Sendepause

Heute mache ich es mir einfach. Ich bin im Urlaub. In Italien, wo sonst? Ich spare mir eine lange Anreise und genieße das süße Leben so gut wie vor der Haustür, während ich den Gesprächen der Touristen lausche. Auch im weniger bekannten, dafür umso schöneren Feriendomizil am Lago Maggiore höre ich viel Deutsch in diesen Tagen. Das Gemecker hält sich in Grenzen. Zum Glück. Es ist nicht so überlaufen hier. Von eigener Verwandtschaft, die sich zu den touristischen Hotspots Italiens weiter in den Süden gewagt hat, vernehme ich die übliche Kritik. Einen sehr lesenswerten, unterhaltsamen Artikel zur Frage „Sind Ferien im Süden eine Zumutung – oder eine »unerhörte Schwelgerei«?“ gibt es beim Spiegel. Manchmal ist es legitim, andere für sich arbeiten zu lassen.

Habt einen wunderbaren Sommer, wo immer ihr seid! A presto!

Vom großen P zum kleinen Angsthasen

Oft loben mich Freunde, wie mutig ich doch gewesen sei, meinen hochbezahlten Job in Deutschland aufzugeben und als Praktikantin in Italien neu anzufangen. Ich lächle dann zustimmend und denke mir: Wie gut, dass sie nicht wissen, was für ein Schisser ich heute bin. Fotos meiner mutigen Zeiten liegen bei uns im Keller, genauer gesagt, in der Waschküche. Meine Erinnerungen dümpeln bei starker Luftfeuchte vor sich hin, in einem Schrank, einsortiert in hässlichen Einsteckalben verschiedener Größen und Farben. Bis zum Jahr 2004 archivierte ich Bilder auf diese Art. 2004 war auch das Jahr, in dem ich in Italien meinen Führerschein machte und am 4. August mein erstes eigenes Auto kaufte. Das Bild im Titel, das mir neulich in die Hände fiel, während ich ein anderes suchte, muss ein paar Tage später entstanden sein. Eine Arbeitskollegin hatte mich in der Mittagspause fotografiert, während ich das im Büro ausgedruckte große „P“ in meinen nagelneuen Gebrauchtwagen klebte. Ich glaube, meine deutschen Kolleginnen freuten sich mit mir und waren stolz auf mich, und falls sie doch innerlich grinsten, dann war mir das damals herzlich egal. Sie hatten den Führerschein kurz nach ihrem 18. Geburtstag in Deutschland gemacht und waren sogar im Auto nach Italien gekommen. Na, und? Ich war mit meinen 32 Jahren spät dran, aber zu allem entschlossen. Ich fuhr damals los, ohne Navi, ohne Karte, einfach der Straßenbeschilderung folgend. Letztere, so heißt es, lässt in Italien zu wünschen übrig. Also muss auch so etwas wie Intuition dabei gewesen sein, als ich mich unternehmungslustig hinters Lenkrad setzte, um allein oder mit ahnungslosen Beifahrern unsere schöne norditalienische Gegend unsicher zu machen. Einmal brachte ich meine Eltern auf Landstraßen im strömenden Regen bis nach Bergamo. Und heute? Heute fahre ich den Weg zum Krankenhaus zwei Orte weiter am Wochenende Probe, damit ich mich zum Untersuchungstermin nicht verfahre.

Eine absolute Sternstunde meiner Fahrkünste erlebte die Tochter mit mir vor ein paar Tagen. Ich war mit ihr an den Vareser See gefahren, eine Strecke, die ich eigentlich auch ohne Navi hinbekomme. Aber wozu hat man moderne Technik? Um sich sicher zu fühlen! Und so passierte es, dass ich auf dem Rückweg vom Weg abkam. Weil ich nicht bei der Sache war und, statt aufs Navi zu schauen, sowohl dem Autoradio als auch den aufgeregten Erzählungen meiner Beifahrerin lauschte, folgte ich dem vor mir fahrenden Wagen und fand mich plötzlich auf der Autobahn wieder. Ihr müsst wissen, dass Autobahnfahrten nicht zum italienischen Führerscheinprogramm gehörten, nicht mal der doppelspurige Kreisverkehr am Ortsausgang, um genau zu sein. Ich war damals in der benachbarten Wohnsiedlung geblieben, kleine Straßen auf und ab gefahren und hatte zweimal auf dem dortigen Parkplatz eingeparkt. So minimalistisch geschult wagte ich mich erst einige Zeit später und nur in Begleitung meines frischvermählten Gatten ein paar Mal auf die Autobahn. Dann wurde ich schwanger und mit dem Mut war es vorbei. Dabei heißt es doch, Mutterschaft würde aus Frauen Löwinnen machen. Aus mir wurde ein Angsthase. Mit dem Argument, das ungeborene Leben und später das Kleinkind nicht in Gefahr zu bringen, ging beziehungsweise fuhr ich nur noch auf Nummer sicher.

Teenager sind keine Kleinkinder mehr, aber das heißt noch lange nicht, dass man mit ihnen nicht vorsichtig fahren sollte. Als ich nun in Begleitung des jüngeren Teenagers auf der Autobahn Richtung Mailand statt nach Hause fuhr, reagierte ich prompt und nahm die erste Abfahrmöglichkeit. Schade, dass sich die vermeintliche Ausfahrt als Rastplatz entpuppte. Das bedeutete, noch einmal genau den schwierigsten Teil wagen zu müssen, nämlich das Auffahren und zeitgerechte Einreihen in den rasend schnellen Verkehr. Ihr ahnt nicht, welchen Mut ich aufbringen musste, als ich mich angesichts meiner alternativlosen Lage genau dazu durchrang. Meinen Mann vom Rastplatz aus anzurufen, hätte nichts gebracht. Er konnte mich schließlich nicht abholen. Sollte ich einen anderen Mann (oder eine mutige Frau) fragen, ob er/sie das Auto für mich beschleunigt und sich nach dem Einreihen herauskatapultiert, während ich auf die Fahrerseite wechsle und er/sie zurück zum Rastplatz läuft? Lacht nicht, all diese unmöglichen Möglichkeiten spielte ich gedanklich durch. Letztlich half mir die unerträgliche Hitze, meine grotesken Gedankenspiele schnell beiseitezuschieben, den Motor und die Klimaanlage wieder anzustellen und … Augen auf und rauf auf die Autostrada. Keine fünfhundert Meter später gab es dann tatsächlich eine Abfahrt. Als wir nach Hause kamen, grinste mein Mann süffisant und fragte mich direkt, was ich denn auf der Autobahn gesucht hätte. Er sei kurz davor gewesen, die Sicherheitskräfte zu alarmieren. Mein Mann ist mit dem Handy der Tochter über GPS verbunden und hatte unsere Reiseroute daheim mitverfolgt. Wieder einmal hieß es für mich: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Ob ich nun ein Autobahnübungsprogramm starte, für alle Fälle? Es müsste einen Integrationskurs geben, für Führerscheinbesitzer ohne ausreichende Praxis. Dann könnte ich gemeinsam mit unserer Großen noch einmal zur Fahrschule gehen. Auch wenn ich Sorge habe bei dem Gedanken, dass sie und irgendwann auch die Kleine sich selbst ans Steuer setzen, so glaube ich doch, dass sie mutiger sein werden als ihre Mutter. Die Geschichte vom „Kleinen Angsthasen“, die ich als Kind so liebte, war schließlich die, dass er eigentlich gar nicht ängstlich war, seine Oma ihm nur nichts zutraute und überall Gefahren lauern sah. Dabei wuchs er über sich selbst hinaus, als es darauf ankam.

Ihr kennt die wunderbare Geschichte „Der kleine Angsthase“ von Elizabeth Shaw nicht? Dann lasst sie euch von der sympathischen Jeanna vorlesen!

Titelfoto: P steht in Italien für Principiante, wie das A für Anfänger.

Schweißtreibende Angebote

Lebensmittel einkaufen wird immer komplizierter. Dabei gehe ich nur in einen einzigen Supermarkt, spare es mir, Angebote zu vergleichen und mehrere Geschäfte abzuklappern. Sicher muss man sich das leisten können, aber ich sage mir, dass Zeit und Benzin auch etwas kosten. Immerhin kaufe ich geschätzt sechzig oder siebzig Prozent der Artikel im Angebot. Mein Supermarkt macht, so scheint mir, sogar personalisierte Werbung und setzt bestimmte Produkte, die ich regelmäßig kaufe, extra für mich in die Werbung. Leider wird der Marketingmix zunehmend unübersichtlicher. Die meisten Preisnachlässe gibt es automatisch mit der Kundenkarte. Bei anderen Aktionen, für die ich eine E-Mail erhalte, muss ich an der Kasse einen Code scannen lassen. Die Neuerfindung dieses Sommers katapultiert das Spiel in neue Höhen. Sie nennen es Wiederkomm-Rabattaktion. Erst muss man ein paar Tage lang ordentlich einkaufen und erhält für einen bestimmten Betrag jeweils einen Gutschein. Den kann man darauffolgend ‒ innerhalb von nur wenigen Tagen ‒ bei einem bestimmten Einkaufsbetrag einlösen. Raffiniert, oder? Womöglich glauben die Marketingstrategen gar, sie könnten die Leute davon abhalten, in den Urlaub zu fahren und anderswo einzukaufen? Urlaub war bei uns weder im Juni noch im Juli Thema und so stand fest, dass ich alle Gutscheine einlösen würde. Am letzten Tag ihrer Gültigkeit wollte ich den Einkaufswert erreichen und hatte gleichzeitig einen Code für Tiefkühlprodukte. Würde deren voller Preis zum Warenwert zählen, oder nur der reduzierte? Es versprach, spannend zu werden. Ich kam am Ende richtig ins Schwitzen. Holt euch einen kühlen Drink, legt die Beine hoch und lest entspannt, warum mir an der Kasse der Schweiß auf die Stirn trat:

Während ich der Kassiererin meine Kundenkarte überreiche, erkläre ich ihr sofort die komplexe Situation. Ich bin guter Dinge, den Wert für die Gutscheineinlösung sogar übertroffen zu haben und bugsiere die Waren vom Band in den Einkaufswagen. Nein! Es fehlen zwei Euro und ein paar Zerquetschte. Ich nicke und lächle souverän, denn ich hatte mir bereits vorher eine Packung Karamellen ausgeguckt, die ich noch kaufen könnte. Galant entschuldige ich mich bei den Wartenden hinter mir, drücke mich an ihnen vorbei und angele die Packung aus dem Regal vor der Kasse. Siegessicher reiche ich sie der Kassiererin. Die schüttelt den Kopf. Nein, es würde noch ein Betrag fehlen, wenn ich auch den Rabatt auf die Tiefkühlkost haben wolle. „Kann ich den Code bitte gleich scannen lassen, dann sehen wir ja, wieviel genau fehlt“, schlage ich vor. Die Kassiererin schüttelt wieder den Kopf. Das geht erst am Ende. „Aber wir wissen doch nicht, wieviel …“ Ein Mann in der Warteschlange meldet sich zu Wort. „Meine Tiefkühlkost taut gleich auf“, bemerkt er vorwurfsvoll. Ich entschuldige mich noch einmal und strecke meinen Arm an seinem Gesicht vorbei, um ins Regal mit den Kaugummis zu greifen. Kaugummis gehen immer. Zwei Doppelpacks und die Rechnung stimmt. Der Zahlungsbetrag rutscht nach allen Abzügen sogar unter die 100-Euro-Marke, das hatte ich lange nicht erlebt. Ich müsste nur noch meine Kundenkarte über das Gerät ziehen, den Pin eingeben und fertig. Der Herr nach mir könnte seine Tiefkühlkost unversehrt nach Hause bringen.

Der Pin ist kein Problem, ich habe ihn parat. Eigentlich. Immer. Und jetzt? Ich gebe die vier Ziffern ein und ahne bereits, dass ich es nicht in der richtigen Reihenfolge tue. „Pin errato“. Falscher Pin. Ich atme tief durch. Vier Ziffern. Kann man die durcheinanderbringen? Ja, man kann.  Natürlich habe ich den Pin irgendwo aufgeschrieben. Aber wo? Hier an der Kasse, vor allen Leuten, fällt mir weder die Kombination noch der Ort ein, wo ich nachschauen müsste. Klar, man soll seinen Pin ja auch gut verstecken, noch besser gar nicht notieren. Mist, verdammter! Ich fluche auf Italienisch, sonst hätten mich die Wartenden womöglich noch argwöhnischer angeschaut. Aber das tun sie gar nicht, auch nach dem zweiten missglückten Versuch nicht. Der Herr nach mir ist jetzt eine Frau (vielleicht hatte jener die Kasse gewechselt?), und die lächelt verständnisvoll. „Non si preoccupi!“, versichert sie mir mehrmals. Machen Sie sich keine Sorgen! Auch die Kassiererin nickt mitfühlend. Meine Nerven sind trotzdem am Ende. Ich wiederhole, dass das doch nicht wahr sein könne, nach all der Zeit und überhaupt. Ich versuche es ein drittes Mal. Wieder falsch, ich komme einfach nicht drauf. Dabei bin ich dem Irrglauben aufgesessen, dass ich ohne die Kundenkarte alle Preisnachlässe verlieren würde. Die Rechnung mit einem anderen Zahlungsmittel zu begleichen würde bedeuten, dass mich der Einkauf das Doppelte kostet. „Was soll ich denn nun machen?“, stöhne ich und raufe mir die Haare. Es gibt keine akzeptable Lösung. Pin weg, Einkauf im A… Irgendetwas muss ich anbieten. „Mit der EC-Karte könnte ich zahlen, aber was passiert dann mit den Angeboten?“, frage ich verzweifelt. „Nichts, bezahlen Sie, wie Sie wollen“, erwidert die Kassiererin gelassen. „Und der Betrag, bleibt er der gleiche?“ „Na sicher doch!“ Ach so, ja dann. Ich lächle verschämt und erleichtert, hole die EC-Karte raus, die Kassiererin setzt das Kartenzahlungsgerät zurück, ich lege die Karte auf. Jetzt nur noch der Pin …

Nein, nein, keine Sorge. Zum Glück kam der EC-Karten-Pin wie aus der Pistole geschossen. Und wisst ihr was? Endlich entspannt und innerlich feixend beim Gedanken an das Theater, das ich da aufgespielt hatte, komme ich zum Auto, sperre den Kofferraum auf und voilà, auch der Kundenkarten-Pin ist wieder da. Natürlich, er war ja nie weg gewesen. Ich habe ihn im Kopf. Auf der Rückfahrt spreche ich ihn immer wieder vor mich hin und nehme mir vor, ihn diesmal an einer Stelle zu notieren, auf die ich an der Kasse sofort zugreifen kann.

Das habe ich getan. Die Frage bleibt nur, wo das verdammt nochmal gewesen ist.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

15 Tage

Italiener haben es gut. Bei ihnen dauern zwei Wochen 15 Tage.

Schon oft bin ich über das Phänomen gestolpert, dass in Italien von 15 Tagen gesprochen wird, wenn eigentlich 14 gemeint sind, nämlich ein Zeitraum von zwei Wochen. Als ich nun eine deutschsprachige E-Mail von der Deutsch-Italienischen Handelskammer in Mailand bekam, in der man mich freundlich zum Update meines Profils innerhalb von 15(!) Tagen bat, bekam ich Lust, der Sache auf den Grund zu gehen.

Dass es die Italiener mit Zeitangaben nicht so genau nehmen, ist hinlänglich bekannt. Aber alle zwei Wochen einen Tag dazu zu schummeln ist ein starkes Stück. Ich frage mich, ob ich es im Ernstfall genau nehmen darf und am 15. Tag eine fällige Sache erledigen kann, statt innerhalb von zwei Wochen. Wenn ich herumfrage, staunen alle bloß, was ich mir für unsinnige Gedanken mache. Ma si dice così. So sagt man eben.

Auch das allwissende Netz gibt mir keine zufriedenstellende Erklärung. In einem Forum finden sich zumindest unterhaltsame Begründungen. Da lese ich Sachen wie: Jede Hand hat fünf Finger, der (italienische) Mensch sei es also gewohnt, in Fünferschritten zu zählen.

Einen interessanten Ansatz hat mein Kaffeepausenkollege entwickelt. (Den kennt ihr bereits als Protagonisten bei Sonderwünsche an der Frischetheke und Schimpfen auf Italienisch.) Es gehe gar nicht um zwei Wochen, sondern um einen halben Monat. Der hat schließlich im Schnitt dreißig Tage. Kompliment für die unkonventionelle Idee. Aber wer denkt und rechnet denn bitte in halben Monaten?

Wenn man in Italien die Wettervorhersagen googelt, wird großspurig ein Zeitraum von 15 Tagen angeboten. So offeriert ilmeteo.it „15 Tage Vorhersage“. Und was zeigt die Seite an? Zwei Wochen, nämlich 14 Tage, den heutigen Tag mitgerechnet. Ich schaue am Montag und sehe Voraussagen bis zum Sonntag der Folgewoche. So werden die Italiener veräppelt. Vermutlich merken sie es gar nicht, denn bei den gegenwärtigen Wetterkapriolen kommt ohnehin niemand auf die Idee, Wetterdienste zwei Wochen im Voraus zu befragen.

Zum Vergleich und der Neugier halber konsultiere ich auch die deutschsprachige Suchmaschine. Wetter.com in Deutschland wirbt mit einem Trend für 16 Tage. Und tatsächlich, der Dienst hält, was er verspricht: Am Montag, den 15. Juli sagt er das Wetter bis einschließlich Dienstag, den 30. Juli voraus.

Nun würde ich gerne die Probe aufs Exempel machen und es bei der Handelskammer drauf ankommen lassen. Ich werde am genau 15. Tag versuchen, mein Profil upzudaten. Wenn es nicht klappt, kann ich immer noch ein neues eröffnen. Aber erst nach meinen 15 Tagen Urlaub. Das sind ‒ jetzt kommt das Überraschungsmoment ‒ sage und schreibe ganze drei (!) Wochen. Für den Urlaub zählen zum Glück nur die Wochenarbeitstage. Da gibt es nichts zu interpretieren.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Nicht persönlich nehmen!

Der Italiener und das Schimpfen

Morgens halb zehn in Deutschland … erinnert ihr euch noch an den Werbespruch aus den 90ern? Heute musste ich im Büro wieder an ihn denken und wandelte ihn ab: Morgens halb zehn in Italien … Der Anlass hatte sehr wohl mit der Uhrzeit zu tun und damit, mal Pause zu machen. Dabei ging es weniger um eine süße, knusprige Leckerei als um eine derbe, gefluchte Schweinerei. Mein Kollege, im Großraumbüro in meiner Hör- aber nicht Sichtweite arbeitend, fragte unverhofft aus dem Hinterhalt: „Anke, come stai?“ (Anke, wie geht es dir?) Für mich, die ich mich in deutscher Manier zu ehrlichen Antworten verpflichtet fühle, kam diese Frage einer Provokation gleich. Er wusste doch, was ich derzeit alles um die Ohren habe und dass ich mich obendrein mit einer lästigen Erkältung herumschlage. Was sollte ich sagen? Ich entschied mich für die saloppe italienische Art und antwortete mit einem freundlichen „Vaffanculo!“. (Das Online-Wörterbuch übersetzt das Unaussprechliche wahlweise mit „Leck mich am Arsch!“ oder „Verpiss dich!“.) Mein Kollege, der als solcher ein guter Freund ist und mich und meine Sorgen versteht, antwortete lachend, dass er meine Antwort nett fände, morgens um halb zehn. „Ci voleva.“ (Das habe ich gebraucht.) Eigentlich, so rückte er dann kleinlaut heraus, wollte er nur fragen, ob wir in die Kaffeepause gehen.

Ihr habt verbale Fehltritte dieser Art nicht von mir erwartet? Ich auch nicht. Aber es ist wohl so, dass Integration eben auch immer ein Stück weit kulturelle Anpassung verlangt. Entweder man schimpft mit und legt Beschimpfungen nicht auf die Goldwaage, oder man gilt als Spielverderber. Es ist gar nicht lange her, da brachte mich ein anderer Kollege in Verlegenheit. Mal wieder flogen ‒ halb im Scherz und halb im Ernst ‒ Kraftausdrücke von einem Schreibtisch zum anderen, als er plötzlich innehielt und sich an mich wandte: „Sag mal Anke, wie schimpft und flucht ihr Deutschen eigentlich?“ Ich überlegte und gab zurück: „Wir Deutschen fluchen nicht.“ Ein Raunen ging durchs Büro. Das nahm mir keiner ab. Natürlich kannten sie das unvermeidliche „Sch…“ aus meinem Mund. Aber darüber hinaus? So sehr ich mich anstrengte, mir fiel nichts ein. Ich hätte zumindest beweisen wollen, dass wir Deutschen wohl fluchen, aber gesitteter, vornehmer als die Italiener. Andererseits wollte ich nicht im Ernst so antike Sprüche wie „Verflixt und zugenäht!“, „Himmel Herrgott nochmal!“ oder „Das ist ja zum Mäusemelken!“ bringen.

Hilfe, ich habe das deutsche Schimpfen verlernt!   

Nach mehr als zwanzig Jahren in Italien weiß ich, dass Italienisch nicht nur die verführerischste Sprache der Welt ist. Es ist auch die Sprache, in der vulgäre Ausdrucksweisen und ein inflationärer Schimpfwortgebrauch an der Tagesordnung sind. Kraftausdrücke, die unter die Gürtellinie gehen, sind kein Phänomen in ökonomisch benachteiligten Bevölkerungskreisen. Sie sind gesellschaftsfähig, in allen Klassen und Bildungsschichten. Selbst Lehrer, Journalisten, Kommentatoren oder Politiker verwenden in der Öffentlichkeit hin und wieder Ausdrücke, die nur mit schamvollem Erröten ins Deutsche zu übersetzen sind. Und zwar ohne mit der Wimper zu zucken und ohne von den Gesprächspartnern gerügt zu werden, die sind ja selbst nicht besser. Warum etwas vornehm umschreiben, wenn man seine miese Stimmung viel direkter zum Ausdruck bringen kann?

In manchen Situationen nehmen Schimpfwortduelle auch komische Züge an. Als wäre es gestern gewesen, erinnert mein Mann sich an die beiden befreundeten Jungen aus dem Nachbarhaus. Brüder, ein Jahr auseinander, die kriegten beim Fußballspielen auf dem Hof Zoff und beleidigten sich gegenseitig: „Figlio di Puttana“ (Hurensohn), schrie der Ältere. „Bastardo“ (Bastard), konterte der Jüngere.

Nun kann ich guten Gewissens behaupten, dass ich mir zuhause in der Familie sehr wohl Mühe gebe, einen kultivierten Ton zu pflegen. Zum Schimpfen gehe ich in die Waschküche. Wenn ich zwei von drei Mal eine Ladung frisch gewaschener Wäsche voller Zellstofffetzen vorfinde, weil ein Mitbewohner (ich nenne keine Namen) ein Taschentuch in der Pyjamahose vergessen hat, raste ich aus und fluche und schimpfe endlose Minuten lang, in denen ich jedes Teil einzeln ausschüttele und von den anhaftenden Zellulosepartikeln befreie. Dreimal dürft ihr raten, in welcher Sprache ich das tue.

Titelfoto: Das kleine Taschenwörterbuch habe ich praktisch nie verwendet. Es übersetzt vom Deutschen ins Italienische. Andersherum wäre es hilfreicher gewesen. Wir Deutschen fluchen doch nicht.

Fanfieber

Der Himmel weint. Es ist der Sommer, der keiner werden will. Wir schlagen uns abwechselnd mit Infekten der oberen Atemwege herum, das Aerosolgerät läuft im Dauereinsatz. Da trifft es sich gut, dass bei den Fußball-Europameisterschaften nach der Squadra Azzurra, die dem grauen Himmel entsprechend ihrem Namen keine Ehre gemacht hat, nun auch die Deutschen raus sind. Für die tat es mir richtig leid, das war Pech in einem Viertelfinale, das sich nach Sieg anfühlte. Richtig in Feierlaune sind wir in diesem verregneten Jahr ohnehin nicht, wer trinkt schon gern sein Bier im Sommer auf dem heimischen Sofa.

Aber wie ist das eigentlich mit dem Fan sein? Ich gehöre nicht zu denen, die Fußball auf nationaler Ebene verfolgen und dabei mehr als die Regel, dass das Runde ins Eckige muss, verstehen. Trotzdem packt es mich dann doch, alle zwei Jahre. Bei Europa- und Weltmeisterschaften bin ich spätestens ab den K.o.-Runden mit dabei. Genaugenommen war ich es, die den Italienern bei der vergangenen kontinentalen Meisterschaft zum Titelgewinn verholfen hat. Bei der EM 2020, die 2021 ausgetragen wurde, nahm der Fankult bei mir fast religiöse Züge an. Mit Federico Chiesa, dem damals erfolgreichsten Torschützen (was war diesmal mit ihm los?), kam selbst bei mir eine Art Glaube ins Spiel. Glauben, beten, Bier trinken: Beim Finale hatten wir in der ersten Halbzeit Rotwein auf dem Tisch – der brachte kein Glück, mutmaßte mein Mann. Für ein erfolgreiches Spiel musste es Weißbier sein, das hatte schon im Viertel- und Halbfinale funktioniert. Und das tat es dann auch im Finale. Gut für Italien, schlecht für mich, denn es ging bekanntlich bis in die Elfmeter und ich musste so manches Glas lehren, ehe die Azzurri den Pokal in den Händen hielten. Am Montag darauf zahlte ich den Preis. Ich bin keine zwanzig mehr. Aber mit fortschreitendem Alter steigt nicht nur die Begeisterung, sondern auch die Unvernunft. Während ich in meiner Jugend höchstens für einen attraktiven Spieler schwärmte, packt mich jetzt das Mannschaftsfieber. Da ist es gut, zwei Teams im Spiel zu haben. Mein Mann, der Italiener, sieht das genauso und drückt brav für die Deutschen die Daumen, solange sie nicht gegen die Italiener antreten. Und natürlich erst recht, wenn die Italiener bereits raus sind. Alina Schwermer berichtete nach dem Aus für die Azzurri in der TAZ aus Apulien, wie die „Ossis Italiens“ mit der Niederlage umgegangen seien. In ihrem Artikel kommt auch der sogenannte „Campanilismo“ zur Sprache, dass die Italiener im Grunde nur dem eigenen Klub anhängen und es mit der National-Elf nicht so haben. Ist das so? Mein Gatte hat wie jeder Italiener seinen Klub. Doch darüber hinaus den Sinn für die Nation. Wenn ein anderer Klub im Finale der Champions League steht, feuert er den genauso an wie seinen, selbst wenn er in der nationalen Liga der Erzfeind ist. „Sono a favore dell’Italia, in ogni caso.“ (Ich bin für Italien, ist doch klar.) Das nenne ich vor allem eins: Sportsgeist. Der äußert sich ohnehin erst richtig nach dem Ausscheiden der eigenen Mannschaft. Die Italiener gucken weiter, aber für wen sind sie jetzt? Nehmen wir das diesjährige Beispiel: Spanien und die Schweiz hätten im Viertelfinale haushoch gewinnen müssen, damit die eigene Schmach relativiert worden wäre. OK, da komme ich gerade noch so mit. Wenn ich etwas verabscheue, dann ist es das gegen eine Mannschaft sein. Wie unsportlich ist das denn bitte? Mir persönlich sitzt noch die Erinnerung an diesbezügliche Erfahrungen 2014 in den Knochen. Während des Siegeszugs meiner National-Elf musste ich, im Freudentaumel nach jedem Sieg der Deutschen ins Büro schwebend, die unsportlichen Kommentare der (männlichen) Kollegen über mich ergehen lassen. Italien war bereits in der Gruppenphase ausgeschieden. Ich gab nach unserem Sieg trotzdem ein deutsches Bier aus. Die Flaschen hatte ich in ein schwarz-rot-goldenes Kleid gehüllt und am Morgen auf die Schreibtische gestellt. Da kam doch noch ein gequältes Lächeln in die vergrämten Gesichter. Jede Mannschaft, wirklich jede, hätte in jenem Sommer Gold holen dürfen. Nur die eine nicht: Deutschland. Denn so sicherte sich Deutschland den vierten Titel und zog mit Italien in der Gesamtstatistik auf den zweiten Platz nach Brasilien gleich.

Und für wen sind wir jetzt? Eva hat es gut, so schreibt sie, denn ihr italo-albanischer Gatte mit deutscher Staatsbürgerschaft hat sogar alle drei seiner Mannschaften ausscheiden sehen. Nun kann sie entspannt darauf hoffen, dass die Esstischlampe heil bleibt. Bea hat nach hartem Kampf und bitterer Elfmeter-Entscheidung ihre Herzensmannschaft Portugal verloren, aber noch die Oranje im Rennen. Ich glaube, ich werde einfach schauen, wer stärker spielt. Wir werden die Halbfinals und das Finale bestimmt verfolgen, aber es ist nicht das Gleiche. Ich genieße es, eine eigene Mannschaft im Rennen zu haben und anfeuern zu können. Auch wenn ich dafür einen heftigen Kater riskiere.

Zum Glück gibt es bald die Olympischen Spiele. Da ist wieder für alle etwas zum Mitfiebern dabei. Und beim Geräteturnen muss ich kein Bier trinken, um den Athlet*innen zum Sieg zu verhelfen, nur ganz fest die Daumen drücken.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Erinnerungsschätze

Hier waren wir doch schon mal, sage ich oft zu meinem Mann, und dann geht das Ping-Pong der Erinnerungen los. Wir spielen uns gegenseitig Bälle zu: Das war doch damals als …, waren wir da nicht gerade auf dem Weg nach … Kleine Leuchtfeuer, die im Gedächtnis aufblitzen. Manchmal passiert es, dass einer von uns (meist mein Mann) den Kopf schüttelt: Das war nicht ich, da warst du mit jemand anderem. Ein provokantes Grinsen begleitet seine Behauptung. Als ob ich hier in Italien so viele Bekanntschaften gehabt hätte. Manchmal gebe ich klein bei und lasse es darauf beruhen, manchmal setze ich mich daheim an den Computer und klicke mich durch unser Fotoarchiv. So auch nach unserem Ausflug am vergangenen Sonntag, diesmal nicht, um mein Gedächtnis aufzufrischen. Das war mir wohlgeneigt gewesen und hatte mich zu dem Geschäft in einer der engen Gassen geführt, wo damals dieses Foto entstand. Ich hatte meinen Vater gebeten, vor der Vitrine zu posieren. Gern hatte er mitgespielt und übers ganze Gesicht gestrahlt, wie es sich vor einem Bekleidungsgeschäft mit dem Namen „Darling“ gehörte. Gucke mal, das war heute vor 18 Jahren und sieben Tagen, rufe ich unserer Tochter zu und hole sie zu mir an den Schreibtisch. Hier, erkennst du es wieder?

Als ich für unsere Tour Verbania vorschlug, wusste ich, dass ich diesen Ort zuvor nur einmal besucht hatte. Man muss von unserer, der lombardischen Seite des Lago Maggiore, mit der Fähre zum gegenüberliegenden, dem Piemonteser Ufer übersetzen. Im Sommer 2006 hatte ich diese Fahrt mit meinen Eltern unternommen. Es waren die Tage nach unserer Hochzeit, die meine Eltern noch bei uns Urlaub machten. Manchmal denke ich, dass ich mit ihnen viel unternehmungslustiger war als heute. Anfangs erreichten wir ohne eigenes Auto, nur mit Bussen und Bahnen unsere Ziele. Bis ans Mittelmeer nach Ligurien habe ich sie gelockt. Sie, die sich schon zu alt fühlten, um noch die Welt zu bereisen, als sie es nach dem Fall der Berliner Mauer endlich durften. Aber dann zog ich, ihre jüngste Tochter, der Liebe und eines netten Jobs wegen nach Italien, in ein Land, das sie allein vermutlich nie entdeckt hätten.

Mal sehen, ob ich etwas wiedererkenne, fragte ich mich und bezweifelte es sofort, als wir in Verbania von der Fähre stiegen. Diese Orte am See sahen sich alle verdammt ähnlich. So suchte ich zunächst nicht nach Anhaltspunkten für Erinnerungen, ließ mich beim Bummeln vom Zufall treiben. Bis mir auf der Terrasse einer Bar ein alter Herr auffiel. Er saß allein bei einem Glas Aperitif, vor sich die Zeitung mit rosafarbenem Papier, die Gazetta dello Sport. Ob seine Frau derweil daheim das Sonntagsessen zubereitete? Oder würde er anschließend zu seinem Sohn, seiner Tochter gehen? Ich wünschte mir für ihn, dass der Barbesuch nur ein liebgewonnenes Ritual, keine Notlösung aus Einsamkeit war. Nicht erst, seit meine Eltern nicht mehr sind, gehen mir manche Szenen und Bilder mit alten Menschen sehr nahe. Auch diesmal kamen mir die Tränen und ich bestand darauf, noch einmal durch die zentrale Gasse im historischen Zentrum zu gehen. Ich erinnerte mich plötzlich sehr genau an dieses Foto. Das mit dem doppelten Darling. Mein Vater selbst fotografierte sehr viel in den letzten Jahren und sagte immer: Später haben Fotos einmal einen Wert. Auch wenn ich glaube, dass Bilder im Kopf die stärksten sind, gebe ich ihm recht. Unsere Tochter lächelt gedankenversunken, als sie auf dem Bild am Computer die Stelle vor dem Schaufenster erkennt, die ich ihr gezeigt hatte. Opa sieht wie ein Schatz aus. Stimmt, und Oma auch, schau mal hier. Wir klicken uns durch die alten Aufnahmen und obwohl ich denke, dass ich meine Eltern jetzt gern angerufen hätte, um zu erzählen, wo wir heute gewesen sind, bin ich nicht traurig. Ich bin froh, dass wir das alles gemeinsam erleben durften, ich diese Erinnerungsschätze in mir trage und an unsere Töchter weitergeben kann. Bis zu ihrem 80. Lebensjahr war es meinen Eltern vergönnt, gemeinsam zu reisen. Die letzten zehn Jahre auch nach Italien.

Drei Buchstaben

Oder: Anbandeln zu Zeiten von Instagram

Wo es früher dreier Worte bedurfte, da genügen heute drei Buchstaben. Aber mal langsam. Fangen wir bei den Worten an. Mit Worten habe ich es dieses Jahr. Ich suche ständig nach ihnen, sei es daheim beim Meinungsaustausch mit den Heranwachsenden oder beim Ideenabgleich im Büro. Als ich 2001 nach Italien kam und aus einem verlängerten Sommerurlaub der Aufenthalt meines Lebens wurde*, war es trotz rudimentärer Italienischkenntnisse einfacher. 2001 ging es um drei Worte. Zumindest, wenn man dem damaligen Sommerhit „Dammi tre parole“ Glauben schenkte. Diese Worte waren selbst für mich einfach mitzusingen: Sole, Cuore, Amore.

In den Kommentaren unter dem Video der Festivalbar jenes Sommers 2001 (Valeria Rossi gewann den Preis für die Newcomerin des Jahres) erinnert heute jemand wehmütig daran, dass es noch die Zeit ohne Smartphones und Social Media war, in der wir das (livehaftige) Leben womöglich mehr genossen. Sicher erwartete ein Mädchen damals noch mindestens drei Worte, wenn ein Junge sie ansprach. Heutzutage läuft das Ansprechen digital, über Insta DM (eine sogenannte Direct Message, also persönliche Nachricht zwischen zwei Instagram Usern). Dabei braucht es keine drei Worte mehr, es reichen drei Buchstaben. Ehi, schreibt der Italiener, wenn ihm langweilig ist und er ein Mädchen nett findet. Deutsche Jungs schreiben Hey, was wohl auf dasselbe hinausläuft. (Sicher gilt ähnliches oder gleiches für Mädchen schreibt einem Jungen, Mädchen schreibt Mädchen oder Junge einem Jungen … ich reflektiere hier Erfahrungen unserer Tochter.) Im vergangenen Sommer sang der italienische Rapper Alfa in „Bellissimissima“ genau von diesem Phänomen des Kennenlernens auf Instagram. Inizia sempre con un „Ehi come stai?“ (Es beginnt immer mit einem „Hey, wie geht’s?“) Hoppla, das sind ja doch drei Worte. Der Protagonist ist einer von denen, die sich mehr Mühe geben. Im Song erfahren wir auch, wie es weitergeht: Die beiden tauschen Nachrichten aus, gehen irgendwann offline und sehen sich im echten Leben. Später gibt es Probleme, die sich wieder online abspielen. Aber so weit wollen wir gar nicht denken und halten es mit Tucholsky: „Es wird nach einem happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.“**

Anfänge sind immer ein vorsichtiges Herantasten, erste drei Worte sagen nicht viel. Und da sollen gar drei Buchstaben reichen? Wer etwas mehr von sich preisgibt, hat sicher bessere Chancen. Vor ein paar Wochen bekam unserer Tochter diese längere Version von Ehi. Und schon wieder fehlen mir die Worte, oder nein, eins habe ich parat und strahle innerlich mit ihr um die Wette: „Bellissimissimo!“

*In Norditalien habe ich geheiratet, eine Familie gegründet und lebe hier mittlerweile dreiundzwanzig Jahre, genauso lange wie einst in meinem Geburtsort Strausberg. /**Kurt Tucholsky: „Danach“, den ganzen Text könnt ihr hier nachlesen.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

10 Minuten

Ist sie jetzt auf dem Nummerntrip wie diese neue deutsche Bestsellerautorin*, werdet ihr euch beim Titel vielleicht gefragt haben. Nein, keine Angst. Ich schreibe auch weiterhin Zahlen bis zwölf aus, erst recht, wenn sie keine eigentlichen Zahlen sind, sondern Wortbestandteile. 1-mal werdet ihr hier keinmal lesen. Wenn euch in diesem Beitrag lauter Nummern begegnen, dann handelt es sich um eine begründete Ausnahme. Es geht um die Kochzeiten von Pasta. Da wir nicht zu der Fraktion gehören, die glaubt: Wirf die Dinger an die Fliesen und wenn sie pappen bleiben, sind sie al dente, richten wir uns nach den Herstellerangaben auf der Verpackung. Von 8 bis 18 Minuten ist alles dabei, und es handelt sich dabei nur um eine Zufallsstichprobe aus unserem Vorratsschrank. Da fand ich Spaghetti, Pappardelle und sogar die komischen Dinger aus Hülsenfrüchten und Kürbiskernen, wo man sich fragt, was die außer der Form noch mit Pasta zu tun haben. Wenn man also zufällig zu Nudeln greift, die man nicht immer kocht, muss man sich zwangsläufig kundig machen, wie lange sie denn kochen sollen. Ich erinnere mich gut an die Diskussion in den italienischen Medien, dass die Zeitangaben auf den Verpackungen so gut versteckt seien, als würden die Hersteller die Verbraucher absichtlich an der Nase herumführen. Daraufhin hieß es, dass optische Verbesserungen eingeführt worden seien. Ich weiß nicht, welche Marke das behauptete, sicher keine von denen, die ich gewöhnlich kaufe. Ich muss jedes Mal suchen. Eine Verpackung hat Vorder- und Rückseite, zwei laterale Seiten und, wenn es ein Karton und keine Tüte ist, auch noch oben und unten Platz zum Bedrucken. Unten scheidet eigentlich aus, aber alle anderen 5, Pardon, fünf Seiten kommen für die Kochzeitangabe in Frage.

Vielleicht bin ich jetzt dem Grund für dieses Versteckspiel nähergekommen. Mein Gatte fragte neulich, warum die Zeitangaben immer, wirklich immer zu kurz sind. Steht da 8 Minuten, müssen die Teigwaren wenigstens 10 kochen, steht da 10, stellen wir den Kurzzeitwecker auf 12 Minuten. Denn al dente soll bissfest sein, nicht innen noch hart. Er selbst ging der Frage nach der Zeit im Topf auf den Grund und fand als Erklärung, dass die Angabe deshalb kürzer gehalten würde, weil man in der Regel die Pasta nach dem Abgießen ein paar Minuten in der Pfanne in ihrem Sugo schwenkt und auf diese Art weiterkocht. Ja? Also ich schwenke ein paar Sekunden, wenn überhaupt, und schalte die Flamme vorher aus. Ich möchte deshalb schon, dass die Pasta am richtigen Punkt ist, wenn ich sie abgieße. Wie wäre es mit folgender Erklärung: Vielleicht müssen beide Phänomene im Zusammenhang betrachtet werden, ergeben zwei vermeintliche Fehler zusammen die richtige Lösung? Die Pasta-Produzenten kalkulieren einfach die Zeit mit ein, die man braucht, um die Kochzeitangabe zu finden. Man gibt die Nudeln ins kochende Wasser, will den Timer einstellen, und dann sucht man. Man sucht vorne, man sucht hinten, man dreht und wendet die Verpackung … und ehe man liest, dass 8 Minuten vorgegeben sind, sind 2 weitere schon rum. Macht 10 Minuten wie benötigt. Leuchtet ein, oder?

*Die Rede ist natürlich von „22 Bahnen“, und von der eigentümlichen Schreibweise in Zahlen statt in Worten einmal abgesehen, las ich das hochgelobte Erstlingswerk von Caroline Wahl gern.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.

Im Oratorio oder Ferienspiele mit Wegweiser

Endlich Ferien, sollte man denken. Aber wenn es sich um die drei Monate Schulferien der Kinder handelt und man selbst noch auf seine drei Wochen im August warten muss, sieht die Sache Anfang Juni anders aus. Wir Eltern sind nicht erleichtert und auch nicht wirklich froh. Ich drehe nervlich ein bisschen frei und leide unter meinem Mental Load, wie denn nun alles laufen soll. Da beginnen wieder die nächtlichen Taxifahrten zur Diskothek und die Sorge um die heile Heimkehr der Großen, während die Kleine zum ersten Mal ins Oratorio* im Nachbarort geht. Die Ferienspiele der Kirchengemeinde haben wir all die Jahre nicht in Erwägung gezogen. Allein schon, weil wir selbst nicht dazugehören, zur Kirche. Aber auch, weil deren Angebot nur ganze vier Wochen abdeckt, und dann muss man weitersehen. Zehn Jahre lang waren wir mit unseren beiden Mädels, die Große ab der ersten Klasse, später kam die Kleine dazu, treue „Kunden“ bei der Ferienbetreuung einer Kooperative namens Baobab, die auch die Nachmittage zu Schulzeiten bestreitet und die Kinder schon kennt. Es hieß, im Oratorio koste es weniger, und nach den ersten vier Wochen kam immer ein ganzer Schwung Kinder mehr zu Baobab, nämlich die, die nach dem Oratorio keine familiäre Lösung hatten. Leider fühlte sich die Kleine im vergangenen Sommer nicht mehr wohl am gewohnten Ort, da kaum mehr Kinder ihrer Altersgruppe dabei waren. „Alle anderen gehen ins Oratorio“, maulte sie und bestand darauf, dass wir uns informierten. Wenn ihre Klassenkameradinnen dort wären, warum nicht? Vier Wochen sind erstmal besser als gar nichts. Ich brachte noch den Einwand, dass man uns als Ortsfremde (und nicht der Kirchengemeinde Angehörende) womöglich keinen Platz geben würde, wenn die Nachfrage zu groß sei. Aber mit dem Besuch der Elternversammlung im Frühjahr und umgehender Anmeldung ergatterte ich einen der 170 Plätze. Ja, einhundertsiebzig Teilnehmer soll es geben, von der ersten bis zur achten Klasse. Für mehr reichen die Räumlichkeiten nicht, die Nachfrage wäre noch höher gewesen. Zu den einhundertsiebzig Kindern kommen dutzende Betreuer, Volontäre und jugendliche Animateure dazu. Ein Gewimmel und Getümmel, sage ich euch. Ich war skeptisch, mich da zurechtzufinden, wurde aber sofort in jeglicher Angelegenheit und Frage herzlich betreut. Der Laden funktioniert, mein Eindruck nach den ersten Tagen könnte nicht besser sein. Alle tragen verschiedenfarbige T-Shirts, bedruckt mit dem Motto: „Via Vai“. Auf geht’s, dann mal losmarschieren, könnte man es übersetzen. Untertitel: Mi indicherai il sentiero della vita. (Du wirst mir den Weg des Lebens weisen.) Zweimal am Tag ist Zeit zum Beten. Wer nun denkt, es ginge kirchlich streng zu, der irrt. Da wird ein großartiges Unterhaltungsprogramm geboten. (Ganz ohne Smartphones, die sich als Wegweiser gerade im sehr jungen Alter nachweislich als nicht vorteilhaft erwiesen haben.) Die Betreuer tönen mit Mikrofonen ihre schwungvollen Reden über den Platz und animieren zum Mitmachen. Als ich meine Tochter am ersten Abend abholen komme, ist der gemeinsame Tagesabschlusstanz auf dem Hof in vollem Gange. Balli di Gruppo im großen Stil. Auch meine Tochter macht mit, ich erkenne sie von weitem, in ihrem giftgrünen T-Shirt. Die Grünen sind übrigens auch die, die bei den Wettspielen am ersten Tag gegen die Gelben, Blauen und Roten gewonnen haben. Als ich die vielen Kinder singen und gruppentanzen sehe, zu der fröhlichen Musik, kommen mir die Tränen vor Rührung. Ich vergesse in solchen Momenten immer, was für kleine Lausegören das sind, wenn sie alle so schön zusammen Spaß haben. Das nimmt mich emotional mit. Ich drehe mich ein wenig von den anderen Wartenden ab, um nicht in Erklärungsnot für meine Tränen zu kommen. Da hilft mir der Text des Liedes, mich wieder einzukriegen. Darin ist nämlich von Gesu die Rede. Ich tupfe mir das Wasser aus den Augen, atme einmal tief durch und kann mich wieder den anderen zuwenden, die zumindest äußerlich keine ähnlichen Betroffenheitszeichen wie ich zeigen. Jesus ist es, der den Kindern den richtigen Weg weisen wird. Na, sei es drum. Bei den ganzen Irrwegen, auf die Jugendliche heute abdriften können, bereitet mir der Gedanke an den Klassiker der Wegweiser am wenigsten Kopfzerbrechen. Auch die Einheitskleidung, die farbigen T-Shirts, finde ich prima. Sie sind schön lang, bedecken Bauch (falls es kühl wird) und Schultern (im Sonnenschein), kein Kind macht individuelle Modenschau und keines fühlt sich ausgegrenzt, weil es bei einer solchen nicht mithalten kann. Da wasche ich das T-Shirt gerne jeden Abend aus, mit zweien kommen wir vier Wochen über die Runden. Ich bin guter Dinge, was ihre Zeit da betrifft, und kann mit weniger familiärer Gedankenlast meiner Arbeit nachgehen.

Die Große hat sich im letzten Moment noch für ein Volontariat als Animateurin entschieden. Man kann ja nicht nur tanzen gehen, drei Monate lang. Sie absolviert es bei Baobab, wo man sie mit großem Jubel begrüßt hat. Acht Jahre lang war sie dabei, die Grund- und Mittelschulzeit umfassend, mit nur einer Zwangspause (für alle) im vertrackten 2020. „Mi hanno presentata come una VIP“ (Sie haben mich wie einen Stargast präsentiert), erzählt sie uns lachend und auch ein wenig geschmeichelt nach dem ersten Tag. Der Kleinen bleibt nach diesem Sommer nur noch der nächste, in dem sie das Oratorio als Teilnehmerin besuchen kann. Aber wer weiß, vielleicht gefällt es ihr so gut, dass sie sich danach auch zu einer Animateurinnen-Karriere entschließt. Tanzen und Singen sind schon mal ihr Ding, und während des Betens muss bestimmt jemand beim Tischdecken helfen oder Spiele aufräumen.  

*Auf Deutsch würde man wohl sagen: Kinder- und Jugendfreizeitstätte der (katholischen) Kirche.

Titelfoto: Symbolbild von Pexels.