Zwei von drei

Woran denkt ihr, wenn ihr „zwei von drei“ hört? Ist das gut, besser als gar nichts, oder eher daneben? Nun ja, es kommt auf den Zusammenhang an. In Italien gibt es die Redewendung „Ogni due per tre“, wenn man sich über missliche Zustände beschwert. Zwei von drei Mal kommst du zu spät. Oder: Zwei von drei Mal gehen diese blöden Schnürsenkel auf. Man will damit sagen: Ständig ist etwas so, wie es nicht sein soll. In unserer Wohnung geht knapp zehn Jahre nach dem Umbau, bei dem wir alles neu eingerichtet hatten, „ogni due per tre“ etwas kaputt. Der Klodeckel, die Mückengitter, die Gardinenstange. Kurz vor Weihnachten verabschiedete sich auch die Deckenlampe, die unsere Kücheninsel, an der wir manchmal essen und die Mädchen gern ihre Hausaufgaben machen, in dekoratives Licht taucht. Eine Designerlampe, mein Mann war besonders stolz darauf und mir gefällt sie natürlich auch. Nur haben es Designerstücke so an sich, dass es kompliziert wird, wenn man sie reparieren muss oder gar Ersatzteile braucht. Und mit den Handwerkern ist es bei uns so, dass wir kaum einen von damals wiedergesehen haben, wenn wir sie freundlich und im Glauben, gute Bekannte an der Hand zu haben, für kleine Ausbesserungsarbeiten kontaktierten. Großaufträge sind lukrativer, offensichtlich haben alle ausreichend zu tun und es nicht nötig, sich für Kleinigkeiten auf den Weg zu machen. Als die Lichter bei uns ausgegangen waren ‒ denkbar ungelegen in der dunklen Jahreszeit ‒ rief mein Mann sofort den Elektriker von damals, der auch versprach zu kommen. Wenigstens würde der die Lampe kennen, er hatte sie selbst installiert. Dass er nicht sofort käme, damit konnte ich leben. Vor Weihnachten wäre er bereits ausgebucht. Nach den Feiertagen also. Wir machten uns keine Sorgen mehr und zum Essen Kerzen an. Die Mädchen hatten in den Ferien kaum Hausaufgaben zu erledigen. Als sich unser Handwerker des Vertrauens Mitte Januar immer noch nicht meldete, versuchte mein Mann es beim Elektriker, dem unser Nachbar vertraute. Es verging ein weiterer Monat, in dem wir mit Versprechungen hingehalten wurden. Zwei von drei Handwerkern kamen nicht. Würde der dritte uns gnädig sein? Mein Mann setzte nun auf indirekte Beziehungen und alle Hebel in Bewegung, erzählte bei jeder Gelegenheit von unserem Licht, das nicht mehr leuchtete. Auf diese Weise fand sich ein Billiardfreund, dessen Bruder (oder war es der Schwager?) Elektriker ist. Mein Mann beschloss, es diesmal auf die freundschaftliche Tour anzugehen. Er lud die beiden an einem Samstagabend zum Aperitivo ein, damit sich der Fachmann den Patienten aus der Nähe anschauen konnte. Ich zündete eine Kerze an, stellte Knabberzeug bereit, und beim romantischen Kerzenschein ging der gute Rotwein runter wie Öl. „Nessun problema, ho capito cosa serve.“ (Kein Problem, ich habe verstanden, was gebraucht wird.) In gutem Glauben verabschiedeten wir uns von unseren Gästen, bevor sie gleich noch zum Abendessen geblieben wären. Aber vielleicht hätten wir eine Runde Pizza ausgeben sollen, um den Bruder (oder Schwager) des Sportkumpels wiederzusehen. Nur Wein und Nüsschen waren offensichtlich nicht freundschaftlich genug. Wir hörten nichts mehr von den beiden. Mittlerweile war es März und ich hatte die Faxen dicke, der deutsche Starrsinn ging mit mir durch: Ich bestand auf eine Lösung. Vielleicht hätte ich es wie die Sizilianer halten sollen, die das Abwarten als eine bewährte Methode praktizieren. Irgendwann würden sich die Dinge von selbst erledigen. Von dieser südländischen Normalität schrieb neulich Martina Haas auf ihrem Block. Bei vielen Dingen ist es im Norden nicht anders. In zwei von drei Fällen bleibt uns auch nichts anderes übrig, als abzuwarten. Aber würden die Lichter bei uns früher oder später von allein angehen? Da hatte ich meine Zweifel. Von irgendwo kam der Insidertipp, man solle die Versicherung einschalten. Wenn das Ganze als Schadensfall behandelt werden konnte, würde die Versicherung in vertretbarer Zeit einen Handwerker schicken. Diese Idee gefiel meinem Mann, wozu bezahlen wir jeden Monat eine Art „Vollkasko“? Und siehe da, tatsächlich vergingen nur wenige Tage, bis ein Elektriker vorstellig wurde. Nach Inspektion der Lage hatte auch er verstanden, was gebraucht wurde (sogar ohne Rotwein), und im Gegensatz zum Verwandten des Bekannten kam er eine Woche später wieder. Mit dem benötigten Ersatzteil. Schade nur, dass nach der Reparatur nur zwei von drei Leuchten wieder flimmern. In einer war auch das LED kaputtgegangen. Natürlich kein gewöhnliches LED-Licht aus dem Baumarkt, sondern ausschließlich über den Hersteller zu beziehen. Wir erkundigten uns und teilten dem Mann die genaue Bezeichnung mit und wo er sie bestellen könnte. Seitdem sind zwei Monate vergangen und wir haben nichts mehr gehört. Zum Glück ist Sommer, wir kommen auch ohne unsere Deckenleuchte über die Runden. Immerhin: Zwei von drei LEDs leuchten wieder. Das ist doch schon mal was.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Tomatensuppe Toskana

Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. So hieß es früher bei Oma und Opa, wenn wir mit neumodischen Gerichten um die Ecke kamen, womöglich noch etwas Ausländischem. Wir Kosmopoliten von heute gehen gerne ausländisch essen und machen fast jeden Hype mit. Und doch beobachte ich immer wieder: So sehr mich eine neue, fremdländische Küche zunächst reizt, verliere ich schnell die Lust daran. Manches widert mich irgendwann regelrecht an. So ging es mir in historischer Reihenfolge mit chinesischen, griechischen, mexikanischen und japanischen Gerichten. Zuletzt diese (hawaiianischen) Poké Bowls. Hm, lecker, gute Idee. Mittlerweile: Ach nö, nicht schon wieder. Neulich grübelte ich über dieses Phänomen nach und stellte fest, dass ich deutsches Essen immer wieder, tagein tagaus essen könnte, so wie ich es in der Kindheit und Jugend tat. Mittags Kartoffeln mit Soße, mal Fisch, mal Fleisch dabei, Gemüseeintopf oder Spiegeleier mit Spinat, sowas eben. Oder auch mal Süßes wie Eierkuchen oder Milchreis. Abends Schnitte. Also Abendbrot. Mit Wurst und Käse, ein bisschen Salat oder rohes Gemüse dazu. Fertig. Auch die italienische Küche hat, den persönlichen Umständen geschuldet, in meiner Standardernährung Einzug gehalten. Italienisch geht immer. Pizza muss nicht jede Woche sein, aber anwidern würde sie mich nicht. Pasta gibt es ohnehin in hundert Varianten und Zubereitungen, jetzt im Sommer gerne wieder als Pasta Fredda, also Nudelsalat. Unsere Geschmacksnerven müssen auf wundersame Weise von der Heimat beeinflusst sein. Oder sind es die Gene? Reine Gewohnheit ist es nicht, sonst hätte ich mich auch gut an Sushi oder Tacos gewöhnen können, als die mich bei ihrer Entdeckung so sehr begeisterten.

Wenn wir zuhause essen, kochen wir einheimisch. Also italienisch und manchmal deutsch. Ich erwähnte hier bereits, dass bei uns der Gatte die Chefkochmütze aufhat und ich die Contornista, die Beilagenköchin spiele. Falls ich doch mal für das Hauptgericht verantwortlich zeichne, dann mache ich es mir gerne einfach. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich weiß, dass der Gatte sich richtig Mühe gibt, neue Rezepte ausprobiert und stundenlang Video-Tutorials ansieht, wie man das Fleisch am raffiniertesten hinbekommt. Innen zart, außen knusprig. Ich improvisiere lieber und habe es gern, wenn es schnell geht. Meine Überzeugung: Erst wenn trotz geringen Aufwandes nicht nur Essbares, sondern sogar Gutes entsteht, stellt sich die wahre Zufriedenheit ein. Bei einem meiner Erfolgsgerichte halte ich mich jedoch streng an die Zubereitungsanweisung. Ich gebe für uns vier einen Liter Wasser in den Topf, koche es auf und mische dann zügig und geschickt mit dem Schneebesen den Inhalt von ‒ ich traue es mich kaum zu sagen ‒ zwei Tüten eines Pulvers hinein. Wenn alles gut verrührt ist, muss man das Ganze nur noch fünf Minuten köcheln lassen. Dabei kommt es darauf an, die Flamme so weit runterzudrehen, dass sie gerade noch brennt. Gar nicht so einfach!

Gerade erst stand ich wieder in dieser meiner Mission am Herd. Nachdem es mittags eine vom Chefkoch nach allen Regeln der Kunst bereitete Pasta alle Vongole gegeben hatte, von der wir alle noch pappsatt waren, zauberte ich mein leichtes Spezialgericht, das immer gut ankommt. Meine Familie weiß sehr wohl, was ich da anrühre. Das tut dem Geschmackserlebnis keinen Abbruch, auch wenn sich der eine oder die andere gelegentlich zu einer witzelnden Bemerkung hinreißen lässt. Am Ende sind doch wieder alle froh, wenn uns Verwandte aus Deutschland Nachschub mitbringen. Von unserer geliebten Tütensuppe. Nicht irgendwelche, nur die, die im Titel steht und deren Namen ich hier nicht noch einmal wiederhole, sonst käme womöglich noch einer auf den Gedanken, es würde sich um bezahlte Werbung handeln. (Dass so ein Süppchen ausgerechnet in Italien Furore macht, ist natürlich ein werbetechnischer Leckerbissen, vielleicht sollte ich doch mal mit dem Hersteller Kontakt aufnehmen?) Geschmacklich übertrifft die Tomatensuppe aus der Tüte jedenfalls um Längen die teuren Biotomaten aus dem Kühlregal unseres Supermarktes. Auf dem Balkon wächst zwar auch wieder eine Pflanze, aber deren Früchte hatten beim andauernden Regen bislang für das Prädikat „Sonnengereift“ zu wenig Licht. Wir werden froh sein, wenn überhaupt für jeden eine Tomate reif wird. Da hält sich unsere Kleine doch lieber an den Suppentopf, dessen letzte Reste sie mit der großen Kelle auskratzt und versucht, diese im Gesicht an die passende Stelle, nämlich in den Mund zu befördern. Wir lachen über ihren Tomatenvollbart, und alle sind einen Moment lang glücklich vereint. Was will eine Mutter mehr? Gekrönt wird das als italienisch bezeichnete Gericht bei uns übrigens mit einem Löffel Creme Fraiche aus Bayern, die es hier bei uns zu kaufen gibt. Wer es vornehm mag, der nennt solche Kombination von verschiedenen regionalen Esskulturen heutzutage Fusionsküche. Wie auch immer: Hoch lebe die deutsch-italienische Tischfreundschaft! Und die schnelle Küche.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Sole, Sole

In diesem Mai sind wir es in Italien, die noch etwas ungläubig zum Himmel schauen und die Erkenntnis zurückgewinnen: Die Sonne kommt immer wieder! Dabei muss Italien von jeher als das klassische Klischee für Sonnenschein und Liebesschwüre herhalten. Davon sang schon Bärbel Wachholz in den Sechzigerjahren. Moment mal, werdet ihr fragen: Im Osten wurde von Amore mio und Baci, Baci schwadroniert? Ich habe auch nicht schlecht gestaunt.

Als ich meiner Familie den sonnigen Titel vorspiele, kommt nach einem breiten Grinsen gegen Ende ein irritiertes „Ma che cosa dice il tizio?“ (Was sagt der Typ bloß?). Als ich nochmal zurückspule, wird schnell klar, dass der Ganove, der vom Berliner Müggelturm fast schon herablassend auf die ostdeutsche Wochenend- und Sonnenschein-Idylle herabblickt und der blonden Sängerin im Lied das Herz raubt, gar kein Italiener ist. Ob sein gemurmeltes Spanisch irgendjemandem aufgefallen ist? Aber es machte für allseitig gebildete sozialistische Persönlichkeiten, auch DDR-Bürger genannt, wohl keinen Unterschied. Eine junge Frau hätte weder einem Italiener noch einem Spanier in seine Heimat folgen können, nur wegen eines romantischen Liedes.   

Titelbild: Bärbel Wachholz singt „Sole, Sole“, Szene aus dem Video ihres Auftritts am Berliner Müggelturm 1965.

Mit anderen Worten

Wer hier schon länger mitliest weiß, dass unsere beiden Töchter zweisprachig aufwachsen. Obwohl es für sie so schön bequem ist, daheim wie draußen Italienisch zu sprechen, nerve ich sie von klein auf und spreche Deutsch mit ihnen, wenn der Papa nicht dabei ist. Irgendwann werden sie es mir danken. Die Große tut das jetzt schon, hat sie doch bereits die Gelegenheit gehabt, nette deutsche Jungs kennenzulernen und wenn alles läuft wie geplant, geht es für sie im September per Erasmus ein paar Wochen nach Berlin.

Hatte ich selbst in meinen ersten Jahren in Italien mit italogermanischen Sprachwirren zu kämpfen, springen wir neuerdings immer öfter zwischen drei Sprachen hin und her. Die Große bringt Englisch ins Gespräch, wenn sie mit uns Italienisch palavert. Zum einen sind bestimmte englische Begriffe in Italien fester Bestandteil der Jugendsprache, zum anderen studiert sie nun schon im dritten Jahr am Sprachengymnasium. (Ein Glück, dass sie auf französische Einschübe weitgehend verzichtet, aber was nicht ist kann ja noch werden.) Es kommt also vor, dass ihr, während sie mir aufgeregt etwas in Italienisch berichtet, für eine bestimmte Situation nur ein englischer Ausdruck einfällt. Come si dice? Wie sagt man? Dann sagt sie es in Englisch und fragt mich nach dem Italienischen. Wenn ich währenddessen in meiner Muttersprache mitdenke, habe ich vielleicht das deutsche Wort parat. Also helfe ich ihr und sage, dass „Ease“ mit „Erleichterung“ übersetzt werden kann. Ja, genau. Trotzdem zögert sie und sucht weiter, denn sie möchte es in Italienisch ausdrücken, da nutzt ihr das deutsche Wort wenig oder nur zur Bestätigung, dass Mama verstanden hat, was sie sagen will. Nun ist mein Ehrgeiz geweckt, und ich triumphiere mit dem italienischen Begriff, noch bevor ihn meine Tochter findet: „Sollievo“. Si, esattamente. Das ist es. Wir nicken beide und lächeln erleichtert. Es ist ein „Sollievo“, endlich das richtige Wort gefunden zu haben, damit es weiter gehen kann im Text. Aber nicht immer gibt es in der anderen Sprache das Wort, das genau passt. Dann muss man es umschreiben.

„Schmatz nicht!“ Diesen Klassiker deutscher Mutter-Sprache bekamen auch meine Kinder zu hören. Aber wenn sie nicht wollten, verstanden sie mich nicht. Sie rollten dann nur mit den Augen. Da mir gute Tischsitten zu wichtig waren, um sie unverstanden unter den Tisch zu kehren, versuchte ich es in Italienisch: „Non fare rumore con la bocca mentre mastichi!“ Schmatzen ist so ein deutsches Wort, für das es im Italienischen keine direkte Entsprechung gibt. Wie so oft, muss man eine Sache umständlich beschreiben, statt sie kurz und knapp beim Namen zu nennen. Also sagt man: „Mach keine Geräusche mit dem Mund, während du kaust.“ Ihr ahnt es: Sie rollten daraufhin noch einmal mit den Augen.

Mit unserer Großen, gerade siebzehn geworden, gleicht die Kommunikation heute zuweilen einem unterhaltsamen Sprachenquiz und funktioniert prima. Mit der Jüngeren fehlen mir oft die Worte. In Zeiten, in denen die familiäre Verständigung pubertätsbedingt schwierig wird, ist keine Sprache die richtige. Ich spüre es manchmal selbst, dass ich für meine Gefühle nicht die passenden Worte finde, weder in Deutsch noch in Italienisch, aber dass auch die vermeintlich richtigen Worte bei ihr nicht ankämen. Das macht mich traurig und wütend. Unsere Kleine ist mit ihren knapp dreizehn Jahren kaum ein Teenager, aber offensichtlich bereits in ihrer Null-Bock-Phase in Sachen Kommunikationsbereitschaft. Ich könnte es auch in Chinesisch versuchen, ihr Gesichtsausdruck wäre der gleiche, und der sagt mir auch ganz ohne Worte: Was zum Himmel willst du von mir? Sicher kennt ihr das auch und glaubt mir, dass diese Probleme nicht sprachgemacht sind, auch wenn es sich danach anhört.

Was unsere binationale Ehe betrifft, fragen mich Freunde zuweilen, ob es denn das Gleiche sein und funktionieren kann, wenn der eine nicht die Sprache des anderen spricht. Und der andere deshalb, wie in unserem Fall, eine Sprache benutzt, die nicht seine Muttersprache ist. Geht da nicht zu viel verloren? Auch hier sage ich, dass es eine Frage des Wollens ist. Eine Frage der Empathie. Wenn die Kommunikation auf der Strecke geblieben ist, kann man auch in derselben Sprache aneinander vorbeireden. Man muss zuhören können und sich für den anderen interessieren. Dann sucht und findet man gemeinsam, auch mit Gesten und Umschreibungen, die richtigen Worte. Das klappt mal fantastisch und mal weniger gut. Beim Streiten muss man besonders aufpassen. Dann sind es oft „Sfumature“, Nuancen, die den Unterschied machen und darüber entscheiden, ob man kritisiert oder schon verletzt. Auch in schwierigen Situationen zählt am Ende die Bereitschaft, auf den anderen zuzugehen, seine vielleicht ungeschickt gewählten Worte nicht überzubewerten.

„Wir verstehen uns ohne Worte“ ist ein beinah geflügeltes Wort, das man immer wieder hört und liest. Kann es das geben? Ist es nicht eine Illusion, geboren aus dem Wunsch, mit jemandem „in sintonia“ ‒ ich möchte sagen „in Syntonie“, aber das wäre auch so ein Wort, das es im Deutschen gar nicht gibt ‒ vielleicht, auf einer Wellenlänge, zu sein? Ich meine, es sind höchstens Momente, in denen es keiner Worte bedarf, weil man dasselbe erlebt und assoziiert und folglich annimmt, auch dasselbe zu denken.  

Bei allen Abstrichen, die ich zuweilen bei den Ausdrucksmöglichkeiten gegenüber Menschen, die nur Italienisch sprechen (einigen Kolleg*innen zum Beispiel) im Vergleich mit meiner Muttersprache machen muss, würde ich immer wieder ein mehrsprachiges Leben vorziehen. Ich schrieb bereits früher auf diesem Blog, dass eine andere Sprache wie ein anderes Leben ist. Eine Bereicherung, die einem über Begriffe und sprachliche Bilder mitunter vollkommen neue Sichtweisen eröffnet. Mit den meisten Menschen (einigen anderen Kolleg*innen zum Beispiel) kann ich in mehreren Sprachen nach den passenden Worten suchen. Und oft kommt es am Ende gar nicht auf das eine, richtige Wort an. Sondern einfach darauf, dass und wie man miteinander gesprochen hat.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Maltempo

Eiskalt ist es nicht, aber an einem 15. Mai nicht einmal 15 Grad Höchsttemperatur, das gab es früher nur in Deutschland. Und die Deutschen kamen ab Ostern, spätestens zu Himmelfahrt und Pfingsten nach Italien für einen vorgezogenen Sommer mit Sonne satt und köstlich cremigem Gelato. In diesem Jahr geht die Rechnung nicht auf. Wir haben immer wieder Maltempo. Ich muss schmunzeln, während ich den handgeschriebenen Aushang in einer Vareser Gelateria fotografiere. Der kündigte bereits gestern vorsorglich an, dass heute wegen schlechten Wetters geschlossen bleibe. Eine nette Geste, finde ich. Ich wünsche Urlaubern, dass sie sich gestern ihren heißersehnten italienischen Eisgenuss holen konnten oder noch ein paar Tage vor sich haben, denn zum Wochenende soll es aufhören zu regnen und ein paar Grad wärmer werden. Derweil bestelle ich mir nebenan in der Bar eine Tasse heißen Tee.

Vorne sitzen

Dass unsere kleinen Mädchen groß geworden sind, erkenne ich an der Farbe der Flusen, die ich beim Swiffern* in der Wohnung aufsammle. Vor Jahren waren sie rötlich pink. Jetzt sind sie schwarzgrau. Als ob es fürs Großwerden einen Farbindikator bräuchte, werdet ihr sagen. Und eigentlich sind die Flusen, die ihre Kleidung und Strümpfe auf dem Boden hinterlassen, auch nicht mein Thema. Es ist ihr so schnelles Älterwerden und dass ich glaube, wir Eltern tun uns in vieler Hinsicht schwer damit, uns damit zu arrangieren. Ich tue mich schwer damit. Meine detailverliebte Einleitung ist ein gutes Indiz dafür. Wovon ich heute schreiben möchte, ist ihr Wunsch, im Auto vorne zu sitzen. Solange wir Eltern die Kinder auf unseren Wegen mitnahmen, saßen sie sicher und ohne Diskussion hinten: zum Anfang im Kindersitz, dann reichte eine Sitzerhöhung. Beides ist lange her. Trotzdem komme ich noch heute, da ich regelmäßig Mama-Taxi spiele und die jugendlichen Fahrgäste an ihre gewünschten Bestimmungsorte bringe, nicht umhin, die eingeübte Sitzordnung beizubehalten. Wenn nur eines der Mädchen mitfährt, habe ich es lieber, es sitzt genau hinter mir. Der Platz hinter dem Fahrer gilt in Unfallstatistiken als der sicherste. Ich bin geübt darin, gelassen zu verneinen, wenn ich mit „Mutti gucke mal!“ zum Umdrehen aufgefordert werde. Sitzt meine Beifahrerin hinter mir, kann ich per Rückspiegel einen Blick wechseln. Ein bisschen dient die schöne Tradition aber auch meiner eigenen Bequemlichkeit. Ich bin es von Anfang an gewohnt, beifahrerfrei zu fahren und meine Handtasche immer in Griffweite auf dem Platz neben mir zu wissen. Selbstverständlich krame ich nur im Stau oder an der Ampel nach meinen Sachen, und ich linse auch überhaupt nie aufs Handy. Großes Autofahrerehrenwort!

„Bei dir fühlt man sich immer wie im Taxi“, kritisierte die Große irgendwann. Ich lachte darüber, und sie setzte noch einen drauf: „Alle anderen Mütter lassen ihre Töchter vorne sitzen, oder mich, wenn ich bei ihnen mitfahre.“ Der letzte Satz saß. War ich eine schlechte Mutter? Ich grübelte, ob die Sicherheit unserer Kinder nur eine Ausrede wäre, um meine Bequemlichkeit nicht aufzugeben. Aber weil man ja gern im Vergangenen nach Erklärungen für seine heutigen Unzulänglichkeiten sucht, habe ich auch eine gefunden: Sich groß zu fühlen, wenn man im Auto vorne sitzt, womöglich gar erst vorne sitzend ernstgenommen zu werden, das kenne ich nicht. Meine Eltern hatten kein Auto, ich selbst habe erst sehr spät meinen Führerschein gemacht. Das war kurz bevor ich Mutter wurde und mich die Angst und das Sicherheitsdenken sogar davon abhielten, Autobahn zu fahren.

Seitdem arbeite ich daran, meine Ängste zu überwinden und die eingefahrenen Spuren zu verlassen. Nachdem ich anfangs nur unter Protest den Beifahrersitz freimachte, passiert es neuerdings sogar, dass ich enttäuscht bin, wenn sie doch hinten einsteigt. „Aus Gewohnheit“, heißt es dann. Dabei fühlen sich unsere Unterhaltungen womöglich anders an, wenn sie neben mir sitzt. Mehr auf Augenhöhe, so Schulter an Schulter. Die Jüngere muss ich hin und wieder noch dran erinnern, dass ihr Knie in der Gangschaltung nichts zu suchen hat und ihr Kopf besser hinten an der Kopfstütze bleibt, weil mein Blick nach rechts sonst eingeschränkt ist. Wir lernen es, besser spät als nie. Hoffentlich habe ich beide noch lange als zufriedene Beifahrerinnen neben mir sitzen. Unsere Älteste könnte in knapp einem Jahr schon ihren Führerschein machen und allein fahren. Auch so ein Gedanke, an den ich mich erst noch gewöhnen muss. Ich hätte liebend gern noch etwas mehr Zeit dafür.

*So ein schönes Wort! Es steckt keine Werbeabsicht für ein bestimmtes Staubtuch dahinter.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Auf dem Sofa

„1. Mai, wir sind dabei.“ So hieß es in meiner Kindheit und Jugend in der DDR. Natürlich war ich dabei, marschierte aber nicht mit der Schulklasse in Reih und Glied an der Ehrentribüne vorbei, sondern durfte mit dem Tanzensemble privilegiert aus der Reihe tanzen. So entging ich dem Winken mit zugeteilten Wink-Elementen ebenso wie der Gefahr, ein Pappschild mit kämpferischer Losung an den Kopf zu kriegen. Einer Freundin schlug bei einem solchen Aufmarsch dereinst ein „Alles zum Wohle des Volkes“ vor die Stirn, woraufhin sich ihr Wohlsein für diesen Tag erledigt hatte. Von solchen Missgeschicken abgesehen, war die jährliche Maidemonstration ein Spaziergang. Wir mussten nicht kämpfen. Der Arbeitsplatz war sicher, wenn auch vielleicht nicht der, den wir uns erträumten. Aber zum Träumen eignen sich romantische Orte (notfalls das heimische Sofa) ohnehin besser als die Straße.

Heute ist nichts mehr sicher, dafür jeder seines eigenen Glückes Schmied. Unser Kampf- und Feiertag der Werktätigen findet auf dem Sofa vor dem Fernseher statt. Wir schauen wie rund zwei Millionen anderer Italiener das seit 1990 jährlich stattfindende, von den führenden Gewerkschaften initiierte Konzert zum 1. Mai in Rom, das sich auf seiner Webseite Primo Maggio Roma rühmt, „Il piu grande evento gratuito di musica dal vivo in Europa“, das größte kostenlose Live-Konzert in Europa zu sein. Und, sie haben es gut erkannt (oder mich gesehen), denn sie schreiben weiter: Es ist „ … ein Format, dem das Kunststück gelingt, sowohl den Teenager, der vor der Bühne tanzt, als auch den erwachsenen Zuschauer, der bequem zu Hause vor dem Fernseher sitzt, einzubeziehen.“

Ich freue mich auf einen Konzertmarathon vom frühen Nachmittag bis zum späten Abend mit der aktuellen Musica „Made in Italy“. Gespielt für Europa, wohlgemerkt. Das Motto der Veranstaltung lautet dieses Jahr: „Costruiamo insieme un’Europa di pace, lavoro e giustizia sociale“ (Bauen wir gemeinsam ein Europa des Friedens, der Arbeit und der sozialen Gerechtigkeit). Da baue ich gerne mit, zumal ich es daheim im Trocknen gemütlich habe, während es in Rom den ganzen Tag regnen soll.

Umberto Tozzi, der 72-jährig in diesem Mai seine große Abschiedstournee antritt, wird heute nicht auf der Bühne stehen. Dabei hat er mit dem Welthit „Ti amo“ nicht nur das im Ausland am meisten missverstandene Liebeslied aller Zeiten geschrieben, sondern auch den ultimativen Song zum 1. Mai. Der untreue Mann kehrt zur betrogenen (Ehe-)Frau nach Hause zurück, die, so meint er, sogar am Bügeln seiner Hemden Freude hat, schließlich singt sie dabei. Ob mit „guerriero di carta igienica“, dem Klopapierkrieger, nur „Scheiβkerl“ gemeint ist, wie Tozzi vor einigen Jahren der Augsburger Allgemeinen erklärte? Es bleibt unserer Fantasie überlassen. Die Textzeile „Primo Maggio, su coraggio!“ („1. Mai, nur Mut“ oder „1.Mai, Kopf hoch!“) wird jedenfalls in verschiedenen Interpretationen immer wieder gern zitiert. Im Lied ist es der Feiertag, an dem der Mann seiner Frau gegenüber keine Ausrede hat, nicht daheim zu sein. Also geht er zu ihr und bittet um Vergebung, statt noch länger bei der Geliebten zu bleiben. Gerade mit dieser Zeile wird Tozzis Hymne auch außerhalb des ursprünglichen Kontexts lange aktuell bleiben, denn von einem „Kopf, hoch!“ fühlen sich Arbeitende und nach Arbeit Suchende gleichermaßen angesprochen. Irgendwas läuft immer falsch, da helfen keine Wink-Elemente und keine Popkonzerte.

Neugierig auf die Interpretation des Songtexts von „Ti amo“? Hier fand ich eine lesenswerte Textanalyse. Naturalmente in italiano, aber man kann es sich leicht mit einem der gängigen Programme übersetzen lassen.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Plaudereien aus dem Nähkästchen

Gestern habe ich ein Kleid in Auftrag gegeben. Ja, ihr habt richtig verstanden. Ich lasse mir ein Kleid maßschneidern. Luxus? Ach was! Der Italiener würde sagen „fare una follia“, etwas Verrücktes tun. Aber er meint damit ein Risiko oder eine exorbitant hohe Ausgabe, in einem Anflug von Größenwahn. Dabei klingt das, was ich getan habe, noch viel verrückter. Weder habe ich ein Schnittmuster oder Foto des Kleides gesehen, das ich mir nähen lasse, noch kenne ich den Preis, den ich dafür zahlen werde. Lasst euch erklären, wie es zu dieser Entscheidung kam: aus dem Bauch heraus und von Herzen.  

Es begann vor etwa fünf Jahren. Damals war ich für eine größere Näharbeit auf der Suche nach einer Sarta di fiducia, einer Schneiderin als Handwerkerin des Vertrauens. Ich fragte ein wenig herum, unter Bekannten, im Büro. Irgendwann beschloss ich, den Faden von hinten aufzurollen, besorgte zunächst das Material und erkundigte mich dann nach den geeigneten Händen, in die ich es legen würde. So empfahl man mir im Stoffgeschäft, meine Sitzkissenbezüge von Maria nähen zu lassen. Maria hatte gerade in einem verlassenen Einkaufszentrum bei uns gegenüber ihren kleinen Laden eingerichtet. „Riparazioni e lavori di cucito“ (Reparationen und Näharbeiten), stand per Hand auf ein Stück Pappe geschrieben. Anstelle der Öffnungszeiten hing an der Tür ein Zettel mit ihrer Telefonnummer. Bis heute schicke ich ihr eine Nachricht und frage, ob ich vorbeikommen kann. Dabei hat sie mittlerweile offizielle Öffnungszeiten und, wie sie verschmitzt grinsend sagt: „Ma io sono sempre qua.“ Ich bin doch immer hier. Maria ist eine Frau mit weiblichen Rundungen und grauem, locker zum Knoten gebundenem Haar, die ich auf Mitte sechzig schätze. Sie trennt sich gerade von ihrem Mann, der sie belogen und betrogen hat, und macht jetzt ihr eigenes Ding. Sie hat drei erwachsene Kinder, zwei Töchter und einen Sohn. Das weiß ich alles, weil sie es mir erzählt hat. Maria ist eine, die ihre italienischen Lieblingslieder im Radio mitsingt, während die Nähmaschine rattert, und der ich auf die Frage „Come stai?“ nicht mit einer Floskel antworte, wie es eigentlich üblich ist. Ich erzähle ihr vom Stress im Büro, den kleinen Sorgen mit den gröβer werdenden Kindern, von den Eltern in Deutschland, die es nun nicht mehr gibt. So tröstete sie mich, als ich ihr einmal anvertraute, dass unsere Töchter ständig streiten und mich das sehr traurig macht, weil ich doch gehofft hatte, Schwestern würden sich gernhaben. „Dopo si cercano, vedrai!“ Später, wenn sie erwachsen sind, wird ihr Verhältnis enger werden. Und sie erzählte vom Pranzo di Natale, das nun die älteste Tochter für alle in Rom ausrichtet, seit es die Nonna in Sizilien nicht mehr gibt. Als ich kurz vor Ostern sagte, dass wir hier keine Familie haben und nicht bis nach Deutschland fahren können, weil es zu weit sei für drei Tage, schlug sie vor, dass wir am Ostermontag doch zu ihr kommen könnten. Ich lächelte, wohl wissend, wie die Italiener es mit Einladungen und Verabredungen so halten. Aber bei Maria glaube ich, dass sie es fast ein bisschen ernst meinte.

Und so kam es auch zu der Sache mit dem Kleid. Nach dem Nähen von Sitzkissen und Polsterbezügen ließ ich bei Maria so manche Hose kürzen, Reißverschlüsse austauschen und von den Mädchen selbstbeschnittene Shirts fachgerecht versäubern. Dabei bietet sie nicht nur Reparaturen, sondern auch Maßschneiderei an. Ich habe keine Anlässe, etwas nähen zu lassen, dachte ich oft mit leichter Wehmut, die ausgestellten Stücke betrachtend. Bis ich neulich, beim Cambio Armadio, dem saisonalen Umräumen des Kleiderschranks, zum x-ten Mal dieses Tuch in den Händen hielt. Türkisgrün hatte es mich einst im Schlussverkauf angestrahlt und zu einem Spontankauf bewegt, den ich nicht bereut habe, der aber noch kein einziges Tragen des Tuches zur Folge hatte. Wozu sollte ich es umlegen? Als Stola zu einem schulterfreien Kleid? Als Schal zu einer Übergangsjacke? Ich habe keine Bekleidung zu dem Accessoire, und so weit käme es noch, dass ich mir zum Tuch aus dem Schlussverkauf ein teures Kleid oder eine passende Jacke kaufe. Da fiel mir Maria ein. Ein luftiges Sommerkleid für den Strand könnte der Stoff hergeben. Also trug ich das Tuch in ihr Geschäft, beschrieb mit vielen Worten und noch mehr Gesten, was ich mir vorstelle. Sie nickte nur und versicherte mir: „So già, cosa vuoi.“ Ich weiß schon, was du möchtest. Was sollte ich darauf anderes antworten als: „Benissimo, fai tu allora!“ Sehr gut, dann mach mal!

Zum Weiterlesen zurückblättern:

Einer meiner ersten Texte auf diesem Blog, „Bene, ma non benissimo“, beschreibt das Dilemma, wenn es um die Frage geht, wie es einem so geht.

Manchmal kann es in Italien schwierig sein, Verabredungen zu treffen. In „Der Italiener und die (Un-)Verbindlichkeit“ erzähle ich, warum.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Frohen Feierabend, Italy!

Im Panificio (Bäckerei) mit „Tavola Calda“ (warmen Speisen), in dem ich manchmal einen schnellen Mittagssnack einnehme, sind die Tische mit etwas Praktischem geschmückt. In einer adretten schwarzen Schale finden sich neben Salz und Pfeffer Extra Natives Olivenöl aus Umbrien, Aceto Balsamico aus Modena und ein Tomatenketchup eines Mailänder Herstellers. Alles in der hygienischen Einzelverpackung. (Mal ehrlich: Wer hasst es nicht, die fettverschmierten Öl- und Essigflaschen in die Hand zu nehmen, um seine Scheibe Brot mit Öl zu beträufeln oder den Salat anzumachen?) Woran mein Blick hängen bleibt, ist der Claim auf der Schale: „Questo locale sceglie le eccelenze Made in Italy“ (Dieses Lokal setzt auf Exzellenz Made in Italy.) Nun weiß man nicht, wo die Zutaten herkommen, mit denen in der Backstube gebacken und in der Küche gekocht wird. Gute Hoffnung ist berechtigt. Was ich mich als Hinzugezogene allerdings frage: Wäre solch ein Werbespruch in einer deutschen Bäckerei oder Fleischerei vorstellbar? Dass da auf dem Ständer mit Bautzener Senf und Ketchup aus Werder stünde: „Diese Imbissstube stellt deutsche Qualitätsprodukte auf den Tisch.“ Oder: „Dieses Lokal wählt Delikatessen Made in Germany.“ Hm, schwer vorstellbar. Schon eher, dass man auf die Region setzt: „Gutes von hier.“ So ist das in Deutschland.

Ich erlebe im Privaten immer wieder, dass der Italiener ein entspanntes, fast schon flexibles Verhältnis zu seiner Nationalität und seinem Land hat, das sowohl überschwänglichen Stolz als auch schamlosen Spott zulässt. Dass nun der 15. April, Geburtstag des großen Universalgelehrten und gern als Idol für italienischen Erfindergeist bemühten Leonardo da Vinci, von der Regierung zum jährlichen „Giornata Nazionale del Made in Italy“ erklärt wurde, davon sprach heute kein Mensch im Büro. Im Gegenteil, als ich es ganz beiläufig erwähnte und einen schönen FEIERabend zu diesem Anlass wünschte, erntete ich erstaunte Blicke. Sie werden noch davon gehört haben, meine italienischen Kolleg*innen. Spätestens im Autoradio auf der Heimfahrt. Nun kann man streiten, ob sich das Wirtschaftsministerium in Rom „Ministero delle Imprese e del Made in Italy“ nennen muss, und ich zweifele noch am Sinn spezieller „Made in Italy“-Gymnasien ab dem kommenden Schuljahr, die, so hört man, bislang wenig Zulauf haben. Grundsätzlich finde ich den Ansatz, den Gedanken des „Made in Italy“ wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein zu rücken, gar nicht verkehrt. Ein Land darf seine Traditionen im Hinblick auf intellektuelle und schöpferische Stärken und Ressourcen pflegen und zukunftstauglich machen. Das ist kein Nationalismus, das ist eher wie im Sport, wo jeder gewinnen will und darf. Es gibt genug Sportarten und Medaillen zu verteilen. Solange der eine den anderen, den befreundeten Wettbewerber, nicht mit unfairen Mitteln ausspielt ‒ in der Wirtschaft nennt man es boykottieren ‒ ist gegen motivierendes Training und eine starke Fankultur nichts einzuwenden. Am Ende profitieren alle vom gemeinsamen Spiel. Vielleicht gelingt es Italien so, die vielbeklagte „fuga di cervelli“, die Flucht gut ausgebildeter junger Akademiker und Fachkräfte ins Ausland, zu stoppen oder sogar umzukehren. Wer hier keine Zukunft sieht, keine Chance, die eigenen Talente und Kenntnisse gewinnbringend für sich selbst und die Gemeinschaft einzubringen, wer keinen Stolz auf Ideen und Produkte „Made in Italy“ verspürt, der sucht sein Glück anderswo. Und denkt nicht selten in der Ferne mit Wehmut an sein geliebtes Bella Italia. Dolce Vita ist ein schönes Leitmotiv, aber das Glück vom süßen Nichtstun muss erarbeitet werden. Hier. In Italy. Sonst ist bald Feierabend.

Zum Weiterlesen: Martina Haas betrachtet das Thema auf ihrem Blog mit größerer Skepsis.

Am Broadway in Varese

Als mein Mann noch ein Fidanzato war und mir den Hof machte, hatte er meine Interessen erkannt und seine Taktik personalisiert. Statt mich mit Shoppingtouren durch Mailand zu begeistern, setzte er auf kulturelle Highlights. So führte er mich ins Casinò nach Campione, der italienischen Exklave im Schweizer Tessin. „Warst du schon einmal in einer Spielbank?“ fragte er damals galant, ein Kopfschütteln und ehrfurchtsvolle Dankbarkeit erwartend. Ich schmunzelte und erklärte betont beiläufig: „In Las Vegas war ich, sonst noch nicht.“

Mein Fidanzato führte mich auch ins Theater. Ich weiß nicht mehr, welches Musical es war und welche Compagnie auftrat (es wirkte alles etwas provinziell), aber ich erinnere mich gut an seine Frage: „Hast du schon mal ein Musical gesehen?“ „Einige“, gab ich zu, „darunter „Cats“ am Broadway.“ Mein Gatte in spe hat meine Ehrlichkeit wohl krummgenommen, wir gingen später jedenfalls nur noch selten gemeinsam ins Theater. Dabei verliebte ich mich in ihn und nicht in das, was er mir bot.

Jetzt musste ich wieder an meinen ersten Musicalabend in Italien denken. Das Theater Varese setzt in der laufenden Saison auf die sogenannte „leichte“ Unterhaltung. (Dabei ist gerade das Musical schwer zu performende Kunst und fordert Akteure, die gleichermaßen Schauspieler, Sänger und Tänzer sind.) Bislang dominierte das Sprechtheater den Vareser Spielplan, mittlerweile gastieren fast alle aktuellen Show-Produktionen Italiens auch in unserer Provinzhauptstadt. Nach Jahren unfreiwilliger Musical-Abstinenz nehme ich das Angebot gerne wahr, zumal es im unterhaltsamen Genre leichter ist, andere zum Mitgehen zu überreden. Gleich im Januar schleppte ich eine Freundin zu „Sister Act“. Sie kannte den Film, ich weder Hollywoodstreifen noch Bühnenfassung. Es war ein mitreißendes Spektakel, das die tanzenden Nonnen boten, auch wenn bekannte Songs zum Mitsingen fehlten. Im Februar lud ich unsere Kleine zu „Fame“ ein. Im Italienischen, in dem „fame“ Hunger bedeutet, haben Serie, Film und das Musical einen erklärenden Untertitel: „Saranno famosi“ (Sie werden berühmt sein). Das Musical der aufstrebenden jungen Bühnentalente, hungrig nach Ruhm, hatte ich zuletzt in London gesehen. Vor etwa 19 Jahren. Das nachzurechnen, fühlt sich nicht wirklich gut an. Ich fühle mich furchtbar alt. Noch immer singe ich den Titelsong aus dem Stehgreif („Baby, look at me …“) und muss mich beherrschen, meine alten Knochen in Schach zu halten und nicht zu Battement und Pirouette anzusetzen. Das könnte schnell auf eine schmerzhafte Zerrung hinauslaufen. Wenn alles gut geht. Vor dem Event fragte ich mich, ob die Geschichte vom kräftezehrenden Training für den Traum von der großen Showbühne meine Tochter begeistern würde wie mich damals. Ein wenig skeptisch war ich auch, ob die italienische hinter der damaligen Londoner Fassung zurückstehen könnte. Meine Sorgen hatten keinerlei Berechtigung. Wir erlebten großartige Darsteller in einer Inszenierung, der es gelingt, das Stück aus den 80er-Jahren ins Hier und Heute zu holen. Sicher ist unsere Jüngste mit ihren zwölf Jahren noch sehr jung, um alle Botschaften des Stoffes zu verstehen. Aber ich sah an ihren glühenden Wangen und wachen Augen bis kurz vor Mitternacht, dass ich eine gute Entscheidung getroffen hatte, sie mitzunehmen.

Gern hätte ich auch ihrer großen Schwester „Fame“ nahegebracht, doch führte bei ihr an einem Freitagabend kein Weg in den Theatersaal. Für unser gemeinsames Erlebnis war jetzt, Anfang April, Gelegenheit. Der Samstagabend ist der einzige, nach dem sie nicht am darauffolgenden Morgen in die Schule muss. Zu meinem Geburtstag hatte unsere Älteste aus dem locker hingeworfenen Vorschlag ihr Geschenk gemacht. Symbolisch versteht sich. Bestellt und bezahlt habe ich die Karten. Doch darum geht es nicht und ist bei den heutigen Preisen ohnehin selbstverständlich. Allein ihre Begleitung ist ein großes Glück für mich. Normalerweise sind ihre Samstagabende Freundinnen reserviert. Diesmal tanzten die verruchten Mörderinnen aus „Chicago“ auf den Vareser Brettern, die die Welt bedeuten. Wieder ein Stück, das ich bereits kenne. Ich hatte es vor Jahren – wann war das bloß – in der deutschsprachigen Erstaufführung am Theater an der Wien gesehen. Damals tanzte ich selbst noch und wäre am liebsten mit auf die Bühne gesprungen. In Varese beobachteten wir einen jungen Mann in der Sitzreihe neben uns, der sich nach der Pause für seinen eigenen Auftritt aufzuwärmen schien. Ich grinste mitfühlend.

Das Aufregendste für mich Teenager-Mama waren jedoch die zwei Stunden vor dem Theater. Ihr müsst wissen, dass die Vorstellungen bei uns erst um 21 Uhr beginnen. (Auch ein Grund, weshalb Theaterbesuche unter der Woche für Berufstätige hart und für Schüler unmöglich sind.) Während es noch im vergangenen Jahr ein Problem war, unsere Tochter mit dem Auto in Varese nach einem Abend mit Freundinnen abzuholen, weil sie sich unserer schämte, und unvorstellbar, gemeinsam durch IHR Revier zu bummeln, lud sie mich diesmal zu einem Aperitivo in ihre Lieblingsbar ein. An einem Samstagabend! Wo sie lauter Leute sehen würde, die sie kennt und die sie kennen. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie geehrt ich mich fühlte. Sie hatte ‒ quasi Stammgästin des angesagten Lokals ‒ per App für uns reserviert. Ich gab mir alle Mühe, nicht peinlich zu gucken, zu reden oder zu tun, aber sie zeigte sich tiefenentspannt und gar nicht besorgt. Hach, dass ich das noch erleben durfte! Wie auf Wolken schwebte ich anschließend ins Theater.

Am Tag darauf musste ich dann doch recherchieren und fand im Online-Archiv einen Eintrag und das Programmheft der Wiener „Chicago“-Aufführung von damals. Nun weiß ich wieder, dass ich zum Jahreswechsel 1998 /1999 dort war. Gott, war ich jung! Aber nicht mehr jung genug, um noch den Traum von der großen Showbühne zu träumen. Der bleibt nun meinen Töchtern vorbehalten. Wobei die Showbühne des Lebens auch ein Szenelokal in Varese sein kann.