, dass Magnani auch Bücher geschrieben hat, besorgte ich mir „Una famiglia italiana“ in der Bibliothek. 27.000 Lire hat die im April 1991 veröffentlichte Ausgabe gekostet, da bin ich froh, dass sie noch gut erhalten auszuleihen war.

Solange es her ist, dass dieses Buch geschrieben wurde, so interessant und unterhaltsam ist die Lektüre noch heute. Wie fühlte es sich an, in den 30er-Jahren im Exil aufzuwachsen, als Italienerin immer mit dem Heimatland und den dortigen politischen Verhältnissen in Verbindung gebracht zu werden, sich nie ganz als Schweizerin zu fühlen aber auch keine Italienerin Mussolinis zu sein? Humorvoll bringt Magnani in ihren Erinnerungen dieses Gefühl nahe und spart nicht an Seitenhieben und Lob für beide Seiten, Gastgeber und Gäste. Interessant wird es aber auch, als die mittlerweile junge Frau das Nachkriegsitalien im Spannungsfeld der konkurrierenden Gesellschaftsentwürfe vor dem Hintergrund des Kalten Krieges erlebt. Immer ist die Dramatik der Entscheidungen und deren Tragweite spürbar. Bei den ersten Parlamentswahlen der Republik im April 1948 ging es um nicht weniger als die Frage: „Vor oder hinter dem Eisernen Vorhang“ (Democrazia Cristiana, Christdemokraten) beziehungsweise „Für den Frieden oder für den Krieg“ (Fronte Democratico Popolare, Bündnis von Kommunistischer und Sozialistischer Partei Italiens). Noch drastischer und auf seine Weise stellte Papst Pius XII. den Wählern in seiner Osteransprache 1948 die Gewissensfrage: „Mit Gott, oder ohne Gott“**. Die Gräben waren tief und sogar, wenn man auf derselben Seite stand, die antifaschistische Gesinnung gemeinsame Geschichte war, konnten Meinungsverschiedenheiten zum unüberwindlichen Streitpunkt werden. Dann wechselten Freunde plötzlich die Straßenseite oder grüßten nur knapp, und die politische Auseinandersetzung machte auch vor der eigenen Familie keinen Halt. Magnanis Eltern setzten keinen Fuß in die Wohnung ihrer Tochter, nachdem ihr zweiter Ehemann Valdo Magnani es bereits 1951 ‒ fünf Jahre vor der offiziellen Kehrtwende Chruschtschows ‒ gewagt hatte, Stalin zu kritisieren und für den italienischen Sozialismus einen anderen, unabhängigen Weg forderte. Man versteht Geschichte gleich viel besser, kann sie förmlich spüren, wenn es ans familiäre Eingemachte geht. In den Jahren des Exils verbrachten Franca und ihre Schwester die Sommerferien manchmal bei den Großeltern am Mittelmeer, obwohl die zu ihren Eltern aus politischen Gründen keinen Kontakt mehr pflegten. Der Großvater war überzeugter Funktionär in Mussolinis Machtapparat.

Daneben ist das Buch aber auch geprägt durch wunderbare kleine Episoden aus dem Familienalltag. Eine davon habe ich bereits in meinem Beitrag zum Thema Lesen und wo man es am besten (heimlich) tut, zitiert. Ob Magnani das morgendliche Ritual des Weckens, die Omnipräsenz von Wörterbüchern und das Beharren des Vaters auf korrekte Sprache beschreibt oder das stille Leiden der Mutter, für die sowohl der graue Himmel als auch der harte Züricher Dialekt im Vergleich zum süßen Klang des Umbrischen eine Beleidigung waren ‒ sie verstand es, ihre kindlichen Erfahrungen und das Leben im Exil anrührend und humorvoll zu erzählen. Ich könnte hier seitenlang zitieren, so viele Stellen habe ich gedanklich markiert. Doch ich mache es mir einfacher: Lest das Buch selbst!

PS: Falls Ihr Franca Magnani auch nicht kennen solltet, hier ein Mitschnitt aus der Sendung „alfredissimo! Kochen mit Bio“. Eine sehr sympathische Frau! Ihre Gnocchi muss ich unbedingt einmal nachkochen.

*„Je mehr Bürger mit Zivilcourage ein Land hat, desto weniger Helden wird es einmal brauchen.“ Franca Magnani.

**Quelle: Una famiglia italiana, Feltrinelli, 1. Auflage April 1991, Seite 203 f.

„Una famiglia italiana“ ist die italienische Ausgabe, mit Änderungen und Ergänzungen, des 1990 bei Kiepenheuer & Witsch Köln erschienenen deutschen Originaltitels „Eine italienische Familie“. Werbung, unverlangt und unbezahlt.

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Ein Porsch!

Es gibt Werbung, die hat das Zeug zum geflügelten Wort. So eine läuft gerade regelmäßig in meinem Lieblingsradio. Zwischen Empfehlungen für extraschnelles Internet, Langsamkeitskurse in der Toskana, Kräutertropfen gegen Disturbi Intestinali (Verdauungsbeschwerden) sowie für eine Ladenkette, die Streicheleinheiten für mich und meinen Haushalt bietet, geht es um den ganz großen Traum: den vom großen Auto. Ein Mann und eine Frau wechseln sich bei den Einspielungen ab, jeder listet auf, was er im Leben schon erreicht oder absolviert hat: den doppelten Hochschulabschluss, einen Triathlon, den Jobwechsel, den Wohnungskauf, die Familiengründung, den Umzug in eine andere Stadt. Gefragt, was ihnen noch fehlt (zum Glück ‒ vielleicht werden Glück und Erfolg in dieser Werbung einfach gleichgesetzt), überlegt Mann/Frau nicht lange und sagt: Beh, la Porsch. So sprechen Italiener die deutsche Automarke aus, ohne das „e“ am Ende. Was ich bisher für einen umgangssprachlichen Lapsus hielt (die Italiener sagen auch U-Due, wenn sie Bonos Rockband meinen), wird mir jetzt tagtäglich im Autoradio meines Kleinwagens um die Ohren gehauen. Was ich brauche, ist also ein Porsch(e). Die anderen angeblichen Must-haves kann ich nachweisen. Ach nein: Erstmal muss ich den zweiten Hochschulabschluss und den Triathlon absolvieren. Solange mir diese beiden Pokale noch fehlen, kann das Protzauto warten. So unsympathisch mir Groβkotzwerbung in diesem Stil ist – Ironie hin oder her – muss ich zugeben, dass ich in Gedanken schon selbst antworte, wenn mich demnächst einer fragt: Cosa manca? (Was fehlt?) Beh, la Porsch! Ich überlege nur noch, ob ich das „e“ einfach doch hinten dran setze.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Lesen! Aber wie und wo?

„Non mi fu mai negato un libro. Mia sorella ed io leggevamo ovunque, come tutti i ragazzi e gli adolescenti della nostra età: a letto sotto le coperte con la lampadina tascabile, nel bagno, nei giardinetti dicendo poi che la lezione era durata più a lungo, sempre e ovunque ve ne fosse l’occasione, si leggeva.“

Mir wurde nie ein Buch verwehrt. Meine Schwester und ich lasen überall, wie alle Kinder und Jugendlichen in unserem Alter: im Bett unter der Bettdecke mit der Taschenlampe, im Bad, auf dem Spielplatz, mit der Behauptung, der Unterricht hätte länger gedauert – immer und überall, wo sich die Gelegenheit bot, wurde gelesen.

Franca Magnani

Una famiglia italiana“*, Feltrinelli, 1. Auflage April 1991, Seite 149. Deutsch: eigene Übersetzung.

Wär hätte das gedacht: Mit den Kindern ist es immer dasselbe, vor neunzig Jahren nicht anders als in der Gegenwart. Nur dass es heute zumeist das Smartphone ist und da weniger gelesen, als geschaut und gescrollt wird. Unsere Jüngste ist neben dem Smartphone auch Büchern nicht abgeneigt, obwohl ihr manchmal die Aufmerksamkeitsspanne einen Knick in die Seiten macht. Aber der Wille zum Lesen, sogar zum Lautlesen und Vorlesen, ist ausgeprägt. Das mache ich mir jetzt zu Nutze. Dazu muss ich erklären: Ich lese ausgesprochen gerne, tue mich aber schwer damit, den richtigen Ort und die passende Position zu finden. Im Liegen lese ich nicht mehr. Ich muss sitzen oder stehen. Eine Zeitlang praktizierte ich es im Gehen. In der Mittagspause erledigte ich sogar drei Dinge auf einmal: Ich lief eine Runde durch den Ort, in der linken Hand das Buch und in der rechten ein belegtes Brot. Seit ich halbtags arbeite, hat sich das mit der Mittagspause und dem Lesespaziergang erledigt. Jetzt lese ich hauptsächlich in den Wartezeiten, die mein Nebenberuf Mamataxifahrerin mit sich bringt.  Während das Kind musiziert oder tanzt, sitze ich im Auto, auf der Parkbank oder in einem netten Café und lese. Im Gehen zu lesen habe ich mir abgewöhnt. Wie sollte ich sonst schimpfen auf die Kinder, die dabei aufs Smartphone gucken? Das wäre dasselbe, aus der Gefahrenperspektive betrachtet.

Es gibt Hörbücher, höre ich da jemanden rufen. Na klar! Leider brachte mir ein entsprechender Versuch Unglück. Ich hatte einmal drei oder vier Hörbücher auf CD von einer Kollegin bekommen und angefangen, sie im Auto auf dem Weg zur Arbeit zu hören. Dazu musste ich auf mein heiß geliebtes Morgenradio und meine Musica Italiana verzichten. Aber egal. Dann fuhr der Autokarosserieschlosser meines Vertrauens mein Auto kaputt, als er es dem Automechaniker seines Vertrauens wegen eines ungeklärten Geräusches vorstellen wollte. Da hatte er es eilig, es war wohl in der Mittagspause, und mit Kohldampf fuhr er zu schnell, als dass er einer Frau, die mit ihrem Wagen an einem Stoppschild zu früh losgefahren war, vielleicht ja auch, weil sie ihn noch nicht gesehen hatte, denn er fuhr ja zu schnell, noch hätte ausweichen können, und als er das instinktiv doch noch tat, stand die Kirche im Weg. Es ist sehr eng an dieser Kreuzung, weshalb man wohl langsam fahren und am Stoppschild wirklich halten soll. Zum Glück hat der wilde Fahrer sich damals nicht verletzt, aber mein Auto, das ohnehin schon ein paar Jahre auf dem Buckel hatte, war hinüber. Mein neues Auto hat nun keinen CD-Player mehr. Und so endete mein kurzer Ausflug ins Reich der Hörbücher.

Doch zurück zu mir nach Hause, zurück in die Gegenwart: Wenn ich in meiner Freizeit nicht meiner Lieblingsbeschäftigung nachgehe und schreibe, muss ich entscheiden, ob ich handarbeite oder lese. Beides zusammen geht leider nicht. Da ich beim Stricken oder Häkeln gleichzeitig fernsehen kann, ist diese Kombination mein Favorit. Das Buch bleibt derweil liegen. Leider. Bis ich auf den Deal mit meiner Tochter kam. Eigentlich kam sie darauf, oder wir beide. Sie langweilte sich und wollte mir vorlesen. Wenn sie das aus ihren Büchern tut, bin ich es, die sich langweilt. Fantasy, Romance oder was auch immer ‒ meins ist das nicht. Aber nun lag da das schöne Buch von Franca Magnani auf meinem Tisch, geschichtlich interessant und sympathisch geschrieben. Die spätere Journalistin berichtet aus ihrer Kindheit mit der Familie im Schweizer Exil in den dreißiger Jahren und erzählt aus einer Perspektive, die auch italienischen Kindern von heute Geschichte und politische Themen von damals nahebringt. Da unsere Tochter in der Schule gerade die Zeit des Faschismus behandelt, erzählte ich ihr hin und wieder von dem, was ich gerade las. Und so kam eins und eins zusammen und meine Tochter auf die Idee, mir einfach aus meinem Buch vorzulesen. Das ließ ich mir nicht zweimal sagen! Sie liest, ich stricke, und über das Gelesene unterhalten können wir uns auch dabei. Eine dreifache Win-win-Situation. Obendrein übt mein Kind deutsch, denn einige Begriffe in Form von Züricher Straßennamen, Einrichtungen und kulturellen Traditionen kommen auch darin vor. Das Buch habe ich in der Bibliothek derweil verlängert, zu einem guten Zweck. Ich lasse es mir weiter vorlesen und werde zu gegebener Zeit noch darüber schreiben. Es ist ein wunderbar erzählter, lohnenswerter Stoff.

An dieser Stelle noch die Fortsetzung des oben angeschnittenen Zitats, weil es so gut zum Thema passt:

„I due rubinetti dell’acqua ‒ quella fredda e quella calda ‒ erano inseriti nel muro, sopra l’acquaio di cucina, in modo tale di lasciare uno spazio fra muro e rubinetti nel quale si poteva incastrare – aperto – un libro di medio spessore. … Il sistema resse finché non fummo scoperte in flagrante. Lavare i piatti in quel modo era una broccionata, urlò nostro padre. Riprendemmo a lavare i piatti con il sistema ortodosso.” (Zwei Wasserhähne ‒ der kalte und der heiße ‒ waren so in die Wand über dem Spülbecken eingelassen, dass da zwischen der Wand und den Wasserhähnen ein Zwischenraum war, in den man ein mittelstarkes Buch geöffnet einklemmen konnte. … Das System funktionierte, bis wir auf frischer Tat ertappt wurden. Das Geschirrspülen auf diese Weise war eine Broccionata, rief unser Vater, eine Schlamperei. Nun wurde also wieder nach der herkömmlichen Methode abgewaschen.) S. 149

*Werbung, wie immer unbezahlt. „Una famiglia italiana“ ist die italienische Ausgabe, mit Änderungen und Ergänzungen, des 1990 bei Kiepenheuer & Witsch Köln erschienenen deutschen Originaltitels „Eine italienische Familie“.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Der Gutschein

Oder: Schnäppchen verzweifelt gesucht

Anfang Februar war ich im nahegelegenen Einkaufscenter mit meinem Geburtstagsrabatt Klamotten shoppen. Seitdem trug ich den Gutschein einer italienischen Modekette mit mir herum. Alle paar Tage erhielt ich eine E-Mail, die mich daran erinnerte, diesen bis zum 19. März einzulösen. Sogar am Tag selbst hieß es: Nur noch heute gültig! Da der Gutschein satte 40 Euro auf einen Einkauf von 80 Euro versprach, fasste ich mir ein Herz und zog los, um ihn einzulösen. Aus der neuen Frühjahrskollektion würde es doch eine Hose, einen Rock, eine Jacke oder ein Oberteil geben, irgendetwas, das mir gefiel und das ich zum Aufpeppen meiner vorhandenen Garderobe gebrauchen könnte. Als ich den kleinen Laden betrat, standen drei junge Verkäuferinnen gelangweilt herum. Sie schienen nur auf mich gewartet zu haben. „Möchtest du erstmal schauen, oder kann ich helfen?“, kam eine direkt auf mich zu. „Ich schaue erstmal“, lehnte ich dankend ab. Und das tat ich dann auch. Ich lief alle Ständer ab, beäugte die Schnitte, befühlte das Material, kontrollierte die Preise, ging in Gedanken meinen Kleiderschrank durch. Ich sah, dass alle Teile zur neuen Kollektion gehörten. Deshalb also der Gutschein. Wer kauft denn noch zum vollen Preis, wo sich das ganze Jahr über Schlussverkäufe aneinanderreihen wie die Perlen auf Omas Kette. Sei es drum, ich war entschlossen.

Ich probierte eine dunkelblaue elegante Stoffhose. In Größe 38 war sie in der Taille und um den Hintern herum zu weit, in der 36 kniff sie am Bauch. Ich fand eine Jeans, die saß, aber ich sah ein, dass ich eine verdammt ähnliche bereits besitze. Oder sogar zwei. Ich probierte eine Bluse, in meiner Lieblingsfarbe und mit 89 Euro perfekt für den Gutschein. Sie passte wunderbar. Aber ich sah lächerlich darin aus, denn sie hatte Spitzeneinsätze und Puffärmel und eine Kordel um den Hals. Als ich sie zurückhing, fragte eine der Verkäuferinnen ahnungsvoll: „Du hast einen Gutschein, stimmts?“ Ich nickte und fühlte mich beschämt. Wirkte ich so verzweifelt? Hatte ich das nötig? Nein, aber ich war immer noch entschlossen und vor allem gewillt, mir meine Shopping Experience nicht verderben zu lassen, sondern in Ruhe zu probieren. Ich schnappte mir einen Mantel. Er stand mir gut und ich wollte ihn schon kaufen, als ich den Hinweis am Preisschild las: Bitte vorsichtig behandeln, das Material kann dazu neigen, Fäden zu ziehen. Argh! Genau das hatte ich schon einmal erlebt, und es war ein Teil aus diesem Geschäft gewesen. Einer meiner liebsten Ringe hat leider die Eigenschaft, sich in empfindlichen Stoffen zu verfangen.

Gefühlt war ich nun schon eine Stunde lang im Geschäft und alle Reihen dreimal abgelaufen. Ich ging zurück zu dem langärmeligen Pulli mit Lochmuster, gestreift und ein wenig Glitzer hier und da. Den hatte ich vorhin bereits befühlt und für wert befunden, in die engere Auswahl zu kommen. Ich probierte ihn und siehe da: Er passte und gefiel mir. Der Preis war das Problem: nur 69 Euro. Ich hing ihn also provisorisch quer über einen Ständer, während ich nach einem Gürtel für den fehlenden Betrag suchte, aber keinen fand, der mir gefiel. Als ich mich für einen kurzen Moment umdrehte, trug die emsige Verkäuferin den Lochmusterpulli schon wieder an seinen Platz. Gut, dann eben nicht. So einen kann und will ich mir nämlich selber häkeln. Das mit dem Gutschein lasse ich diesmal gut sein.

PS: Zwei Tage später bekam ich eine E-Mail: Ihr Gutschein ist immer noch gültig! Jetzt bis Ende März. Das sieht mir ganz nach Verzweiflung aus. Bei denen, nicht bei mir. Den Gutschein hatte ich grinsend und in Vorfreude auf meine nächste Häkelarbeit draußen vorm Einkaufscenter im Papierkorb entsorgt.