Vier Generationen und ein Einkaufswagen

Anders als bei einem Stadtbummel bin ich im Supermarkt nicht auf Begegnungen aus. Angestrengt auf meinen Zettel schauend, die Regale absuchend und zwischendurch auf die Uhr schielend, haste ich durch die Reihen. Ich hoffe, keinen entfernten Bekannten zu treffen, mit dem ich stehenbleiben und Smalltalk machen muss, obwohl ich mich nicht einmal an seinen oder ihren Namen erinnere. Ohne Zweifel bin ich eine unsympathische Einkaufende, nicht nur im Angesicht von Supermann. Sobald ich mich an die Kasse stelle, greife ich zum Smartphone und checke meine Chats, mit der inneren Ausrede, es könnte noch eine daheim Gebliebene einen dringenden Wunsch haben und dann beleidigt sein, wenn ich ihn nicht erfülle.

Heute, ich weiß nicht, was anders ist, huscht mir plötzlich ein Lächeln übers supermarktgeplagte Gesicht. Als ich um die letzte Ecke biege, da, wo Nüsse und Kartoffelchips Wand an Wand mit Spumante und Prosecco um Kundschaft buhlen, stolpere ich beinah über einen Buggy, der mir entgegenkommt und wie ich am Snack-Regal die Kurve sehr knapp umfährt. Also nicht der Buggy, sondern die Person, die ihn schiebt. In diesem Moment achte ich nicht auf sie, denn mein Blick hängt an dem niedlichen kleinen Persönchen, das durch die Gegend geschoben wird. Ein etwa neun Monate altes Kind strahlt mich an und ich kann nicht anders, als zurückzustrahlen.

Mit Kleinkindern bin ich kommunikativ aufgeschlossener. Ich mag es, sie anzustaunen, zu zwinkern, mit Blicken zu spielen. Ihre Reaktionen sind ungezwungen, ehrlich und immer positiv. Vielleicht will mein Unterbewusstsein sich damit rühmen, dass noch kein Kind geweint hat, weil diese komische Frau es angestarrt hat. Bei etwas älteren Kindern, die schon klar und deutlich sprechen können, bin ich nicht mehr so mutig. Das mag auch an der alten Geschichte aus meiner eigenen Kindheit liegen, die mir meine Eltern noch als Erwachsene immer wieder gern aufs Brot schmierten. Ich hätte meine Mutter im Supermarkt, der damals noch Kaufhalle hieß, an der Kasse stehend lauthals aufgefordert: „Gucke mal, eine Hexe!“ Meine Mutter, hochrot vor Scham, hätte mich leise, aber bestimmt zurechtgewiesen: „Was sagst du denn da, es ist nur eine Frau mit roten Haaren.“ Ich soll darauf geantwortet haben, wieder gut hörbar für die Betroffene: „Findet die denn rote Hexenhaare schön?“ Ja, rote Haare waren damals bei uns eine Ausnahme, und wer sie sich so auffällig färbte, musste in den Augen von Kindern einen an der Waffel gehabt haben. Es hieß schließlich: „Rote Haare, Sommersprossen, sind des Teufels Zeitgenossen.“ Nun trage ich derzeit keine feuerroten Hexenhaare, sondern ein edles Burgunderrot auf dem Haupt. Ob Kinder das auch so sehen?

Als ich später an der Kasse stehe und nachdem ich ein letztes Mal kontrolliert habe, dass keine Extra-Wünsche eingetrudelt sind, schaue ich mich um. Ein junges Mädchen beziehungsweise eine junge Frau, im Italienischen würde es Ragazza heißen, schiebt einen übervollen Einkaufswagen und unterhält sich dabei mit einer Frau, vielleicht ihre Mutter. Ja, ganz sicher ihre Mutter. Sie sehen sich unverkennbar ähnlich. Die gleiche Frisur, die gleiche Haarfarbe. Rotbraun. Plötzlich taucht der Buggy wieder auf, er wird hinter die beiden geschoben. Am Lenker eine ältere Frau, vermutlich die Großmutter des Kindes. Dann erkenne ich, dass alle drei Frauen und das Kind zusammengehören. Moment mal: Sollte das junge Mädchen, die junge Frau, etwa die Mutter des Kleinen sein? Ich schaue nochmal näher hin. Anfang, Mitte zwanzig könnte sie sein. Auch ihre Mutter und die ältere Dame, die das Kind bugsiert, sehen sich ähnlich. Wieder der fast gleiche Haarschnitt, nur dass die ältere der beiden in den Farbtopf gegriffen und ihren Schopf rotblond gefärbt hat. Nicht der feschen Frisur wegen, sondern ganz objektiv betrachtet, schätze ich sie auf höchstens siebzig. Vier Generationen und ein Einkaufswagen, so etwas sieht man nicht aller Tage. Ich ertappe mich dabei, wie ich nachrechne: Die Urgroßmutter könnte Anfang siebzig sein, ihre Tochter, also die Großmutter, fünfzig, deren Tochter, die Mutter des Kleinkindes, vielleicht fünfundzwanzig. Warum finde ich diese Konstellation so erstaunlich? Nur, weil ich selbst in Italien neben meinem Mann und unseren zwei Töchtern keine Familie habe? Oder weil ich als Mutter zweier Teenager bereits die älteste noch lebende Generation bin, die Urgroßmutter meiner Töchter heute 125 Jahre alt wäre und wenn sie noch lebte, garantiert nicht mit in den Supermarkt käme? Nein, was mich beindruckt, ist, dass die vier gemeinsam den Lebensmitteleinkauf bestreiten. Wohnte ich mit allen unter einem gemeinsamen Dach, würde ich allein zum Supermarkt gehen, meine Mutter mit dem Kind auf den Spielplatz schicken und die Omama dürfte sich erholen, es sei denn, sie hätte Lust, einen Kuchen zu backen. „Ottimizzare i tempi“, nenne ich diese Einsatzplanerei dann. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal mit meinem Mann gemeinsam einkaufen war. Zeitverschwendung wäre das!  

Das Viererteam im Supermarkt zeigt mir, dass es anders geht. Während ich angesichts der Menge meiner Einkäufe auf dem Band schon vor dem Einpacken und Zahlen in Hektik gerate, stapeln Mutter und Großmutter ihre hundert Sachen in Seelenruhe gemeinsam in die mitgebrachten Kisten. Urgroßmutter nimmt derweil lässig das Baby aus dem Buggy, hält es mit geübtem Arm vor dem Bauch, so dass es den anderen beim Einpacken zusehen kann. Ich mustere es neugierig: Hat er oder sie auch rötliche Haare? Das bleibt ein Geheimnis, denn die stecken unter einer weißen Mütze mit Hasenöhrchen. Das Kleine sieht so zuckersüß damit aus, dass ich wieder lächeln muss, und dieses Lächeln bleibt mir noch ins Gesicht gemeißelt, als ich längst mit meinen sieben Einkaufsbeuteln bepackt und behangen allein zum Auto trabe.    

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Wir sind wer

Der Italiener und seine Heimatliebe

Sein Stückchen Heimat liebt der Italiener über alles. Er ist stolz auf seine Herkunft. Und wenn es nur die Stadt ist, wo es am meisten regnet. Varese und die Provinz behaupten, das „Pisciatoio d’Italia“, das Pissoir Italiens zu sein. Wenn man schon meckert, dann mit Selbstbewusstsein. Auch wenn andere Städte, wie Lecco am Comer See, diesen Titel streitig machen wollen. Das Wetter zum Osterfest 2024 zeigte sich in der Provinz Varese jedenfalls von der nassesten Seite. Es bescherte andauernde Regenfälle, Gewitter, aber auch eine „bomba d’acqua“, der bescheidene Begriff für Starkregen. Italiens führendes Wörterbuch Treccani erklärt die Wasserbombe so: „Journalistischer Sprachgebrauch für Wolkenbruch“. Sogar eine „tromba d’aria“ hat das Gebiet des Varesotto heimgesucht, was mit dem nicht weniger spektakulären Wort „Tornado“ zu übersetzen ist. Zum Glück gab es außer umgestürzten Bäumen und einer Menge Wasser, wo es nicht hingehört, keine großen Schäden zu beklagen. Die Feuerwehr hatte jedenfalls einiges um die Ohren zum Osterfest.

Unser geliebter Vareser See war bereits vorher übergelaufen. Das Foto im Titel habe ich an einem sonnigen Tag Mitte März aufgenommen. Zum Vergleich: Im Frühsommer 2021 sah dasselbe Ufer so aus.

Chronologie eines Filmabends

Ein französischer Film in italienischer Adaption, in dem eine Deutsche streckenweise Englisch spricht, und der zweieinhalb Stunden lang nur eine Frage behandelt: Hat sie es getan, oder nicht? Ich musste meinem Mann gut zureden, am Vorabend der Oscar-Verleihung mit mir „Anatomia di una caduta“ („Anatomie eines Falls“) anzuschauen. Mich hatten die vielen Artikel über Sandra Hüller und ihre Nominierung für die beste Hauptdarstellerin auf die Spur gesetzt, da wollte ich mir selbst eine Meinung bilden.

Dass es ein französischer Film war, hatte ich meinem Mann erst gar nicht gestanden, aber er kam mir bereits während der ersten Szene auf die Schliche. Sie dauerte ihm zu lange. Da passierte ja gar nichts. Und diese nervtötende Musik. Man verstand auch kein Wort, das gesprochen wurde. Ich ahnte: Das musste so sein. Das war Kunst. „Ist das etwa ein französischer Film?“, maulte der Italiener. Und erklärte mir anschließend lang und breit seine Vorurteile. Ich gähnte nur, denn die kenne ich. Wir sind lange genug verheiratet. Deshalb hatte ich auch nie darauf bestanden, dass er sich mit mir Romy Schneiders beste Filme ansehen sollte, die fielen vermutlich auch in seine ungeliebte Schublade. Enttäuscht sah ich, wie seine Augen klein wurden …   

Dabei ist dieser Film, dieser Fall, alles andere als langweilig. Es geht um einen vermeintlichen Mord. Oder war es ein Unfall? Ein Suizid? Die einzige Zeugin und potenzielle Täterin: die Ehefrau des Opfers, eine Schriftstellerin. Da weiß man doch nicht, ob das, was sie erzählt, der Wahrheit entspricht. Hatten nicht ihre Romane immer einen persönlichen Bezug? Was, wenn sie jetzt den nächsten Roman inszenierte? Sie ist gut im Geschichtenerzählen. Und sie ist Deutsche. Die tickt doch sowieso anders. Unterhielt sich mit ihrem französischen Gatten in Englisch. Was soll man da glauben von dem, was sie vor Gericht in Französisch aussagt. Sind ihre Erinnerungen von analytischer Interpretation und schriftstellerischer Fantasie verzerrt? Gut, dass es auch eine Tonaufnahme gibt. Ihr Mann hatte eines ihrer letzten Streitgespräche mitgeschnitten.

Mein Mann war mittlerweile wieder hellwach. Ich spürte seine misstrauischen Blicke. „Eine Deutsche. Soso. Schreibst du nicht auch an einem neuen Roman?“ Er grinste verunsichert. „Und morgen soll ich auf die Leiter steigen, um die Dachfenster zu putzen! Das überlege ich mir nochmal.“ Drei Viertel der Handlung verfolgte er, nachdem er zu Beginn aus Protest ein Nickerchen eingelegt hatte. Er hatte dann doch Interesse gefunden.

Auch mich inspirierte das Werk. Vielleicht zu Elementen einer eigenen Geschichte, die kein Kriminalfall sein muss. Mehrsprachige Lebensgemeinschaften haben ihren Reiz und ihre Tücken. Fest steht: Würde jemals irgendetwas Zweifelhaftes passieren, käme ich fast unvermeidlich in Erklärungsnot. Mir fehlen vor Aufregung schon die passenden Worte, wenn ich an der Grenze von einem Zollbeamten gefragt werde, ob ich etwas zu deklarieren hätte. Sollte ich Szenen meiner Ehe vor Gericht schildern müssen … ich weiß nicht, ob ich mich aus der Affäre ziehen könnte. In einer italienischsprachigen Rezension des Films wird das Dilemma der Mehrsprachigkeit etwa so beschrieben:

„ … spricht Sandra in dem fremden Land, in dem sie lebt, Englisch, aber vor Gericht muss sie auf Französisch aussagen. Beim Übergang von einer Sprache zur anderen geht etwas verloren oder besser gesagt, es verändert sich, es passiert etwas und damit findet eine ständige Neuinterpretation von Identität, Erinnerung und Erfahrung statt, allein durch das Erzählen, angefangen bei der Wahl der Begriffe, der syntaktischen Konstruktionen.“ *

Mein Mann atmete auf, als der Abspann lief. Beim Umschalten blieb er an einem Klassiker der Italo-Western-Komödie hängen: Bud Spencer und Terence Hill. Ich lächelte nur müde und wünschte ihm gute Unterhaltung. Bevor ich zu Bett ging, bat ich ihn noch einmal freundlich, aber bestimmt, dass er die Dachfenster am nächsten Tag putzen möge. „Si, certo, amore!“

Ich habe unser harmonisches Gespräch vorsichtshalber mit dem Smartphone aufgenommen.

*Zitat übersetzt aus dem Italienischen, Filmbesprechung bei The Vision.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels

Die Dächer von Dubrovnik

„A Dubrovnik il sole galleggiava in ogni particella di cielo, come se si fosse sciolto e colasse … sui tetti rossi della città vecchia, sulla costola chiara della cinta muraria. Ci incantammo a guardare quell’approdo. Finalmente, dopo tanto tempo, una vera vacanza.“

In Dubrovnik schwebte die Sonne in jedem Teilchen des Himmels, als ob sie geschmolzen wäre und Tröpfchen bildete… über den roten Dächern der Altstadt, über der bleichen Kante der Stadtmauer. Wir waren verzaubert von dem Anblick, als wir mit der Fähre anlegten. Endlich, nach so langer Zeit, ein richtiger Urlaub.

Margaret Mazzantini

„Venuto al mondo“*, Mondadori, 1. Auflage Oscar 451, Januar 2018. Seite 182. Deutsch: eigene Übersetzung.

Mein literarischer Ort liegt diesmal nicht in Italien. Im Jahr 2006 ging unsere Hochzeitsreise über Piran in Slowenien ‒ Heimat des italienischen Schwiegervaters ‒ Pula und Zadar bis nach Dubrovnik im Süden Kroatiens. Wir unternahmen die Reise zwei Monate nach unserer Hochzeit, ich war im zweiten Monat schwanger. So schnell kann es gehen. Ich erinnere mich an den Kommentar meiner Frauenärztin: „Detto, fatto!“ (Gesagt, getan!), konstatierte sie knapp, als ich ihr zwei Wochen nach meiner Routineuntersuchung, bei der ich nebenbei andeutete, dass wir es jetzt darauf ankommen lassen würden, das positive Ergebnis des Schwangerschaftstests mitteilte. Dass es Frauen gibt, die nach Jahren des Hoffens, mehreren Fehlgeburten und gescheiterten Behandlungen in Kinderwunschkliniken alles dafür tun würden, um doch noch Mutter zu werden, daran dachte ich damals nicht. Ebensowenig dachte ich während unserer Reise durch das ehemalige Jugoslawien daran, dass nur wenige Jahre seit dem Bürgerkrieg vergangen waren. Der schien lange her und war Anfang der Neunziger Jahre weit weg gewesen. Dieser Krieg in Europa hatte mich während meiner Studienzeit, im florierenden wiedervereinigten Deutschland, kaum betroffen gemacht. Ganz anders heute, wo die Ukraine, ja selbst Nahost so nah zu sein scheinen, die Nachrichten und Bilder unter die Haut gehen. Im wunderschönen Dubrovnik fielen uns 2006 neben ein paar Gedenktafeln vor allem die frisch gedeckten Dächer der Altstadt auf, die hellrot in der Sonne leuchteten. Nur wenige Dachschindeln hatten eine Patina, die dem Alter der Gebäude entsprach. Gut, alles wieder gut, so schien es, und ich stellte mir nicht die Zerstörung im Bombenhagel vor, sondern genoss wie alle Touristen die Sonne, herzhaftes Essen und traumhafte Ausblicke aufs Meer. Sicher wäre unser Eindruck ein anderer gewesen, hätten wir auch Sarajevo einen Besuch abgestattet. Ich glaube nicht, dass man dort unbeschwert flanieren kann, vorbei an zahlreichen Mahnmalen der vierjährigen Belagerung der Stadt, bei der etwa 11.000 Menschen durch Granaten, Scharfschützen und mangelnde Versorgung ums Leben kamen. Jetzt habe ich diesen Roman gelesen, in dem beide Themen verflochten sind: unerfüllter Kinderwunsch und eine Liebe, die zu den Olympischen Spielen 1984 in Sarajevo beginnt und das Paar aus Italien immer wieder in die Stadt zurückzieht, deren Schicksal ihr privates Schicksal prägen soll.

Dubrovnik ist ein Nebenschauplatz der Handlung. Gemma und Diego verbringen einen Urlaub dort, gemeinsam mit ihrem Freund aus Sarajevo. Es ist Sommer 1991 und die Kriegsschiffe patrouillieren vor der Küste, der bewaffnete Konflikt hängt schon in der Luft. Wenige Wochen später sehen sie im italienischen Telegiornale die Bombardierung der Stadt, durch deren romantische Gassen sie eben noch geschlendert waren. Ihr Freund ist überzeugt, dass seine Stadt verschont bleiben wird. Die Welt würde auf Sarajevo schauen. Bald sind auch Gemma und Diego wieder bei ihm und erleben den Beginn der Belagerung mit, während sie neue Hoffnung auf ein Kind haben … 

Wann immer ich ein Buch im italienischen Original lese, bin ich sofort neugierig auf die deutsche Übersetzung. Gibt es eine, und wenn ja, mit welchem Titel? Nicht immer ist der eine simple Übersetzung. Ich muss etwas länger suchen, ehe ich „Das schönste Wort der Welt“ als die deutsche Fassung von Margaret Mazzantinis „Venuto al mondo“ (Zur Welt gekommen) erkenne. Bis zu den letzten Seiten des Originals erschließt sich mir der Sinn des deutschen Titels nicht. Dabei gibt es einige Worte, die mir beim Lesen immer wieder auffallen, weil sie die Autorin besonders oft verwendet. Worte, die nicht zu meinem aktiven Wortschatz gehören und über die ich nun im Hinblick auf den deutschen Buchtitel nachsinne.

Etwa „misero“. Kleider, Räume, Lebensmittel, ständig wird etwas als miserabel, elend, erbärmlich, mickrig beschrieben. Das passt, wenn man sich den Bürgerkrieg und das armselige Leben der einfachen Bevölkerung auf dem Balkan vorstellt. Das schönste Wort wird es nicht sein.

Vielleicht ist es „la nuca“, der Nacken. Mazzantini scheint dieses Wort zu lieben, es ist ihr Metapher für Geburt, Liebe, Erotik, Geborgenheit. Die empfindsamste, fast intimste Stelle am Körper, die in den grausamsten Szenen des Romans zum Ziel der Heckenschützen, zum Aschenbecher der Peiniger wird. „Nuca“ ist mehr als ein Wort, es ist ein Bild, ein Symbol für das Leben und dessen Verletzlichkeit.

Ein anderer Begriff, bei dem ich lesend hängen bleibe, ist „curvo“. Gekrümmt, gebeugt. Personen beugen sich ständig über oder zu etwas herunter, kümmern sich um Dinge, um Menschen. Sich konzentrierend, vertiefend, vielleicht, um zu beschützen, um etwas zu suchen, um sich selbst zu verstecken. So viele Facetten, so viele Situationen, und immer wieder dieses einfache Wort: „curvo“. Ich frage mich insgeheim, wie die Übersetzerin es wohl variiert hat. Ist es das schönste der Welt? Ich glaube nicht.

Also weiter: „Figlio“ könnte es sein. Sohn, Tochter, das eigene Kind. Wie übersetzt man es, wenn das Geschlecht noch nicht bekannt, in der Vorstellung und im Wunsch auch nicht bedeutsam ist? Die Liebenden wünschen sich ein Kind. „Figlio“, grammatikalisch männlich, also Sohn bedeutend, steht für ein leibliches oder angenommenes, eigenes Kind. Um dieses dreht sich die Geschichte, und wenn ich das Zitat auf der Rückseite des Buches lese, tendiert meine Vermutung zu diesem Wort, in dem alle Hoffnung, in dem die Zukunft liegt.

„La speranza appartiene ai figli, noi adulti abbiamo già sperato, e quasi sempre abbiamo perso.” (Die Hoffnung gehört den Kindern, wir Erwachsenen haben schon gehofft und fast immer verloren.) S. 15

Erst in einer der allerletzten Szenen wird das Rätsel des deutschen Buchtitels aufgelöst. Ich verrate euch das Wort nicht. Ich empfehle euch den Roman. Aber ihr sollt wissen, dass es nicht nur eine starke, schöne Liebesgeschichte ist, wie manche deutsche Lesermeinung vermuten lässt. Es ist eine intensive, verstörende, streckenweise grausame Geschichte. Obwohl die Personen und ihre Geschichte auf Fiktion basieren, sind die Geschehnisse im Hintergrund genau recherchiert. Ständig ertappte ich mich dabei, im Internet nachzulesen, was damals in Sarajevo passiert ist. Die Szenen gehen mir nahe, weil ich weiß, dass sie sich so oder anders tatsächlich abgespielt haben. Damals, vor kurzer Zeit, ganz in unserer Nähe. Und heute wieder und immer noch, an anderen Orten, genauso brutal. Und ich frage mich, ob ich das auch aushalten würde, wenn jeder Tag mein letzter sein könnte, oder schlimmer, der letzte meiner Kinder, meiner Lieben. Und doch schenkt Mazzantinis Roman Hoffnung. Auch wenn kein Krieg, kein Leid und keine Ungerechtigkeit der Welt eine akzeptable Erklärung oder gar Sinn haben, kann aus Bösem etwas Neues, Gutes entstehen. Es ist die Liebe, die den Menschen Kraft gibt, dieses Gute zu erkennen und dankbar anzunehmen.

Zum Weiterlesen:

Bei der FAZ (Zugriff nach einfacher Anmeldung, keine Bezahlschranke) gibt es eine Besprechung zur deutschen Fassung „Das schönste Wort der Welt“.

Sarajewo damals: „Vor 20 Jahren: Ende der Belagerung von Sarajevo“ bei Bundeszentrale für politische Bildung

Dubrovnik heute: „Narben hinter Glas: Über die traurige Schönheit Dubrovniks“ bei Aachener Zeitung

*Werbung, wie immer unbezahlt.

Montagslust

Schon wieder Sonntagnachmittag! Warum geht das Wochenende immer so schnell vorbei? Findet ihr auch, dass ständig Montag ist? Ach, wenn es doch immer Freitagabend wäre und zwei freie Tage vor uns lägen … Stop! Jetzt habe ich euch auf die falsche Spur geführt. Ihr habt mir geglaubt? Sogar heftig genickt? Nein! Ich gehöre nicht zu den Montagshassern. Manchmal habe ich das Gefühl, damit ganz allein zu sein und frage mich, ob etwas nicht in Ordnung ist mit mir. Kaum ein Montagmorgen, an dem ich nicht „F*cking Monday“-Bilder im WhatsApp-Status meiner Kontakte finde, kaum ein Freitagnachmittag, an dem nicht irgendwo dieses lächerliche „Hoch die Hände …“ auftaucht. Vom Büro ganz zu schweigen. Da gibt es die, die bereits am Mittwoch „Ein schönes Wochenende!“ wünschen, nur damit die anderen mit „Schön wär’s!“ antworten. Immer das gleiche Spiel. Und ich spiele nicht mit! Bin ich ein Spielverderber?

Die Woche hat sieben Tage. Für die Glücklichen unter uns sind zwei davon das sogenannte Wochenende, also frei. Vergessen wir nicht, wie viele Menschen auch samstags und sonntags für uns arbeiten. Für uns, die wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln reisen, einkaufen, ins Schwimmbad und ins Restaurant gehen wollen oder womit auch immer wir an den heiß ersehnten Wochenenden unsere Zeit verplempern. Aber nein, was fasele ich da! Ich gebe zu, dass ich von meinen Empfindungen hin- und hergerissen bin und nicht recht weiß, ob ich die Wochenendfanatiker (oft im gleichen Zug Montagshasser) bemitleiden oder beneiden soll. Wie kann man fünf von sieben Tagen, also siebzig Prozent seines Lebens, öde finden und nur knapp dreißig Prozent seiner Zeit genießen. Ist das nicht traurig? Auf der anderen Seite bin vielleicht ich es, die ein Defizit hat. Ich bin ein Freizeitversager. Jemand, dem die Arbeit wichtiger ist als das Privatleben. Ich bin zu bedauern. Ja, ich gehe gern zur Arbeit. Meistens jedenfalls. Aber auch, wenn es nicht so gut läuft, denke ich eher darüber nach, den Job zu wechseln, als nur noch für die Wochenenden zu leben. Das ist der Punkt.

Ein Montagskind also. Dabei bin ich an einem Samstagabend geboren. Ready for the Party und das Saturday Night Fever. Als ich jung war, passte das auch. Mittlerweile erwarte ich an den Wochenenden nichts Aufregendes mehr, habe keine Angst, etwas zu verpassen. Natürlich unternehme ich gern nette Dinge, liebe kleine Ausflüge, Stadtbummel und hin und wieder einen Theaterabend. Seit wir Teenager in der Familie haben, sind gemeinsame schöne Wochenenderlebnisse selten. Die großen Kleinen gehen lieber eigener Wege oder wollen einfach partout nicht das, was wir Alten vorschlagen. Man muss aufpassen, dass man nicht vollends zum Elterntaxi mutiert und selbst noch etwas unternimmt. Zum Glück lese und schreibe ich gern und kann einen verregneten Samstag oder Sonntag auch gut auf dem Sofa verbringen, lasse dabei die Seele baumeln und schicke die Gedanken auf Reise. Wochenenden sind auch zur Erholung da. Aber sie sind nur ein winzig kleiner, der kürzere Teil jeder Woche und ich weigere mich, nur auf diesen hinzufiebern. Manchmal werde ich traurig, wenn es auf Freitag zugeht und wieder eine Woche unwiederbringlich vorüber ist, Erinnerungen hinterlässt oder, im schlimmsten Fall, gar keine von ihr bleiben. Sicher ist meins ein Gefühlsphänomen, das sich mit fortschreitendem Alter immer stärker bemerkbar macht.

Lasst mich am Beispiel der zurückliegenden Tage erklären, was ich meine. Heute vor einer Woche freute ich mich auf Montag und wurde nicht enttäuscht. Es ging gut los: Gleich in der Früh landete eine von diesen E-Mails in meinem Postfach, auf die man unbewusst hofft und die man nur selten bekommt. Mir schrieb einer, der wie ich vor fünfunddreißig Jahren an der Erweiterten Oberschule in Strausberg fürs Abitur lernte. Er hatte meinen Roman „Mensch, Manu!“ gefunden, ihn am Wochenende „in einem Ritt“ (Zitat) gelesen und erzählte mir nun, inspiriert von der gedanklichen Reise, spontan Puzzleteile seiner Erinnerungen. Spannend, kann ich euch sagen! Im Jahr 1989 genügte es, in Parallelklassen zu gehen, um die gesellschaftlichen Veränderungen aus unterschiedlicher Perspektive zu erleben. Das war also ein bisschen so wie heute mit den Informationsblasen im Internet. Mein ehemaliger Mitschüler bedankte sich für das Buch, das ihn mitgenommen hat in jene Zeit, die auch für ihn eine oder vielleicht sogar die aufregendste seines Lebens war. Ich las seine bewegende E-Mail beim Frühstück. Besser konnte meine Woche nicht beginnen. Und sie ging positiv weiter, für alle Familienmitglieder: Unsere Jüngste freute sich am Dienstag über gute Schulnoten und eine Verabredung mit den Klassenkameradinnen (sie war lange Zeit wegen Krankheit zu Hause gewesen), von der Großen bekamen wir kurze, aber aufgeregt frohe Mitteilungen aus Malta, wohin sie am Sonntagabend mit ihrer Klasse zu einem Studienaufenthalt gereist war. Mein Mann siegte Mitte der Woche beim Billardtournier und konnte am Freitag einen neuen Kollegen in seinem Arbeitsteam begrüßen, der einen sehr guten Eindruck macht. Voila! Wer braucht da noch ein Wochenende?

Auch wenn nicht jede Woche rundläuft, erkläre ich vollkommen ungeniert, mich auf jede neue zu freuen. Ich liebe Anfänge. Ich mag es, sie als ein Potenzial von Möglichkeiten zu sehen. Jede neue Woche liegt wie ein unbeschriebenes Blatt vor uns. Was werden wir lernen, erfahren, ausprobieren, wem begegnen, von wem ein Lebenszeichen erhalten, was beginnen und was fertigstellen? Am Wochenende können wir dann feiern, weil die Woche gut war. Oder trinken, um sie zu vergessen. Und auf die neue hoffen. Ein Glück, dass auf jeden Sonntag ein Montag folgt.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Dilemma

oder: Gelassenheit verzweifelt gesucht

Vor Jahren sah ich mit Vergnügen „Das Pubertier“, die Fernsehserie nach dem gleichnamigen Roman von Jan Weiler. Ich erinnere mich an den Vorspann, die Szene, in der der Vater ins Kinderzimmer schleicht und in Essensreste tritt, über Verpackungen und Wäsche stolpert. Damals fand ich das lustig. Jetzt haben wir selbst zwei Pubertiere. Ganz so schlimm ist es bei uns nicht. Die Sachen liegen nicht alle am Boden oder wenn, dann zumindest in Ecken. Lachen könnte ich heute nicht mehr über die Szene.

„Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Reinhold Niebuhr

Gilt das sogenannte Gelassenenheitsgebet eigentlich auch im Hinblick auf das Zusammenleben mit Pubertieren und die damit verbundene ‒ nun ja, vorsichtig ausgedrückt ‒ Unordnung in der Wohnung? Ich fürchte nämlich, solange man mit Kindern im Übergangsstadium zum Erwachsensein vier Wände teilt, kann man es einfach nicht ändern. Auch wenn man es sich noch so sehr wünscht. Da hilft es manchmal, sich unter Betroffenen auszutauschen und sein Leid zu teilen, zu wissen, dass man nicht allein ist. Bestimmt gibt es Eltern, die es im Vergleich mit mir gelassener hinnehmen. Ich werde manchmal zu einer Furie. Ich halte es nicht aus. Ich könnte schreien und tue es auch. Ich kann es nicht gut verkraften, dass ich in meinem eigenen Heim Dinge nicht wiederfinde, die eigentlich ihren festen Platz haben. Das Klebeband zum Geschenkeverpacken, meine Augen-Make-up-Entferner-Lotion, den Kugelschreiber beim Notizblock. Andererseits ist die Wohnung zugemüllt mit Dingen, die da nicht hingehören und die obendrein kein Mensch braucht ‒ ich nicht, aber offensichtlich die Besitzerinnen auch nicht, sonst würden sie diese Dinge doch beisammenhalten.

Ich stehe morgens auf, wenn die Älteste die Wohnung verlässt, um in die Schule zu gehen. Sie stellt sich den Wecker immer sehr früh, damit sie fürs Wachwerden, Waschen, Stylen, Frühstücken und die letzten Hausaufgaben genug Zeit hat. Nur leider bleibt keine, ihr Geschirr wegzuräumen. Und das steht nicht etwa einfach auf ihrem Platz. Nein, ich sammele die Überbleibsel ein wie ein Straßenkehrer die weggeworfenen Getränkedosen im Stadtpark: Ein Teller steht auf dem Esstisch, das Glas mit dem Teebeutel auf dem Schrank, die Kaffeetasse vor der Kaffeemaschine, daneben tummeln sich leere Teebeuteltüten und Zucker, ein Joghurtdeckel ruht neben der Spüle und der Joghurtbecher, dessen Restinhalt nach einer Stunde gut angetrocknet ist, fristet auf dem Schreibtisch sein vergessenes Dasein. Meine Zeit ist frühmorgens leider knapp bemessen und ich würde lieber fünf Minuten mehr Zeit für mich haben, um selbst in Ruhe mein bescheidenes Frühstück einzunehmen. Aber ich räume erstmal auf.

Dann komme ich ins Bad. Unter dem Fenster liegen Schlafanzug, auf links gekrempelte Jeans, Socken, mehrere Unter- und Oberteile (getragen oder nur probiert, man müsste einen olfaktorischen Test machen) und neben der Dusche die Sportsachen vom Vorabend. Ich schiebe alles beiseite, habe weder Zeit noch Lust zum Sortieren. In die Zimmer meiner Mädchen gehe ich nur, wenn ich muss. Und dann mit halbgeschlossenen Augen. Eventuell auf den Boden schielend, damit ich nicht in etwas hineintrete. Am nervösesten bin ich an dem Morgen, an dem unsere Haushaltshilfe putzen kommt. Schon am Nachmittag des Vortages bitte ich meine Mitbewohnerinnen sehr behutsam, doch bitte aufzuräumen und am Morgen nicht alles liegen zu lassen. Ich nerve sie damit. Ich höre immer wieder die bekannten Sprüche: „Jaja, mach ich“, oder „Nachher, jetzt nicht.“ Nachher ist leider nie. Von den Joghurtdeckeln erzählt auch Sophie manchmal auf ihrem Blog, das tröstet mich ein wenig. Sophie hat einmal sogar ein Experiment gewagt, bei dem sie wie die Kinder einen Tag lang alles überall herumliegen ließ beziehungsweise absichtlich ihre Sachen an den ungewöhnlichsten Plätzen ablegte, ganz nach dem nicht erkennbaren Muster der Kinder. Wenn ich das täte, würde es niemanden stören. Muss ich also, wie mir Kolleginnen empfahlen, die herumliegenden Sachen am dritten Tag aus dem Fenster werfen? Das bringe ich nicht übers Herz.

Es heißt ja, das Chaos, mit dem sich Teenager umgeben, spiegelt einfach das in ihren Köpfen wider. Sie können nicht anders. Da liegt die Frage nahe: War ich in ihrem Alter auch so und habe es nur vergessen? Leider kann ich meine Eltern nicht mehr fragen. Aber ich bin überzeugt, dass ich einigermaßen Ordnung hielt. So hatte ich eine extra Kiste unter dem Schreibtisch, in der ich feinsäuberlich Sekundärrohstoffe wie Bierdeckel und Staniolpapier sammelte. Diese Kiste oder vielmehr ihr Inhalt verbreitete einen leicht abgestandenen, süßlichen Geruch. Ich erinnere mich trotzdem nicht an zeternde Eltern, die mich zum Aufräumen anhielten oder verlangten, die Sekundärrohstoffe im Keller aufzubewahren. Ich in der Mutterrolle schimpfe zu viel und weiß genau, dass es nichts bringt. Es heißt – und es klingt wunderbar einfach und einleuchtend: Statt zu erziehen, soll man vorleben. Hah! Das bringt im Hinblick auf Ordnung leider nichts. Gar nichts. Manchmal habe ich Angst, dass meine Kinder später einmal nur das Zetern in Erinnerung haben, wenn sie an ihre Mutter denken. Also sollte ich es nicht tun. Und doch: Kann ich einfach alles liegen lassen? Kann ich nicht! Nicht in den gemeinsamen Räumen. Ich kriege Zustände. Aber wenn ich jedes Mal selbst aufräume, lernen sie es nie. Gibt es einen Ausweg aus dem Dilemma? Vielleicht hilft nur der sehr, sehr lange Atem. Oder einen Text darüber zu schreiben.  

Die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann ‒ wo gibt es die zu kaufen? Ich nehme eine XXL-große Tüte davon.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Vom Schreiben

Zuweilen kommt es mir so vor, als ob ich erst schreibend das Leben in seinem Innersten berühren kann. Während ich Worte suche und finde, Sätze forme, verwerfe und neu formuliere, erlebe ich intensiver als in jenem Moment, was ich gesehen, gefühlt, erfahren habe. Erfahren ‒ welch ein wunderbares, vieldeutiges Wort. Auf Reisen sind die Gedanken am unbändigsten. Wenn man Abstand hat. Räumlichen und menschlichen. Manchmal denke ich, es ist intellektueller Hochmut: Nur wenn man möglichst weit weg ist vom Leben, kann man darüber schreiben. Man muss Abstand zu den Menschen haben, um sie zu sehen.

Da sind immer diese Zweifel. Helga Schubert beschreibt sie in ihrer Erzählung „Vom Aufstehen“* folgendermaßen:

 „Ist es nicht anmaßend, sich so ernst zu nehmen? Woher kommt die Überzeugung, gerade diese Begebenheit könnte auch nur einen einzigen Leser, eine einzige Leserin aufhorchen lassen?“ (S. 214)

Vermutlich reicht der räumliche Abstand noch nicht, wenn ein guter Text entstehen soll.

„Dann kommt der immer weiter werdende Abstand zur Welt, nur noch zarte Spinnweben, leicht zerreißbar, verbinden die Schreibende auch mit den Menschen, die sie nun halten sollen an diesem kaum sichtbaren Faden.“ (S. 214)

Abstand gewinnen ist nicht mehr als das Kofferpacken. Zum Reisen wie zum Schreiben muss man loslassen und die Verbindungen abbrechen. Erinnern, Reflektieren, Interpretieren und Deuten, das alles hält einen noch im Tatsächlichen. Wenn das Schreiben beginnt, geht man einen Schritt weiter. Damit etwas Neues entstehen kann. So stelle ich es mir vor.

Im Spätsommer werde ich mich eine Woche zurückziehen, an einen Ort zum Schreiben. Ob er mir dann gelingt, dieser Schritt über die eigene Erfahrung hinaus, während ich doch verbunden bleibe durch den kaum sichtbaren Faden? Wie wunderbar wäre es, den Sinn des Schreibens zu finden, wie ihn Helga Schubert kennt:

„Etwas erzählen, was nur ich weiß. Und wenn es jemand liest, weiß es noch jemand. Für die wenigen Minuten, in denen er die Geschichte liest, in der unendlichen, eisigen Welt.“ (S. 215)

*Helga Schubert: Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten. dtv Taschenbuch, 2. Auflage 2023

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Landeanflug

Manchmal dauert das Einchecken im Hotel etwas länger. Neulich in Dresden lag es nicht an einer Warteschlange vor der Rezeption. Wir waren die einzigen Anreisenden in jenem Moment und hatten das Formular mit unseren persönlichen Daten ausgefüllt, aus denen hervorging, dass wir in Italien wohnen. Dann entspann sich zu einer ergänzenden Frage, die einfach mit Ja oder Nein zu beantworten war, folgende abendfüllende Diskussion:

Empfangsdame: „Brauchen Sie einen Parkplatz?“

Ich: „Nein.“

Empfangsdame: „Wie sind Sie denn angereist?“

Ich: „Mit dem Flugzeug.“

Empfangsdame, die Augenbrauen zusammenziehend: „Wie, mit dem Flugzeug?“

Ich schaue hilfesuchend zu meinem Mann, der zuckt mit den Schultern.

Ich erkläre noch einmal: „Wir sind mit dem Flugzeug gekommen, aus Italien.“ 

Empfangsdame, entrüstet: „Aber wir haben hier doch keinen Flughafen.“

Ich, irritiert: „Natürlich haben Sie einen! Den Dresdener Flughafen gibt es noch, allen Unkenrufen zum Trotz.“

Empfangsdame, verzweifelt mit der Hand nach links aus dem Fenster weisend: „Aber doch nicht hier, neben unserem Hotel.“

Ich passe.

Empfangsdame, nachdrücklich: „Sie müssen doch vom Flughafen irgendwie hierhergekommen sein. Mit einem Mietwagen?“

Ich: „Nein.“

Empfangsdame, in der Hoffnung, der Sache näher zu kommen: „Also mit dem Taxi!“

Ich, kleinbeigebend: „Ein Verwandter hat uns gebracht.“

Empfangsdame, zufrieden: „Dann brauchen Sie keinen Parkplatz.“

Ich nicke entkräftet. Das hatte ich doch eingangs gesagt, oder nicht?

Titelbild: Symbolbild von Pexels.

Verabredungen

Der Italiener und die (Un-)Verbindlichkeit

Mit Floskeln ist das so eine Sache. Als Ausländerin, die man sich in die Gepflogenheiten eines anderen Landes einleben muss, gehören sie zu den ersten Dingen, die man lernen und verstehen sollte. Mittlerweile weiß ich, dass ich auf ein dahingeworfenes „Ci vediamo!“ (Wir sehen uns!), keineswegs mit der Frage „Gerne, wann denn?“ antworten oder gar meinen Terminkalender zücken soll. Die Italiener sind so nett wie unverbindlich, und daran muss man sich als sture Preußin erst einmal gewöhnen. Irgendwann erklärte mir mein Mann: Selbst eine Einladung auf einen Caffè oder der Vorschlag, gemeinsam eine Pizza essen zu gehen, bedeutet erst einmal nicht viel mehr, als dass man dem anderen einigermaßen sympathisch ist und er sich so etwas vorstellen könnte. Man sollte dann danken und dieser Möglichkeit zustimmen. Bis es tatsächlich zu einem Treffen kommt, muss die Einladung oder der Vorschlag zwei- oder besser dreimal ausgesprochen worden sein.

Schade fand ich diesen Umstand im Fall einer Deutsch-Italienerin, die ich vor einiger Zeit kennenlernte und die auch zu mir meinte, ich solle doch mal auf einen Caffè bei ihr vorbeikommen. Sie wohnt zwei Häuser weiter, und es hätte mich interessiert, sie näher kennenzulernen. Aber ich maß ihren süditalienischen Wurzeln mehr Gewicht bei als ihrer deutschen Sozialisation per Geburt. Und tat gut daran. Ich hörte erstmal lange nichts von ihr, und als wir uns das nächste Mal beim Shopping trafen, kam sie nicht mehr auf das gemeinsame Kaffeetrinken zu sprechen.

Leider geht meine Gewöhnung an die hiesigen Sitten mittlerweile so weit, dass ich mich selbst schwertue, Einladungen auszusprechen. Sie könnten ja, in welcher Art auch immer, missverstanden werden. Denn es gibt ein weiteres Phänomen, mit dem wir uns hin und wieder konfrontiert sehen. (Ich sage wir und schließe meinen italienischen Mann mit ein, denn wenn wir als Familie agieren, übernimmt er meine Vorstellung von verbindlichen Ansagen beziehungsweise bemüht sich darum.) So luden wir ein Kind aus dem Haus offiziell zum Abendessen ein, nachdem es das mit unserem Kind ausbaldowert hatte. Ich, die ich erstens keine leidenschaftliche Köchin bin und zweitens nie mehr Zutaten als für uns vier einkaufe und vorbereite, stellte mich sowohl in Bezug auf die Speisenauswahl als auch die Menge auf einen Gast ein. Und dann kam das Kind nicht. Als wir eine halbe Stunde nach der vereinbarten Zeit (diese Toleranz muss man bei Verabredungen in Italien ohnehin einkalkulieren) bei den Eltern anriefen, fielen diese aus allen Wolken (so taten sie zumindest) und teilten uns mit, sie seien spontan zum Aperitivo in Varese geblieben und das würde an diesem Abend nichts mehr werden. „Un’altra volta, dai!“ (Ein anderes Mal!), lautet eine immer bewährte Antwort in diesen Fällen, wenn es einem eigentlich die Sprache verschlägt. Es war dieselbe Familie, von der unser Kind als Geburtstagsgeschenk eine Einladung ins Kino bekam, die dann nie eingelöst wurde. Aber vielleicht hatten sie erwartet, dass wir den Besuch organisieren und die Kinder hinbringen? Wir haben es nie erfahren.

Andererseits kann es in Italien sein, dass eine Einladung spontan erfolgt und auch so gemeint ist. Das verstehe ich als Deutsche, die alles gerne plant, dann auch wieder nicht. Es kam ein paar Mal vor, dass unser Kind beim zuvor genannten Kind nach dem Spielen zum Abendessen bleiben durfte. Dann hatte ich den Salat. Oder vielmehr die Portion Pasta übrig. Mittlerweile habe ich verstanden, dass die Spontanität in Italien mindestens so wichtig ist wie die Gastfreundschaft. Eins geht ohne das andere nicht. Und die Deutsch-Italienerin werde ich bei unserer nächsten Begegnung einfach spontan in die nächste Cafeteria zerren. Da muss sie durch. Wir sind doch flexibel!

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Ein Nachmittag im Waschsalon

Wer hier regelmäßig mitliest, erinnert sich vielleicht an meinen schwierigen Start mit unserer smarten Waschmaschine. Das Programm „Bewölkter Tag“ habe ich nie benutzt, wie die meisten Programmvorschläge des schlauen Gerätes. Ich komme mit drei Programmen gut über die Runden: Baumwolle 60 Grad plus Trocknen, Gemischtes 30 Grad, Farbiges 30 Grad. Im Winter auch mal Wolle. Punkt. All der andere Schnickschnack und die schlaue Anzeige bei jedem Anstellen des Gerätes, es hätte irgendetwas mit Hilfe von KI optimiert, wecken bei mir keine Begeisterungsstürme. Was mich nun auf die Palme brachte, war, dass das teure Gerät nach einem Jahr plötzlich streikte. Alles gute Zureden und Handanlegen half nichts. Es behauptete, der Wasseranschluss sei blockiert. Für eine Reparatur in Garantie mussten wir den markeneigenen Service rufen, der anderthalb Wochen auf sich warten ließ. Anderthalb Wochen sind für eine vierköpfige Familie, in der die Kinder täglich neue Outfits tragen wollen und immer wieder auch nur Anprobiertes versehentlich in die Wäsche geben, eine Ewigkeit.

Aus Sorge, ich würde mich eines Morgens vorm Familiengericht wiederfinden und angesichts fehlender Kleider im Schrank zu lebenslangem Küchendienst verdonnert werden, begab ich mich zum zweiten Mal in meinem Leben in unseren Waschsalon. Ich sage „unseren“, weil er sich zum Glück ganz in der Nähe in unserem kleinen Ortsteil befindet und nicht von einer halben Stadtbevölkerung frequentiert wird. Der Besucheransturm hält sich in Grenzen, das Ambiente kann als gemütlich bezeichnet werden. Es ist sauber. Und der Duft nach dem hauseigenen Waschpulver … ich mag ihn! Also schnappte ich mir an einem Nachmittag zwei Säcke Wäsche und ein Buch und tat, was ich als fürsorgliche Mutter und Wäscheverantwortliche tun musste. Als ich mir zwei Maschinen gesichert und programmiert und ihnen sogar meinen übriggebliebenen Chip vom ersten Mal angedreht hatte, freute ich mich über die kurze Dauer der Programme und aufs entspannte Lesen. Den Fernseher, der über den Waschmaschinen hing und zehn Jahre alte Folgen „Masterchef“ mit ständiger Werbeunterbrechung wiedergab, hätte ich gern ausgeschaltet. Aber ich war nicht zuhause und eigentlich lenkte er mich auch gar nicht so sehr ab. Das taten die anderen Kunden. Ein paar Frauen kamen und gingen, drei Männer mittleren Alters warteten auf ihre Wäsche. Sie sprachen wenig. Einen kannte ich. Vom Sehen. Vor Jahren waren wir uns häufiger in unserem Viertel begegnet. Er, der seinen Hund ausführte. Ich, die rannte oder sportlich lief. Eins weiß ich noch wie heute: Wenn ich ihn von weitem sah, begann ich zu rennen. Er war so etwas wie der Bruder von Supermann. Wer hier regelmäßig mitliest, weiß, wen ich meine. Auch er war so ein Typ, der sich immer ein bisschen zu sehr freute, mich zu sehen, und der am liebsten ein Gespräch angefangen hätte, welches ich ‒ mein Tempo beschleunigend ‒ zu vermeiden suchte. Komisch, dass er mich jetzt nicht ansprach. Lag es an meiner Haarfarbe, damals blond und jetzt burgunderrot? Älter war er schließlich auch geworden. Ich wog mich in Sicherheit, aber das Spiel hatte nur noch nicht begonnen. Kaum hatten die anderen beiden Herren den Salon verlassen, war ich um die Lese-Ruhe gebracht. „Un caffè?“, hörte ich fragen. Unwillig schaute ich auf und sah, dass er zu mir schaute und die Frage an mich gerichtet war. „No“, erwiderte ich kurz angebunden und richtete meinen Blick wieder demonstrativ ins Buch. „O magari un tè?“, ließ er nicht locker und erklärte, dass sich doch ein Getränkeautomat im hinteren Teil des Raumes befände. Ich versuchte es mit einem Lächeln und zwei Worten mehr. „No, grazie. Sono a posto!“ (Nein, danke. Ich möchte nichts.) Diese zwei Worte oder vielmehr, wie ich sie aussprach, ließen meinen Gesprächspartner ahnen, dass ich keine Italienerin war. „Non sei italiana, vero?“ Ich atmete tief durch, bestätigte, Deutsche zu sein und beschloss, mich erkennen zu geben. Ich hatte keine Lust auf das übliche Geplänkel. Man könnte besser an bereits bekannte Fakten anschließen und die Unterhaltung etwas konkreter gestalten. „Wir kennen uns“, gab ich kurzerhand zu. „Unsere Kinder waren im selben Kindergarten und Sie gingen immer mit Ihrem Hund spazieren.“ Ob er mich erst jetzt erkannte oder nur den Unwissenden gespielt hatte? „Ach ja, mein Hund. Der ist leider gestorben.“ Das soll vorkommen, dachte ich gelangweilt und überlegte, wie ich mich aus der Affäre ziehen könnte, um zu meiner Lektüre zurückzukehren. Entweder, es kämen bald weitere Kunden oder Kundinnen, oder ich müsste eine Runde auf dem Hof drehen, oder … ja was?

Von einer Waschmaschine hatte ich mir keine Hilfe erwartet. Genau die sprang in die Bresche. Ihr ahnt nicht, wie: mit einem Defekt! Die Trommel der Maschine, in der eine meiner beiden Waschladungen steckte, drückte plötzlich bei jedem Dreh einen Schwupp Wasser aus dem Rand ihres Bullauges. Die Pfütze am Boden kroch immer weiter in Richtung meiner Füβe. Ich sprang auf und trat zur Seite. Mein alter Bekannter hatte nun auch seinen interessierten Blick von meiner lieblichen Gestalt gelöst und auf das wasserspeiende Ungetüm gelenkt. Erst sah es so aus, als wolle er selbst eingreifen. Dann besann er sich und wählte die Nummer des Betreibers, der auch sofort aus dem daneben liegenden Unterwäschegeschäft zu Hilfe eilte. „Un caso raro“, stellte der nach eingehender Visite des Patienten fest. Ein seltener Fall. So ein Fehler war in all den Jahren noch an keiner Maschine aufgetreten. Er klebte ein dickes „Guasto“ (Defekt) über das Bullauge, nachdem ich meine halbgare Wäsche in die daneben liegende Maschine umgeschichtet hatte und auf Kosten des Hauses den Waschgang noch einmal starten durfte. Es wird an mir liegen, stellte ich selbstkritisch fest. Wie es beim Computer im Büro regelmäßig der Fall ist. Wenn die Bildschirme aller Kollegen ein Dokument fehlerfrei anzeigen, habe ich Streifen drüber. Mal bildlich ausgedrückt.

Aber zurück zur Wäsche. Der Betreiber war ausgesprochen nett und beteuerte mehrmals, dass es ganz gewiss nicht meine Schuld war. Zum Trost schenkte er mir zwei Chips fürs Trocknen. Die halbe Stunde Zeit war nicht verloren, denn ich konnte nun ganz entspannt lesen. Mein alter Bekannter hatte den Salon zwischenzeitlich verlassen.

Titelbild: Symbolbild von Pexels.